Mind Control, Hoffnung und Widerstand

Wir fühlen uns schon so lange Zeit so machtlos gegenüber dem, was Täter*innen uns eingepflanzt haben- und wir haben gespürt, dass wir keinen Zugriff haben in diese inneren Ecken, dass wir sie nicht verändert bekommen und dass aus diesem „Gebiet“ das pure Chaos nach außen dringt.“ (Zitat von uns aus dem Jahr 2013)

Diese erlebte Ausweglosigkeit und Ohnmacht haben wir auch im Kontakt mit anderen „Viele“-Menschen schon wahrgenommen. Viele andere Überlebende, die einer Bewusstseinskontrolle ausgesetzt waren, spüren und denken das Gleiche: „Wir werden niemals einen Weg da raus finden! Es wird ein großes Mysterium bleiben! Wir sind unseren eigenen fragmentierten, programmierten Teilen hilflos ausgeliefert!“ Und zudem: „Wir dürfen uns dieser Thematik nicht nähern, das ist lebensgefährlich!“.

Wir lehnen uns schon seit einigen Jahren gegen diese täter*innensuggerierte Ausweglosigkeit auf. Wir wollen und werden nicht (mehr) an diese „Ultra-Macht der organisierten Täter*innen bis in alle Ewigkeit“ glauben. Gleichzeitig bekamen wir die inneren Konsequenzen dieser Auflehnung zu spüren- denn dies sind keine „erlaubten Gedanken“ und sie sind „nicht im Sinne der Täter*innen“.

Das bedeutete für uns: Wenn wir uns gedanklich zu weit aus dem Fenster lehnten, zu sehr am „eingetrichterten Input“ zweifelten, kamen vor allem Selbstverletzungstendenzen auf, zum Beispiel in Form von Schlafentzug, Hungern, Erbrechen, Isolation, Verbrennungen, Hautverletzungen und auch Suizid-Druck. Auch der innere Zwang, sich wieder bei den Tätern*innen zu melden, Bericht zu erstatten über die eigene Entwicklung, Reue zu zeigen, mit keinem Außenmenschen mehr zu sprechen, der nicht zum Täter*innenkreis gehört, in eine Selbstleugnungsphase zu gehen oder jeden helfenden Kontakt abzubrechen, konnte entstehen.

Dachten oder taten oder fühlten wir zu viel Täter*innen-Entferntes, bedeutete das für uns immer wieder unvorstellbar großen Druck und jede Menge inneres Chaos. Je länger wir entgegen des Tätersinnes agierten, desto enger wurde die innere Schraubzwinge.

Es ist also kein Wunder, wenn wir und auch viele andere Überlebende immer wieder Schritte zurück mach(t)en in die Position der Fügsamen. Das „sich Auflehnen“ und „Querdenken“ zieht so viel Energie, dass man manchmal wirklich „auf dem Zahnfleisch geht“- und eine Rückkehr in die alte, aber „sichere“ täterfreundliche Haltung im Grunde eine kurzzeitige Erholung -vielleicht sogar einen Selbstschutz vor Suizid- darstellt.

Es hilft also nicht immer, wenn man hört oder liest, dass „die Lösung zur Loslösung“ in einem selbst liegt. Manchmal verstärkt das den inneren Druck und das Gefühl, ein_e absolute_r Versager_in zu sein. Kein Mensch, der es nicht selbst erlebt hat, kann nachfühlen und ermessen, wie existenziell und anstrengend der Kampf um die Rückeroberung des eigenen Seins wirklich ist.

Heißt das also, Betroffene können sich keine „gemeinsame, solidarische Hoffnung“ leisten? Weil es einfach so wenige „Erfolgsgeschichten“ gibt- erst recht nicht öffentlich sichtbare?

Wir haben besonders im Viele-Kontakt im Internet (Foren, Blogs, Gruppen) häufig die „zelebrierte Ausweglosigkeit“ erlebt. So sehr, dass eine Atmosphäre der dauerhaften Bedrohlichkeit entstand, über der die unsichtbare Überschrift prangte: „Solange Du Dich an die durch Bewusstseinkontrolle eingetrichterten Dogmen hältst, bist Du in Sicherheit! Es ist hochgradig kompliziert und beinahe unmöglich, daran etwas zu ändern!“- und das ist für uns völlig kontraproduktiv! „Schockstarre-und-Augen-zu“ erscheint uns nicht als passende Methode, um das aufzulösen, was mit täter*innengewollter Schockstarre und Dissoziation eingetrichtert wurde. Und gleichzeitig: Mystifizierung, Glorifizierung, Dramatisierung, Absolutismus halten Täter*innen in ihren machtvollen Positionen.

