Innenkinder, innere Kinder und die Unterschiede

Ich denke wieder darüber nach, wie wichtig es ist, dass Menschen, die mit einem Viele-System enger in Verbindung stehen, wirklich begreifen, dass ein Innenkind bei DIS nicht dasselbe ist wie ein sogenanntes „inneres Kind“.

Wie tiefgreifend verletzend und erschütternd sind die Momente, in denen diese Innenkinder damit konfrontiert werden, dass ihr Gegenüber sie als „Erwachsene, die denken, sie seien Kinder“ (oder schlimmer noch: „Erwachsene, die sich wie Kinder verhalten“) einsortiert und entsprechend behandelt.

Diese Persönlichkeiten sind und reagieren an verschiedenen Stellen anders, als „Außenkinder“, sie haben einen anderen Erlebens- und Entwicklungshintergrund, schöpfen auch aus einem gesamtsystemischen „Wissens- und Erfahrungspool“. Oftmals wirken sie erwachsener als biologische Fünf-, Sechs-, Siebenjährige, sind reflektierter, tragen/übernehmen mehr Verantwortung im Leben, als es Außenkinder tun.

Trotzdem darf nicht vergessen werden, dass sie sowohl emotional, als auch kognitiv grundsätzlich ja altersgemäß strukturiert sind- und dass es für das Gesamtsystem sehr heilsam sein kann, wenn dies auch zugelassen und ernstgenommen werden darf. Innenkinder, die lernen zu spielen, Quatsch zu machen, albern und laut zu sein, Wünsche zu äußern, unvernünftig zu sein, Beziehungen mit liebevollen Außenpersonen zu entwickeln, u.a. können einen unbeschreiblich wertvollen Schatz darstellen, den man auf dem Trauma“heilungs“weg finden kann.

Die Theorie, dass jeder Mensch ein sogenanntes „inneres Kind“ hat, trifft meiner Ansicht nach auch auf Menschen mit dissoziativer Identität zu: Die Persönlichkeiten können mehr oder weniger Zugang haben zu ihren jeweils eigenen kindlichen Wünschen, Ängsten, Bedürfnissen, Gefühlen. Und sie erleben dies als zu sich selbst gehörig, sozusagen „myself in mini“. Innenkinder hingegen werden als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen, als eigene Charaktere, unabhängig von der „großen Person XY“. Und es kann weitaus massivere Blockaden bei der Kontaktaufnahme, Fürsorge, Verbindung geben, als wenn man sich seinen eigenen kindlichen Bedürfnissen zuwenden würde.

Damit Innenkinder nachreifen, wachsen, altern oder vor allem Traumata verarbeiten können, brauchen sie nach unserer Erfahrung vor allem positive Bindungserfahrungen. Natürlich ist es langfristig wichtig, dass diese im Innern hergestellt und gehalten werden können (die Erwachsenen kümmern sich zuverlässig um die Kinder). So etwas kann aber nicht spontan aus dem Ärmel geschüttelt werden, denn auch die „Großen“ im System müssen noch „nachlernen“. Woher sollen sie wissen, wie solche Bindungen gehen, wenn sie ziemlich haltlos in einer gewaltvollen Umgebung aufgewachsen sind? Deshalb sind Kontakte lebensnotwendig, in denen gespiegelt werden kann: Wie sieht Fürsorge aus? Wie ist das, wenn jemand zuverlässig und ehrlich an unserer Seite ist und bleibt? Wie hört man aufmerksam zu? Wie zeigt man Herzlichkeit? Wie geht Kommunikation mit einem Kind? etc.

Wenn es ein Gegenüber gibt, das bereit ist, eine Beziehung zu einem Innenkind aufzubauen und dieses als solches auch bedingungslos ernst und wichtig zu nehmen, können auch erwachsene Innenpersonen von diesem Positivbeispiel sehr profitieren. Manches kann nicht ohne Außenunterstützung entwickelt werden.

Es lohnt sich, sich für neue, gute Verbindungen im Innern und im Außen einzusetzen. Häufig haben Innenkinder sehr wertvolle Ideen, Anregungen, Fragen dazu, wie das gelingen kann- und ein bemerkenswertes Bauchgefühl dazu, wer vertrauenswürdig ist und wer nicht.

