Über (Un-)Recht und Gerechtigkeit

Wie hätte es sich für uns wohl angefühlt, wenn das Strafverfahren gegen Täter*innen mit ihrer Verurteilung geendet hätte? Heute, mit Blick zurück, ordnen wir das, was wir im Ermittlungsverfahren erlebt haben, aus unserer Perspektive als „juristisches Unrecht“ ein: Die Gewalt, die Menschen uns angetan haben, war laut Gesetz verboten. Wir haben das der zuständigen Instanz (Polizei/Justiz) gemeldet. Konsequenzen sind jedoch ausgeblieben: Eine Strafe für das verbotene Handeln gab es nicht. Die Begründung dafür war der Mangel an gerichtsverwertbaren Beweisen. Es hätte auch anders kommen können, aber damals war es eben so, wie es war. Wenn wir inzwischen auf dieses Verfahren schauen, regt sich in uns immer weniger Wut oder Schmerz. Sexualisierte Gewaltdelikte werden immer noch (und wohl auch weiterhin) selten angezeigt und noch viel seltener werden Täter und Täterinnen verurteilt. „Warum?“ fragen wir uns in dem Zusammenhang schon lange nicht mehr. Die Logik, die dieses juristische und gesellschaftliche Gewaltsystem innehat, ist für uns deutlich und begreifbar. Es trägt sich selbst.

Ich kann verstehen, was es braucht, um soziale „Gerechtigkeit“ zu gewährleisten und inwiefern eine Gesellschaft etwas davon hat, dies zu verhindern. Mir ist zudem klar, dass juristisches Recht eigene Gesetzmäßigkeiten aufweist und dementsprechend nichts mit „Fairness“ oder „Richtigkeit“ zu tun hat. Für uns ist es bekannte Lebensrealität, dass andere Menschen über uns hinweg definieren, was uns (nicht) zusteht, was wir (nicht) brauchen oder welchen (sozialen) Status wir (nicht) haben. Wir müssen uns immer wieder etwas erarbeiten, erkämpfen, erstreiten- und zwar weil wir bestimmte Attribute aufweisen, die „Gerechtigkeit“ schwerer erreichbar machen: Behinderung, Geschlecht, Armut, Queerness, Krankheit… Das Eine bedingt das Andere.

Wie würde es sich anfühlen, wenn die Täter*innen von damals im Gefängnis sitzen würden? Ich denke, es wäre an einer Stelle etwas „ruhiger“ im Innern: Nämlich dort, wo das Wissen wohnt, dass (manche) Menschen Gewalt ausüben, wo sie können und solange man sie lässt. Ein eingeschränkter Bewegungsradius durch eine geschlossene Unterbringung kann dazu führen, dass vulnerable Gruppen (z.B. Kinder) zumindest vor diesen Personen besser geschützt sind. Wäre diese Möglichkeit gegeben, könnte in unserem Innern vielleicht etwas mehr Aufatmen passieren.

Dass anderen Menschen weiterhin Gewalt durch Täter und Täterinnen angetan wird, die auch uns Gewalt angetan haben- und niemand verhindert dies, auch nicht Institutionen, die per Gesetz dafür zuständig sind- prägt nicht nur das Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit, sondern auch den Mangel an (Grund-)Vertrauen in die Gesellschaft, das „System“, die Menschheit.

„Gerechtigkeit für die Opfer/Betroffenen“ bedeutet unserer Erfahrung nach nicht vorrangig juristisches Recht im Sinne von Sanktionen für die Täter und Täterinnen.

Für uns (!) gibt es gar kein „Gerechtigkeitsempfinden“ im Zusammenhang mit unseren Gewalterlebnissen: Was soll sich denn an einer „Höchststrafe“ überhaupt „gerecht“ anfühlen? Das, was uns und anderen angetan wurde, ist nicht „vergeltbar“.

Wenn es darum geht, auf Gewalt und ihre Folgen zu reagieren, dann ist die Täterverfolgung nur die eine Seite. Die andere ist die, auf der Betroffene immer wieder alleingelassen werden: Opferschutz bedeutet nämlich nicht nur die Unterbrechung und Verhinderung von Übergriffen, sondern auch die Sicherung der weiteren Versorgung. Gewaltfolgen können so unterschiedlich und so komplex aussehen und viele Aspekte des Lebens betreffen. Wenn Betroffene damit unversorgt, ungeschützt, diskriminiert und exkludiert zurückgelassen werden, kann gar kein Hauch von „Gerechtigkeitsempfinden“ enstehen- auch dann nicht, wenn Täter*innen verurteilt werden würden. „Hauptsache, sie sitzen im Knast und kommen nie wieder raus!“ ist ein Gedanke, der die Bedürfnisse der Opfer vernachlässigt: Eine Verurteilung zaubert nämlich nicht gleichzeitig Therapieplätze, finanzielle Unterstützung, Teilhabemöglichkeiten, Hilfsmittel, Wohnraum, berufliche Integration, medizinische Versorgung, Rechtsschutz o.a. herbei!

