über Brücken und Traumalogik

Die Brücke soll frühestens 2040 fertig sein, lese ich. Klar, so ein Bauwerk braucht Zeit. Dass es so lange dauert, es herzustellen, wundert mich nicht. Dass Menschen zwanzig Jahre in die Zukunft planen, wundert mich in diesem Moment schon.

Ich weiß nicht, ob man das, was in meinem Kopf in dieser Situation vorging, katastrophisieren nennen muss, oder ob es einfach nur „Realismus“ war. Jedenfalls gehe ich ganz grundsätzlich davon aus, dass die Welt in zwei Jahrzehnten noch mal deutlich „klimakrisenhafter“ sein wird, als sie es jetzt bereits ist. Wer weiß, ob manche Städte und Bereiche dann überhaupt noch bewohnbar sein werden- wer braucht da noch diese Brücke, könnte man sich fragen.

Manchmal sind mir Menschen sehr suspekt, die von einer fernen Zukunft ausgehen. Die Kinder zeugen, ein Haus kaufen, eine Versicherung abschließen, eine Weltreise für 2028 buchen… Es sind meistens jene, die nicht prekär leben müssen, die Planungssicherheit haben, sparen können, eine (familiäre, soziale, berufliche, gesundheitliche etc.) Basis haben. Und auch jene, die eine rechte Regierung als nicht besonders bedrohlich empfinden oder sie aktiv ermöglichen.

Ich lebe schon immer damit, dass nichts sicher ist. Ich weiß, dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass Gutes, Stabiles, Schönes bleibt. Ich rechne mit Verlust. Das ist kein Pessimismus, sondern Lebenserfahrung.

Gleichzeitig bin ich inzwischen auch in der Lage, mich nicht (ständig) von Panik leiten zu lassen. Nur weil die Welt irgendwann „untergehen“ wird, heißt das nicht, dass man jetzt eh schon alles hinschmeißen kann. Nur weil irgendwann Tod ansteht, muss man nicht jetzt schon mal anfangen zu sterben. Natürlich macht es Sinn, jetzt Brücken zu bauen und nach vorne zu denken! Jede einzelne Bucket-List macht Sinn, jede Demo für was Gutes, jedes antifaschistische oder klimaschützende Projekt- weil das Leben ist und Hoffnung bedeutet.

Menschen müssen zwischendurch vergessen können und dürfen. Permanent mit Schrecken, Angst und Ausweglosigkeit konfrontiert zu sein, macht krank und lähmt. Ich muss es für möglich halten, dass es weitergeht, damit ich weiter gehen kann.

Dissoziation ist eine mentale Rettung. Das Bewusstsein bekommt eine Pause von Gewalt, Klima, Nazis und anderen Bedrohungen und richtet sich auf Lebenserhaltendes. Wie gut, dass das den Menschen möglich ist. Es kommt jedoch auch darauf an, die Dissoziation nicht zu einem (gesamtgesellschaftlichen) Dauerstatus werden zu lassen, sondern immer wieder auch Aktion zu schaffen: Nicht in der traumatischen „Fight, Flight, Freeze, Fawn“-Zange zu verharren, sondern „Futter fürs Seepferdchen (=Hippocampus)“ zu organisieren. Zum Beispiel, indem positive Verbindungen mit anderen Menschen (und mit sich selbst) hergestellt werden (Initiativen, Vernetzung, Nachbarschaftshilfe, Freund*innenschaft, Freundlichkeit, usw.), schöne Erfahrungen (Hobbies, Ausflüge in die Natur, o.a.) etabliert werden, neue Dinge gelernt werden, usw.

Es sind viele „Kleinigkeiten“, die vielleicht nichtig, naiv oder nutzlos klingen, angesicht diverser Krisen („Singen für den Frieden“- was soll das schon bringen?)- die aber insgesamt das (Über-)Leben möglich und leichter machen.

Als ich über die Brücke las und die Planung bis 2040 utopisch fand, kam ich gerade von einer Ultraschalluntersuchung. Dabei wurde ich mit alten, inneren Vernarbungen konfrontiert und der Frage, woher sie stammen. Meine innere Reaktion war: „Ich weiß es nicht (mehr)“ und „Ich weiß es noch ziemlich genau“. Beides gleichzeitig. Beides wahr. Ich konnte und wollte mich nicht erinnern und merkte parallel dazu Bereiche im Innern, die das trotzdem taten. Weiter weg von mir, von meinem Alltagsbewusstsein. Eine Trennung, die dafür sorgte und sorgt, dass ein Mensch („ich“) nicht vollständig kollabiert. Eine Trennung, die zusammenhält.

Es ist kein klassisches „Vergessen“ im Sinne eines „weg-seins“, so wie wenn ich aufgrund einer perimenopausalen Hormonverpeiltheit nicht mehr weiß, was ich eigentlich gerade in der Küche wollte. Es ist ein nicht immer für alle (Systemzugehörige) präsenter Zugang zum Wissen. Das Wissen ist da! Bei Einzelnen innen, im Körper. Traumatische Inhalte sind gespeichert, aber eben nicht immer (für alle) zugänglich und zum Teil auch nicht sprachlich greifbar.

Wir können die Frage nach der Herkunft der Vernarbungen (manchmal) beantworten und wir können es (manchmal) nicht. Zum Glück müssen wir dazu nicht (mehr) juristisch oder bei einer Begutachtung aussagen, oder unsere Glaubhaftigkeit anderweitig beweisen. Beim „Vergessen“ wird mit mehrerlei Maß gemessen.