Es ist eigentlich ganz simpel und gar nicht so hoch komplex, wenn man auf die Basis schaut:

Das, was uns und anderen Betroffenen eingetrichtert wurde, ist FALSCH!

Wir* sind keine Folterknechte, keine Sexsklaven*innen und keine Geheimagenten*innen. Wir sind keine Auserwählten, keine Privilegierten und keine „Gotteskrieger*innen“. Wir* sind MENSCHEN. Das Gleiche gilt für die Täter*innen.

Alles, was Bewusstseinskontrolle in einem Gehirn aktiviert hat, wurde von dem Gehirn umgesetzt, dem/der es gehört. Alle Wege, die „Trauma“ in einem gemacht hat, befinden sich im Kopf, im Körper der/des Betroffenen. Das sind letztlich “gute“ Voraussetzungen und lohnenswerte Ausblicke, die sich daraus ergeben. Wieso sollte man sich da keine Hoffnung leisten können?!

Und wieso servieren wir* in unserem Alltag immer wieder den Gewalttäter*innen sehr viel Freundlichkeit- und uns* selbst sehr viel Verachtung?

-Das Verbot, sich auszutauschen und zu vernetzen (sowohl intern, als auch extern), ist täterfreundlich.

-Das Verbot, daran zu denken, dass auch Bewusstseinskontrolleur*innen Fehler machen, ist täterfreundlich.

-Das Verbot, daran zu glauben, ohne die Gruppierung lebenswert existieren zu können, ist täterfreundlich.

-Das Verbot, sich mit anderen Betroffenen zu verbünden und sich gegenseitig zu stärken, ist täterfreundlich.

-Das Verbot, zu denken, dass Bewusstseinskontrolle auflösbar ist, ohne sich automatisch in Lebensgefahr zu bringen, ist täterfreundlich.

-Das Verbot, zu fühlen und zu erleben, dass eine „Deprogrammierung“ auch simpel und gar nicht so „hoch komplex“ sein könnte, ist täterfreundlich.

-Das Verbot, zu verstehen und zu durchblicken, wie die innere Struktur gemacht und aufgebaut wurde, ist täterfreundlich.

Und das Verbot, öffentlich über all das zu sprechen, rituelle/ritualisierte, organisierte Gewalt ins Blickfeld zu rücken und politische und gesellschaftliche Verantwortung zu FORDERN- das ist auch täterfreundlich!

nicht aus(zu)halten

©PaulaRabe

Manche Gewalten kommen plötzlich und unerwartet. Manche werden angekündigt und sind absehbar. Ein Bruch, ein Riss, eine Wunde- meistens kann man sich davor nur bedingt schützen.

Es ist okay, sich abzuwenden, wenn einen das, was man sieht, zu hart trifft. Es ist okay, sich etwas nicht anzuhören, das überfordert, belastet, beängstigt.

Es ist okay, etwas nicht tapfer oder stumpf auszuhalten, sondern zu fühlen, wie schlimm es ist und das auch auszusprechen.

Sekundäre Traumatisierung ist nichts, was man riskieren oder erdulden muss -aus Solidarität oder Mit-Leid mit jenen, die direkt betroffen sind. Es ist okay, sich zu schützen, so gut es eben möglich ist- und das bedeutet nicht, dass man egoistisch, ignorant oder naiv wäre.

Hinsehen, wahrnehmen, realisieren, ernst nehmen- ja! Aber nicht in einer schonungslosen, überflutenden Dauerschleife.

Mitgefühl mit anderen und sich selbst haben, Grenzen erkennen und respektieren, nicht alleine bleiben mit Angst, Schrecken, Ohnmacht- all das ist wichtig, um nicht am Rande der Gewalt (oder sogar mittendrin) völlig zu zerbrechen.

Innenkinder und Spiel-Raum

Wir haben immer wieder erlebt, dass heilsame Erfahrungen bei den Innenkindern eine große, positive und umfassende Wirkung auf das gesamte Persönlichkeitssystem haben.

„Heilsam“ muss nicht zwangsläufig „glücklich“ bedeuten. Manche Innenkinder sind schwer zu erreichen, schwer zu beruhigen oder zu versorgen und die größtmögliche Lebensqualitätsverbesserung kann für sie heißen: Weniger Schmerz, weniger Angst, mehr Verbindung im Innen (und evtl. im Außen).

