Der Ausblick

©PaulaRabe

…Ausstieg aus organisierten Gewaltstrukturen: Was, wenn die Zeit davonläuft und es richtig “eng“ wird?:

Ein Therapieplatz (ambulant/stationär) fehlt, Wartelisten sind lang und voll und/oder Therapeut*innen wollen nicht mit “Deinem Thema“ arbeiten. Frauenhäuser oder andere Schutzeinrichtungen sind komplett belegt oder nicht sicher genug für Deinen Background. In der eigenen Wohnung bist Du gefährdet, aber ein Umzug scheint kaum machbar zu sein: Wo findet man heute bezahlbaren, guten Wohnraum?
Medizinische Versorgung ist voller Hürden: Angst, Unverständnis, Zeitdruck, Ignoranz, es darf keine Begleitung (mehr) dabei sein,  Empathielosigkeit, innere Blockaden, usw.
Was, wenn man bei all dem auch noch (alleine) Kinder zu versorgen hat?

Und hinzu kommt die Pandemie. Noch mehr Einzelkämpfer*in-Modus. Quarantänekatastrophen und Isolationsgefühle. Das “soziale Netz“ -falls vorhanden!- bekommt Lücken, Zuverlässigkeit bröckelt, die Basis schwankt.
Wir wissen selbst, wie lebensnotwendig neue, positive Beziehungserfahrungen für uns in unserem äußeren und inneren “Ausstieg“ waren. Freundliche, unterstützende Menschen, die spontan erreichbar waren, die wir sehen und fühlen (!) konnten, die wie eine Halteschnur bei uns waren und blieben… Diese Spontanität kommt in der Pandemie abhanden.

Und dann?? Wie behalten Betroffene organisierter/ritualisierter Gewalt so etwas wie Zuversicht, wenn sie eine Zeit großer Perspektivlosigkeit erleben?

Es geht nicht nur ums Durchhalten. Darin sind Gewalt-Betroffene oft ziemlich gut. Es geht um das Gefühl, dass es sich lohnen wird, auch wenn es jetzt gerade gar nicht so aussieht. Es geht um dieses kleine Fünkchen Hoffnung, das lebendig gehalten werden will.

Ein Ausblick. Irgendwohin, wo es besser ist, als es bisher war. Und zwar möglichst IN DIESEM LEBEN!

Es geht um Dich! Dass Du da bist, hat (mindestens!) einen guten Grund. Herauszufinden, was das sein könnte, könnte eine Perspektive für jetzt und morgen sein!

Keine Weihnachtspause in der Emailberatung

Schon im vergangenen Jahr haben wir die Erfahrung gemacht, dass es für einige Menschen ein Anker war, dass wir in der Emailberatung auch an den Feiertagen erreichbar waren.

Deshalb bieten wir es auch in diesem Jahr wieder an.

Wir bringen uns mit Lebens- und Arbeitserfahrungen, Interesse und Herz ein; versuchen, ein Kontaktpunkt auch in speziellen Zeiten zu sein und sind transparent und klar mit unseren Grenzen.

Notfallunterstützung, Ausstiegsbegleitung oder therapeutische Interventionen können wir natürlich nicht leisten und auch unsere zeitlichen und persönlichen Kapazitäten haben einen eigenen Rahmen.

Aber: Das, was wir tun können, machen wir gerne, aus voller Überzeugung und mit “guter Energie“.

peer – beratung ( @ ) fhf – stormarn . de (ohne Leerzeichen und Klammern)

Sorge lernen

©PaulaRabe

#orangedays :

Fürsorge-Fähigkeiten schüttelt man nicht aus dem Ärmel. Woher soll man wissen, wie es geht, jemanden zu umsorgen, zu pflegen, zu schützen, zu fördern- wenn die eigene Kindheit von Gewalt und/oder Vernachlässigung geprägt war? Gab es keine guten Beispiele, bleiben viele Fragezeichen im Innern.

Auch bei wiederholten Gewalterfahrungen im Erwachsenenalter, z.B. häuslicher Gewalt, kann der Zugang zu “Fürsorgeideen“ abhanden kommen: Wenn man tagtäglich erniedrigt, gedemütigt, ent-machtet wird, zerbröckelt nach und nach das intuitive Wissen, was gut tun würde, welche Bedürfnisse erfüllt werden wollen, wie emotionale Wärme aussehen kann.