Wer keine Ahnung von Traumalogik hat, wird über den Mechanismus des (Nicht-)Erinnerns stolpern- vielleicht so lange, bis man ihn/sie danach fragt, wie er/sie die Rentenzeit verbringen möchte. Vielleicht steht neben der Freude auf Campingurlaube, Angeln, Gartenarbeit, VHS-Kurse oder Enkelbespaßung irgendwo im Schatten das Wissen über die Dramatik und Konsequenzen der klimatischen und politischen Entwicklungen.

Beides ist existent, aber nicht immer zeitgleich präsent.

So lange, bis Eine*r weiterfragt…

Von (Körper-)Grenzen und Eingriffen

Als ich am vierten Tag der Antibiotikaeinnahme merke, dass wir aufgrund der Nebenwirkungen langsam dehydrieren und ein bisschen „komisch“ werden (anders komisch als sonst), schießen mir Tränen in die Augen. „Jetzt verschwende nicht auch noch den letzten Tropfen Flüssigkeit, den wir noch haben!“, piekst jemand innen sarkastisch. Ich fühle mich müde und wund, in jeder Hinsicht, und habe keine Kraft zu stänkern oder zu lachen. Der Körper hat gerade damit zu tun, eine Entzündung zu bekämpfen und bekommt dabei Unterstützung von einem chemischen Sondereinsatzkommando. Dass dabei auch nützliche Elemente plattgemacht werden, die eigentlich bleiben sollten, ist kalkulierter Kollateralschaden. Am Ende geht’s um die Elimination sämtlicher Bakterien. Bisschen Schwund ist immer.

Ich kenne diese Tränen, die auftauchen, wenn etwas „Invasives“ passiert. Wenn etwas die „Hülle“ überwindet und seinen Weg nach innen findet: Eine Berührung der nackten Haut, ein Stich, ein Schnitt, eine medizinische Behandlung im Mund, eine medikamentöse Beeinflussung des Körpers, usw. Der Kopf weiß, dass es ein Eingriff (kein Übergriff!) oder ein simpler „Kontakt“ ist, aber die Tränen spülen etwas hervor, das ohne Worte existiert: Der körperliche Impuls, sich zusammenzurollen, abzuwenden, das Fremde abzustreifen, zu flüchten… Ein gebärdetes, basales, lautloses „Nein!“.

„Nur ja heißt ja“, seufzt dazu jemand innen. Wie oft haben wir schon zugestimmt aus Angst? Wie viel Wert und Wahrheit hat ein gefügiges, schmerzgeplagtes, einsames, unwissendes Ja? Woran erkenne ich den freien Willen?

Grenzüberschreitungen sind verschieden, manche mit Konsens und manche ohne. Es gibt welche unter dem Deckmantel der guten Absicht oder des Schutzes. Es gibt welche im Namen des Hilfesystems, der Justiz, der Politik, der Pädagogik, usw. Und es gibt welche, die gesetzlich verboten sind und sanktioniert werden können. Ihnen gemein ist das Übertreten der persönlichen Grenze eines Menschen. Und das macht was! Bei denen, die es tun und bei denen, die es erleben. Manchmal können Grenz-Überschreitungen was Heilsames, Positives haben (z.B. eine Umarmung, die ja per se auch ein Übertritt von zwei Menschenkörpergrenzen ist). Manchmal hinterlassen sie auch Narben, die immer wieder mal weh tun, nicht vollständig abheilen oder Infektionsherde bleiben. Manchmal tauchen dann Tränen auf, vom alten Schmerz, von der alten Ohnmacht, dem alten Schreck oder der Scham – und der bekannte, basale „Nein“-Impuls braucht Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Mir ist bewusst, dass das antibiotische SEK eingreift, um zu helfen. Mir ist auch bewusst, dass Zahnärzt*innen, Gynäkolog*innen, Psychiater*innen und Co ebenfalls diesen Auftrag haben. Ich weiß, dass die Schicht Sonnencreme auf meiner Haut mich schützt. Dass ich Wasser oder Tee runterschlucken muss, weil trinken eben lebenswichtig ist. Ich weiß, dass ein Kuss aus Liebe eine andere, gewollte „Grenzüberschreitung“ ist als ein sexualisierter Übergriff. Eine Tattoonadel durchsticht eine Hautbarriere, genauso wie eine Mücke oder ein Insulinpen oder eine Katzenkralle – so viele verschiedene Kontexte, Absichten und Bedeutungen, und trotzdem kann es passieren, dass sie alle das „basale Nein“ anrühren… Weil ein Körper eben seine eigene(n) Grenze(n) hat und sich dort etwas anderes abspielen kann als das, was vom Kopf mit einem „Ja“ gerahmt wurde.

Zur Chemie, die gerade in unsere Körpervorgänge eingreift, habe ich „Ja“ gesagt. In ein paar Tagen wird es uns besser gehen, alles wird sich wieder beruhigen und wir können die Kollateralschäden versorgen. Die Entzündung klingt ab, der Schmerz lässt nach, das Wunder der Regeneration wird aller Voraussicht nach stattfinden. Wie immer. Es war und ist gut, dass ich „Ja“ gesagt habe.

Und es war und ist gut, dass sich das „basale Nein“ zeigt. Das heißt doch, dass wir uns spüren. Da, wo wir sind und wo wir aufhören und Fremdes beginnt.