Der Fokus auf die Ergreifung und Sanktionierung der Täter*innen bringt viel Wirbel, Energie, Populismus mit sich- was übrigens gerne auch von rechten Gruppen/Parteien/Personen für ihre Zwecke genutzt wird. „Kinderschutz“ schreiben sich Rassisten und Rassistinnen gerne auf ihre (Deutschland)Flaggen, kotzen Verschwörungserzählungen in Kameras, Mikrophone und Chats- und fordern „Gerechtigkeit“. Sie machen sich das Leid der Betroffenen zunutze, beuten sie aus- und stilisieren sich gleichzeitig als Retter*innen. Und dann gibt´s noch jene Menschen, die in all dem kein Problem sehen und meinen, man müsse mit allen über alles sprechen. Das Eine macht uns vor allem wütend, das Andere besonders fassungslos.

(Un-)Recht und Gerechtigkeit sind Begriffe, die sich manchmal hohl anfühlen. Wie an diversen anderen Stellen auch müssen sich auch hier wieder die Betroffenen die Defintionsmacht erkämpfen: Was wollen wir? Was ist für uns gut und hilfreich im Umgang mit unseren Gewalterfahrungen? Wo und wie wollen wir gesehen und anerkannt werden? Was fordern wir?

Was ist für uns RICHTIG?

Um wen es geht.

…und immer wieder weiß, begreife und bewüte ich die Tatsache, dass Betroffene wie wir gut überlegen müssen, welche Täter*innen (öffentlich) benannt werden können und welche nicht.

Für unsereins hängt mehr dran, als ein „Karriere-Aus“.

(Achtung: Das Bild wird häufig nicht in der Blog-Beitragsvorschau angezeigt.)

Hunger

Sie kramte in ihrer kleinen Handtasche herum und wiederholte energisch die Bestellung an den Bäckereiverkäufer: „Geben Sie mir davon 15 Stück!“ Diverse Münzen fielen aus ihrer Hand auf den Tresen. „Ich muss mich eindecken. Der Schneesturm kommt, sagen die Nachrichten. Ich will ja nicht verhungern!“ Der Verkäufer lächelte milde und packte alle Brötchen in eine Papiertüte. „Sie werden schon nicht verhungern. So schnell geht das nicht!“ Die kleine, alte Frau schüttelte vehement den Kopf und verstaute die Tüte in ihrer Handtasche. „Das wissen Sie nicht! Wenn wir hier eingeschneit werden, dann will ich nicht verhungern! Nein, das will ich nicht!“ Sie war inzwischen so laut geworden, dass mehrere vorbeilaufende Menschen in ihre Richtung schauten. Ich betrachtete die Situation und war genervt. Zuvor hatten mich schon Begegnungen mit einigen Hamsterkäufer*innen gestresst, die sich diesmal nicht für anstehende Feiertage bevorrateten, sondern für den Wintereinbruch im Norden, den die Medien zum Teil als „chaotisch“ oder „katastrophal“ prognostizierten. „Menschen werden noch rücksichtsloser und egozentrischer, als sie es eh schon sind, sobald sie Grund zur Annahme bekommen, zu wenig zu haben und andere mehr als sie. Immer diese Panikmacherei!“, dachte ich, während ich die Bäckerei hinter mir zurückließ.

Zu Hause schaute ich dann den Schneeflocken im Garten beim Tanzen zu und schämte mich.

Die alte Frau hatte sicher guten Grund, sich vor dem Verhungern zu fürchten. So wie alle Menschen eben gute Gründe für ihre Ängste haben- auch die, die einen beim Hamsterkauf am Regal mit den Nudeln zur Seite schubsen. Nicht alle kann ich verstehen und meine Empathie hat ihre (auch tagesformabhängigen) Grenzen. Dennoch: Mein Genervtheitsgefühl gegenüber der alten Frau tut mir immer noch leid.

Eine hoch betagte Nachbarin sagte irgendwann mal in einem Gartenzaungespräch: „Die Flüchtlinge von heute haben es ja noch gut! Die haben ja sogar Handys! Wir hatten nichts damals, gar nichts!“ Ich war sprachlos in diesem Moment. Fassungslos darüber, wie sie Kriegsleid verglich. Wie hätte ich darauf reagieren können, außer unsicher mit den Schultern zu zucken und zu murmeln „Ja, das war sicher schlimm damals… Für die flüchtenden Menschen heute ist es auch schlimm…“? Wer wie empfindet und denkt und welche Ursachen das jeweils hat- das hat so viele, vielschichtige Dimensionen, von denen man meistens (erst mal) kaum eine Ahnung hat.

„Ich jedenfalls habe doch überhaupt keine Ahnung, was es bedeutet, bombardiert zu werden und flüchten zu müssen. Oder so.“, dachte ich beschämt beim Betrachten des Gartens.

Ich fühle mich oft so weit weg vom „Trauma“, dass ich nicht bewusst habe, welche Art von „Krieg“ ein Teil meines Lebens war. Ich habe nicht immer einen kognitiven oder gar emotionalen Zugang dazu, dass es auch in meiner Biographie lebensbedrohliche Angriffe, Kälte, Tod, Isolation, Zerstörung und Flucht gab. Erst wenn an irgendeiner Stelle ein Hauch von Erinnerung oder „Aha-Effekt“ spürbar wird, wachen diese Elemente in mir auf. Zum Beispiel, als ich in den letzten Tagen im Schnee spazieren ging und mir Schlittenspuren aufflielen: Zwei Kufenabdrücke, parallel nebeneinander. Es gab eine Gedankenkette im Innern, die ich bis zu einem bestimmten Punkt wahrnehmen konnte: … Holzschlitten, der andere Spuren im Schnee hinterlässt, als ein Plastikschlitten in Form einer tiefliegenden Wanne… wir hatten so eine rote Plastikwanne als Kind… ein Erwachsener zieht uns in diesem Schlitten über eine verschneite Straße… wir waren ca. 3-4 Jahre alt… ein Auto kommt langsam angefahren, gerät ins Rutschen und kollidiert mit uns in unserer Plastikwanne… Schlüsselbeinbruch, Sofa, Kindergarten fällt aus, aber da ist ja noch mehr kaputt?!“ Der Gedanken- und Erinnerungsprozess endete an der Stelle für mich und ging im Innern ohne mich weiter- aber ich hatte einen Zugang zu biographischen Aspekten bekommen: Ein Autounfall, der einen zuvor bereits gewaltgeschädigten Körper (unseren…, meinen…) traf, der zu einem Kind gehörte, das Schnee liebte und sich gleichzeitig vor ihm fürchtete. Aus Gründen.