Innenkinder sind und fühlen verschieden. Sowohl innerhalb eines Vielesystems, als auch ganz generell im Konzept der Dissoziativen Identitätsstruktur. Es ist wichtig, individuell zu schauen, wer wie “ist“ und wer was braucht, statt von einem auf’s andere zu schließen. Manche Innenkinder wollen oder dürfen aus guten Gründen nicht in direkten Kontakt mit Außenmenschen gehen – das muss nicht immer etwas Gewaltvolles, Verbietendes sein, sondern kann auch Ausdruck einer Selbstfürsorge und einer Sicherung im Innen sein. In diesem Fall wäre es nicht hilfreich, wenn Außenpersonen immer wieder versuchen würden, diese Grenze zu überschreiten, in der Annahme, sie täten jenen Innenkindern und dem Gesamtsystem etwas Gutes.

Im Kontakt mit einem Viele-Menschen selbst eine gute, eigenverantwortliche Beziehung zum eigenen “inneren Kind“ zu haben, ist wichtig und unterstützend. Leicht kann eine destruktive Dynamik entstehen, bei der z.B. kindliche (oder auch ältere) Persönlichkeiten des DIS-Systems auf (unterdrückte, negierte) kindliche Bedürfnisse eines “Unos“ (Mensch ohne DIS) reagieren und in einen “Versorgungsautomatismus“ geraten. Hieraus können Verantwortungsverschiebungen entstehen, die beiden Seiten nicht gut tun. Und auch hier ist es wieder (besonders) wichtig, ein Bewusstsein dafür zu haben, dass wir eben nicht alle ein bisschen “Viele“ sind, sondern die Dissoziative Identitätsstruktur sich klar von einem “Anteilekonzept“ bei nicht traumatisierten Menschen unterscheidet.

2. Vernetzungstreffen DIS

Nach einem tollen, bunten, vielfältigen ersten Vernetzungstreffen im Juni gibt es nun einen nächsten Termin:

20.Oktober 2023

13-16 Uhr

BELLA DONNA HAUS, Bad Oldesloe

Herzlich eingeladen sind Menschen mit DIS (auch pDIS), An- und Zugehörige, privat und beruflich Unterstützende!

Anmeldungen sind erforderlich; bitte mit Angaben zum eigenen Bezug zu DIS:

vernetzung – dis @ gmx . de (ohne Leerzeichen)

Wir freuen uns auf Euch!

Menschen in dissoziativen Zuständen begegnen

Dissoziation hat viele Gesichter und Ausprägungen:

Amnesien und „Vergesslichkeiten“, Körperwahrnehmungsstörungen, Lähmungserscheinungen ohne körperliche Ursache, innere Abwesenheit, „Black-outs“, nicht mehr ansprechbar sein, nicht hören/sehen/sprechen können, Persönlichkeitswechsel, u.a.

Im Kontakt mit anderen Menschen können diese Phänomene zu Irritationen und Konflikten führen. Nicht immer erfahren Betroffene dann Verständnis, Geduld und Rücksichtnahme. Manchmal reagiert das Gegenüber auch “genervt“, eventuell (unterschwellig) aggressiv-überfordert.

Kurz vor der Abfahrt in den Urlaub, auf dem Weg zum Bahnhof, auf dem Standesamt, bei der Führerscheinprüfung, an der vollen Supermarktkasse, beim Babysitten, auf einer Party, beim Geburtstagskaffee mit Gästen, während des Sex, zwischen engen Terminen, etc.:

Es gibt einfach Situationen, in denen dissoziative Zustände ganz besonders ungünstig schwierig zu händeln sind und wo Begleiter*innen vielleicht denken: „Oh nein, bitte nicht ausgerechnet jetzt!“ Wir können Gefühle wie Hilflosigkeit, Ungeduld, Stress und Schreck in dem Zusammenhang gut verstehen und auch nachvollziehen, dass daraus manchmal Aggression erwachsen kann.

Beruflich Helfende sollten besonders gut reflektieren und achtgeben, wie sich ihre eigenen inneren und äußeren Reaktionen darstellen. Sie haben noch mal eine andere Verantwortung und andere Aufgaben, als Freund*innen, Partner*innen, u.a.

Wir (und viele andere Betroffene) kennen es, von Erzieher*innen, Sozialpädagogen*innen, Therapeuten*innen, Ärzt*innen und anderen Akteur*innen des “Hilfesystems“ für dissoziative Symptomatiken sanktioniert zu werden; wir kennen wütende, lautstarke Aufforderungen zum „Wechseln zu Person XY“, körperliche (teils rabiate) Einwirkungen, um uns „wieder im Hier und Jetzt zu orientieren“, u.a. So etwas ist in unseren Augen unprofessionell und gewaltvoll.

