Was wir auf DIS-Fragen antworten (können)

„Was ist eigentlich eine Dissoziative Identitätsstörung? Wie kann ich mir das konkret vorstellen? Woher kommt sowas? Wo finde ich hilfreiche Infos dazu? Und was ist wichtig zu beachten, wenn ich mit Betroffenen in Kontakt bin?“

Wenn uns diese Fragen gestellt werden, ist die erste Antwort, die uns auf der Zunge liegt: „Bitte informiere dich auf gar keinen Fall ausschließlich auf social media!“

Menschen kommen aus verschiedenen Gründen mit dem Thema „DIS“ in Kontakt: Vielleicht hat man irgendwo irgendwas aufgeschnappt, etwas dazu in einem Film gesehen, den Begriff zufällig gelesen, o.a. Vielleicht begegnet einem auch im privaten oder beruflichen Kontext ein*e Betroffene*r oder ein*e direkte*r Angehörige*r- und man möchte mehr wissen und verstehen.

Was ist eine DIS? Wir sehen das so:

Eine Dissoziative Identitätsstörung ist eine Folge langjähriger, massiver Gewalterfahrungen ab früher Kindheit. Wenn Gewalt in ihren verschiedenen Formen und Ausprägungen ein Kind überflutet und kein äußerer Ausweg vorhanden ist (also keine Flucht, kein Kampf, kein Schutz), findet im Gehirn eine natürliche Anpassungsreaktion statt, die sich Dissoziation nennt. Das, was zu viel, zu schlimm, zu groß, zu unfassbar ist, wird innerlich „abgetrennt“, bzw. nicht integriert. Es verschwimmt, vernebelt, gehört gar nicht mehr zu einem selbst, wird vergessen. Dissoziation ist ein Mechanismus, der in allen Menschen abläuft, auch in undramatischen Alltagssituationen: Man rückt ein Stückchen von sich selbst ab, die Wahrnehmungskanäle machen dicht(er), irgendwie wabert „es“ ein bisschen vor sich hin, es gibt eine mehr oder weniger große „Lücke“ in der Erinnerung/Empfindung- und nichts daran muss pathologisch oder belastend sein. Das wird es erst, wenn die Dissoziation ein Eigenleben führt, dem sich der betroffene Mensch hilflos ausgeliefert fühlt.

Ein Kind, das immer wieder dissoziieren muss, um Gewalt zu überleben, hat keine Chance, ein konstantes Ich-Empfinden oder Identitätssicherheit zu entwickeln. Das, was von außen überflutet, muss irgendwie innen kompensiert werden- und die Innenwahrnehmung muss immer wieder sehr reduziert oder ganz abgeschaltet werden. Es gibt also im Innern lauter Einzelteilchen von Eindrücken, und die setzen sich nicht zu einem Ganzen zusammen, wie es unter gewaltfreien Umständen passieren würde, sondern sie bleiben separiert.

Die Identität, also die Selbstwahrnehmung, ist dann brüchig. Da kann was nicht rund und miteinander verbunden sein, wenn Dissoziation immer wieder aufs Neue notwendig ist- und daraus eben eine Struktur wird. Eine Dissoziative Identitätsstörung ist also eine strukturelle Anpassungsleistung.

Es gibt bestimmte Diagnosekriterien, die zu einer DIS gehören. Aber nicht jede DIS zeigt sich gleich. Dissoziative Symptome können eine große Bandbreite haben. Manche Menschen kennen es, zeitweise sich selbst oder ihre Umgebung als „nicht echt“, weit weg, besonders groß/klein, laut/leise, u.a. wahrzunehmen. Manche Menschen kennen es, sich plötzlich an einem anderen Ort wiederzufinden, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen sind (und warum). Manche Menschen kennen es, regelmäßig „Zeit zu verlieren“, Amnesien zu haben- währenddessen aber mit anderen Persönlichkeitsanteilen aktiv zu sein, ohne sich daran erinnern zu können. Das „innere Getrenntsein“ kann unterschiedliche Ausprägungen haben- zu einer DIS gehört jedoch immer (laut Diagnosehandbuch) das Vorhandensein von zwei oder mehr Persönlichkeitsanteilen. Diese unterscheiden sich in Erleben, Wahrnehmung, Denken und Körperbezug und übernehmen wiederholt die Kontrolle über Bewusstsein und Verhalten.

Das wäre unsere einigermaßen sachliche Definition einer DIS, die wir als Antwort geben würden, wenn uns jemand ohne Vorwissen danach fragen würde. Andere Leute würden anders antworten, klar.

Wenn wir inhaltlich weiter nach der DIS gefragt werden, erzählen wir vor allem aus eigener Perspektive. Wir sind keine Wissenschaftler*innen und haben nur sehr wenige Fachbücher/-artikel gelesen. Uns geht es darum, im Gespräch mit dem Gegenüber eine Verbindung herzustellen oder zu stärken, nicht darum, einen Fachvortrag zu halten. Wir können weder den aktuellen Stand der Forschung wiedergeben, noch Empfehlungen für vertiefende Fachliteratur aussprechen. Das, was wir können, ist persönlich und alltagsnah. Wir vermitteln unser eigenes Verständnis und unsere Haltung(en)- und das mag für manche nachvollziehbar und stimmig sein, für andere auch unpassend oder wissenschaftlich nicht korrekt.