Erst als diese inneren Bilder beim Spaziergang auftauchten (die zudem nicht neu waren, sondern schon mehrfach erinnert wurden- und mir trotzdem immer wieder innerlich abhanden kommen), fiel mir auf, dass ich „schon seit einiger Zeit seltsame Schmerzen im linken Schulter-Nacken-Bereich“ habe. Der Körper war schon vor mir an dieser Unfallerinnerung dran. Vielleicht als der Schnee so hoch lag, dass die ersten Schlittenspuren sichtbar wurden…

Die alte Frau mit den 15 Brötchen geistert mir immer wieder durch den Kopf. Inzwischen erkenne ich Gedanken und Sätze besser, die sich darauf beziehen: Die Genervtheit und fehlende Empathie im Beobachtungsmoment bekommen ein Gesicht. Eins, das voller Härte und Unnachgiebigkeit betont, dass es keinen Grund zum Jammern gibt. Dass man schon nicht verhungern wird… Dass diese Brotscheibe jetzt reichen muss, sonst gibt´s nämlich gar nix mehr und überhaupt: „In Afrika haben die Kinder gar nichts zu essen! Guck dich mal an!“ Ein Gesicht aus den 80er Jahren, das auf ein Kind herabstarrt, das angeblich alles hat und dennoch hungert. Mich-uns.

Während die Schneeflocken im Garten tanzten und ich mich schämte, tauchten weitere Gesichter im Innern auf, die es mir ermöglichten, weicher zu werden: Ich taute in der Wärme unserer Küche auf, konnte ein paar Tränen fließen lassen und erlaubte mir, etwas zu verstehen:

Für uns ist es kein befürchteter oder vorhergesagter Schneesturm, der die Angst vor dem Verhungern füttert. Und es sind auch keine 15 Brötchen, die diese Angst mildern. Stattdessen zeigen mir die anderen Gesichter innen Ausschnitte aus verschiedenen Situationen in der Gegenwart, in denen ohne Schokolade kein Schlaf möglich ist. Zucker als Beruhigungs- oder vielleicht sogar Sedierungsmittel, weil die Spannung am Abend einfach zu hoch ist- oder weil wir alleine zu Hause sind. Emotionaler Hunger (Einsamkeit, Schmerz, Trauer, Sehnsucht…), kognitiver Hunger (Langeweile, Leere, Unterforderung, Perspektivlosigkeit…), körperlicher Hunger (Essstörung, Ernährungsfehler, Heißhunger-Kreislauf, Anstrengung, Stoffwechsel…)… Das ist für uns ein großes Thema, von dem ich immer wieder weiß, wie bedeutend das für uns ist- sofern ich daran erinnert werde.

Empathie ist ein Inside-Job. Wenn ich kein Mitgefühl mit mir/uns selbst habe, verhärte ich auch im Außen. Wie wichtig meine Mitgefühlstränen und das Weicher-Werden für uns als Gesamtsystem sind, spüre ich noch mal sehr deutlich, während ich diesen Text schreibe. Ein weiteres Gesicht kommt innen näher an mich heran. „Leid vergleichen hilft keinem!“, sagt es mir. Ich denke mehrere Fragezeichen. „Mögliche Antwort. Für´s nächste Gartenzaungespräch mit Omma von nebenan. Statt Sprachlosigkeit.“ Dann ist es schon wieder weg. Ein Hauch von Empörung und Widerstand liegt in der Luft. Ein Ergebnis von innerer Empathie, das hilfreich ist, weil kraftvolle Wut darin liegt.

Bisher bleibt das prognostizierte Schneechaos aus. Und wir sind nicht allein.

Weihnachtswunschgedicht

Ich sag´s dir jetzt, bevor du fragst,

auch wenn du´s gar nicht hören magst:

Spar dir den Schnick und auch den Schnack,

behalt den Weihnachtsglitzerkack!

Lass mich mit Happiness in Ruh´

und klapp die Märchenbücher zu!

Als Christkind oder Weihnachtsmann

strengst du dich nicht genügend an.

Das Barbieschloss, das Kartenspiel,

der kleine Bär, das Playmobil,

die bunten Stifte und die Bücher,

die hübsch verzierten Taschentücher

-all das hast du vorbeigebracht

und wohl nicht weiter nachgedacht,

was diesem Kind noch widerfährt,

wenn sich das Weinglas schließlich leert

und du schon längst verschwunden bist-

du hast dich viel zu schnell verpisst!