Kein Zustand

Als uns ein Psychiater letztens fragte, wann in unserem Leben zum ersten Mal die „verschiedenen Zustände“ bemerkt wurden, erkannten wir 2 Dinge:

1.) Dass es das erste und letzte Gespräch mit diesem Mann sein wird.

2.) Dass es immer wieder so sehr um Haltung geht. Neben Expertise. Und eben auch in uns selbst, auf uns selbst bezogen.

Hinter der Frage, wie eigentlich die Einzelnen von uns bezeichnet werden und wie wir selbst von uns sprechen, steht mehr als Wortklauberei. Es geht dabei um Anerkennung und Verständnis, um Ernstgenommenwerden und Respekt.

Wir haben uns im Laufe der letzten Jahre ein dickes Fell zugelegt und waren zuerst ein bisschen überrascht, wie verletzt und wütend es sich in uns anfühlte, als der Psychiater uns als „Zustände“ bezeichnete. Und wir merkten, dass da eine Spiegelung passierte: Wie ernst nehmen wir uns selbst (gegenseitig)?

Es war uns in letzter Zeit so wichtig, uns abzugrenzen von all den „Lifestyle-DIS“-Darstellungen und der zelebrierten, aufgepimpten (Pseudo-)Vielfalt auf social media, u.a.; wir haben so oft betont, wie schwierig und destruktiv wir die Allmachtsmythen über Täter*innen und sog. „mind control“ finden und dass es sich bei DIS um eine Anpassungsleistung EINES Gehirns handelt, etc.

Dabei haben wir ein bisschen den Blick in unser Inneres verloren, in dem Einzelne nämlich sagen, dass sie „selbstverständlich eine Person!“ sind- kein Anteil, keine „Seite“ und erst Recht kein „Zustand“.

Da ist Angst, mit diesem Selbstverständnis nicht ernst genommen oder abgewertet zu werden- außen und innen.

Wir haben den Eindruck, dass zur nicht enden wollenden „DIS-Glaubensfrage“ genau dieser Aspekt dazugehört: Wie „echt“ sind die Einzelnen des Systems? Wie viel „eigene Identität“ wird ihnen außen und innen zuerkannt? Kann man es sich als professionelle*r Helfer*in leisten, dazu eine andere Haltung als der Rest des Teams zu haben? Was dann?

Sich mit DIS auszukennen ist kein „Status Quo“, sondern ein Prozess. Für alle Beteiligten.

Menschen helfen, wenn sie wollen. Und können.

Traumatherapie gehöre in Profihände, sagen Viele. Und Anfänger*innen schicken Betroffene weg, mit dem Hinweis, sich an eine Fachperson zu wenden: DIS sei (zu) komplex, eine schwere Traumafolgestörung- und erfordere Helfer*innen, die sich „wirklich auskennen“. Die, die von sich (zu Recht oder Unrecht) behaupten, über Fachexpertise zu verfügen, haben keine freien Plätze oder sind privat zu bezahlen (wer kann das schon?).

Letztlich stehen Betroffene viel zu oft ohne (ausreichende) Unterstützung da, mit dem Gefühl, zu viel, zu krank, zu irgendwas zu sein.

Menschen, die im psychosozialen Bereich arbeiten, kommen mit dem Thema DIS (bzw. generell Gewalttraumafolgen) in Berührung, wenn sie Augen, Ohren, Kopf und Herz geöffnet haben. Wenn sie sich mehr informieren und fortbilden wollen, stehen ihnen verschiedene Medien und Möglichkeiten zur Verfügung. Die Chancen, hohe Weiterbildungsqualität zu bekommen, stehen ganz gut – die Risiken, ganz großen Murks serviert zu bekommen, sind mindestens genauso groß.

Es gibt diverse Darstellungen und Ideen von DIS, die falsch, überzogen oder unrealistisch sind- kein Wunder, wenn sich Einige da nicht rantrauen, wenn alles angeblich so „krass, speziell und besonders“ sein soll. Und kein Wunder, wenn manche (vermeintlichen) Profis ihr Ego damit füttern, mit diesem Klientel zu tun zu haben.

Welches Bild entsteht wodurch über DIS, welche Haltung entwickeln Helfende, welche Ideen haben sie über das, was sie tun können/sollen? Was davon passt tatsächlich in die Lebensrealitäten der Betroffenen?

Hilfe braucht die Bereitschaft, zuzuhören und ernstzunehmen; Flexibilität, Empathie, Offenheit und Klarheit mit sich selbst. Es braucht vor allem menschliche Eignung, noch vor Fachexpertise!

Wir möchten Menschen in psychosozialen Berufen ermutigen, dranzubleiben und sich einem Kennenlernen zu öffnen. Was dabei bedacht werden sollte, welche Fallstricke, Chancen und Optionen es gibt, welche Werkzeuge zur Verfügung stehen, wie Kontakt gelingen und gehalten werden kann, können wir in Workshops und Gesprächen miteinander beleuchten.

Sprecht uns gerne an, ladet uns in Teams, Institutionen , Vereine, Projekte, o.a. ein – und wir finden zusammen kreative, stärkende Wege!

Kontakt: paula – rabe (@) posteo . de (ohne Leerzeichen und Klammern)

Mütter* und Tage

Ein Frauenpaar ohne Kinder und ohne Karriere ist ihnen suspekt. Was fängt man denn dann mit dem Leben an, wenn man weder erzieht, noch versorgt, noch Geld erwirtschaftet- wenn man offenbar so viel freie Zeit zur Verfügung hat und nicht mal ein Wohnmobil?!