Wir können darüber sprechen, welche Auswirkungen unsere DIS in unserem Leben, unserem Alltag hatte und hat. Wir können beschreiben, welche Unterschiedlichkeiten es in unserem System gibt, was uns innen getrennt hält und was uns verbindet. Wir können mit verschiedenen Anteilen im Kontakt nach außen sein und dabei erkennbar oder auch verdeckt agieren. Wie viel unser Gegenüber von unserer DIS mitbekommt, hat mit mehreren Aspekten zu tun: Vertrauensverhältnis, Tagesform, Empathie, Aufmerksamkeit, Geduld, Kontext, Belastungsgrad, etc. Über all das kann kommuniziert werden, wenn der Kontakt passt und beide Seiten das wollen, erfragen und aushalten.

Die persönliche Begegnung ist das, was es am ehesten ermöglicht, Verständnis und Verstehen zu entwickeln. Das braucht natürlich bei allen Mut, Offenheit und auch Neugier. Wenn wir einen Menschen kennenlernen wollen, müssen wir uns auf seine Art zu sein, zu denken, zu fühlen einlassen. Müssen uns auf sein Selbstkonzept einlassen, auch wenn es uns (erst mal) fremd ist. Für uns gilt das für jeden Menschen, ganz egal, ob mit oder ohne psychiatrische oder sonstige Diagnose. Wenn wir erfahren, dass der Mensch ein bestimmtes Thema mitbringt, mit dem wir uns noch unsicher fühlen, weil wir darüber zu wenig wissen, dann können wir schauen, ob es dazu was zu lesen gibt, oder woher wir uns eben sonst noch Infos holen können- und wir fragen den Menschen eben selbst, wenn das für ihn okay ist. So wünschen wir uns das auch im Kontakt mit uns.

In einer Freundschaft, Partnerschaft, Beziehung spielt die DIS eine Rolle. So wie andere Eigenschaften, Merkmale, „specials“, Bedürfnisse, Einschränkungen o.a. eben auch. Nur weil man so eine „Identitätsstruktur“ mitbringt, bedeutet das jedoch nicht automatisch, dass massivste Beeinträchtigungen und Hilfebedarf in einem Kontakt permanent eine Rolle spielen. Und gleichermaßen bedeutet es eben auch nicht, dass man der/die Superheld*in ist, der/die alle Belastungen und Herausforderungen auf magische Weise wegsteckt, weil strukturelle Dissoziation so wunderbar etabliert wurde. DIS kann für alle, die damit konfrontiert sind, anstrengend, belastend, überfordernd und auch spannend, berührend, belebend oder auch irgendwie „ganz normal“ sein.

Im Leben mit unterschiedlichen Persönlichkeiten unterwegs zu sein, empfinden wir nicht als unser größtes Problem. Von der Einen zum Anderen zu wechseln ist etwas, was im Laufe der Zeit fließender stattfinden kann, weniger sichtbar, weniger radikal- manchmal auch ohne Zeitverlust. Vielleicht hört es irgendwann auch ganz auf, weil wir integrative, innere Prozesse durchlaufen haben. Vielleicht fühlt es sich irgendwann stimmiger an, nur noch „ich“ zu sagen, statt „wir“. Vielleicht auch nicht. Vielleicht bleiben wir bis an unser Lebensende „Viele“. Wir entwickeln uns, so wie alle anderen Menschen eben auch- und niemand kann sagen, wie (oder wer?)  sie/er in fünf oder zehn Jahren sein wird, oder?

Das, was unsere größte Belastung und der ausschlaggebendste Teil des Begriffs „Störung“ ist, ist das Gewalttrauma. Unsere Biographie, das Entsetzen, der Schmerz, das Vernichtungsgefühl, die zermürbende Existenzangst- das, was sich so schwer „als Ganzes integrieren lässt“. Das, wofür es in unserem heutigen Leben wenig Raum, wenig Gehör, wenig Hilfe gibt; das, was wir allermeistens verschweigen, obwohl es da war und da ist- weil es in die allerwenigsten Gespräche oder Kontakte passt, weil es stets und ständig „den Rahmen sprengt“. Unseren eigenen und den der anderen.

Wenn du ein Mensch bist, der gerade erstmalig mit dem Thema DIS in Berührung gekommen ist, möchten wir dich ermutigen:

Trau dich, Fragen zu stellen. Schau dich um, sammle Informationen an verschiedenen Stellen, bei unterschiedlichen Personen. Gib dich nicht sofort mit der ersten und einzigen (lautesten, plausibelsten, einfachsten, bequemsten, sympathischsten) Antwort zufrieden, sondern bleib wach, flexibel und neugierig!

Es ist okay, dich ins Thema „reinzunerden“ (zu vertiefen) und es ist okay, es wieder beseite zu legen. Wenn du Retter*innen- oder Rächer*innen-Impulse in dir wahrnimmst, geh auf die Bremse und atme mal durch: Welche Rolle hast du tatsächlich- und welches vielleicht unpassende Bild hast du von Betroffenen entwickelt? Willst du dich irgendwie „für Betroffene engagieren“? Falls ja: Was ist für dich in deinem Leben, mit deinen Kapazitäten, deinen Prioritäten realistisch- und wie konsequent kannst/willst du dabei sein? Hilflosigkeit auszuhalten ist eine schwierige Sache, und manchmal verfällt man lieber in wilden Aktionismus, als sich hilflos, klein, unsicher zu fühlen- und tut dabei Dinge, die letztlich keinem (oder den falschen) helfen.

Danke, dass du (etwas) wissen willst.

in Verbundenheit sein

Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Der Blog liegt recht ruhig inmitten der hochschlagenden Wogen des Internets. Manche unserer Texte der letzten Jahre sind hier stabil eingebettet, werden immer mal wieder aufgerufen und manchmal sogar noch kommentiert. Neuen „content“ produzieren wir nicht in der Schlagkraft, wie es z.B. auf social media üblich ist. Es fühlt sich ein bisschen an wie mit unserem Buch, das eben Bestand hat, aber gleichzeitig auch in Vergessenheit gerät, weil wir es nicht permanent in die Sichtbarkeit pushen. Wir halten beim digitalen Tempo nicht mit. Völlig okay.