Jetzt sitz ich hier und lebe weiter,

-recht häufig sogar ziemlich heiter-

doch wenn die eine Frage kommt

schwillt mir die Halsschlagader prompt:

Was wünschst du dir denn dieses Jahr,

was fändest du denn wunderbar,

was darf nicht fehlen unterm Baum,

was ist dein Konsumententraum?

Ein Kleid, ein Auto oder Geld,

Geschmeide, das vom Himmel fällt,

ewige Jugend, Schönheit, Stil?

„Zum Glück braucht´s meistens gar nicht viel!“,

das sagen die, die´s eh schon haben

und sich am Leid der and´ren laben.

Ein Wunsch, den ich dir sagen kann,

Christkind oder Weihnachtsmann,

der ist für mich und für die Kleine,

um die ich manchmal ziemlich weine,

die mit den Barbies und dem Schmerz,

dem tiefen Loch im Kinderherz:

Bring uns ´nen Platz für Therapie,

alleine finden wir den scheinbar nie.

Du hast uns ja im Stich gelassen,

da kannst du dich jetzt auch befassen

mit dem, was uns nun unterstützt,

mit dem, was uns im Leben nützt.

Ich hab so viele Mails geschrieben,

die leider ohne Antwort blieben,

hab nachgefragt und angerufen,

nahm hohe Praxiseingangsstufen,

hab uns erklärt und gut beschrieben-

der Erfolg ist leider ausgeblieben.

„Warteliste ist schon voll!“,

„Traumafolgen? Nicht so toll!“,

„Bin kein Profi, hab kein´ Platz!“,

manchmal nur im Nebensatz.

Jetzt hast du meinen Wunsch gehört,

ich hab dich damit wohl gestört,

beim Päckchen packen oder singen,

beim „Glitzer unter Leute bringen“,

bei all den „zauberhaften“ Sachen

hast du ´nen großen Job zu machen!

Für dich gibt´s auch `nen kleinen Dank,

dort hinten auf der Fensterbank,

aus Mürbeteig liegt dort ein Herz

-und eine Karte für den Merz:

Als Kanzler feiert er sich sehr

und dir macht er die Arbeit schwer.

Ich hab´ ihm noch viel mehr zu sagen,

lass dich die Karte zu ihm tragen.

Dann warte ich auf´s neue Jahr

und hoffe weiter-

ist ja klar.

Jahreswechsel

Sie stehen zusammen im Schnee und irgendwo zünden die ersten Raketen. Es ist das diffuse Rauschen in ihren Ohren, das sie zuerst bemerkt, nicht der süßliche Alkoholgeruch in seinem Atem. Er hält sie fest im Arm und sagt mit leicht verwaschener Stimme: „Du musst mir nur sagen, wenn ich was falsch gemacht haben. Du weißt doch, mit mir kann man immer reden. Ich muss das nur wissen- ich kann das ja nicht riechen, wenn da was schief gelaufen ist.“ Dann streichelt er ihr über den Rücken und drückt ihr ein Küsschen auf die Wange. Sie lächelt ihn an und sagt: „Ja, klar.“ Das Rauschen lässt dichte Wolken in ihrem Kopf entstehen, während die kleine Schwester sich zwischen sie und den gefühlsduseligen Vater drängt und „Frohes neues Jahr!“ trällert. „Es ist alles gut!“, denkt sie, schluckt seltsamen Tränen hinunter, knuddelt die kleine Schwester und freut sich, wieder zu Hause zu sein.

Ein Jahr zuvor hatte sie Silvester noch mit ihren Mitbewohner*innen aus der Heimgruppe gefeiert. Es war wild, laut, chaotisch und ziemlich schön, das weiß sie noch. Was sie genau gemacht hatten, erinnert sie inzwischen nicht mehr. Und warum sie überhaupt dort war, verschwindet im wiederkehrenden Kopfrauschen. Es war ein Fehler, in diesem Heim überhaupt gelandet zu sein, denkt sie. Ihr Fehler. Sie hätte die Klappe halten sollen, damals in der Erziehungsberatungsstelle und beim Jugendamt. Sie hätte niemals weggehen und die kleine Schwester zu Hause lassen dürfen. Niemand hatte sich darum gekümmert, die Kleine auch irgendwo anders unterzubringen. Und dann gab es irgendwann eine Wiederannäherung, eine Kontaktanbahnung, Wochenendurlaube in der Familie und die Entscheidung, doch wieder nach Hause zurückzukehren. Vom Jugendamt abgesegnet, weil sie gesagt hatte, dass sie ihre Geschichten nur übertrieben habe, um Aufmerksamkeit zu bekommen und es in Wahrheit gar nicht so schlimm gewesen sei.

Wofür es sich lohnt, für eine Lügnerin gehalten zu werden, die Behauptungen über familiäre Schrecklichkeiten aufgestellt und dann wieder zurückgenommen hatte, spürt sie, als ein Schneeball ihren Nacken trifft. Der Kältereiz vertreibt das Kopfrauschen und sie schnappt nach Luft. Dann dreht sie sich um, sieht ihre lachende kleine Schwester und ruft „Na warte!“. Es entsteht eine Bewegung, eine Toberei, ein Raufen und Kichern und das, was war, ist egaler, als sie es sich je hätte vorstellen können. Sie ist froh, dass sie hier sein darf. Dass sie dabei sein darf.

