„Was ist eigentlich eine Dissoziative Identitätsstörung? Wie kann ich mir das konkret vorstellen? Woher kommt sowas? Wo finde ich hilfreiche Infos dazu? Und was ist wichtig zu beachten, wenn ich mit Betroffenen in Kontakt bin?“
Wenn uns diese Fragen gestellt werden, ist die erste Antwort, die uns auf der Zunge liegt: „Bitte informiere dich auf gar keinen Fall ausschließlich auf social media!“
Menschen kommen aus verschiedenen Gründen mit dem Thema „DIS“ in Kontakt: Vielleicht hat man irgendwo irgendwas aufgeschnappt, etwas dazu in einem Film gesehen, den Begriff zufällig gelesen, o.a. Vielleicht begegnet einem auch im privaten oder beruflichen Kontext ein*e Betroffene*r oder ein*e direkte*r Angehörige*r- und man möchte mehr wissen und verstehen.
Was ist eine DIS? Wir sehen das so:
Eine Dissoziative Identitätsstörung ist eine Folge langjähriger, massiver Gewalterfahrungen ab früher Kindheit. Wenn Gewalt in ihren verschiedenen Formen und Ausprägungen ein Kind überflutet und kein äußerer Ausweg vorhanden ist (also keine Flucht, kein Kampf, kein Schutz), findet im Gehirn eine natürliche Anpassungsreaktion statt, die sich Dissoziation nennt. Das, was zu viel, zu schlimm, zu groß, zu unfassbar ist, wird innerlich „abgetrennt“, bzw. nicht integriert. Es verschwimmt, vernebelt, gehört gar nicht mehr zu einem selbst, wird vergessen. Dissoziation ist ein Mechanismus, der in allen Menschen abläuft, auch in undramatischen Alltagssituationen: Man rückt ein Stückchen von sich selbst ab, die Wahrnehmungskanäle machen dicht(er), irgendwie wabert „es“ ein bisschen vor sich hin, es gibt eine mehr oder weniger große „Lücke“ in der Erinnerung/Empfindung- und nichts daran muss pathologisch oder belastend sein. Das wird es erst, wenn die Dissoziation ein Eigenleben führt, dem sich der betroffene Mensch hilflos ausgeliefert fühlt.
Ein Kind, das immer wieder dissoziieren muss, um Gewalt zu überleben, hat keine Chance, ein konstantes Ich-Empfinden oder Identitätssicherheit zu entwickeln. Das, was von außen überflutet, muss irgendwie innen kompensiert werden- und die Innenwahrnehmung muss immer wieder sehr reduziert oder ganz abgeschaltet werden. Es gibt also im Innern lauter Einzelteilchen von Eindrücken, und die setzen sich nicht zu einem Ganzen zusammen, wie es unter gewaltfreien Umständen passieren würde, sondern sie bleiben separiert.
Die Identität, also die Selbstwahrnehmung, ist dann brüchig. Da kann was nicht rund und miteinander verbunden sein, wenn Dissoziation immer wieder aufs Neue notwendig ist- und daraus eben eine Struktur wird. Eine Dissoziative Identitätsstörung ist also eine strukturelle Anpassungsleistung.
Es gibt bestimmte Diagnosekriterien, die zu einer DIS gehören. Aber nicht jede DIS zeigt sich gleich. Dissoziative Symptome können eine große Bandbreite haben. Manche Menschen kennen es, zeitweise sich selbst oder ihre Umgebung als „nicht echt“, weit weg, besonders groß/klein, laut/leise, u.a. wahrzunehmen. Manche Menschen kennen es, sich plötzlich an einem anderen Ort wiederzufinden, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen sind (und warum). Manche Menschen kennen es, regelmäßig „Zeit zu verlieren“, Amnesien zu haben- währenddessen aber mit anderen Persönlichkeitsanteilen aktiv zu sein, ohne sich daran erinnern zu können. Das „innere Getrenntsein“ kann unterschiedliche Ausprägungen haben- zu einer DIS gehört jedoch immer (laut Diagnosehandbuch) das Vorhandensein von zwei oder mehr Persönlichkeitsanteilen. Diese Persönlichkeitszustände unterscheiden sich in Erleben, Wahrnehmung, Denken und Körperbezug und übernehmen wiederholt die Kontrolle über Bewusstsein und Verhalten.
Das wäre unsere, einigermaßen sachliche Definition einer DIS, die wir als Antwort geben würden, wenn uns jemand danach fragen würde. Andere Leute würden anders antworten, klar.
Wenn wir weiter nach der DIS gefragt werden, erzählen wir vor allem aus eigener Perspektive. Wir sind keine Wissenschaftler*innen und haben nur sehr wenige Fachbücher/-artikel gelesen. Uns geht es darum, im Gespräch mit dem Gegenüber eine Verbindung herzustellen oder zu stärken, nicht darum, einen Fachvortrag zu halten. Wir können weder den aktuellen Stand der Forschung wiedergeben, noch Empfehlungen für vertiefende Literatur aussprechen. Das, was wir können, ist persönlich und alltagsnah. Wir geben unser eigenes Verständnis und unsere Haltung(en) weiter- und das mag für manche nachvollziehbar und stimmig sein, für andere auch unpassend oder „wissenschaftlich nicht korrekt“.