Sie haben keine Ahnung von unserer Biographie, unseren Beeinträchtigungen, unseren Kämpfen und unserem Schmerz. Sie gucken angesäuert, wenn man ihnen keinen „frohen Muttertag“ wünscht, schließlich kann man das doch mal machen, als Nachbarin- und ja, auch wenn die Kinder schon jenseits der 30 oder 40 sind.

In jedem Kontakt mit ihnen spüren wir ihre Abneigung, ihren Missmut, ihre Skepsis, ihren Neid:

Auf unsere „Freiheit“, die sie zu erkennen meinen…

Jene persönliche Freiheit, die man sich einfach nimmt, ohne das zu tun, was eigentlich erwartet wird. Was alle machen. Was in der Natur der Sache liegt. Was eine Gesellschaft (angeblich) zusammenhält.

Sie sind Frauen* zwischen 50 und 85 in unserem Wohnumfeld. Menschen, die uns immer wieder große Abgrenzungsleistungen abverlangen.

Wir müssen lügen und Fakten verschweigen, um uns zu schützen. Weil sie die Wahrheit nichts angeht.

Trotzdem würden wir ihnen manchmal gerne die harten Realitäten entgegenbrüllen.

Dann könnte es sein, dass sie ihre Geschichten zurückbrüllen.

Und wollen wir die wirklich wissen?

Mütter* mit Kindern. Lebendigen, ungeborenen, behinderten, verstorbenen, getöteten, verschwundenen, verlorenen, vergessenen.

Frauen* ohne Kinder, gewollt und ungewollt, aus Gründen, mit Biographie.

Menschen ohne Blumen und Pralinen.

So wie wir.

Was wir auf DIS-Fragen antworten (können)

„Was ist eigentlich eine Dissoziative Identitätsstörung? Wie kann ich mir das konkret vorstellen? Woher kommt sowas? Wo finde ich hilfreiche Infos dazu? Und was ist wichtig zu beachten, wenn ich mit Betroffenen in Kontakt bin?“

Wenn uns diese Fragen gestellt werden, ist die erste Antwort, die uns auf der Zunge liegt: „Bitte informiere dich auf gar keinen Fall ausschließlich auf social media!“

Menschen kommen aus verschiedenen Gründen mit dem Thema „DIS“ in Kontakt: Vielleicht hat man irgendwo irgendwas aufgeschnappt, etwas dazu in einem Film gesehen, den Begriff zufällig gelesen, o.a. Vielleicht begegnet einem auch im privaten oder beruflichen Kontext ein*e Betroffene*r oder ein*e direkte*r Angehörige*r- und man möchte mehr wissen und verstehen.

Was ist eine DIS? Wir sehen das so:

Eine Dissoziative Identitätsstörung ist eine Folge langjähriger, massiver Gewalterfahrungen ab früher Kindheit. Wenn Gewalt in ihren verschiedenen Formen und Ausprägungen ein Kind überflutet und kein äußerer Ausweg vorhanden ist (also keine Flucht, kein Kampf, kein Schutz), findet im Gehirn eine natürliche Anpassungsreaktion statt, die sich Dissoziation nennt. Das, was zu viel, zu schlimm, zu groß, zu unfassbar ist, wird innerlich „abgetrennt“, bzw. nicht integriert. Es verschwimmt, vernebelt, gehört gar nicht mehr zu einem selbst, wird vergessen. Dissoziation ist ein Mechanismus, der in allen Menschen abläuft, auch in undramatischen Alltagssituationen: Man rückt ein Stückchen von sich selbst ab, die Wahrnehmungskanäle machen dicht(er), irgendwie wabert „es“ ein bisschen vor sich hin, es gibt eine mehr oder weniger große „Lücke“ in der Erinnerung/Empfindung- und nichts daran muss pathologisch oder belastend sein. Das wird es erst, wenn die Dissoziation ein Eigenleben führt, dem sich der betroffene Mensch hilflos ausgeliefert fühlt.

Ein Kind, das immer wieder dissoziieren muss, um Gewalt zu überleben, hat keine Chance, ein konstantes Ich-Empfinden oder Identitätssicherheit zu entwickeln. Das, was von außen überflutet, muss irgendwie innen kompensiert werden- und die Innenwahrnehmung muss immer wieder sehr reduziert oder ganz abgeschaltet werden. Es gibt also im Innern lauter Einzelteilchen von Eindrücken, und die setzen sich nicht zu einem Ganzen zusammen, wie es unter gewaltfreien Umständen passieren würde, sondern sie bleiben separiert.

Die Identität, also die Selbstwahrnehmung, ist dann brüchig. Da kann was nicht rund und miteinander verbunden sein, wenn Dissoziation immer wieder aufs Neue notwendig ist- und daraus eben eine Struktur wird. Eine Dissoziative Identitätsstörung ist also eine strukturelle Anpassungsleistung.

Es gibt bestimmte Diagnosekriterien, die zu einer DIS gehören. Aber nicht jede DIS zeigt sich gleich. Dissoziative Symptome können eine große Bandbreite haben. Manche Menschen kennen es, zeitweise sich selbst oder ihre Umgebung als „nicht echt“, weit weg, besonders groß/klein, laut/leise, u.a. wahrzunehmen. Manche Menschen kennen es, sich plötzlich an einem anderen Ort wiederzufinden, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen sind (und warum). Manche Menschen kennen es, regelmäßig „Zeit zu verlieren“, Amnesien zu haben- währenddessen aber mit anderen Persönlichkeitsanteilen aktiv zu sein, ohne sich daran erinnern zu können. Das „innere Getrenntsein“ kann unterschiedliche Ausprägungen haben- zu einer DIS gehört jedoch immer (laut Diagnosehandbuch) das Vorhandensein von zwei oder mehr Persönlichkeitsanteilen. Diese unterscheiden sich in Erleben, Wahrnehmung, Denken und Körperbezug und übernehmen wiederholt die Kontrolle über Bewusstsein und Verhalten.