Wir haben es erlebt, dass es für unsere Entwicklung von Selbst-Fürsorgefähigkeiten dringend wichtig war und ist, uns auch an Außenpersonen orientieren zu können. Trost, Zuwendung, Liebe, Anerkennung, Aufmerksamkeit über verschiedene Gesten, Worte, Handlungen- gespiegelt von vertrauenswürdigen Menschen in unserem Umfeld.

Sich abschauen können, wie das geht, jemanden, der traurig ist oder etwas nicht alleine kann, freundlich zu unterstützen.

Hinhören, was das Gegenüber wie sagt, um einen zu ermutigen.

Hinfühlen, wie das ist, wenn jemand im Körperkontakt beruhigt und hält. Erkennen, welche Gefühle welche Art von Hinwendung brauchen und was sich stärkend anfühlt.

Solche Erfahrungen waren und sind hilfreich im Erlernen von “Fürsorge“. Auf sich selbst und andere bezogen!

Deshalb erwähnen wir auch immer wieder gerne, wie kritisch wir eine praktizierte Gefühlskälte in Therapien sehen -unter dem Deckmantel der “professionellen Distanz“…

Zurückgeworfen werden auf das Stichwort “Eigenverantwortung“ -falsch voraussetzend, man habe ausreichend Zugang zu Selbstfürsorgefähigkeiten- ist immer wieder ein Schlag ins Gesicht eines komplex traumatisierten Menschen.

Wut alleine reicht nicht

©PaulaRabe

#orangedays:

Diese ewige Frage nach der Wut auf die Täter*innen langweilt und nervt mich manchmal. Die Vorstellung, dass ein Gewaltopfer aufhört, ein Opfer zu sein und stattdessen in den Status der/des Überlebenden emporsteigt, wenn es nur endlich wütend auf den/die Täter*innen werden kann, finde ich ekelhaft bequem.

Zu spüren und zu wissen, dass die Gewalt, der man ausgesetzt war, Unrecht war, dass der/die Täter*in damit Macht ausgeübt und missbraucht hat- dies ist sicher eine wichtige Erkenntnis.

Nur: Worauf trifft sie? Was folgt ihr? Entsteht aus dem erkannten Unrecht eine Wut- oder andersherum?

Worauf bin ich konkret wütend? Auf den/die Täter*in als gewaltausübende Person*en; oder ist die Wut eine lebenserhaltende, logische innere Maßnahme nach Erfahrungen von Ohnmacht, Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein- sozusagen eine Ab- oder Erlösung nach der Starre?

Letztlich finde ich die Person des Täters/ der Täterin völlig uninteressant. Wut, Rachegedanken, Hass auf sie/ihn fühlen sich für mich wie Verschwendungen wertvoller Lebensenergie an.

Was mich heute wirklich auf die Palme bringt- und womit ich in der Folge auch aktiv arbeite- sind die Umstände “danach“: Die erneuten Erfahrungen von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein, die wir und andere Gewaltbetroffene mach(t)en, z.B. bei der Suche nach Therapieplätzen, bei Ärzten/Ärztinnen, mit Ämtern, Behörden, Justiz, Politik, Gesellschaft…

Wut möchte transformiert werden, möchte Aktion und Andockpunkte, möchte gelebt werden. Im stillen Kämmerlein, mit sich alleine, verpufft die Wut vielleicht, statt sich heilsam weiterzuentwickeln.

Raum für die Wut der Opfer zu öffnen bedeutet, Forderungen, Bedarfe und Kritik anzuerkennen UND in eine Mit-Verantwortung zu gehen.

Die Realität, die viele Menschen mit Traumafolgen nach Gewalt kennen, sieht leider häufig anders aus.

Ich würde mir wünschen, dass sich der Fokus mehr auf die Betroffenen und ihre Bedürfnisse richtet und weniger auf die Täter*innen und ihre Motive.

Kindheit und Folgen

©PaulaRabe

#orangedays:

Gewalt in der Kindheit erhöht das Risiko für Gewalt im Erwachsenenleben. Sowohl aktiv als auch passiv.

Das meint: Sowohl viele Opfer als auch viele Täter*innen kennen aus ihrer Kindheit Vernachlässigung, Misshandlungen, sexualisierte und emotionale Gewalt.