Schon seit Tagen kaue ich an Worten herum, die ich gerade hierlassen will. Ich möchte einen ermutigenden Text schreiben, für jene, die derzeit besonders kämpfen oder jene, die das nicht (mehr) können. Ich möchte eine virtuelle Umarmung versprachlichen. Es ist nichts Neues, dass viele Betroffene mit verschiedenen Daten im Jahr besondere Schwierigkeiten haben- und zwar nicht nur jene, die organisierte Gewalt in religiösen, spirituellen, faschistischen o.a. Kontexten erlebt haben. „Feiertage“ können alte Bindungen reaktivieren und familiäre Verstrickungen besonders riskant werden lassen- auch wenn es keinen „rituellen“ Zusammenhang gibt/gab.

Aber ich weiß nicht, wo und wie ich anfangen soll. Es passiert so viel in der Welt, in einem so hohen Tempo und mit so dramatischen Auswirkungen auch auf Überlebende (organisierter) sexualisierter Gewalt, dass ich ratlos vor der Tastatur sitze und denke: „Es sagen doch schon so Viele so viel. Es ist doch überall schon so laut. Es geht um Wut und Empörung und Fassungslosigkeit, um Kraft und Konsequenzen und Verantwortung und Kampf. Mir ist vielmehr nach Schweigen.“

Und dann merke ich, dass ich schon angefangen habe.

Verbundenheit zeigt sich oft besonders auch in der Stille. Im Dasein und Präsentbleiben. In den Momenten, in denen eine Hand gereicht wird, eine wortlose Umarmung stattfindet oder Tränen laufen dürfen. Es ist die gemeinsame Tasse Tee oder die Cola, der kurze Spaziergang, die Postkarte, das gedachte, gemalte, gestreichelte „Ich denk an dich!“ oder „Ich spüre, dass es gerade schwer für dich ist“.

Ich weiß genau, dass man in schweren Zeiten häufig auch alleine ist. Dass man nicht nur zu wenig professionelle Hilfe erhält, sondern auch im privaten Umfeld oft kein „soziales Netz“ hat, wie man es sich vielleicht wünschen würde oder es gut wäre. Betroffene sind meist Expert*innen darin, sich alleine durch Krisenzeiten zu bewegen. Verbundenheit im Außen ist dann manchmal leider kein Thema- aber eben speziell Verbundenheit im Innern. Und auch da können einerseits kraftvolles Aufbegehren, Kampfmodus und Widerstandskraft vonnöten und wichtig sein, andererseits aber eben auch das „stille Beistehen“.

Ich weiß selbst, wie hilfreich es sein kann, zu hören und zu fühlen, dass „es okay ist“. Deshalb möchte ich folgendes in diesen digitalen Raum geben, mit dem Wunsch, es möge dort andocken, wo es gebraucht und gewollt ist:

Es ist okay, wenn du keine Kapazitäten dafür hast, laut zu werden, zu demonstrieren, zu (wider)sprechen, dich einer Betroffeneninitiative anzuschließen, o.a. Es ist okay, wenn du keine Nachrichten schaust oder liest, wenn du dich nicht mit den Angelegenheiten anderer Menschen befasst. Es ist okay, wenn du dich auf dich fokussierst, dich schützt und schonst. Du musst weder hart, noch tapfer, noch stabil, noch hoffnungsvoll sein- für niemanden!

Es ist okay, wenn du dich wütend, traurig oder resigniert fühlst, weil dir so viel Unrecht widerfahren ist und widerfährt. Nichts davon muss an dir abprallen, nichts davon muss abgehakt werden, weil es „eben so ist“ oder „immer schon so war“. Es ist okay, dass es dir etwas ausmacht, wenn merkst, dass du dich einsam fühlst und dir Unterstützung fehlt.

Und es ist okay, wenn Vieles gleichzeitig in dir wahrnehmbar ist: Freude an Alltagsdingen, Erholungsmomente, Hoffnung, Ablenkung, Stärkung, Selbstfürsorge- und daneben/dazwischen auch Zusammenbruch, Flucht, Überforderung, Dissoziation, Isolation, u.a. Das Eine hebt das Andere nicht auf, es ist alles darin wahr und echt. Eine Krisenzeit kann sich als solche deutlich zeigen, oder eben auch hinter einer robusten Fassade versteckt sein. Und sie kann schwanken und dauern: Nichts bleibt 24 Stunden vollkommen gleich. Und: Nur, weil man zwei Tage hintereinander verhältnismäßig viel gelacht hat, muss das am dritten Tag nicht automatisch genauso sein- und sollte auch nicht erwartet werden. Aufmerksam zu bleiben für das, was innen und außen passiert und wahrnehmbar ist, sich dafür bewusst Frei-Zeit zu schaffen- das ist nicht nur okay, sondern ausdrücklich lebensnotwendig.

Erst das Schweigen ermöglicht manchmal das so wichtige Fühlen. Innehalten und das da sein lassen, was eben da ist -vielleicht auch sehr weiten „hinten“ oder „innen“-, sich erlauben, dass da ein Leid, ein Schmerz, eine Trauer, eine Angst Raum bekommt, ohne Anspruch, damit etwas „tun“ zu müssen- das empfinden wir als sehr wertvoll. Das, was früher furchtbar „weh“ getan hat, aber nicht so gespürt werden durfte/konnte, braucht heute eine Anerkennung. Irgendwie geht´s um „nachträglich fühlen dürfen“, denke ich. Ich kenne es von uns, dass es eine große, tiefgreifende Anstrengung und Erschöpfung bedeutet, Emotionen zu vergangenen Erlebnisse zu unterdrücken oder zu verhindern. Sich selbst und im Außen zu beweisen, dass man „es“ hinter sich gelassen hat, dass „es“ heute nicht mehr so schlimm ist, dass man „es“ eben „überlebt“ hat, usw.- das ist so ein unbeschreiblicher chronischer, psychischer und körperlicher Stress… Der auch eine „emotionale Verarbeitung“ verunmöglicht.