Das wäre unsere einigermaßen sachliche Definition einer DIS, die wir als Antwort geben würden, wenn uns jemand ohne Vorwissen danach fragen würde. Andere Leute würden anders antworten, klar.

Wenn wir inhaltlich weiter nach der DIS gefragt werden, erzählen wir vor allem aus eigener Perspektive. Wir sind keine Wissenschaftler*innen und haben nur sehr wenige Fachbücher/-artikel gelesen. Uns geht es darum, im Gespräch mit dem Gegenüber eine Verbindung herzustellen oder zu stärken, nicht darum, einen Fachvortrag zu halten. Wir können weder den aktuellen Stand der Forschung wiedergeben, noch Empfehlungen für vertiefende Fachliteratur aussprechen. Das, was wir können, ist persönlich und alltagsnah. Wir vermitteln unser eigenes Verständnis und unsere Haltung(en)- und das mag für manche nachvollziehbar und stimmig sein, für andere auch unpassend oder wissenschaftlich nicht korrekt.

Wir können darüber sprechen, welche Auswirkungen unsere DIS in unserem Leben, unserem Alltag hatte und hat. Wir können beschreiben, welche Unterschiedlichkeiten es in unserem System gibt, was uns innen getrennt hält und was uns verbindet. Wir können mit verschiedenen Anteilen im Kontakt nach außen sein und dabei erkennbar oder auch verdeckt agieren. Wie viel unser Gegenüber von unserer DIS mitbekommt, hat mit mehreren Aspekten zu tun: Vertrauensverhältnis, Tagesform, Empathie, Aufmerksamkeit, Geduld, Kontext, Belastungsgrad, etc. Über all das kann kommuniziert werden, wenn der Kontakt passt und beide Seiten das wollen, erfragen und aushalten.

Die persönliche Begegnung ist das, was es am ehesten ermöglicht, Verständnis und Verstehen zu entwickeln. Das braucht natürlich bei allen Mut, Offenheit und auch Neugier. Wenn wir einen Menschen kennenlernen wollen, müssen wir uns auf seine Art zu sein, zu denken, zu fühlen einlassen. Müssen uns auf sein Selbstkonzept einlassen, auch wenn es uns (erst mal) fremd ist. Für uns gilt das für jeden Menschen, ganz egal, ob mit oder ohne psychiatrische oder sonstige Diagnose. Wenn wir erfahren, dass der Mensch ein bestimmtes Thema mitbringt, mit dem wir uns noch unsicher fühlen, weil wir darüber zu wenig wissen, dann können wir schauen, ob es dazu was zu lesen gibt, oder woher wir uns eben sonst noch Infos holen können- und wir fragen den Menschen eben selbst, wenn das für ihn okay ist. So wünschen wir uns das auch im Kontakt mit uns.

In einer Freundschaft, Partnerschaft, Beziehung spielt die DIS eine Rolle. So wie andere Eigenschaften, Merkmale, „specials“, Bedürfnisse, Einschränkungen o.a. eben auch. Nur weil man so eine „Identitätsstruktur“ mitbringt, bedeutet das jedoch nicht automatisch, dass massivste Beeinträchtigungen und Hilfebedarf in einem Kontakt permanent eine Rolle spielen. Und gleichermaßen bedeutet es eben auch nicht, dass man der/die Superheld*in ist, der/die alle Belastungen und Herausforderungen auf magische Weise wegsteckt, weil strukturelle Dissoziation so wunderbar etabliert wurde. DIS kann für alle, die damit konfrontiert sind, anstrengend, belastend, überfordernd und auch spannend, berührend, belebend oder auch irgendwie „ganz normal“ sein.

Im Leben mit unterschiedlichen Persönlichkeiten unterwegs zu sein, empfinden wir nicht als unser größtes Problem. Von der Einen zum Anderen zu wechseln ist etwas, was im Laufe der Zeit fließender stattfinden kann, weniger sichtbar, weniger radikal- manchmal auch ohne Zeitverlust. Vielleicht hört es irgendwann auch ganz auf, weil wir integrative, innere Prozesse durchlaufen haben. Vielleicht fühlt es sich irgendwann stimmiger an, nur noch „ich“ zu sagen, statt „wir“. Vielleicht auch nicht. Vielleicht bleiben wir bis an unser Lebensende „Viele“. Wir entwickeln uns, so wie alle anderen Menschen eben auch- und niemand kann sagen, wie (oder wer?)  sie/er in fünf oder zehn Jahren sein wird, oder?

Das, was unsere größte Belastung und der ausschlaggebendste Teil des Begriffs „Störung“ ist, ist das Gewalttrauma. Unsere Biographie, das Entsetzen, der Schmerz, das Vernichtungsgefühl, die zermürbende Existenzangst- das, was sich so schwer „als Ganzes integrieren lässt“. Das, wofür es in unserem heutigen Leben wenig Raum, wenig Gehör, wenig Hilfe gibt; das, was wir allermeistens verschweigen, obwohl es da war und da ist- weil es in die allerwenigsten Gespräche oder Kontakte passt, weil es stets und ständig „den Rahmen sprengt“. Unseren eigenen und den der anderen.

