Wenn Jede*r immer nur sein eigenes Süppchen kocht, schmeckt’s auf Dauer überall fad‘, finde ich.
Miteinander in Kontakt zu kommen, um gemeinsam Dinge zu verändern und Neues zu entwickeln, braucht auch Mut, Offenheit und Bewegungsbereitschaft – auf allen Seiten.
Wie spannend und bereichernd das sein kann – und wie herausfordernd.
Vielleicht ist es schön bequem und angstfreier, “unter sich“ zu bleiben, die eigene Komfortzone nicht zu verlassen und eine kleine oder auch größere Gemeinschaft zu bilden, die sich selbst hält und bestärkt.
Vielleicht verhindert das aber auch so viel?
Therapeut*innen unter sich, Jurist*innen unter sich, Betroffene unter sich, Wissenschaftler*innen unter sich – viele “Runde Tische“, die nie vollständig bunt besetzt sind. Wie schade!
Betroffene UND privat UND beruflich Unterstützende können GEMEINSAM so viel mehr auf Dauer bewegen und verbinden, als wenn sie sich (aus unterschiedlichsten Gründen) separieren.
Auf Tagungen, Podiumsdiskussionen und in Mediendarstellungen “Quotenbetroffene“ zu präsentieren, sich Inklusion auf die Fahnen/Flyer/Inhaltsangaben zu schreiben, aber letztlich doch nur “Multiwashing“ zu betreiben, ist das Gegenteil von “Zusammenarbeit“.
Auf Augenhöhe und mit Freude und guter Energie in Austausch miteinander kommen und dabei auch neugierig auf Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten sein, das ist das, was ich mir im Zusammenhang mit Vernetzung wünschen würde.
Viele gute, wichtige Statements und Positionierungen sind inzwischen in Folge des “Spiegel“-Artikels (“Wahn der Therapeuten“) veröffentlicht worden.
Es wurde wiederholt betont, dass die Existenz ritueller Gewalt keine Glaubensfrage ist und die Behandlung der Folgen komplexer Gewalttraumatisierungen Professionalität und Wissenschaft bedeutet.
Es wurde deutlich, wie Psychotraumatolog*innen unter anderem durch Vertreter*innen der “False Memory“-Erzählung diffamiert werden und welche beruflichen, persönlichen und politischen Konsequenzen das haben kann.
Für Betroffene/Überlebende ist das alles ein alter Hut.
Für Betroffene/Überlebende ist ein “Spiegel“-Artikel letztlich eben auch nur ein Artikel…
Die Aufregung, die er nach sich zog (an vielen Stellen leider sehr spät und nur sehr “milde“), wirkt wie ein Strohfeuer – und was kommt dann?
Wie lange hält denn die Bereitschaft zur öffentlichen und internen Auseinandersetzung an?
Welche Veränderungen wird es denn in Zukunft vor Gerichten, bei Glaubhaftigkeitsbegutachtungen, u.a. geben?
Wer wird sich denn dafür einsetzen, dass die Standards der Aussagepsychologie/Forensik reformiert werden?
Damit Betroffene zu ihrem “Recht“ kommen können, statt retraumatisiert und alleingelassen in Straf- und OEG-Verfahren zu scheitern.
Unsere ersten ausgestreckten Fühler zu anderen Menschen mit DIS… Wir lesen viel Ähnliches, Fremdes, Irritierendes, Verstörendes. Es gibt Support, Diskussionen und Mobbing. Wir bekommen zum ersten Mal einen Eindruck davon, wie Gewalt im Internet abläuft und welche Rolle dabei auch Neid und Missgunst spielen können. Menschen mit DIS sind nicht automatisch eine funktionierende, freundliche, solidarische Community- das erleben wir bis heute so.
Trotzdem, bzw. gleichzeitig lernten wir im Laufe der Zeit einzelne Personen etwas näher kennen und spüren auch positive, unterstützende Verbindungen mit anderen Vielen.
Wichtig war und ist: Das „sowohl…, als auch…“ im Blick zu behalten- und zu realisieren, wie kraft- und machtvoll Gewalt strukturell gefestigt und gewollt ist.
– Opferentschädigungs- und Strafverfahren, irgendwann zwischen 2003 und 2013:
Wir werden mehrfach hinsichtlich unserer Aussagefähigkeit, Glaubhaftigkeit und Pathologie begutachtet. Immer wieder taucht dabei die Frage auf, ob wir Kontakt zu anderen Betroffenen haben/hatten und inwiefern wir Fach- oder Selbsthilfeliteratur gelesen haben.