Deshalb noch mal: Es ist okay, zu fühlen! Alles!

Ich wünsche allen Betroffenen Menschen in ihrem Umfeld, die es aushalten, auch im Schweigen an ihrer Seite zu sein und zu bleiben.

In Verbundenheit!

Frauenstreik: Wenn es mal reicht

Professionelle, berufliche, ehrenamtliche und auch private Unterstützung zu leisten, weil Menschen mit vielfältigen Traumafolgen nach Gewalterfahrungen nicht alleingelassen werden sollen und dürfen:

Dazu braucht es persönliches Engagement, Kraft, Herz, Kopf UND eine jeweilige Basis!

Und zu dieser gehören finanzielle Absicherung, Zeit, Schutzräume, Kapazitäten zur Vernetzung, Psychohygiene, Zugang zu Wissen und Informationen, usw.

Beratungsstellen, feministische Projekte, parteiliche Frauen*- und Mädchen*arbeit, Peer-to-Peer-Angebote, u.a. kämpfen immer wieder um Förderungen und Support- und verlieren viel zu oft, weil sie nicht zu politischen Prioritäten zählen.

Männer* hinterlassen diverse Trümmerhaufen, Frauen* kümmern sich darum und werden währenddessen noch weiter angegriffen, weil sie Hilfsmittel, Sicherheit, Zeit, Entschädigung, u.a. fordern: Es gibt tausend gute Gründe, jeden Tag irgendwo zu streiken und die „Umstânde“ zu bewüten.

Stattdessen machen wir* immer wieder weiter.

Weil’s sonst keiner macht.

Bis es mal reicht.

Über (Un-)Recht und Gerechtigkeit

Wie hätte es sich für uns wohl angefühlt, wenn das Strafverfahren gegen Täter*innen mit ihrer Verurteilung geendet hätte? Heute, mit Blick zurück, ordnen wir das, was wir im Ermittlungsverfahren erlebt haben, aus unserer Perspektive als „juristisches Unrecht“ ein: Die Gewalt, die Menschen uns angetan haben, war laut Gesetz verboten. Wir haben das der zuständigen Instanz (Polizei/Justiz) gemeldet. Konsequenzen sind jedoch ausgeblieben: Eine Strafe für das verbotene Handeln gab es nicht. Die Begründung dafür war der Mangel an gerichtsverwertbaren Beweisen. Es hätte auch anders kommen können, aber damals war es eben so, wie es war. Wenn wir inzwischen auf dieses Verfahren schauen, regt sich in uns immer weniger Wut oder Schmerz. Sexualisierte Gewaltdelikte werden immer noch (und wohl auch weiterhin) selten angezeigt und noch viel seltener werden Täter und Täterinnen verurteilt. „Warum?“ fragen wir uns in dem Zusammenhang schon lange nicht mehr. Die Logik, die dieses juristische und gesellschaftliche Gewaltsystem innehat, ist für uns deutlich und begreifbar. Es trägt sich selbst.

Ich kann verstehen, was es braucht, um soziale „Gerechtigkeit“ zu gewährleisten und inwiefern eine Gesellschaft etwas davon hat, dies zu verhindern. Mir ist zudem klar, dass juristisches Recht eigene Gesetzmäßigkeiten aufweist und dementsprechend nichts mit „Fairness“ oder „Richtigkeit“ zu tun hat. Für uns ist es bekannte Lebensrealität, dass andere Menschen über uns hinweg definieren, was uns (nicht) zusteht, was wir (nicht) brauchen oder welchen (sozialen) Status wir (nicht) haben. Wir müssen uns immer wieder etwas erarbeiten, erkämpfen, erstreiten- und zwar weil wir bestimmte Attribute aufweisen, die „Gerechtigkeit“ schwerer erreichbar machen: Behinderung, Geschlecht, Armut, Queerness, Krankheit… Das Eine bedingt das Andere.

Wie würde es sich anfühlen, wenn die Täter*innen von damals im Gefängnis sitzen würden? Ich denke, es wäre an einer Stelle etwas „ruhiger“ im Innern: Nämlich dort, wo das Wissen wohnt, dass (manche) Menschen Gewalt ausüben, wo sie können und solange man sie lässt. Ein eingeschränkter Bewegungsradius durch eine geschlossene Unterbringung kann dazu führen, dass vulnerable Gruppen (z.B. Kinder) zumindest vor diesen Personen besser geschützt sind. Wäre diese Möglichkeit gegeben, könnte in unserem Innern vielleicht etwas mehr Aufatmen passieren.

Dass anderen Menschen weiterhin Gewalt durch Täter und Täterinnen angetan wird, die auch uns Gewalt angetan haben- und niemand verhindert dies, auch nicht Institutionen, die per Gesetz dafür zuständig sind- prägt nicht nur das Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit, sondern auch den Mangel an (Grund-)Vertrauen in die Gesellschaft, das „System“, die Menschheit.

„Gerechtigkeit für die Opfer/Betroffenen“ bedeutet unserer Erfahrung nach nicht vorrangig juristisches Recht im Sinne von Sanktionen für die Täter und Täterinnen.