Wir möchten ein paar Worte an An-/Zugehörige und private Begleiter*innen richten:

Wenn du merkst, dass du wütend wirst, weil es dir gerade überhaupt nicht passt, dass dein Gegenüber nicht mehr sprechen, gehen oder reagieren kann, nimm bitte zumindest einen Moment Abstand von ihm/ihr.

Sorge dafür, dass du dich beruhigen kannst, bevor du wieder in Kontakt gehst. Deine Wut kann irgendwo innen im Gegenüber ankommen, auch wenn sie/er noch so weit weg erscheint. Und das kann es schwerer machen, wieder aus der Dissoziation herauszufinden.

Es hilft nicht, wenn du ruppig wirst. Lautes Ansprechen, schütteln, anschubsen, fingerschnippen, klatschen, rufen, o.a. sind häufig keine nützlichen Außenreize zur Reorientierung. Besonders leise, beinahe einschläfernd murmeln oder flüstern, flatterzart streicheln, singen oder summen meist ebensowenig.

Wenn dir der Gedanke kommt, dein Gegenüber würde dissoziative Zustände absichtlich herbeiführen oder manipulativ einsetzen, reflektiere bitte deine Haltung. Dissoziation geht mit Kontrollverlust einher – wirkt ein Verhalten jedoch “gesteuert“, gibt es gute Gründe für Zweifel. Aber es sind zunächst mal deine (!) Zweifel, die du in Ruhe für dich näher beleuchten und später ggf. kommunizieren kannst. In der aktuellen Situation geht’s erst mal um einen Menschen in einem für ihn offensichtlich belastenden Zustand.

Du siehst einen Menschen, der vielleicht mit leerem Gesichtsausdruck ins Nichts starrt, vielleicht nicht mehr schlucken kann oder unkontrolliert zittert, zu Boden fällt, sich einnässt- das sind beschämende Momente und Betroffene brauchen ein Gegenüber, dem das bewusst ist.

Wenn du kannst, beschütze sie/ihn vor neugierigen Blicken Außenstehender, schirme sie/ihn ab, sorge für Ruhe. Falls ihr euch so vertraut seid, dass du gut merken kannst, wann eine vorsichtige Kontaktaufnahme gehen kann und wann du eher Abstand halten solltest, bist du eine wertvolle Unterstützung für sie/ihn.

Dissoziation kann plötzlich und dramatisch beginnen und verlaufen, oder auch ganz still und äußerlich unbemerkt. Für Betroffene ist das alles irgendwie „ganz normal“; wir leben mit diesem „On/Off-Wahnsinn“, es ist eben Teil unseres Lebens und unseres Seins, dass von einer Sekunde auf die andere etwas „abbrechen“ kann. Wir dissoziieren weitaus häufiger, als du es mitbekommst. Und die meiste Zeit des Tages regulieren wir uns immer wieder selbst, ohne dein Eingreifen.

Oft ist weniger mehr. Wilder Aktionismus ist selten hilfreich. Wenn dein Gegenüber beim Einkauf Lähmungserscheinungen in den Beinen bekommt, braucht sie/er nicht sofort einen Rollstuhl. Wenn ein Wegdriften/ ins Nichts starren besonders lange andauert und der Schluckreflex zum Erliegen gekommen ist, muss nicht automatisch der Rettungsdienst gerufen werden. Und wenn ein Innenkind singend neben dir im Auto sitzt, während ihr in eine Polizeikontrolle gewunken werdet, darfst du einfach NICHTS tun, statt fieberhaft nach einer erwachsenen Innenperson zu rufen. 😉

Abwarten, auf die systeminternen Selbstheilungs- und Selbstregulationskräfte vertrauen, durchatmen,  einfach „da bleiben“- das ist so viel, so simpel und so hilfreich.

Wenn zweifeln Sinn macht

Es ist okay und gut, Dinge zu hinterfragen. Auch innerhalb eines Viele-Systems kann jede*r an allem möglichen zweifeln, jedes Erinnerungsfragment für sich selbst genau überprüfen. Das muss nicht immer bedeuten, dass man sich gegenseitig das Wahrgenommene abspricht und es beinhaltet auch nicht automatisch ein blinkendes Warnlicht, auf dem das Wort „Lüge!“ eingeblendet wird.