Am Rand stehen die Eltern. Die Mutter hält ein Glas Sekt in der Hand und schaut irgendwohin, milde lächelnd und still. Dass es in ihrem Kopf rauscht, als die Hand ihres Ehemannes ihren Nacken umfasst, weiß niemand. Dass sie ihn gar nicht mehr hört, als er ihr zuflüstert, dass sie ihm nur sagen muss, wenn er etwas falsch macht, denn dann würde er sich ja auch entschuldigen, merkt er nicht. Sie ist woanders.

Als er seine Tochter nach einem Jahr aus der Heimgruppe abholte und ihre wenigen Umzugskartons ins Auto packte, war er mit sich im Reinen. Er trug ihr dieses Jahr voller Stress und Krisen nicht nach, denn sie hatte ihm mehrfach mitgeteilt, dass es ihr leid tue, was sie über ihn erzählt hatte. Er war bereit, ihr zu vergeben und er wusste, dass all dieses Chaos ein Teil einer pubertären Entwicklungsstörung gewesen war. Auch er hatte natürlich seine Macken- das ist ja menschlich. Er war bereit, sich Vorwürfe anzuhören und darüber nachzudenken- es war sogar okay für ihn, um Entschuldigung zu bitten, wenn das dazu beitragen konnte, in seiner Familie wieder Ordnung herzustellen. Aber alles hatte seine Grenzen: „Zu Kreuze kriechen“ würde er niemals, das hatte er auch beim Jugendamt betont, als diese unsäglichen Behauptungen über ihn noch im Raum standen. Und dann hatte die Tochter ja auch das einzig Richtige getan: Sie hatte gestanden, gelogen zu haben. Sie stellte seinen Ruf wieder her. Damit sie wieder mit offenen Armen in der Familie empfangen werden konnte.

„Ich bin ein guter Mensch“, denkt er, während er „seine Mädchen“ beobachtet. Die Kleine sitzt im Schnee, die Große hockt davor und die Andere hält er mit einem Arm fest umschlungen, damit sie nicht umkippt. „Das wird ein gutes, neues Jahr“, sagt er zu sich selbst. „Alle wieder vereint.“

Im Hintergrund bewegen sich Augen aufmerksam über die Szenerie. Jemand erkennt die Gefahr, die über allem schwebt und ahnt, was der Vater denkt und will. Jemand bemerkt die typische, innere Abwesenheit der Mutter und den Verdrängungsmechanismus in der vermeintlichen Unbeschwertheit der Schwester. Als eine Rakete eine blaue Sternenexplosion erzeugt, erhebt sich jemand aus der Hocke nach oben, richtet seinen Blick auf den Vater und fixiert ihn. Einen Moment lang hält sich dieser Augenkontakt, dann löst der Vater plötzlich seine Hand aus dem Nacken seiner Ehefrau und schiebt sie in seine eigene Jackentasche. Seine Füße machen zwei kleine Schrittbewegungen, seine Schultern ziehen sich leicht nach oben. Sein Adamsapfel hebt sich, als er schluckt. Jemand bleibt ruhig stehen und der Vater entdeckt die Mikroexpression um seinen Mund herum, die man „smirking“ nennt, nicht. Ihm ist nicht klar, von wem er gerade beobachtet wird.

„Das wird ein besonderes neues Jahr“, denkt jemand und lässt zu, dass sich der Blick wieder vom Vater abwenden kann.

Sie sind nicht nur wegen der Schwester wieder nach Hause zurückgekehrt.

Beitrag von Hannah Rosenblatt: „Nichts über uns, ohne uns“

Na? Kennst du diesen Spruch?
Wenn du mit einer Behinderung und/oder einer chronischen Erkrankung lebst, dann könnte er dir schon einmal begegnet sein.
Aber kennst du auch das Stück des Spruchs, das für ordentlich Sprengstoff sorgt?
Eigentlich geht der Spruch nämlich so: „Nichts über uns, ohne uns, ist für uns.“ und zeigt ganz deutlich auf eine Machtfrage. Genauer: einen Konflikt um Macht.

Es gibt einen neuen, sehr guten Text von Hannah Rosenblatt („Ein Blog von Vielen“), den wir hier teilen möchten:

„Nichts über uns, ohne uns“

Wir sind Hannah sehr dankbar für diesen klaren, starken Beitrag. Wir wünschen uns Veränderung(en) und echte Verbündete- und tragen das dazu bei, was wir können und wollen, so wie Hannah und andere Aktivist*innen auch. Jene, die per Definition Diagnose „Spaltung“ verinnerlicht haben, ackern gegen äußere Spaltung und Machtkonstrukte von Menschen an, die damit nicht aufhören wollen. Tja.

Hannahs Text sollten gerade diejenigen lesen, die meinen, sie könnten gar nicht gemeint sein. Und die, wofür das Ganze (über-)lebenswichtig ist.

Wir sind nicht allein.

Leben: Jetzt erst recht!

Wir packen unseren Rucksack. In den nächsten Tagen werden wir unterwegs sein. Ich lege unseren kleinen Mini-Kuschelraben obenauf und denke: „Ganz schön schön, dass wir es uns inzwischen erlauben können, dass es uns gut gehen darf, gerade auch an Tagen wie diesen.“

Die aktuelle Zeit hat für uns Traumabezug und darin spielt eine wesentliche Prägung eine Rolle: Dass es „falsch“ ist, am Leben zu sein (während andere sterben) und dass es gleichzeitig eine besondere Bedeutung hat, am Leben zu sein (während andere sterben). Eingetrichterte und erlebte Existenzschuld bei gleichzeitigem Elitedenken- eine Kombination, die es uns über Jahrzehnte sehr schwer gemacht hat, unseren Geburtstag (der in diesen Tagen liegt) neu, anders, positiv zu begehen.