Für uns (!) gibt es gar kein „Gerechtigkeitsempfinden“ im Zusammenhang mit unseren Gewalterlebnissen: Was soll sich denn an einer „Höchststrafe“ überhaupt „gerecht“ anfühlen? Das, was uns und anderen angetan wurde, ist nicht „vergeltbar“.

Wenn es darum geht, auf Gewalt und ihre Folgen zu reagieren, dann ist die Täterverfolgung nur die eine Seite. Die andere ist die, auf der Betroffene immer wieder alleingelassen werden: Opferschutz bedeutet nämlich nicht nur die Unterbrechung und Verhinderung von Übergriffen, sondern auch die Sicherung der weiteren Versorgung. Gewaltfolgen können so unterschiedlich und so komplex aussehen und viele Aspekte des Lebens betreffen. Wenn Betroffene damit unversorgt, ungeschützt, diskriminiert und exkludiert zurückgelassen werden, kann gar kein Hauch von „Gerechtigkeitsempfinden“ enstehen- auch dann nicht, wenn Täter*innen verurteilt werden würden. „Hauptsache, sie sitzen im Knast und kommen nie wieder raus!“ ist ein Gedanke, der die Bedürfnisse der Opfer vernachlässigt: Eine Verurteilung zaubert nämlich nicht gleichzeitig Therapieplätze, finanzielle Unterstützung, Teilhabemöglichkeiten, Hilfsmittel, Wohnraum, berufliche Integration, medizinische Versorgung, Rechtsschutz o.a. herbei!

Der Fokus auf die Ergreifung und Sanktionierung der Täter*innen bringt viel Wirbel, Energie, Populismus mit sich- was übrigens gerne auch von rechten Gruppen/Parteien/Personen für ihre Zwecke genutzt wird. „Kinderschutz“ schreiben sich Rassisten und Rassistinnen gerne auf ihre (Deutschland)Flaggen, kotzen Verschwörungserzählungen in Kameras, Mikrophone und Chats- und fordern „Gerechtigkeit“. Sie machen sich das Leid der Betroffenen zunutze, beuten sie aus- und stilisieren sich gleichzeitig als Retter*innen. Und dann gibt´s noch jene Menschen, die in all dem kein Problem sehen und meinen, man müsse mit allen über alles sprechen. Das Eine macht uns vor allem wütend, das Andere besonders fassungslos.

(Un-)Recht und Gerechtigkeit sind Begriffe, die sich manchmal hohl anfühlen. Wie an diversen anderen Stellen auch müssen sich auch hier wieder die Betroffenen die Defintionsmacht erkämpfen: Was wollen wir? Was ist für uns gut und hilfreich im Umgang mit unseren Gewalterfahrungen? Wo und wie wollen wir gesehen und anerkannt werden? Was fordern wir?

Was ist für uns RICHTIG?

Um wen es geht.

…und immer wieder weiß, begreife und bewüte ich die Tatsache, dass Betroffene wie wir gut überlegen müssen, welche Täter*innen (öffentlich) benannt werden können und welche nicht.

Für unsereins hängt mehr dran, als ein „Karriere-Aus“.

(Achtung: Das Bild wird häufig nicht in der Blog-Beitragsvorschau angezeigt.)

Hunger

Sie kramte in ihrer kleinen Handtasche herum und wiederholte energisch die Bestellung an den Bäckereiverkäufer: „Geben Sie mir davon 15 Stück!“ Diverse Münzen fielen aus ihrer Hand auf den Tresen. „Ich muss mich eindecken. Der Schneesturm kommt, sagen die Nachrichten. Ich will ja nicht verhungern!“ Der Verkäufer lächelte milde und packte alle Brötchen in eine Papiertüte. „Sie werden schon nicht verhungern. So schnell geht das nicht!“ Die kleine, alte Frau schüttelte vehement den Kopf und verstaute die Tüte in ihrer Handtasche. „Das wissen Sie nicht! Wenn wir hier eingeschneit werden, dann will ich nicht verhungern! Nein, das will ich nicht!“ Sie war inzwischen so laut geworden, dass mehrere vorbeilaufende Menschen in ihre Richtung schauten. Ich betrachtete die Situation und war genervt. Zuvor hatten mich schon Begegnungen mit einigen Hamsterkäufer*innen gestresst, die sich diesmal nicht für anstehende Feiertage bevorrateten, sondern für den Wintereinbruch im Norden, den die Medien zum Teil als „chaotisch“ oder „katastrophal“ prognostizierten. „Menschen werden noch rücksichtsloser und egozentrischer, als sie es eh schon sind, sobald sie Grund zur Annahme bekommen, zu wenig zu haben und andere mehr als sie. Immer diese Panikmacherei!“, dachte ich, während ich die Bäckerei hinter mir zurückließ.

Zu Hause schaute ich dann den Schneeflocken im Garten beim Tanzen zu und schämte mich.

Die alte Frau hatte sicher guten Grund, sich vor dem Verhungern zu fürchten. So wie alle Menschen eben gute Gründe für ihre Ängste haben- auch die, die einen beim Hamsterkauf am Regal mit den Nudeln zur Seite schubsen. Nicht alle kann ich verstehen und meine Empathie hat ihre (auch tagesformabhängigen) Grenzen. Dennoch: Mein Genervtheitsgefühl gegenüber der alten Frau tut mir immer noch leid.

Eine hoch betagte Nachbarin sagte irgendwann mal in einem Gartenzaungespräch: „Die Flüchtlinge von heute haben es ja noch gut! Die haben ja sogar Handys! Wir hatten nichts damals, gar nichts!“ Ich war sprachlos in diesem Moment. Fassungslos darüber, wie sie Kriegsleid verglich. Wie hätte ich darauf reagieren können, außer unsicher mit den Schultern zu zucken und zu murmeln „Ja, das war sicher schlimm damals… Für die flüchtenden Menschen heute ist es auch schlimm…“? Wer wie empfindet und denkt und welche Ursachen das jeweils hat- das hat so viele, vielschichtige Dimensionen, von denen man meistens (erst mal) kaum eine Ahnung hat.