Manchmal höre und lese ich von der Überzeug von Helfer*innen und Betroffenen, dass ein*e dauerzweifelnde “Host“/“Gastgeber*in“ zum typischen Symptombild einer DIS gehören soll. Die personifizierte Leugnung sozusagen. Und dass der beste Umgang damit wäre, den Mechanismus des Hinterfragens als reinen Selbstschutz (gegen eine Trauma-Überwältigung) zu bewerten und daran zu arbeiten, alles als biographisch und faktisch „wahr“ einzuordnen, was sich im Innern auftut. Ebenfalls wirkt es auf mich manchmal so, als dürfe die Skepsis an einer DIS-Diagnose gar nicht sein.

Wenn der/die Betroffene selbst immer wieder neu überlegt, ob diese Diagnose wirklich für sie/ihn zutrifft, ist es meiner Meinung nach für z.B. Therapeut*innen wichtig, dies ernst zu nehmen und gemeinsam genau zu überprüfen, was dafür und was dagegen spricht, wann und in welchem Rahmen die DIS erstmals thematisiert wurde, etc. Die Zweifel einfach „auszureden“ oder gar mit dem Argument der „Leugnungsprogrammierung“ aufzufahren (obwohl weder „mind control“, noch ritualisierte/rituelle/organisierte Gewalt als Background geklärt sind), halte ich für einen sehr schädlichen “Behandlungsfehler“.

Was ist schlimm an Zweifeln und Zweifler*innen? Warum darf/soll z.B. eine noch unklare Erinnerung an sexualisierte Gewalt von den Betroffenen nicht hinterfragt werden? Achtsamkeit ist auch hier das Stichwort- in alle Richtungen. Es hängt mehr dran, als nur die Glaubensfrage.

Warum wird bei der Ursachenforschung für eine dissoziative Symptomatik manchmal so schnell das Möglichkeitenfenster geschlossen? Ich finde es kontraproduktiv, wenn DIS zwangsläufig mit ritueller/organisierter Gewalt als Ursache verknüpft wird. Die traumatisierenden Hintergründe können so vielfältig sein wie die Ausprägung der dissoziativen Folgesymptomatik!

Dissoziation hat viele Gesichter. Eine Dissoziative Identitätsstruktur ebenfalls, gleichzeitig gibt es aber auch klare Diagnosekriterien. Wenn es in diesem Zusammenhang Unsicherheiten gibt; wenn die wahrgenommene Symptomatik nicht (ganz) zur Diagnose passt, oder sich Betroffene z.B. im Gespräch über Erinnerungsfragmente vom Gegenüber überfahren fühlen, sind Vorsicht und Skepsis doch völlig angemessen.

Wer, wenn nicht der/die Betroffene selbst hat denn das Recht, das eigene Sein, Erleben und Erinnern immer wieder neu zu beleuchten?

Wieso „darf“ es bei (manchen) Betroffenen auch Jahrzehnte nach der Diagnosestellung, nach den ersten deutlichen Erinnerungen an Gewalttraumatisierungen, keine Zweifel- und Leugnungsphasen mehr geben- und warum werden die von Therapeut*innen manchmal so rigoros vom Tisch gewischt?

Gerade bei dissoziativen Störungen ist es meiner Ansicht nach doch völlig „normal“ und vor allem heilsam (!), die innere Puzzlearbeit immer wieder neu anzuschauen und ggf. zu korrigieren. Ja, das sind schwierige und anstrengende Prozesse, auch für Begleiter*innen – aber so ist das eben: “Heilung“ (bzw. Verarbeitung) verläuft nicht linear.

Wenn man so ein großes Puzzle zusammenlegen möchte, dessen „Gesamtbild“ einem noch gar nicht bekannt ist, muss man doch in regelmäßigen Abständen etwas Distanz einnehmen, vielleicht von oben/außen draufschauen und möglicherweise einzelne Teilchen umlegen- oder sogar neu gestalten, wenn man merkt, dass sie so gar nicht zum Rest zu passen scheinen.

All das hat rein gar nichts mit der Anhängerschaft einer „False Memory Syndrom Foundation“ zu tun und auch nichts mit der generellen Leugung der Dissoziative Identitätsstruktur.