Sogenannte “häusliche Gewalt“ betrifft häufig Menschen, die solche oder ähnliche Grenzverletzungen schon von “früher“ kennen. Die innere Verankerung, Ausbeutung sei ein “normaler“ Bestandteil des Lebens (“Ist halt so!“), hat weitreichende Folgen- die auch wieder auf Kinder treffen können.

Um den Gewaltkreislauf zu durchbrechen und transgenerationale Weitergabe zu beenden, braucht es eine bewusste innere und äußere Auseinandersetzung. Darauf zu vertrauen, dass “die Zeit schon alle Wunden heilt“, ohne für den “Heilungsprozess“ etwas aktiv tun zu müssen, ist mindestens grob fahrlässig und letztlich einfach total falsch.

Zu ignorieren, was war und welche Auswirkungen es auf das “Heute“ hat, ist Ab-Spaltung, die sich zum Beispiel auch darin zeigt, wie wichtig die Versorgung von Traumafolgestörungen von der Politik genommen wird.

Gewalt endet nicht schon mit dem letzten Schlag.

Der private Bereich

©PaulaRabe

#orangedays:

Privatsphäre, Grenzen, Persönlichkeitsrecht am eigenen Bild, Geheimnisse- nichts davon können Menschen, die z.B. (organisierter) sexualisierter und/oder “häuslicher“ Gewalt ausgesetzt sind, als “sicher“ ansehen. Täter*innen sind unkalkulierbar “überall und plötzlich da“, und es kann lebensgefährlich werden, wenn sie sich hintergangen fühlen.

Die Gewaltbetroffenen entwickeln sich entweder zu Meister*innen des Versteckens oder des sich-selbst- Verleugnens: In jedem Fall wird Privatsphäre (letztlich das gesamte “eigene Wollen“) als etwas nicht Selbstverständliches, sogar Verbotenes erlebt.

Menschen, die Gewalt erfahren haben, brauchen sichere Räume- und dazu gehören auch die Vertraulichkeit eines Tagebuchs oder eines Handys, die Verschwiegenheit einer/eines Freundin/Freundes, die therapeutische Schweigepflicht, der Respekt vor eigenen Gedanken und Plänen, die Achtung des eigenen Tempos, usw.

Hilfe und Unterstützung für Gewalterlebende kann manchmal, wenn es um konkrete Schutzmaßnahmen geht, an einer Schwelle stehen, an der Vertraulichkeit oder Schweigepflicht diskutiert werden müssen: Kann, soll, muss ich eingreifen, wenn ich von einer akuten Gefährdung weiß, obwohl der/die Betroffene äußert, dass er/sie das nicht möchte? Lasse ich ggf. Gewalt geschehen, wenn ich die Grenzen des Gegenübers NICHT überschreite?

Bei Kindern und Jugendlichen besteht eine andere Fürsorgepflicht als bei Erwachsenen. Trotzdem kann dieser Punkt des Schutzes z.B. bei einer Ausstiegsbegleitung aus organisierter/ritueller Gewalt immer wieder kritisch sein.

Wir denken: Die Betroffenen bestimmen ihren Weg und ihr Tempo. Sie haben das Recht zu schweigen und zu sprechen, wann und wie sie möchten. Sie sind nicht auskunftsverpflichtet. Sie können und dürfen eigene Entscheidungen treffen- auch darüber, ob sie leben oder sterben möchten (sofern dies eine eigene, nicht Täter*innen-induzierte Entscheidung ist!).

Hilfe muss sich an den Betroffenen orientieren, nicht andersherum.

Hoffnungsfunken

©PaulaRabe

#orangedays:

Hoffnung auf ein Ende der Gewalt. Auf Rettung, Hilfe, Gesehenwerden. Sich erlauben zu hoffen. Oder lieber: Gründe suchen und finden, für die es sich zu kämpfen, zu leben, zu verändern lohnt.

Hoffen, dass es besser wird und gleichzeitig befürchten, den Weg dorthin nicht zu schaffen. Angst vor dem Verlust und dem Schmerz, wenn man es gewagt hat zu träumen, zu planen, zu wollen- und dann irgendwo wieder etwas bricht, zerbrochen wird.

Hoffnung zuzulassen hat mit Mut und Wut zu tun und mit Bereichen im Innern, die Zerstörung weder annehmen, noch lebenslang aushalten wollen.