„Ich jedenfalls habe doch überhaupt keine Ahnung, was es bedeutet, bombardiert zu werden und flüchten zu müssen. Oder so.“, dachte ich beschämt beim Betrachten des Gartens.

Ich fühle mich oft so weit weg vom „Trauma“, dass ich nicht bewusst habe, welche Art von „Krieg“ ein Teil meines Lebens war. Ich habe nicht immer einen kognitiven oder gar emotionalen Zugang dazu, dass es auch in meiner Biographie lebensbedrohliche Angriffe, Kälte, Tod, Isolation, Zerstörung und Flucht gab. Erst wenn an irgendeiner Stelle ein Hauch von Erinnerung oder „Aha-Effekt“ spürbar wird, wachen diese Elemente in mir auf. Zum Beispiel, als ich in den letzten Tagen im Schnee spazieren ging und mir Schlittenspuren aufflielen: Zwei Kufenabdrücke, parallel nebeneinander. Es gab eine Gedankenkette im Innern, die ich bis zu einem bestimmten Punkt wahrnehmen konnte: … Holzschlitten, der andere Spuren im Schnee hinterlässt, als ein Plastikschlitten in Form einer tiefliegenden Wanne… wir hatten so eine rote Plastikwanne als Kind… ein Erwachsener zieht uns in diesem Schlitten über eine verschneite Straße… wir waren ca. 3-4 Jahre alt… ein Auto kommt langsam angefahren, gerät ins Rutschen und kollidiert mit uns in unserer Plastikwanne… Schlüsselbeinbruch, Sofa, Kindergarten fällt aus, aber da ist ja noch mehr kaputt?!“ Der Gedanken- und Erinnerungsprozess endete an der Stelle für mich und ging im Innern ohne mich weiter- aber ich hatte einen Zugang zu biographischen Aspekten bekommen: Ein Autounfall, der einen zuvor bereits gewaltgeschädigten Körper (unseren…, meinen…) traf, der zu einem Kind gehörte, das Schnee liebte und sich gleichzeitig vor ihm fürchtete. Aus Gründen.

Erst als diese inneren Bilder beim Spaziergang auftauchten (die zudem nicht neu waren, sondern schon mehrfach erinnert wurden- und mir trotzdem immer wieder innerlich abhanden kommen), fiel mir auf, dass ich „schon seit einiger Zeit seltsame Schmerzen im linken Schulter-Nacken-Bereich“ habe. Der Körper war schon vor mir an dieser Unfallerinnerung dran. Vielleicht als der Schnee so hoch lag, dass die ersten Schlittenspuren sichtbar wurden…

Die alte Frau mit den 15 Brötchen geistert mir immer wieder durch den Kopf. Inzwischen erkenne ich Gedanken und Sätze besser, die sich darauf beziehen: Die Genervtheit und fehlende Empathie im Beobachtungsmoment bekommen ein Gesicht. Eins, das voller Härte und Unnachgiebigkeit betont, dass es keinen Grund zum Jammern gibt. Dass man schon nicht verhungern wird… Dass diese Brotscheibe jetzt reichen muss, sonst gibt´s nämlich gar nix mehr und überhaupt: „In Afrika haben die Kinder gar nichts zu essen! Guck dich mal an!“ Ein Gesicht aus den 80er Jahren, das auf ein Kind herabstarrt, das angeblich alles hat und dennoch hungert. Mich-uns.

Während die Schneeflocken im Garten tanzten und ich mich schämte, tauchten weitere Gesichter im Innern auf, die es mir ermöglichten, weicher zu werden: Ich taute in der Wärme unserer Küche auf, konnte ein paar Tränen fließen lassen und erlaubte mir, etwas zu verstehen:

Für uns ist es kein befürchteter oder vorhergesagter Schneesturm, der die Angst vor dem Verhungern füttert. Und es sind auch keine 15 Brötchen, die diese Angst mildern. Stattdessen zeigen mir die anderen Gesichter innen Ausschnitte aus verschiedenen Situationen in der Gegenwart, in denen ohne Schokolade kein Schlaf möglich ist. Zucker als Beruhigungs- oder vielleicht sogar Sedierungsmittel, weil die Spannung am Abend einfach zu hoch ist- oder weil wir alleine zu Hause sind. Emotionaler Hunger (Einsamkeit, Schmerz, Trauer, Sehnsucht…), kognitiver Hunger (Langeweile, Leere, Unterforderung, Perspektivlosigkeit…), körperlicher Hunger (Essstörung, Ernährungsfehler, Heißhunger-Kreislauf, Anstrengung, Stoffwechsel…)… Das ist für uns ein großes Thema, von dem ich immer wieder weiß, wie bedeutend das für uns ist- sofern ich daran erinnert werde.

Empathie ist ein Inside-Job. Wenn ich kein Mitgefühl mit mir/uns selbst habe, verhärte ich auch im Außen. Wie wichtig meine Mitgefühlstränen und das Weicher-Werden für uns als Gesamtsystem sind, spüre ich noch mal sehr deutlich, während ich diesen Text schreibe. Ein weiteres Gesicht kommt innen näher an mich heran. „Leid vergleichen hilft keinem!“, sagt es mir. Ich denke mehrere Fragezeichen. „Mögliche Antwort. Für´s nächste Gartenzaungespräch mit Omma von nebenan. Statt Sprachlosigkeit.“ Dann ist es schon wieder weg. Ein Hauch von Empörung und Widerstand liegt in der Luft. Ein Ergebnis von innerer Empathie, das hilfreich ist, weil kraftvolle Wut darin liegt.