Mittlerweile geht es bei uns nicht mehr um basale Schutzmaßnahmen, medizinische Versorgung und Krisenmanagement an traumabelasteten Daten- wir sind keiner Gewalt durch die Gruppierung mehr ausgesetzt, werden nicht mehr verfolgt oder abgefangen. Und auch von alten Automatismen und Konditionierungen, sich dort melden zu müssen, Bericht erstatten zu müssen, in Kontakt gehen zu müssen, konnten wir uns lösen. Es geht nicht mehr um Leben und Tod an solchen Tagen- emotional manchmal aber schon noch. Unser Körper erinnert, der Schlaf wird schlechter, alte Ängste melden sich, Unruhe entsteht- nicht immer, aber hin und wieder. Und das ist für uns okay, denn wir können inzwischen damit umgehen, ohne uns damit zu stressen, dass es doch nun endlich mal gut sein müsste, o.a.: Nein, manches wird eben nicht (mehr) gut. So eine Biographie hinterlässt Spuren und die müssen nicht mit Glitzer zugestreut werden.

Das, was uns an solchen Daten emotional besonders packt, ist der Hilflosigkeitsschmerz: Wir konnten damals nicht verhindern, dass andere Menschen verletzt und getötet wurden- und wir können es heute auch nicht. Viele Jahre „half“ uns die innere Schuldspirale dabei, die Hilflosigkeit nicht so fühlen zu müssen. Heute erlauben wir uns, uns nicht mehr permanent an der Schuld festzubeißen und hinzuschauen, wo und wie die Ohnmacht war und ist.

Wenn ich unseren Rucksack packe und daran denke, was in den nächsten Tagen Schönes für uns ansteht, denke ich auch daran, dass andere Menschen immer noch und weiterhin ungeschützt sind und gequält werden. Der Schmerz darüber könnte zwischendurch aus unseren Augen herausschwappen und einen hohen Druck im Brustkorb erzeugen- er könnte sich aber auch zurückziehen und der Wut Platz machen. Wut auf Täter*innen von früher und heute und auf „das System“ hier in dieser Welt, dass die Gewalt einfach weiter existieren lässt, während viele Opfer verschwinden oder verstummen. Die Wut hilft uns, Bodenhaftung zu bekommen und zu behalten und uns beinahe trotzig in ein „Jetzt erst recht!“ zu bewegen: Wir können die Gewalt der anderen nicht verhindern, nur unsere eigene. Wir können einen Unterschied machen. Dazu müssen wir aber nicht nur weiter existieren, sondern unsere Existenz auch mit Leben füllen. Sonst ist es nur ein Vegetieren.

Es ist nicht egal, was wir wann wie tun oder lassen. Unsere Entscheidung, dafür zu sorgen, dass die Gewalt gegen uns im Außen aufhört; unsere Versuche, andere Betroffene zu schützen (z.B. mit der Strafanzeige); unsere Arbeit an einem äußeren Ausstieg- all das macht für uns langfristig nur Sinn, wenn auch im Innern eine Veränderung stattfindet: Dass wir und unser Leben uns so viel wert sind, dass wir uns erlauben und es wagen, aus der Erstarrung herauszukommen.

Ich glaube, das Gegenteil von dieser Starre ist Fühlen. Daraus entsteht dann auch Bewegung. Und die kann dafür sorgen, dass was aufhört und was anfängt; dass sich was löst und was hält. Ich habe immer wieder große Angst davor gehabt- bzw. habe sie immer noch und immer wieder- Gefühle wahrzunehmen, weil ich befürchtete, dass sie mich wegschwemmen und ich keinerlei Kontrolle mehr über irgendwas habe. Dass ich dem dann schutzlos ausgeliefert bin. Manchmal ist das tatsächlich so. Aber sehr oft ist es auch anders: Da merke ich, dass nicht die Gefühle eine Gefahr darstellen, sondern ihre Unterdrückung.

Der kleine Mini-Kuschelrabe im Rucksack ist sehr gut darin, uns an Lebendigkeit zu erinnern. Dazu gehört atmen, essen, trinken, schlafen, stehen, sitzen, liegen, gehen, schwingen, singen, duschen, lachen, weinen, schweigen, sprechen und so viel mehr.

Und zwar jeden Tag!

Fachtag „Professionelle Begleitung von Menschen mit dissoziativer Identitätsstruktur“

Am 29.11.2025 findet von 9-17 Uhr dieser Fachtag für soziale, psychologische und medizinische Berufsgruppen statt.

Ort: „Kurve e.V.“ in 29462 Wustrow

Veranstalterinnen: Violetta Dannenberg e.V.

Hier findet Ihr den Flyer zur Veranstaltung:

Achtung: Der Anmeldeschluss ist am 29.10.25, anders als im Flyer vermerkt!

Strafanzeige und der (zu) hohe Preis

„Würdet Ihr anderen Betroffenen empfehlen, Strafanzeige gegen den/die Täter*innen zu erstatten?“ Diese Frage (und die nach unseren Erfahrungen mit der „Opferentschädigung“) wird uns immer wieder mal unter anderem in der Peer- und Angehörigenberatung gestellt.