Ebensowenig bedeutet ein Zweifeln sofort: „Du glaubst mir nicht!“.

Es bedeutet im Idealfall: „Du bist mir so wichtig, dass ich mit dir zusammen immer wieder das entstehende Puzzlebild reflektiere, damit es irgendwann wirklich DEINS ist!“

Fragen können helfen

©PaulaRabe

Wenn man Viele ist, kommuniziert es sich nicht von selbst.

Die Vorstellung, es müsste doch leicht und selbstverständlich sein, dass alle Innenpersonen/Anteile miteinander in Kontakt kommen (und bleiben!), widerspricht dem Wesen der strukturellen Dissoziation.

Wir beschäftigen uns persönlich und in der Peerberatung immer wieder mit der Frage: “Wie kann Innenkommunikation (auch bei großen systemischen Widerständen) gelingen und langfristig etabliert werden?“

Leider haben wir bisher keinen bunten Blumenstrauß an Möglichkeiten (oder Patentrezepten) weitergeben können.

Fakt ist: Wir üben auch. Immer noch und immer wieder. Ohne gefundene Dauerlösung.

Was uns persönlich hilft, ist unsere Kreativität. Außerdem Neugier. Humor. Bewegung. Frische Luft. Ruhe und Alleinesein.

Letztens entdeckten wir in einem Verschenkeregal das Buch “99 harmlose Fragen für überraschende Unterhaltungen zwischen Eltern und Kindern“ von Ralph Caspers.

Viele Fragen darin regen unsere Innenkommunikation an – wir lesen immer mal wieder zu mehreren in diesem Buch und es beginnt eine Art Gedankenaustausch zu einzelnen Fragen – und zwar altersübergreifend.

Heute war es die Frage: Wie lang dauert “jetzt“? – aus ihr entwickelte sich eine kurze, interessante innere Begegnung. Das Buch wird irgendwann auch wieder zur Seite gelegt und andere Dinge stehen an – mehr oder weniger innerlich verbunden.

Naja, man kann ja auch nicht den ganzen Tag üben. 😉

Wie ist das bei Euch mit der Innenkommunikation?

Wir freuen uns über Kommentare!

Gewalt erkennen (wollen)

…Und manche wirken gut gelaunt, obwohl sie zuvor wochenlang gelitten haben. Dissoziation macht’s möglich.

Kinder und Jugendliche, die sexualisierter, organisierter und/oder ritueller/ritualisierter Gewalt ausgesetzt sind, erleben Schul- oder Kitaferienzeiten meistens vollkommen ungeschützt und isoliert in ihrem gewaltausübenden Umfeld. Kein*e Erzieher*in, Lehrer*in, Sozialarbeiter*in o.a. hat evtl. ein Auge auf das, was mit/im Kind passiert – und nach den Ferien muss auch nicht zwingend etwas auf den ersten Blick bemerkbar sein.

Gewalttraumatisierte Kinder und Jugendliche können häufig sehr vehement vermitteln, dass “alles gut war/ist“ (weil es gut sein soll). Es braucht die Bereitschaft erwachsener Personen, genauer hinzuschauen, Fassaden nicht widerspruchslos zu akzeptieren und “dranzubleiben“ – mit einem zuverlässigen, vertrauensvollen und ehrlichen Beziehungs-/Kontaktangebot: “Ich bin hier und bleibe. Ich höre und schaue offen und aufmerksam. Ich erwarte keine Feriensonnenscheingeschichten von dir.“

Wichtig ist, alles für möglich zu halten.

Kinder und Jugendliche können versteckte, verheilte, vernarbte innere und äußere Verletzungen haben- oder auch nicht. Sie können Schmerzen fühlen- oder auch nicht. Sie können sich daran erinnern, was ihnen angetan wurde – oder auch nicht. Sie können “ganz normal und wie immer“ erscheinen – oder auch nicht. Und so weiter. Gewalt hat viele Gesichter.

Aus eigener Erfahrung wissen wir, wie viel innerhalb von 6 Ferienwochen passieren kann- innerlich und äußerlich. In organisierten Gewaltkontexten ist es nicht unüblich, Kinder und Jugendliche z.B. gezielt in eigene “Sommercamps“ (wir kennen sie als sogenannte “education camps“) zu bringen, in denen es um besondere “Prägung“ (mind control) und spezielle Gewaltformen geht. Nach 6 Wochen kann ein bereits vorhandenes dissoziatives Persönlichkeitssystem innere und äußere Veränderungen aufweisen, die beträchtlich sein können. Dies kann neue und/oder massivere Traumafolgesymptome beinhalten- mit gleichzeitig verstärkter Amnesie und/oder hoher Funktionalität (z.B. Verstecken der Symptome).