Bisher bleibt das prognostizierte Schneechaos aus. Und wir sind nicht allein.

Weihnachtswunschgedicht

Ich sag´s dir jetzt, bevor du fragst,

auch wenn du´s gar nicht hören magst:

Spar dir den Schnick und auch den Schnack,

behalt den Weihnachtsglitzerkack!

Lass mich mit Happiness in Ruh´

und klapp die Märchenbücher zu!

Als Christkind oder Weihnachtsmann

strengst du dich nicht genügend an.

Das Barbieschloss, das Kartenspiel,

der kleine Bär, das Playmobil,

die bunten Stifte und die Bücher,

die hübsch verzierten Taschentücher

-all das hast du vorbeigebracht

und wohl nicht weiter nachgedacht,

was diesem Kind noch widerfährt,

wenn sich das Weinglas schließlich leert

und du schon längst verschwunden bist-

du hast dich viel zu schnell verpisst!

Jetzt sitz ich hier und lebe weiter,

-recht häufig sogar ziemlich heiter-

doch wenn die eine Frage kommt

schwillt mir die Halsschlagader prompt:

Was wünschst du dir denn dieses Jahr,

was fändest du denn wunderbar,

was darf nicht fehlen unterm Baum,

was ist dein Konsumententraum?

Ein Kleid, ein Auto oder Geld,

Geschmeide, das vom Himmel fällt,

ewige Jugend, Schönheit, Stil?

„Zum Glück braucht´s meistens gar nicht viel!“,

das sagen die, die´s eh schon haben

und sich am Leid der and´ren laben.

Ein Wunsch, den ich dir sagen kann,

Christkind oder Weihnachtsmann,

der ist für mich und für die Kleine,

um die ich manchmal ziemlich weine,

die mit den Barbies und dem Schmerz,

dem tiefen Loch im Kinderherz:

Bring uns ´nen Platz für Therapie,

alleine finden wir den scheinbar nie.

Du hast uns ja im Stich gelassen,

da kannst du dich jetzt auch befassen

mit dem, was uns nun unterstützt,

mit dem, was uns im Leben nützt.

Ich hab so viele Mails geschrieben,

die leider ohne Antwort blieben,

hab nachgefragt und angerufen,

nahm hohe Praxiseingangsstufen,

hab uns erklärt und gut beschrieben-

der Erfolg ist leider ausgeblieben.

„Warteliste ist schon voll!“,

„Traumafolgen? Nicht so toll!“,

„Bin kein Profi, hab kein´ Platz!“,

manchmal nur im Nebensatz.

Jetzt hast du meinen Wunsch gehört,

ich hab dich damit wohl gestört,

beim Päckchen packen oder singen,

beim „Glitzer unter Leute bringen“,

bei all den „zauberhaften“ Sachen

hast du ´nen großen Job zu machen!

Für dich gibt´s auch `nen kleinen Dank,

dort hinten auf der Fensterbank,

aus Mürbeteig liegt dort ein Herz

-und eine Karte für den Merz:

Als Kanzler feiert er sich sehr

und dir macht er die Arbeit schwer.

Ich hab´ ihm noch viel mehr zu sagen,

lass dich die Karte zu ihm tragen.

Dann warte ich auf´s neue Jahr

und hoffe weiter-

ist ja klar.

Jahreswechsel

Sie stehen zusammen im Schnee und irgendwo zünden die ersten Raketen. Es ist das diffuse Rauschen in ihren Ohren, das sie zuerst bemerkt, nicht der süßliche Alkoholgeruch in seinem Atem. Er hält sie fest im Arm und sagt mit leicht verwaschener Stimme: „Du musst mir nur sagen, wenn ich was falsch gemacht haben. Du weißt doch, mit mir kann man immer reden. Ich muss das nur wissen- ich kann das ja nicht riechen, wenn da was schief gelaufen ist.“ Dann streichelt er ihr über den Rücken und drückt ihr ein Küsschen auf die Wange. Sie lächelt ihn an und sagt: „Ja, klar.“ Das Rauschen lässt dichte Wolken in ihrem Kopf entstehen, während die kleine Schwester sich zwischen sie und den gefühlsduseligen Vater drängt und „Frohes neues Jahr!“ trällert. „Es ist alles gut!“, denkt sie, schluckt seltsamen Tränen hinunter, knuddelt die kleine Schwester und freut sich, wieder zu Hause zu sein.

Ein Jahr zuvor hatte sie Silvester noch mit ihren Mitbewohner*innen aus der Heimgruppe gefeiert. Es war wild, laut, chaotisch und ziemlich schön, das weiß sie noch. Was sie genau gemacht hatten, erinnert sie inzwischen nicht mehr. Und warum sie überhaupt dort war, verschwindet im wiederkehrenden Kopfrauschen. Es war ein Fehler, in diesem Heim überhaupt gelandet zu sein, denkt sie. Ihr Fehler. Sie hätte die Klappe halten sollen, damals in der Erziehungsberatungsstelle und beim Jugendamt. Sie hätte niemals weggehen und die kleine Schwester zu Hause lassen dürfen. Niemand hatte sich darum gekümmert, die Kleine auch irgendwo anders unterzubringen. Und dann gab es irgendwann eine Wiederannäherung, eine Kontaktanbahnung, Wochenendurlaube in der Familie und die Entscheidung, doch wieder nach Hause zurückzukehren. Vom Jugendamt abgesegnet, weil sie gesagt hatte, dass sie ihre Geschichten nur übertrieben habe, um Aufmerksamkeit zu bekommen und es in Wahrheit gar nicht so schlimm gewesen sei.