Grundsätzlich halte ich es für wichtig und richtig, dass Straftaten angezeigt werden. Ich bin aber emotional näher an den Betroffenen, als an der gesellschaftlichen Forderung, Gewalttäter*innen zu bestrafen und ggf. „wegzusperren“. Der Preis, den Betroffene im Zusammenhang mit einem Ermittlungsverfahren oder Gerichtsprozess zahlen, ist immer noch unverhältnismäßig hoch für das, was an Ergebnis zu erwarten ist.

Über unsere eigenen Erfahrungen und Gedanken zur Anzeigenerstattung hatten wir hier bereits geschrieben.

Gut ein Jahr später schaue ich aktuell auf die Berichte über die Hinweise zu ritueller Gewalt in der katholischen Kirche (Bistum Münster) und wundere mich nicht über den Verlauf in dieser Sache. Eine Zusammenarbeit zwischen Kirche und Polizei ist ohnehin nicht vorhanden; im vorliegenden Fall wurde vom Bistum eine Anwaltskanzlei zur (Auf-)Klärung engagiert (nicht etwa eine sozialwissenschaftliche oder psychologische Institution)- die in einem Bericht die Anschuldigungen der über rituelle Gewalterfahrungen berichtenden Menschen als „nicht plausibel“ (=unglaubwürdig) und von Therapeut*innen/Berater*innen suggeriert darstellte. Zwei Rechtspsychologinnen bestätigten dies in ihren gutachterlichen Ausführungen. Verschiedene Medien berichten darüber, die „Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ hat eine Stellungnahme veröffentlicht.

Das Problem, unsere Aussagen über sexualisierte Gewalt in einem organisierten Kontext nicht ausreichend mit gerichtsfesten Beweisen untermauern zu können, hatten wir damals (2003) auch. Das, was uns an Erinnerungsmaterial zu der Zeit zur Verfügung stand, war unsortiert, unvollständig und für uns verbal nicht konstant und deutlich genug kommunizierbar. Die Verantwortung für das Scheitern des Ermittlungsverfahrens trugen aber nicht wir, sondern die Ermittlungsbehörden.

Die Entscheidung, Strafanzeige zu erstatten, kam damals zustande, weil es Fachpersonen in unserem Umfeld gab, die uns dazu ermutigten. Sich vom Täterkreis „befreien“ und sich wehren zu können, mit der Idee, endlich „geschützt zu sein“, war die Vorstellung von Therapeut*innen und anderen Unterstützungspersonen bezüglich einer positiven Entwicklung: Die Anzeige als I-Tüpfelchen unseres Ausstiegsweges. Für uns ging es eher darum, unser Möglichstes dazu beizutragen, dass nicht noch weitere Menschen(kinder) Opfer unserer Täter*innen werden.

Betroffene dazu zu ermutigen, sie zu bestärken oder vielleicht sogar zu pushen, mit ihren Erinnerungen an die Öffentlichkeit zu gehen, weil man selbst als Hilfeperson die Ohnmacht nicht aushalten kann, empfinden wir als grenzüberschreitend und im schlimmsten Fall auch sehr gefährlich. Am Ende müssen die Betroffenen damit leben, dass sie als unglaubwürdig bezeichnet werden- eventuell genauso wie die Akteur*innen des Hilfesystems. Möglicherweise verlieren diese ihr Ansehen, ihre Reputation, ihren Job, ihre Illusionen vom Weltbild und ihre Ideen von „Gerechtigkeit“- aber sie können ja immerhin noch weiter von sich sagen, dass sie die parteischen, solidarischen „Guten“ sind. Für die Betroffenen hängt an der (Un-)Glaubhaftigkeit noch mehr: Es ist nicht nur eine traumatische Wiederholung, sondern auch ein direkter Angriff auf die innere Basis.

Ich werde nicht müde, darüber zu sprechen/schreiben, wie wichtig es ist, in der therapeutischen und beraterischen Arbeit mit Betroffenen an dem Punkt der „Erinnerungsthemen“ so zurückhaltend wie möglich zu sein. Deutungen, Interpretationen, Assoziationen sind genau die Fallstricke, die Menschen mit dissoziierten, fragmentierten Erinnerungen Kopf und Kragen kosten- und zwar nicht nur in juristischen Zusammenhängen, sondern auch „ganz für sich alleine“. Ein Bild über die eigene Biographie setzt sich bei einer dissoziativen Identitätsstruktur unserer Erfahrung nach nicht in einem geraden, logischen Prozess zusammen, sondern hat Bruchstücke, Unklarheiten, Lücken, falsche Erinnerungen- von denen sich möglicherweise einige nie ganz aufklären lassen. Man macht Schritte vor und zurück, hat Ahnungen, an manchen Punkten auch klares Wissen, muss manches im Laufe der Jahre korrigieren oder revidieren, kann sich vielleicht nie ganz sicher sein… Mal stehen Worte darüber zur Verfügung, mal geht nur schweigen; mal erkennt und versteht man Trigger und kann sie in einen passenden Kontext einsortieren, mal ist alles ein großes Fragezeichen…

All das sind typische Aspekte einer DIS und keine persönlichen Unzulänglichkeiten. Menschen mit ausreichend (Fach-)Wissen zu Psychotrauma ist das (hoffentlich) bewusst, Kriminalbeamt*innen und Jurist*innen häufig nicht. Kippt dann noch ein*e gutachterliche*r Anhänger*in der „False Memory“-Erzählung sein/ihr Güllefass über der Angelegenheit aus, ist endgültig „Ende Gelände“.