Unserer Erfahrung nach ist es sinnvoll, in einen persönlichen, einladenden Kontakt zu gehen und auf Bedürfnisse zu achten. Manchmal können Wünsche ausgedrückt werden- aber was ist, wenn weder eine Wunschliste für einen Einkauf bei „Toys r Us“ und Co vorgelegt, noch freudestrahlend eine Beziehung zum Vorlese-Ritual aufgebaut wird? Vieles kann erst mal im Sande verlaufen und sich so anfühlen, als agiere man in einen leeren Raum hinein.

Es fällt nicht immer leicht, am Ball zu bleiben. Der Kontakt zu Innenkindern kann auch potentiell triggernd sein, denn sie können zum Einen ein Spiegelbild der Kindheit, zum Anderen die Personifizierung des „Unerlaubten“ darstellen.

Kindliche Verhaltensweisen wie laut sein, Quatsch machen, herumalbern, experimentieren wollen, sich selbst entdecken, u.a. werden in einer gewaltvollen Kindheit oft missbilligt, unterbunden und bestraft. Kinder werden zur „Vernunft“ und zur Gefügigkeit erzogen- und dies zeigt sich häufig auch heute noch bei Innenkindern. Wenn man sich damit auseinandersetzen möchte, wie man ihnen im heutigen Leben helfen könnte, sich weiterzuentwickeln, muss man sich zwangsläufig auch mit „Täter*innen-Introjekten“ befassen.

Was wäre, wenn es gelingen könnte, dass Innenkinder Aspekte von guter Kindheit im Heute nach-erleben dürften? Was wäre, wenn sie Spiel-Raum hätten? Was wäre, wenn sie sich entfalten dürften? Was würde aus ihnen werden, wenn sie sich und ihre damalige Entstehung und das gemeinsame heutige Sein begreifen und einsortieren könnten?

Wohin mit der großen Angst, die diese Entwicklung im Innern auslösen könnte?

Wir haben das Gefühl, dass es sehr heilsam sein kann, manche Innenkinder in ihrem eigenen Tempo ein paar Schritte zurück und somit vorwärts gehen zu lassen. Das „Zurück“ bezieht sich auf eine Annäherung an etwas Alterstypisches. Zum Beispiel kann es sein, dass Innenkinder keinen natürlichen, spontanen Zugang zum Spielen haben. Sie zeigen sich teilweise überfordert von der Möglichkeit der (Frei-)Zeitgestaltung. Selbst wenn ein Innenkind in seiner Aufmerksamkeit zum Beispiel fasziniert auf den Anblick eines „Rennwagens“ auf einem Bild reagiert, kann eine aufgebaute „Carrera-Bahn“ tagelang unberührt herumstehen oder sogar Angst auslösen. Weil die spontane Spiellust innen verkrampft und unterdrückt ist und sich (noch) nicht einfach nach außen zeigen kann. Das braucht Zeit. Zudem ist der Aspekt des „eigenen Besitzes“ möglicherweise ebenfalls angstbesetzt: Wenn man etwas gern hat, konnte das gefährlich sein. Etwas Liebgewonnenes wurde weggenommen, um für irgendetwas zu bestrafen oder unter Druck zu setzen. Insofern fühlt es sich wohl zeitweise sicherer an, besser überhaupt nichts zu „besitzen“, damit man erst gar nicht in die Gefahr kommt, es wieder zu verlieren.

Es hilft in dem Zusammenhang nicht zwangsläufig weiter, diesen Kindern einfach nur mitzuteilen: „Heute darfst du Kind sein und spielen!“ und ihnen kindgerechte Dinge zur Verfügung zu stellen. Sie können gar nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, weil sie in ihrem bisherigen Leben wortwörtlich „niemals Spiel-Raum“ hatten. Sie kennen „Beschneidung“, Gefängnis, Gewalt und Verhaltenskontrolle.

Es braucht Geduld, Ruhe und Zeit, bis wahrgenommen werden kann: Heute sind kleine, ungewohnte, freie Schritte machbar- eben so, dass sie kognitiv und emotional zu begreifen sind.

Vielleicht werden nach und nach dann doch auch einige Hilfsmittel gefunden, die manchen Innenkindern gut tun. Für uns gilt das Motto „Spiel-Raum statt Spiel-Zeug“. Das bedeutet, dass wir Innenkindern und gleichzeitig uns allen einen erweiterten und sicheren Rahmen schaffen wollen, in dem Bewegung, Entwicklung und Selbst-Bewusstwerden stattfinden darf:

Sie dürfen heute wünschen und trotzen und laut weinen und jammern und Quatsch machen. Sie dürfen sagen „Ich versteh das nicht!“. Sie dürfen alle Fragen stellen, die ihnen einfallen. Und genauso dürfen sie klug und clever sein, wortkarg oder anhänglich, Spezialist*innen in eigener Sache, Besserwisser und Schlauberger. Wir Erwachsenen haben hier zu lernen, dass die diesbezüglichen Ängste, Bequemlichkeiten und Verdrängungsmechanismen in unserer (!) Verantwortung liegen, und nicht in der der Innenkinder.