Auch wenn diese inneren und äußeren Vorgänge unter Verschluss gehalten werden (vom betroffenen Kind/Jugendlichen selbst und natürlich von den Täter*innen und deren Unterstützenden), so ist es dennoch nicht unmöglich, sie zu erkennen.

Dafür brauchen z.B. Pädagogen und Pädagoginnen zum Einen Fachwissen im Bereich der komplexen Gewalterfahrungen und Traumafolgen.

Zum Anderen brauchen sie aber auch persönlichen Mut und ein offenes Herz.

Das Eine kann man lernen – für das Andere muss man sich vor allem entscheiden.

sich in den Körper hineinleben

Gewalttrauma und Körperarbeit- das ist für uns und andere Betroffene eine der größten Herausforderungen und gleichzeitg eine der größten Chancen auf dem (Über-)Lebensweg.

Wir haben in den letzten Jahrzehnten in Therapien viel geredet, diskutiert, enttabuisiert, gefragt, beantwortet, geschwiegen, widersprochen- und vergleichsweise wenig mit dem Körper erlebt und gefühlt. Das lag zum Einen daran, dass Therapeut*innen (bei Bekanntwerden der DIS) meistens keine körperfokussierte Arbeit (mehr) angeboten haben und sich auch davor scheuten, das „heiße Eisen Körper“ mit uns in An.Griff zu nehmen und zum Anderen an unserer eigenen Abwehr und Panik.

Glücklicherweise erlebten wir aber auch Mutiges und Verbindendes mit einzelnen Helfer*innen, die sich mit uns trauten und ausprobierten, was mit dem Körper gehen kann und darf. Diese Zusammenarbeit führte zu den wichtigsten, weitreichendsten und nachhaltigsten Entwicklungen und Fortschritten, die wir bisher auf unserem „Traumaheilungskonto“ verbuchen konnten.

Körperarbeit ist für uns jedoch kein (ausschließlicher) Psychotherapiebestandteil, sondern „passiert“ (vor allem) in unserem Alltag. Wir möchten uns nicht mit dem Traumafolgeerleben des „lebenslänglichen Fremd.Körpers“ arrangieren müssen, sondern wollen „in uns Zuhause sein können“ – und zwar vollumfänglich. Eine Dissoziative Identitätsstruktur befindet sich nicht nur im Kopf, in der Psyche- sie hat auch eine Körperebene. Das bedeutet, dass Psychotherapie nicht ausreicht, wenn man dabei den Körper vergisst- oder wenn er im Alltag quasi nur „dissoziierter Mitläufer“ ist. Die Auseinandersetzung mit einer DIS nimmt (teilweise) so viel Lebens.Raum ein; man ist vollzeitbeschäftigt damit, sich irgendwie zusammenzuhalten, einen Überblick zu bekommen, Innenkommunikation zu versuchen, sich (basal) zu versorgen und zu sichern, sich zu verstehen und zu begreifen- manchmal fühlt es sich so an, als sei man nur noch „Kopf“.

Der Körper braucht (auch!) Raum, Zeit, Platz, Aufmerksamkeit, Anerkennung, Fürsorge. Das ist so logisch und gleichzeitig so schwer und so problematisch. Wenn man hinschaut, hinfühlt- dann kann es weh tun. Dann kann etwas gebraucht werden, was man nicht geben kann, darf oder will. Dann werden Beeinträchtigungen sichtbar oder auch Trümmerfelder. Dann ergibt sich Baustelle um Baustelle um Baustelle. Wenn man in Kontakt mit dem Körper geht, kommt man in Kontakt mit der erlebten Gewalt und den Eindrücken und Gefühlen, die der Kopf nicht (mehr) weiß. Dazu braucht´s keine hochqualifizierte, megaintensive Therapiesession- da kann auch ein simpler Spaziergang, ein kurzes Bad oder eine Umarmung reichen und *zack* bist du in connection…

Alltagserfahrungen mit dem Körper- welche Herausforderungen und Chancen! Wir möchten Betroffene und Unterstützende so gerne ermutigen und bestärken, sich dahin zu wagen, in eigenem Tempo, auf eigene Weise(n), mit eigener Kreativität- und wir denken, dass wir das am besten können, wenn wir von eigenen Erfahrungen erzählen.