Eine Strafanzeige, ein Ermittlungsverfahren, ein Gerichtsprozess sind nicht unbedingt die Hilfsmittel, um eigene innere Zweifel und Unklarheiten auszuräumen. Wenn du selbst nach Beweisen oder Antworten suchst, dann tust du das im besten Fall mit einem Minimum an Selbst-Freundlichkeit. Wenn das die Justiz tut, dann gilt: Im Zweifel für den/die Angeklagte*n (also nicht für dich). Du stehst dabei nicht (mehr) im Fokus, sondern die Täterverfolgung. Wenn du dabei unter die Räder des fahrenden Zuges kommst, bist du der Kollateralschaden- und das, wo du doch ursprünglich eigentlich „nur“ nach der Wahrheit gesucht hast, weil du dir selbst nicht glauben konntest oder wolltest, stimmt´s?

Wenn man nichts weiter in der Hand hat, als die eigenen Aussagen und wenn niemand/nichts im Außen diese verifiziert, dann brauchen diese Aussagen Qualität- wenn man damit juristisch etwas in Gang bringen will. Es gibt Vorgaben dazu, woran diese Qualität bemessen wird und was du in einem Strafverfahren leisten musst- darüber sollte dich dein*e zukünftige*r Anwalt/Anwältin genauestens aufklären, bevor du Anzeige erstattest. Wenn du dabei merkst, dass diese Messlatte nicht zu dem passt, was du mitbringst, heißt das nicht, dass du versagst oder irgendwie unzureichend bist, sondern dass der Weg eventuell eine andere Abzweigung benötigt als gedacht.

Was brauchen Betroffene, um mit ihren (fragmentierten) Erinnerungen leben zu können? Was bewegt sie dazu, Anzeige zu erstatten und welche Hoffnungen knüpfen sie daran? Welcher Zeitpunkt ist für sie der richtige? Wie viele persönliche, energetische Kapazitäten haben sie für einen jahrelangen Prozess? Wie (gut) werden sie unterstützt und begleitet? Was passiert (innen und außen), wenn sie sich für oder gegen eine (öffentliche) Aussage entscheiden? Gibt es Alternativen zur Polizei, z.B. Anhörungskommission und andere öffentliche Stellen, die für die Betroffenen in Frage kommen könnten?

Unsere Antwort auf die Frage im ersten Absatz lautet: Nein, wir empfehlen keine Strafanzeige. Es ist nur eine Option von mehreren, die dir zur Verfügung stehen, wenn es darum geht, innere und äußere Distanz herzustellen; wenn es darum geht, gehört werden zu wollen; wenn es darum geht, eine Umgang mit der Wut finden zu wollen; wenn es darum geht, aus dem Opfergefühl herauskommen zu wollen, und so weiter- dann gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie das gelingen kann. Eine Verurteilung von Täter*innen aus organisierten Strukturen ist (noch) viel zu selten, als dass du auch nur einen Hauch von Erfolgsquote erwarten könntest. Wenn dir dieser Hauch reicht, oder wenn es dir nicht um einen Erfolg im Sinne einer Verurteilung geht- dann schau, wie viele Ressourcen dir innen und außen langfristig zur Verfügung stehen.

Wir brauchen übrigens keinen wilden Aktionismus! Ein Teil, der zu unseren Erfahrungen gehört, ist Ohnmacht. Die braucht ebenso Anerkennung wie Schuld(gefühle). Es ist nicht die Aufgabe und auch nicht das Recht unseres Gegenübers, irgendwas damit zu tun oder irgendwo etwas auszuradieren- schon mal gar nicht ohne Abstimmung mit uns. Es ist uns bewusst, dass es schwer, zum Teil auch unaushaltbar ist, mit Ohnmacht konfrontiert zu sein: Täter*innen tun, was sie tun, weil sie es können. So einfach ist das. Es gibt nur begrenzt Möglichkeiten, das zu verhindern. Diese Erkenntnis kann für Menschen im Unterstützungssystem so desillusionierend, erschütternd oder lähmend sein, dass sie wirklich alle Hebel in Bewegung setzen wollen gegen die Hilflosigkeit. Es kann passieren, dass dann zu weit und zu schnell vorgeprescht wird, dass (zu viel) gehört wird, was (so) nicht gesagt wurde- und dass eine Dynamik entsteht, die allen Akteur*innen zunehmend entgleitet. Bis sie auf jemanden treffen, der das Ganze mit irgendeinem Furz-Argument der „False Memory“-Bewegung, oder einer simplen Logikfrage, oder einer klugen Überprüfung der Umstände vor die Wand brettern lässt. Und da hätten wir sie dann wieder, die Ohnmacht.

Das, was wir erlebt haben, braucht Raum und Anerkennung. Wir möchten uns darüber mitteilen können, wenn wir das wollen. Wir brauchen dazu Gegenüber, die in der Lage und Willens sind, aufmerksam zuzuhören und mitzufühlen, dabei aber nicht ihre eigene(n) Grenze(n) zu verlieren und dann unsere überschreiten.

Es ist unsere Geschichte, nicht Eure.