Wenn du ein Mensch bist, der gerade erstmalig mit dem Thema DIS in Berührung gekommen ist, möchten wir dich ermutigen:

Trau dich, Fragen zu stellen. Schau dich um, sammle Informationen an verschiedenen Stellen, bei unterschiedlichen Personen. Gib dich nicht sofort mit der ersten und einzigen (lautesten, plausibelsten, einfachsten, bequemsten, sympathischsten) Antwort zufrieden, sondern bleib wach, flexibel und neugierig!

Es ist okay, dich ins Thema „reinzunerden“ (zu vertiefen) und es ist okay, es wieder beseite zu legen. Wenn du Retter*innen- oder Rächer*innen-Impulse in dir wahrnimmst, geh auf die Bremse und atme mal durch: Welche Rolle hast du tatsächlich- und welches vielleicht unpassende Bild hast du von Betroffenen entwickelt? Willst du dich irgendwie „für Betroffene engagieren“? Falls ja: Was ist für dich in deinem Leben, mit deinen Kapazitäten, deinen Prioritäten realistisch- und wie konsequent kannst/willst du dabei sein? Hilflosigkeit auszuhalten ist eine schwierige Sache, und manchmal verfällt man lieber in wilden Aktionismus, als sich hilflos, klein, unsicher zu fühlen- und tut dabei Dinge, die letztlich keinem (oder den falschen) helfen.

Danke, dass du (etwas) wissen willst.

in Verbundenheit sein

Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Der Blog liegt recht ruhig inmitten der hochschlagenden Wogen des Internets. Manche unserer Texte der letzten Jahre sind hier stabil eingebettet, werden immer mal wieder aufgerufen und manchmal sogar noch kommentiert. Neuen „content“ produzieren wir nicht in der Schlagkraft, wie es z.B. auf social media üblich ist. Es fühlt sich ein bisschen an wie mit unserem Buch, das eben Bestand hat, aber gleichzeitig auch in Vergessenheit gerät, weil wir es nicht permanent in die Sichtbarkeit pushen. Wir halten beim digitalen Tempo nicht mit. Völlig okay.

Schon seit Tagen kaue ich an Worten herum, die ich gerade hierlassen will. Ich möchte einen ermutigenden Text schreiben, für jene, die derzeit besonders kämpfen oder jene, die das nicht (mehr) können. Ich möchte eine virtuelle Umarmung versprachlichen. Es ist nichts Neues, dass viele Betroffene mit verschiedenen Daten im Jahr besondere Schwierigkeiten haben- und zwar nicht nur jene, die organisierte Gewalt in religiösen, spirituellen, faschistischen o.a. Kontexten erlebt haben. „Feiertage“ können alte Bindungen reaktivieren und familiäre Verstrickungen besonders riskant werden lassen- auch wenn es keinen „rituellen“ Zusammenhang gibt/gab.

Aber ich weiß nicht, wo und wie ich anfangen soll. Es passiert so viel in der Welt, in einem so hohen Tempo und mit so dramatischen Auswirkungen auch auf Überlebende (organisierter) sexualisierter Gewalt, dass ich ratlos vor der Tastatur sitze und denke: „Es sagen doch schon so Viele so viel. Es ist doch überall schon so laut. Es geht um Wut und Empörung und Fassungslosigkeit, um Kraft und Konsequenzen und Verantwortung und Kampf. Mir ist vielmehr nach Schweigen.“

Und dann merke ich, dass ich schon angefangen habe.

Verbundenheit zeigt sich oft besonders auch in der Stille. Im Dasein und Präsentbleiben. In den Momenten, in denen eine Hand gereicht wird, eine wortlose Umarmung stattfindet oder Tränen laufen dürfen. Es ist die gemeinsame Tasse Tee oder die Cola, der kurze Spaziergang, die Postkarte, das gedachte, gemalte, gestreichelte „Ich denk an dich!“ oder „Ich spüre, dass es gerade schwer für dich ist“.

Ich weiß genau, dass man in schweren Zeiten häufig auch alleine ist. Dass man nicht nur zu wenig professionelle Hilfe erhält, sondern auch im privaten Umfeld oft kein „soziales Netz“ hat, wie man es sich vielleicht wünschen würde oder es gut wäre. Betroffene sind meist Expert*innen darin, sich alleine durch Krisenzeiten zu bewegen. Verbundenheit im Außen ist dann manchmal leider kein Thema- aber eben speziell Verbundenheit im Innern. Und auch da können einerseits kraftvolles Aufbegehren, Kampfmodus und Widerstandskraft vonnöten und wichtig sein, andererseits aber eben auch das „stille Beistehen“.

Ich weiß selbst, wie hilfreich es sein kann, zu hören und zu fühlen, dass „es okay ist“. Deshalb möchte ich folgendes in diesen digitalen Raum geben, mit dem Wunsch, es möge dort andocken, wo es gebraucht und gewollt ist:

Es ist okay, wenn du keine Kapazitäten dafür hast, laut zu werden, zu demonstrieren, zu (wider)sprechen, dich einer Betroffeneninitiative anzuschließen, o.a. Es ist okay, wenn du keine Nachrichten schaust oder liest, wenn du dich nicht mit den Angelegenheiten anderer Menschen befasst. Es ist okay, wenn du dich auf dich fokussierst, dich schützt und schonst. Du musst weder hart, noch tapfer, noch stabil, noch hoffnungsvoll sein- für niemanden!