Wofür es sich lohnt, für eine Lügnerin gehalten zu werden, die Behauptungen über familiäre Schrecklichkeiten aufgestellt und dann wieder zurückgenommen hatte, spürt sie, als ein Schneeball ihren Nacken trifft. Der Kältereiz vertreibt das Kopfrauschen und sie schnappt nach Luft. Dann dreht sie sich um, sieht ihre lachende kleine Schwester und ruft „Na warte!“. Es entsteht eine Bewegung, eine Toberei, ein Raufen und Kichern und das, was war, ist egaler, als sie es sich je hätte vorstellen können. Sie ist froh, dass sie hier sein darf. Dass sie dabei sein darf.

Am Rand stehen die Eltern. Die Mutter hält ein Glas Sekt in der Hand und schaut irgendwohin, milde lächelnd und still. Dass es in ihrem Kopf rauscht, als die Hand ihres Ehemannes ihren Nacken umfasst, weiß niemand. Dass sie ihn gar nicht mehr hört, als er ihr zuflüstert, dass sie ihm nur sagen muss, wenn er etwas falsch macht, denn dann würde er sich ja auch entschuldigen, merkt er nicht. Sie ist woanders.

Als er seine Tochter nach einem Jahr aus der Heimgruppe abholte und ihre wenigen Umzugskartons ins Auto packte, war er mit sich im Reinen. Er trug ihr dieses Jahr voller Stress und Krisen nicht nach, denn sie hatte ihm mehrfach mitgeteilt, dass es ihr leid tue, was sie über ihn erzählt hatte. Er war bereit, ihr zu vergeben und er wusste, dass all dieses Chaos ein Teil einer pubertären Entwicklungsstörung gewesen war. Auch er hatte natürlich seine Macken- das ist ja menschlich. Er war bereit, sich Vorwürfe anzuhören und darüber nachzudenken- es war sogar okay für ihn, um Entschuldigung zu bitten, wenn das dazu beitragen konnte, in seiner Familie wieder Ordnung herzustellen. Aber alles hatte seine Grenzen: „Zu Kreuze kriechen“ würde er niemals, das hatte er auch beim Jugendamt betont, als diese unsäglichen Behauptungen über ihn noch im Raum standen. Und dann hatte die Tochter ja auch das einzig Richtige getan: Sie hatte gestanden, gelogen zu haben. Sie stellte seinen Ruf wieder her. Damit sie wieder mit offenen Armen in der Familie empfangen werden konnte.

„Ich bin ein guter Mensch“, denkt er, während er „seine Mädchen“ beobachtet. Die Kleine sitzt im Schnee, die Große hockt davor und die Andere hält er mit einem Arm fest umschlungen, damit sie nicht umkippt. „Das wird ein gutes, neues Jahr“, sagt er zu sich selbst. „Alle wieder vereint.“

Im Hintergrund bewegen sich Augen aufmerksam über die Szenerie. Jemand erkennt die Gefahr, die über allem schwebt und ahnt, was der Vater denkt und will. Jemand bemerkt die typische, innere Abwesenheit der Mutter und den Verdrängungsmechanismus in der vermeintlichen Unbeschwertheit der Schwester. Als eine Rakete eine blaue Sternenexplosion erzeugt, erhebt sich jemand aus der Hocke nach oben, richtet seinen Blick auf den Vater und fixiert ihn. Einen Moment lang hält sich dieser Augenkontakt, dann löst der Vater plötzlich seine Hand aus dem Nacken seiner Ehefrau und schiebt sie in seine eigene Jackentasche. Seine Füße machen zwei kleine Schrittbewegungen, seine Schultern ziehen sich leicht nach oben. Sein Adamsapfel hebt sich, als er schluckt. Jemand bleibt ruhig stehen und der Vater entdeckt die Mikroexpression um seinen Mund herum, die man „smirking“ nennt, nicht. Ihm ist nicht klar, von wem er gerade beobachtet wird.

„Das wird ein besonderes neues Jahr“, denkt jemand und lässt zu, dass sich der Blick wieder vom Vater abwenden kann.

Sie sind nicht nur wegen der Schwester wieder nach Hause zurückgekehrt.

Beitrag von Hannah Rosenblatt: „Nichts über uns, ohne uns“

Na? Kennst du diesen Spruch?
Wenn du mit einer Behinderung und/oder einer chronischen Erkrankung lebst, dann könnte er dir schon einmal begegnet sein.
Aber kennst du auch das Stück des Spruchs, das für ordentlich Sprengstoff sorgt?
Eigentlich geht der Spruch nämlich so: „Nichts über uns, ohne uns, ist für uns.“ und zeigt ganz deutlich auf eine Machtfrage. Genauer: einen Konflikt um Macht.

Es gibt einen neuen, sehr guten Text von Hannah Rosenblatt („Ein Blog von Vielen“), den wir hier teilen möchten:

„Nichts über uns, ohne uns“

Wir sind Hannah sehr dankbar für diesen klaren, starken Beitrag. Wir wünschen uns Veränderung(en) und echte Verbündete- und tragen das dazu bei, was wir können und wollen, so wie Hannah und andere Aktivist*innen auch. Jene, die per Definition Diagnose „Spaltung“ verinnerlicht haben, ackern gegen äußere Spaltung und Machtkonstrukte von Menschen an, die damit nicht aufhören wollen. Tja.

Hannahs Text sollten gerade diejenigen lesen, die meinen, sie könnten gar nicht gemeint sein. Und die, wofür das Ganze (über-)lebenswichtig ist.

Wir sind nicht allein.