Jede*r von uns erlebt den Körper anders, wenn sie/er in ihm unterwegs ist. Manche nehmen ihn deutlicher wahr, manche kaum; manche mit Symptomen und Beschwerden; manche besonders groß/klein/dick/schief; usw. Manche erleben es wie „durch die Gegend getragen werden“, wenn der Körper läuft; manche haben große Empfindungsunterschiede in der rechten oder linken Körperhälfte, etc.

Der Körper, in dem wir alle leben, gehört niemandem von uns so ganz persönlich- niemand kann von sich sagen: „Ja, diese menschliche Hülle, das ist MEIN Körper, mit ihm identifiziere ich mich.“ Wir sind uns aber inzwischen einig geworden, dass sich das ändern darf und soll. Und dass wir dafür Kraft, Energie, Arbeit, Mut aufbringen wollen. Weil wir merken, dass sich das Leben deutlich schöner, runder, voller, bunter anfühlt, wenn wir es immer mehr mit unserem gemeinsamen Körper wahrnehmen und erfahren. Lassen wir ihn links liegen, bleibt etwas ganz Wesentliches auf der Strecke.

Wenn wir darauf schauen, wie Kinder ihren Körper entdecken und mit ihm vertraut werden, wie sie im Idealfall eine natürliche, sichere Verbindung mit ihm haben und welch selbstverständliche, spontane Bewegungsfreude sie ausdrücken können, dann wird uns klar: Wir haben Nachholbedarf.

Menschen, die uns als Kind kannten, beschreiben uns als „sehr angepasstes, ruhiges und braves Mädchen“. Wir waren weder wild, noch zappelig, noch sportbegeistert, noch albern, o.a. Wir blieben sitzen oder liegen, wenn man uns irgendwohin platzierte; hörten sofort mit unerwünschtem Verhalten auf, wenn man uns ermahnte. Diese Beschreibungen decken sich mit unseren eigenen Erinnerungen: Wir haben nicht lernen können und dürfen, uns ganz natürlich selbst zu verkörpern.

Im Hier und Jetzt merken wir deutlich, was diese Vergangenheit für Auswirkungen hat: Da gibt´s so viele Blockaden und Einschränkungen! Wir können nicht „einfach losrennen“, wir können nicht frei tanzen, hüpfen, springen; wir haben Probleme mit der Tiefenwahrnehmung und mit Geschwindigkeit: Sobald der Körper etwas „schneller als sonst“ tun soll/muss, bzw. eine Steigerung der Geschwindigkeit wahrnimmt, geraten wir in eine Überforderung. Und die kann so groß werden, dass wir einfach umkippen.

Ausgelassenheit. Heiterkeit. Albernheit. Wildheit. Lebendigkeit. Spielen. All das lernen wir neu. Weil wir es nicht verinnerlicht haben. Wir eignen uns all das neu an. Und wir spüren: Es lohnt sich!

Dieser körperliche Selbst-Erfahrungsprozess betrifft uns alle: Gesamtsystemisch und jede*n Einzelne*n von uns, in jeder Altersstufe. Spielen lernen ist nicht nur etwas für die Innenkinder, sondern ganz wesentlich wichtig ist das auch für die Jugendlichen und Erwachsenen.

Einige von uns Älteren haben in den letzten Wochen während eines körperfokussierten Kurses viele wichtige Schritte gewagt und geübt, spielerisch und ausgelassen zu sein. Dieser Kurs hatte nichts mit Therapie, Trauma oder überhaupt irgendeinem „Psychokram“ zu tun und wirkte dennoch oder gerade deshalb ausgesprochen „heilsam“. Wir haben uns zum Beispiel erstmalig bewusst zu Musik hüpfend durch eine Turnhalle forwärts bewegt. So, wie Kinder das tagtäglich auf dem Weg zur Kita, zu Hause, in der Schule und überall dort, wo sie es können und dürfen, tun. Für uns fühlte sich das wie eine Premiere an; so, als hätte unser Körper das noch nie erlebt. Dementsprechend besonders war auch die innere Bewegung und Berührung: Es war schön-schlimm. Wir hätten gleichzeitig weinen, lachen, schreien, weglaufen und fluchen können- hin und her gerissen zwischen „Ich will/kann/darf das nicht! Das ist peinlich! Das ist super! Das ist total spooky!“.