Es ist okay, wenn du dich wütend, traurig oder resigniert fühlst, weil dir so viel Unrecht widerfahren ist und widerfährt. Nichts davon muss an dir abprallen, nichts davon muss abgehakt werden, weil es „eben so ist“ oder „immer schon so war“. Es ist okay, dass es dir etwas ausmacht, wenn merkst, dass du dich einsam fühlst und dir Unterstützung fehlt.

Und es ist okay, wenn Vieles gleichzeitig in dir wahrnehmbar ist: Freude an Alltagsdingen, Erholungsmomente, Hoffnung, Ablenkung, Stärkung, Selbstfürsorge- und daneben/dazwischen auch Zusammenbruch, Flucht, Überforderung, Dissoziation, Isolation, u.a. Das Eine hebt das Andere nicht auf, es ist alles darin wahr und echt. Eine Krisenzeit kann sich als solche deutlich zeigen, oder eben auch hinter einer robusten Fassade versteckt sein. Und sie kann schwanken und dauern: Nichts bleibt 24 Stunden vollkommen gleich. Und: Nur, weil man zwei Tage hintereinander verhältnismäßig viel gelacht hat, muss das am dritten Tag nicht automatisch genauso sein- und sollte auch nicht erwartet werden. Aufmerksam zu bleiben für das, was innen und außen passiert und wahrnehmbar ist, sich dafür bewusst Frei-Zeit zu schaffen- das ist nicht nur okay, sondern ausdrücklich lebensnotwendig.

Erst das Schweigen ermöglicht manchmal das so wichtige Fühlen. Innehalten und das da sein lassen, was eben da ist -vielleicht auch sehr weiten „hinten“ oder „innen“-, sich erlauben, dass da ein Leid, ein Schmerz, eine Trauer, eine Angst Raum bekommt, ohne Anspruch, damit etwas „tun“ zu müssen- das empfinden wir als sehr wertvoll. Das, was früher furchtbar „weh“ getan hat, aber nicht so gespürt werden durfte/konnte, braucht heute eine Anerkennung. Irgendwie geht´s um „nachträglich fühlen dürfen“, denke ich. Ich kenne es von uns, dass es eine große, tiefgreifende Anstrengung und Erschöpfung bedeutet, Emotionen zu vergangenen Erlebnisse zu unterdrücken oder zu verhindern. Sich selbst und im Außen zu beweisen, dass man „es“ hinter sich gelassen hat, dass „es“ heute nicht mehr so schlimm ist, dass man „es“ eben „überlebt“ hat, usw.- das ist so ein unbeschreiblicher chronischer, psychischer und körperlicher Stress… Der auch eine „emotionale Verarbeitung“ verunmöglicht.

Deshalb noch mal: Es ist okay, zu fühlen! Alles!

Ich wünsche allen Betroffenen Menschen in ihrem Umfeld, die es aushalten, auch im Schweigen an ihrer Seite zu sein und zu bleiben.

In Verbundenheit!

Frauenstreik: Wenn es mal reicht

Professionelle, berufliche, ehrenamtliche und auch private Unterstützung zu leisten, weil Menschen mit vielfältigen Traumafolgen nach Gewalterfahrungen nicht alleingelassen werden sollen und dürfen:

Dazu braucht es persönliches Engagement, Kraft, Herz, Kopf UND eine jeweilige Basis!

Und zu dieser gehören finanzielle Absicherung, Zeit, Schutzräume, Kapazitäten zur Vernetzung, Psychohygiene, Zugang zu Wissen und Informationen, usw.

Beratungsstellen, feministische Projekte, parteiliche Frauen*- und Mädchen*arbeit, Peer-to-Peer-Angebote, u.a. kämpfen immer wieder um Förderungen und Support- und verlieren viel zu oft, weil sie nicht zu politischen Prioritäten zählen.

Männer* hinterlassen diverse Trümmerhaufen, Frauen* kümmern sich darum und werden währenddessen noch weiter angegriffen, weil sie Hilfsmittel, Sicherheit, Zeit, Entschädigung, u.a. fordern: Es gibt tausend gute Gründe, jeden Tag irgendwo zu streiken und die „Umstânde“ zu bewüten.

Stattdessen machen wir* immer wieder weiter.

Weil’s sonst keiner macht.

Bis es mal reicht.

Über (Un-)Recht und Gerechtigkeit

Wie hätte es sich für uns wohl angefühlt, wenn das Strafverfahren gegen Täter*innen mit ihrer Verurteilung geendet hätte? Heute, mit Blick zurück, ordnen wir das, was wir im Ermittlungsverfahren erlebt haben, aus unserer Perspektive als „juristisches Unrecht“ ein: Die Gewalt, die Menschen uns angetan haben, war laut Gesetz verboten. Wir haben das der zuständigen Instanz (Polizei/Justiz) gemeldet. Konsequenzen sind jedoch ausgeblieben: Eine Strafe für das verbotene Handeln gab es nicht. Die Begründung dafür war der Mangel an gerichtsverwertbaren Beweisen. Es hätte auch anders kommen können, aber damals war es eben so, wie es war. Wenn wir inzwischen auf dieses Verfahren schauen, regt sich in uns immer weniger Wut oder Schmerz. Sexualisierte Gewaltdelikte werden immer noch (und wohl auch weiterhin) selten angezeigt und noch viel seltener werden Täter und Täterinnen verurteilt. „Warum?“ fragen wir uns in dem Zusammenhang schon lange nicht mehr. Die Logik, die dieses juristische und gesellschaftliche Gewaltsystem innehat, ist für uns deutlich und begreifbar. Es trägt sich selbst.