Beides stellt Risiken für uns und Vorteile für die Täter*innen dar: Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sein und Erleben, den Erinnerungen und inneren Strukturen ist zwar im „stillen Kämmerlein mit sich alleine“ nicht so dramatisch, wehe aber jenen, die damit nach außen gehen und evtl. spiegelnden Kontakt zu Anderen (sowohl Betroffenen/ Peer`s, als auch Unterstützungspersonen wie z.B. Psychotherapeut*innen) suchen- dies kann geradezu ein K.O.-Kriterium bei forensischen Begutachtungen darstellen.
Für die Beschuldigten hingegen gilt das natürlich nicht.
Wenn sie sich z.B. bei „False Memory“-Gruppierungen/Gurus beraten und anwaltlich von einschlägig bekannten Strafverteidiger*innen vertreten lassen, spricht das in Gerichtsverfahren eher für ihr großes Bemühen, ihre vermeintliche Unschuld beweisen zu lassen, als dafür, dass sie Dreck am Stecken haben. Sie können sich in Vereinen „zu Unrecht Beschuldigter“ vernetzen und solidarisieren, können sich in Medien präsentieren, laut sein, Aufstände fabrizieren, sich gegenseitig Geld „spenden“, usw. usf.- ohne negative Auswirkungen auf ihre „Glaubhaftigkeit“ aus Sicht der Justiz oder Forensik. Die „Unschuldsvermutung“ wird einseitig praktiziert. Klar…
– „DIS-kurs“-Tagung, 2013:
Wir veranstalten einen „Selbsthilfekongress“ mit zwei anderen Betroffenen, zu dem ca.100 Menschen kommen. Wir erleben sehr viel konstruktiven Austausch, großes Interesse und ein tolles Zusammenwirken. Betroffene und professionell und privat Unterstützende sitzen gemeinsam an „bunten Tischen“, gestalten gemeinsam Workshops und Diskussionsrunden- auf Augenhöhe.
Es wird deutlich, wie groß der Bedarf an Vernetzung auf allen Seiten und wie groß der Wunsch nach Folgeveranstaltungen ist. Wir sind motiviert und erschlagen gleichzeitig.
Wie möchten wir in Zukunft Öffentlichkeitsarbeit machen? Was müssen wir dabei beachten? Welche Fehler wollen wir vermeiden? Wie wird DIS eigentlich in Medien dargestellt? Und wo, verflixt noch mal, bekommt man für verschiedene Projekte finanzielle Mittel her?
Öffentlichkeitsarbeit ist Arbeit! In unserem Themenbereich kann man damit leider nicht so schnell einen Blumentopf gewinnen, da geht´s um „die gute Sache“, die aber vielen Menschen doch etwas zu anstrengend ist und wenn man die Wahl hat, vielleicht sonntags abends dem Serienkiller im „Tatort“ zuzuschauen oder sich mit einer Dokumentation zu den Folgen organisierter, sexualisierter Gewalt auseinanderzusetzen, dann kann man im Grunde keinem verübeln, wenn er/sie sich einfach eine DVD vom „Traumschiff“ einlegt…
– Start der Peer- und Angehörigenarbeit, 2020:
In der E-Mail-Beratung erreichen uns viele Anfragen, von Menschen mit (p)DIS, An-/Zugehörigen und professionellen Helfer*innen. Wir sind konfrontiert mit den Auswirkungen der katastrophal mangelhaften, psychotherapeutischen Versorgungslage und der fehlenden Schutzeinrichtungen; den überforderten, erschöpften, alleingelassenen Unterstützer*innen und unserer Frage: „Wo/Wie können wir uns mit Anderen zu unserer Arbeit austauschen?“.
Peerarbeit im Bereich der „Traumafolgestörungen“ scheint noch nicht besonders etabliert zu sein- wir fühlen uns „allein auf weiter Flur“, suchen nach Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten und veröffentlichen einen Aufruf zur Gründung einer „Austauschgruppe für Menschen mit DIS, die im psychosozialen Bereich arbeiten“. Die Resonanz ist toll- und bis heute hat sich daraus eine konstante, vertrauensvolle Gruppe entwickelt.
Immer wieder beschäftigt uns darin die Frage, wie viel DIS-Outing eigentlich wo gehen kann oder soll oder will- und wo und wie sichere Begegnungen mit anderen Menschen stattfinden können. Sowohl im beruflichen, als auch im privaten, als auch im „Hilfe-bedürftigen“ Kontext.