Wir können darüber sprechen, welche Auswirkungen unsere DIS in unserem Leben, unserem Alltag hatte und hat. Wir können beschreiben, welche Unterschiedlichkeiten es in unserem System gibt, was uns innen getrennt hält und was uns verbindet. Wir können mit verschiedenen Anteilen im Kontakt nach außen sein und dabei erkennbar oder auch verdeckt agieren. Wie viel unser Gegenüber von unserer DIS mitbekommt, hat mit mehreren Aspekten zu tun: Vertrauensverhältnis, Tagesform, Empathie, Aufmerksamkeit, Geduld, Kontext, Belastungsgrad, etc. Über all das kann kommuniziert werden, wenn der Kontakt passt und beide Seiten das wollen, erfragen und aushalten.
Die persönliche Begegnung ist das, was es am ehesten ermöglicht, Verständnis und Verstehen zu entwickeln. Das braucht natürlich bei allen Mut, Offenheit und auch Neugier. Wenn wir einen Menschen kennenlernen wollen, müssen wir uns auf seine Art zu sein, zu denken, zu fühlen einlassen. Müssen uns auf sein Selbstkonzept einlassen, auch wenn es uns (erst mal) fremd ist. Für uns gilt das für jeden Menschen, ganz egal, ob mit oder ohne psychiatrische oder sonstige Diagnose. Wenn wir erfahren, dass der Mensch ein bestimmtes Thema mitbringt, mit dem wir uns noch unsicher fühlen, weil wir darüber zu wenig wissen, dann können wir schauen, ob es dazu was zu lesen gibt, oder woher wir uns eben sonst noch Infos holen können- oder wir fragen den Menschen eben einfach selbst, wenn das für ihn okay ist. So wünschen wir uns das auch im Kontakt mit uns.
In einer Freundschaft, Partnerschaft, Beziehung spielt die DIS eine Rolle. So wie andere Eigenschaften, Merkmale, „specials“, Bedürfnisse, Einschränkungen o.a. eben auch. Nur weil man so eine „Identitätsstruktur“ mitbringt, bedeutet das nicht, dass man diejenige Person mit den massivsten Beeinträchtigungen und dem größten Hilfebedarf in einem Kontakt ist. Und gleichermaßen bedeutet es eben auch nicht, dass man der/die Superheld*in ist, der/die alle Belastungen und Herausforderungen auf magische Weise wegsteckt, weil strukturelle Dissoziation so wunderbar etabliert wurde.
Im Leben mit unterschiedlichen Persönlichkeiten unterwegs zu sein, empfinden wir nicht als unser größtes Problem. Von der Einen zum Anderen zu wechseln ist etwas, was im Laufe der Zeit fließender stattfinden kann, weniger sichtbar, weniger radikal- manchmal auch ohne Zeitverlust. Vielleicht hört es irgendwann auch ganz auf, weil wir integrative, innere Prozesse durchlaufen haben. Vielleicht fühlt es sich irgendwann stimmiger an, nur noch „ich“ zu sagen, statt „wir“. Vielleicht auch nicht. Wir entwickeln uns, so wie alle anderen Menschen eben auch- und niemand kann sagen, wie sie/er in fünf oder zehn Jahren sein wird, oder?
Das, was unsere größte Belastung und der ausschlaggebendste Teil des Begriffs „Störung“ ist, ist das Gewalttrauma. Unsere Biographie, das Entsetzen, der Schmerz, das Vernichtungsgefühl, die zermürbende Existenzangst- das, was sich so schwer „als Ganzes integrieren lässt“. Das, wofür es in unserem heutigen Leben wenig Raum, wenig Gehör, wenig Hilfe gibt; das, was wir verschweigen, obwohl es da war und da ist- weil es in die allerwenigsten Gespräche oder Kontakte passt, weil es stets und ständig „den Rahmen sprengt“. Unseren eigenen und den der anderen.
Wenn du ein Mensch bist, der gerade erstmalig mit dem Thema DIS in Berührung gekommen ist, möchten wir dich ermutigen:
Trau dich, Fragen zu stellen. Schau dich um, sammle Informationen an verschiedenen Stellen, bei unterschiedlichen Personen. Gib dich nicht sofort mit der ersten und einzigen (lautesten, plausibelsten, einfachsten, bequemsten, sympathischsten) Antwort zufrieden, sondern bleib wach, flexibel und aufmerksam!
Es ist okay, dich ins Thema „reinzunerden“ (zu vertiefen) und es ist okay, es wieder beseite zu legen. Wenn du Retter*innen- oder Rächer*innen-Impulse in dir wahrnimmst, geh auf die Bremse und atme mal durch: Welche Rolle hast du tatsächlich- und welches vielleicht unpassende Bild hast du von Betroffenen entwickelt? Willst du dich irgendwie „für Betroffene engagieren“? Falls ja: Was ist für dich in deinem Leben, mit deinen Kapazitäten, deinen Prioritäten realistisch- und wie konsequent kannst/willst du dabei sein? Hilflosigkeit auszuhalten ist eine schwierige Sache, und manchmal verfällt man lieber in wilden Aktionismus, als sich hilflos, klein, unsicher zu fühlen- und tut dabei Dinge, die letztlich keinem (oder den falschen) helfen.
Danke, dass du (etwas) wissen willst.