(Freies) Tanzen ist für uns eine sehr hilfreiche Möglichkeit (und Herausforderung), in Kontakt mit unserem Körper zu kommen. Wir haben im Laufe der letzten Jahre glücklicherweise verschiedene Sport- und Bewegungsarten ausprobieren und manche begeistert beibehalten können- aber mit dem Tanzen stehen wir immer noch etwas auf Kriegsfuß. Wir lassen uns aber nicht davon abhalten, weiter dran zu bleiben. Es ist okay, wenn wir dafür Zeit und Geduld brauchen und immer wieder an unsere Grenzen stoßen. Manchmal gelingt es uns, unsere „Komfortzone“ (bzw. eher „Sicherheitszone“) etwas zu erweitern und manchmal bleiben wir lieber in einem „sehr engen Rahmen“.

Der Körper hat gelernt, sich zu beschränken. Nicht zu expandieren und zu fordern. Wir helfen ihm heute dabei, sich zu dehen und zu strecken. An manchen Stellen braucht er besonderen Halt und Stütze. An manchen Stellen braucht er auch besondere Kraft, an anderen will er weicher sein. Es gibt Bewegungen, die ihm ganz fremd sind- die bisher gar nicht zu seinem natürlichen Repertoire gehörten. Wir gestatten ihm, sich darin auszuprobieren und zu erweitern- und wir erlauben uns insgesamt, dass uns das (erst mal) Angst macht und auch Trauer auslöst. Oder dass es „erstaunlich toll“ ist.

Wir sind unserem Körper (mittlerweile) so dankbar dafür, dass er uns trägt, belebt, aushält – dass er uns überhaupt erst existent sein lässt!

Manchmal träumen wir von Spielplätzen für erwachsene Körper. Von Tanz-Flashmobs im Supermarkt oder sonstwo. Von spontanen, liebevollen Umarmungen freundlicher Menschen. Von Bodypainting im Sonnenschein am Meer. Von Pfützenspringen ohne Schamgefühl. Von Body Positivity, im Grundgesetz verankert. Von Verbindungen mit sich selbst, mit anderen, mit der Welt – und dann erinnern wir uns an diese verrückt-schön-schreckliche Übung aus o.g. Kurs, bei der wir uns vorstellen sollten, Sterne vom Himmel zu pflücken…

Worte am Samstag

©PaulaRabe

Es ist mir immer wieder ein Rätsel, wieso Menschen immer noch meinen, Gewalttäter*innen könnten nicht freundlich, beliebt oder herzlich sein. Könnten nicht Vereinskolleg*innen, Nachbar*innen, Elternbeiratsvorsitzende, Brüder, Schwestern, Freund*innen, Partner*innen sein.

Und es ist mir immer wieder ein Rätsel, wieso Menschen meinen, Opfer jedweder Gewaltformen müssten immer sichtbar gebrochen sein. Könnten nicht witzig, charmant, flirty, lustvoll, gemein, böse oder ehrgeizig sein. Könnten nicht beides oder alles sein.

Ich habe keine Lust und keine Energie mehr für Grundsatzdiskussionen aus dem Mittelalter. Darüber, wie was sein müsste oder gar nicht sein kann, wer vermutlich nicht schuldig oder auf der anderen Seite sehr sicher bestimmt mitverantwortlich sein wird.

Ich bin müde von dieser ewigen “Täter*in-Opfer-Umkehr“, dem “victim blaming“, dem reflexartigen Täter*in-Verteidigen und Gewalt-Verharmlosen, der never ending story des Erklärens und erst recht bin ich müde von dieser mehr oder weniger deutlich formulierten Anspruchshaltung an Betroffene, doch “Aufklärungsarbeit“ zu leisten, sich zu zeigen, zu sagen, was man wann wie (nicht) braucht, stark zu sein und tapfer und überhaupt.

Hauptsache, man kann sich erleichtert zurücklehnen und feststellen: “Puh, wie schön – war doch alles nicht so schlimm. Ist doch alles wieder gut (in meinem Weltbild).“

Es ist mir immer wieder ein Rätsel, dass Menschen meinen, Gewalt sei zu Ende, wenn sie aufgehört hat.