Ich kann verstehen, was es braucht, um soziale „Gerechtigkeit“ zu gewährleisten und inwiefern eine Gesellschaft etwas davon hat, dies zu verhindern. Mir ist zudem klar, dass juristisches Recht eigene Gesetzmäßigkeiten aufweist und dementsprechend nichts mit „Fairness“ oder „Richtigkeit“ zu tun hat. Für uns ist es bekannte Lebensrealität, dass andere Menschen über uns hinweg definieren, was uns (nicht) zusteht, was wir (nicht) brauchen oder welchen (sozialen) Status wir (nicht) haben. Wir müssen uns immer wieder etwas erarbeiten, erkämpfen, erstreiten- und zwar weil wir bestimmte Attribute aufweisen, die „Gerechtigkeit“ schwerer erreichbar machen: Behinderung, Geschlecht, Armut, Queerness, Krankheit… Das Eine bedingt das Andere.

Wie würde es sich anfühlen, wenn die Täter*innen von damals im Gefängnis sitzen würden? Ich denke, es wäre an einer Stelle etwas „ruhiger“ im Innern: Nämlich dort, wo das Wissen wohnt, dass (manche) Menschen Gewalt ausüben, wo sie können und solange man sie lässt. Ein eingeschränkter Bewegungsradius durch eine geschlossene Unterbringung kann dazu führen, dass vulnerable Gruppen (z.B. Kinder) zumindest vor diesen Personen besser geschützt sind. Wäre diese Möglichkeit gegeben, könnte in unserem Innern vielleicht etwas mehr Aufatmen passieren.

Dass anderen Menschen weiterhin Gewalt durch Täter und Täterinnen angetan wird, die auch uns Gewalt angetan haben- und niemand verhindert dies, auch nicht Institutionen, die per Gesetz dafür zuständig sind- prägt nicht nur das Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit, sondern auch den Mangel an (Grund-)Vertrauen in die Gesellschaft, das „System“, die Menschheit.

„Gerechtigkeit für die Opfer/Betroffenen“ bedeutet unserer Erfahrung nach nicht vorrangig juristisches Recht im Sinne von Sanktionen für die Täter und Täterinnen.

Für uns (!) gibt es gar kein „Gerechtigkeitsempfinden“ im Zusammenhang mit unseren Gewalterlebnissen: Was soll sich denn an einer „Höchststrafe“ überhaupt „gerecht“ anfühlen? Das, was uns und anderen angetan wurde, ist nicht „vergeltbar“.

Wenn es darum geht, auf Gewalt und ihre Folgen zu reagieren, dann ist die Täterverfolgung nur die eine Seite. Die andere ist die, auf der Betroffene immer wieder alleingelassen werden: Opferschutz bedeutet nämlich nicht nur die Unterbrechung und Verhinderung von Übergriffen, sondern auch die Sicherung der weiteren Versorgung. Gewaltfolgen können so unterschiedlich und so komplex aussehen und viele Aspekte des Lebens betreffen. Wenn Betroffene damit unversorgt, ungeschützt, diskriminiert und exkludiert zurückgelassen werden, kann gar kein Hauch von „Gerechtigkeitsempfinden“ enstehen- auch dann nicht, wenn Täter*innen verurteilt werden würden. „Hauptsache, sie sitzen im Knast und kommen nie wieder raus!“ ist ein Gedanke, der die Bedürfnisse der Opfer vernachlässigt: Eine Verurteilung zaubert nämlich nicht gleichzeitig Therapieplätze, finanzielle Unterstützung, Teilhabemöglichkeiten, Hilfsmittel, Wohnraum, berufliche Integration, medizinische Versorgung, Rechtsschutz o.a. herbei!

Der Fokus auf die Ergreifung und Sanktionierung der Täter*innen bringt viel Wirbel, Energie, Populismus mit sich- was übrigens gerne auch von rechten Gruppen/Parteien/Personen für ihre Zwecke genutzt wird. „Kinderschutz“ schreiben sich Rassisten und Rassistinnen gerne auf ihre (Deutschland)Flaggen, kotzen Verschwörungserzählungen in Kameras, Mikrophone und Chats- und fordern „Gerechtigkeit“. Sie machen sich das Leid der Betroffenen zunutze, beuten sie aus- und stilisieren sich gleichzeitig als Retter*innen. Und dann gibt´s noch jene Menschen, die in all dem kein Problem sehen und meinen, man müsse mit allen über alles sprechen. Das Eine macht uns vor allem wütend, das Andere besonders fassungslos.

(Un-)Recht und Gerechtigkeit sind Begriffe, die sich manchmal hohl anfühlen. Wie an diversen anderen Stellen auch müssen sich auch hier wieder die Betroffenen die Defintionsmacht erkämpfen: Was wollen wir? Was ist für uns gut und hilfreich im Umgang mit unseren Gewalterfahrungen? Wo und wie wollen wir gesehen und anerkannt werden? Was fordern wir?

Was ist für uns RICHTIG?

Um wen es geht.

…und immer wieder weiß, begreife und bewüte ich die Tatsache, dass Betroffene wie wir gut überlegen müssen, welche Täter*innen (öffentlich) benannt werden können und welche nicht.

Für unsereins hängt mehr dran, als ein „Karriere-Aus“.

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