– Sommer und Herbst, 2022:
Wir treffen andere Viele und Begleitende zu einem selbstorganisierten Sommerpicknick („Könntet Ihr sowas vielleicht auch in NRW/Österreich/Niedersachen etc. anbieten? Macht Ihr das nächstes Jahr wieder?“- und wir mittendrin); nehmen am Abschlusstreffen eines sich verabschiedenden „Arbeitskreises gegen rituelle Gewalt“ teil („Wie schade, dass es nicht weitergehen kann!“ -„Will vielleicht jemand in Zukunft die Organisation übernehmen?“ – „Äh, nein, das schaffe ich zeitlich/kräftemäßig nicht… So viele Überstunden und überhaupt!“- und wir mittendrin); lesen und sprechen in Köln (mit erhobenen Stinkefingern Richtung ortsansässige Täter*innen); beenden nach einem Jahr erfolglos unsere Suche nach einem ambulanten Therapieplatz für uns selbst und werden von Psychotherapeut*innen in der Emailberatung gefragt, ob wir als Urlaubsvertretung für ihre Klient*innen da sein könnten und zudem auch evtl. einen Emailverteiler zur Vernetzung anbieten würden.
Wir erkennen, wie oberwichtig plötzlich das Grenzenspüren und -setzen geworden ist. Und wie wenig Lust wir auf Alleinverantwortlichkeit, „Quotenbetroffenenrolle“ und „Weltrettung“ haben.
– AnfangMai, 2023:
Wir sitzen in einem Saal mit 200 Menschen und hören einem ärztlichen Direktor dabei zu, wie er die lange erwartete Stellungnahme der DGTD zum Spiegel-Artikel („Im Teufelskreis“, 11.03.2023) vorliest.
Dabei vermissen wir nicht nur eine Bezugnahme auf die inhaltliche Differenzierung des Begriffes „rituelle Gewalt“, sondern auch weniger Egozentrik.
Im weiteren Verlauf der Tagung mit dem Titel „Gewalt – Macht – Sinn; Trauma, Dissoziation und Spiritualität“ fällt uns an verschiedenen Stellen immer wieder ein flapsiger, süffisanter Unterton auf; wir spüren eine herablassende, zum Teil elitäre „Energie“ oder „Stimmung“ einzelner „Fachleute“ und beobachten irritierte, frustrierte und enttäuschte Reaktionen/Kommentare von anderen Teilnehmenden.
Fehlt der Bezug zur Arbeitspraxis? Die Verbindung zur Basis?
Es gibt auch in Therapeut*innen-Kreisen eine gewaltvolle Hierarchie, ein „die da oben“ (Klinikleitung, Fachärzt*innen, Psychotherapeut*innen, u.a.) und „die da unten“ (Sozialarbeiter*innen, Erzieher*innen, Seelsorge, Pädagog*innen, u.a.)!
Wie vernetzen sich eigentlich professionelle Helfer*innen untereinander?
Glücklicherweise gibt es auch diverse Lichtblicke an diesem Tagungswochenende:
(Mindestens) Zwei sich als von Gewalt komplextraumatisiert „outende“ Referent*innen zeigen sehr gut, dass „Betroffenenrolle“ und „Profirolle“ durchaus zusammen funktionieren können (und vermitteln wertvolle, arbeitspraktische, nicht „abgehobene“ Inhalte); es finden viele inspirierende, verbindende Gespräche in den Pausen und am Abend statt; es gibt eine berührende, kraftvolle Kunstausstellung einer Betroffenen; spannende, differenzierte ethische Sicht- und Denkweisen zum Thema „Schuld und Vergebung“ sind zu hören – und ein Vortrag zu spiritueller Gewalt, besonders in christlichen Zusammenhängen; gehalten in einem christlichen Akademiehaus mit Bibeln in jedem Zimmer.
Vernetzung findet (auch) im eigenen Kopf statt.