Viele Menschen, die Gewalt erleben, kennen es, den Hoffnungsfunken innerlich selbst totschlagen zu wollen. Weil er nichts zu bringen scheint, außer Verletzbarkeit und Schmerz.

Wir glauben, dass er einer der größten Antriebe im menschlichen Körper-Seele-Geist-System ist, die uns am Leben halten.

Deshalb sind wir froh, dass unsere Hoffnung durch alle Zeiten hartnäckig weiter existiert hat, auch wenn wir sie nicht immer bewusst wahrnehmen konnten oder wollten.

Hilfe und Barrieren

©PaulaRabe

#orangedays:

“Accessibility“ heißt Barrierefreiheit. Hilfsangebote für Menschen, die Gewalt erleben, müssen nicht nur “da“, sondern auch für sie zugänglich sein!

Das bedeutet, es braucht z.B. Offenheit und Bewertungsfreiheit, verschiedene und einfache Sprachen, Erreichbarkeit auch mit einem Rollstuhl, mit Hör- oder Sehminderung oder Assistenzhund.

Es braucht kostenfreie Angebote, weniger Bürokratiewahnsinn, diverse Stellen, die verschiedene Geschlechter ansprechen, medizinische Hilfe auch ohne Krankenversicherung, sichere Notwohnungen, usw.

Die Existenz von sexualisierter, physischer, psychischer, organisierter, ritueller, struktureller o.a. Gewalt wirklich ernst zu nehmen, bedeutet auch, deren Folgen als potentiell lebensbedrohlich, in jedem Fall aber lebens-behindernd anzuerkennen.

Und das bedeutet wiederum die Verantwortung, nicht nur Hilfestellen zu schaffen, sondern auch Barrierefreiheit für die Betroffenen zu gewährleisten.

Sichere Orte

©PaulaRabe

#orangedays :

Wir kennen es aus unserer eigenen gewaltvollen Biographie, wie wichtig sichere Orte für uns waren und noch sind und wie sie häufig fehl(t)en.

Oft ging es damals um Pausenmomente von der Gewalt, in denen fühlbar wurde: “Jetzt gerade passiert mir nichts, mein Gegenüber ist nicht gefährlich.“ Das konnte am Küchentisch der Nachbarin, im Klassenraum, beim Kioskbetreiber, am Kirschbaum oder auch im Kinderheim sein. Auszeiten, in denen Wahrnehmung und durchatmen und das Realisieren anderer Optionen möglich wurden.

Menschen, die Gewalt erleben, brauchen manchmal aber nicht nur das gemütliche Sofa bei einer Freundin, einem Freund- wenn es auch lebenswichtig sein kann, um die Verbindung mit dem Weiterleben halten zu können.

Menschen, die Gewalt erleben, brauchen auch professionelle, erreichbare Schutzangebote: Frauenhäuser, Beratungsstellen, Jugendhilfeeinrichtungen, Krisenanlaufstellen, usw.

Die Existenz, Finanzierung und Qualität dieser Institutionen zu sichern ist eine politische und gesamtgesellschaftliche Verantwortung und Pflicht!

Für Menschen, die in organisierten Täterstrukturen sexualisierte (rituelle) Gewalt erleben, gibt es zu wenige spezialisierte (Schutz-)Einrichtungen, die ihnen Begleitung anbieten können. Nicht selten stehen Betroffene, die sich vom Täterkreis distanzieren wollen, (zunächst) alleine da, bzw. werden ausschließlich von privat Unterstützenden aufgefangen. Die Bedeutung dieser Freund*innen, Partner*innen, u.a. ist unermesslich- und die Last, Mit-Verantwortung, Hilflosigkeit während eines “Ausstiegs“ zum Teil viel zu hoch.

Wir fordern mehr “safe places“ für alle, die sie brauchen!

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Zum 25.November

©PaulaRabe

Gewalt gegen Frauen und Mädchen – gegen Menschen- ist sichtbar, hörbar, fühlbar, auch wenn die Betroffenen (noch) schweigen.

Was Du tun kannst?

Augen, Ohren, Herz auf!

Kopf einschalten, dich über Hilfsmöglichkeiten informieren!

Gewalt als Teil von Lebensrealität begreifen, aber niemals als gegebene Normalität sprachlos hinnehmen!

Dich solidarisieren, nicht nur rund um den 25.11., sondern jeden Tag!

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