– Mitte Mai, 2023:
Es trudeln die ersten Anmeldungen zum Vernetzungstreffen „Dissoziative Identitätsstruktur“ per Email ein. Die inhaltliche Gestaltung unserer Lesung steht auch fest. Wir fühlen uns einigermaßen gut vorbereitet und freuen uns schon. Die wegen Krankheit leider ausgefallene Lesung in Niedersachsen wird im November nachgeholt. Nebenbei denken wir über eine Wiederholung des Sommerpicknicks nach, über eine Art „mehrtägige, kreative Freizeit am Meer für Viele und Begleitende“, über weitere Lesungen und Gespräche anderswo in Deutschland- und darüber, ob „Vernetzung“ für Täter*innen(-Gruppierungen) eigentlich auch so viel Arbeit und Kraftaufwand bedeutet, wie für uns und andere (Betroffene)? Es scheint so, als hätten sie es leichter, sich gegenseitig zu stärken, zu erreichen, zu halten, zu supporten, als unserseins. Als hätten sie zum Einen einen längeren Atem und Arm, zum Anderen auch günstigere (Vor-)Bedingungen und „Mittel“. Und all das hätte dann nur sehr wenig mit „Verschwörungserzählungen“ oder alleiniger „Geld ist Macht“-Theorie zu tun, sondern vielmehr mit gesellschaftlichen Gegebenheiten und „Normalitäten“, die „wir alle“ mittragen und „brauchen“.
Tja.
Weltrettung ist nicht unser Ding.
Durchhaltevermögen im „Klein-Klein“ aber schon, mit möglicherweise langfristigen Auswirkungen auf´s „Große“…
Es ist einige Zeit vergangen, seitdem wir mit Hannah C. Rosenblatt für die Podcast-Reihe “Viele Leben“ über das Thema “Vielesein und Öffentlichkeitsarbeit“ sprachen. Jetzt ist die Folge glücklicherweise finanziert und kann hier angehört werden:
Vernetzung ist soooo wichtig, so wertvoll! Nicht nur in Schleswig-Holstein, aber besonders auch hier.
Wir freuen uns auf Eure Anmeldungen per Mail an: vernetzung – dis @ gmx . de (ohne Leerzeichen)
Im Anschluss an das Vernetzungstreffen veranstalten wir am gleichen Ort von 17 bis 19 Uhr wieder eine Lesung aus unserem Buch “zusammen gehalten“ mit anschließendem Gespräch (offen für alle Interessierten).
Dafür ist keine Anmeldung nötig. Der Flyer zur Lesung folgt noch.
Vielen herzlichen Dank an Anna Morgentau für die tolle Flyergestaltung zum Vernetzungstreffen! 😍
Heute würden wir eigentlich bei Violetta e.V. in Lüchow-Dannenberg lesen und sprechen und damit Teil einer Vernetzungsaktion sein.
Stattdessen sitzen wir aber mit Covid-19 zu Hause auf dem Sofa und blättern alleine durch unser Buch “zusammen gehalten“.
Ein Text fällt uns wieder mal ins Auge, in dem es auch um Vernetzung geht: Täter*innen und ihre Lobby tun das sehr gut und professionell, Betroffene und Unterstützende müssen sich ihre Verbindungen immer wieder konsequent erarbeiten und auch erkämpfen.
Wie toll, wenn’s gelingt; wie wichtig und wertvoll, dass es Menschen gibt, die sich engagieren und dabei auch finanziell unterstützt werden.
Wir freuen uns, wenn wir jetzt und in Zukunft dazu beitragen können, Vernetzungen auf den Weg zu bringen.
Zum Beispiel am 2.Juni in Schleswig-Holstein (Flyer folgt). ☺
Von uns selbst und anderen Menschen mit DIS kennen wir dieses “Stehauf“-Phänomen: (Alltägliche) Körperliche Erkrankungen, wie z.B. grippale Infekte, werden erstaunlich schnell kompensiert. Man liegt nicht lange krank im Bett und lässt sich Zeit bei der Genesung, sondern ist nach kurzer Zeit (vermeintlich) fit wieder auf den Beinen – und funktioniert im Alltag.
Sicherlich spielen dabei verschiedene Aspekte eine Rolle – und wenn man tatsächlich Glück hat, einfach zügig zu genesen, ist das ja wunderbar.
Wir kennen aber auch Zusammenhänge mit früheren Gewalterfahrungen: Der Körper MUSSTE lernen, unter allen Umständen schnell wieder auf die Beine zu kommen.
Im Bereich der langjährigen organisierten, sexualisierten Gewalttraumatisierungen verinnerlicht ein Körper genau dieses geforderte Stehauf-Phänomen.
Es gab damals einfach keine Zeit, keinen Raum, keine Erlaubnis, langsam zu sein.
Und heute ist “krank sein“ für Betroffene häufig sehr stressbelastet, gerade wenn es sich um Alltagskrankheiten handelt: Schwäche kann kaum ausgehalten werden. Der Körper gerät in Hochspannung. Es “muss“ so schnell wie möglich alles wieder “normal“ (=funktional) sein.
Manche kennen es andererseits auch, quasi jede kursierende Infektion mitzunehmen und ausgeknockt zu sein – auch das kann die körperliche Folge langjähriger Gewalterfahrungen sein.
Und wie kann es dann gehen, dem Körper Zeit zu lassen, sich zu erholen? So lange, wie er es vorgibt und nicht, wie “der Kopf“ es diktiert? Habt Ihr Ideen dazu?
Wir selbst bewegen uns gerade im Spannungsfeld zwischen “krank sein akzeptieren (müssen)“ und “Funktion wieder herstellen (wollen)“:
Wir wissen, dass sich unser Körper üblicherweise sehr schnell berappelt, obwohl im Hier und Jetzt genau das Gegenteil heilsam wäre. Aber die Veranstaltung ist uns wichtig. Und unabhängig davon ist unsere eigene Anerkennung von (körperlicher) Schwäche ganz generell noch ausbaufähig.
„Worum es geht“ erfährt man in 32 Kapiteln, gut sortiert, klar, deutlich und ohne Schnickschnack: Hannah erzählen aus eigenem Er.Leben, vom Ringen um Verstehen und Verstandenwerden, nehmen den/die Leser*innen mit auf eine persönliche „Forschungsreise“- doch spätestens nach der Einleitung ist klar: Es geht gar nicht nur um Hannah. Es geht um uns alle.
Hannah C. Rosenblatt leben mit einer Dissoziativen Identitätsstruktur (DIS) und einer sogenannten „Autismus-Spektrum-Störung“ (ASS). Nach ihrem ersten Buch „aufgeschrieben“ haben sie nun „Worum es geht“ im Verlag „edition assemblage“ veröffentlicht und bloggen zudem auf Ein Blog von Vielen.
Autismus, Trauma und Gewalt- sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, bedeutet, die Bereitschaft aufbringen zu müssen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten festzustellen und anzuerkennen. Vor allem dort, wo Verbindungen geschaffen werden sollen. Und die braucht man, wenn Menschen zusammen eine Gesellschaft bilden- und wenn es darum gehen soll, strukturelle Gewalt zu verändern oder ganz zu beenden.
Hannah beleuchten in ihrem Buch einerseits sachlich und fachlich, andererseits auch persönlich und berührend verschiedene Aspekte autistischen und dissoziativen Er.Lebens. Sie lassen uns teilhaben, obwohl da so viel Angst vor Sichtbarkeit ist: Wer bin ich und warum? Wer sind „die anderen“? Was war, was ist? Was war dieses „das da“? Was brauche ich (nicht)? Und was haben „alle“ damit zu tun?
„Hilfe braucht, wer hilflos ist…“ schreiben Hannah- und zeigen auf, wo und wie „Hilfe“ traumatisieren kann; inwiefern Menschen etwas davon haben, andere in ihrer Hilfosigkeit zu halten, statt sie zu ermächtigen; warum sich in unserer Gesellschaft Gewalt als „Normalität“ so hartnäckig hält und was es brauchen würde, um wirklich etwas zu verändern.
Das Buch wirkt wie ein Spiegel, wenn man sich darauf einlässt. Wenn man es sich nicht bequem macht, oder eine berührende kleine Biographie einer „exotischen Einzelperson“ erwartet. Wenn man es in sich arbeiten und wirken lässt und sein Ego dabei etwas zur Seite stellen kann. Wenn man neugierig ist auf Neurodiversität, Differenzen und Gleichheit, auch und gerade dort, wo es weh tut.
„Worum es geht“ ist ein wichtiges, wertvolles, schlaues und schonungslos inklusives Buch, geschrieben von mutigen Autor*innen, die Hände reichen, statt anzuklagen.
Jede*r, der/die bereit ist, über den eigenen Tellerrand und vor allem die eigene Komfortzone hinauszugehen, sollte es lesen. Am besten mehrfach.
„Ich teile das alles, weil ich glaube, dass in Kontakt miteinander zu gehen, Ver.Bindung anzubahnen und darüber Empathie, Mut, Kraft zu entwickeln, wichtig ist, um das gute Leben für alle zu gestalten. Das gute Leben, das wir alle verdient haben.“
(H.C. Rosenblatt, „Worum es geht“, Seite 20)
Dieser Text enthält unbezahlte Werbung. Ich habe ein kostenloses Rezensionsexemplar von H.C. Rosenblatt erhalten.