Der wichtigste Teil unserer „materiellen Schätze“ sind Bücher. Wenn Innenkinder betrachten, was Lotta aus der Krachmacherstraße alles kann und darf, wie eine Kuh ein Baumhaus baut, ein kleiner Kater eine Geburtstagstorte bekommt oder wie die Eier verschiedener Vogelarten aussehen, sind das Friedensmomente. Sie schauen und lernen- nicht nur, wie man komplizierte Worte korrekt schreibt oder wann eine Amsel brütet, sondern auch, dass ihr eigener Kopf ihr eigener Kopf ist und sein und bleiben darf. Sie finden heraus, was sie interessiert und was nicht, was für sie lustig und spannend ist und was nicht, was schön aussieht und was nicht.

Es kann ein bahnbrechender, gesamtsystemischer Prozess sein, wenn Innenkinder endlich ihrem Alter entsprechend in einem gesicherten Heute „sein“ dürfen, während sie gleichzeitig realisieren können, dass es etwas Großes, Erwachsenes im Innenleben gibt, das zu ihnen gehört und für sie Verantwortung übernimmt. Sie meistern einen Spagat zwischen kindlicher Selbstwahrnehmung und erwachsenem Außenleben, eventuell auf dem Weg des Größerwerdens.

Für uns ist verstehbar geworden, warum „gut versorgte Innenkinder“ so systemübergreifend wirken: Wir arbeiten dabei an unserer Basis. Wir konfrontieren uns mit den Ursprüngen unserer Spaltungen.

Und dabei geht es nicht nur um eine hübsch eingerichtete Kinderecke in der Wohnung oder die neueste Ausgabe des Medizini-Heftchens…

Peer- und Angehörigenberatung nur bei Volljährigkeit

Wir möchten darauf hinweisen, dass wir die Emailberatung für Menschen mit (p)DIS und Angehörige nur für Personen anbieten können, die (körperlich) das 18. Lebensjahr vollendet haben.

Minderjährige Betroffene oder Angehörige können zum Beispiel hier Unterstützung finden:

Hilfe-Telefon „berta“: 0800-30 50 750

Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch: 0800-22 55 530

Nummer gegen Kummer: 116111

örtliche Mädchenberatungsstellen/-häuser, Jugendamt, Kinderschutzbund, Kinder- und Jugendnotdienste

Gerne können in den Kommentaren weitere empfehlenswerte Hilfsangebote veröffentlicht werden!

Der Ausblick

©PaulaRabe

…Ausstieg aus organisierten Gewaltstrukturen: Was, wenn die Zeit davonläuft und es richtig “eng“ wird?:

Ein Therapieplatz (ambulant/stationär) fehlt, Wartelisten sind lang und voll und/oder Therapeut*innen wollen nicht mit “Deinem Thema“ arbeiten. Frauenhäuser oder andere Schutzeinrichtungen sind komplett belegt oder nicht sicher genug für Deinen Background. In der eigenen Wohnung bist Du gefährdet, aber ein Umzug scheint kaum machbar zu sein: Wo findet man heute bezahlbaren, guten Wohnraum?
Medizinische Versorgung ist voller Hürden: Angst, Unverständnis, Zeitdruck, Ignoranz, es darf keine Begleitung (mehr) dabei sein,  Empathielosigkeit, innere Blockaden, usw.
Was, wenn man bei all dem auch noch (alleine) Kinder zu versorgen hat?

Und hinzu kommt die Pandemie. Noch mehr Einzelkämpfer*in-Modus. Quarantänekatastrophen und Isolationsgefühle. Das “soziale Netz“ -falls vorhanden!- bekommt Lücken, Zuverlässigkeit bröckelt, die Basis schwankt.
Wir wissen selbst, wie lebensnotwendig neue, positive Beziehungserfahrungen für uns in unserem äußeren und inneren “Ausstieg“ waren. Freundliche, unterstützende Menschen, die spontan erreichbar waren, die wir sehen und fühlen (!) konnten, die wie eine Halteschnur bei uns waren und blieben… Diese Spontanität kommt in der Pandemie abhanden.

Und dann?? Wie behalten Betroffene organisierter/ritualisierter Gewalt so etwas wie Zuversicht, wenn sie eine Zeit großer Perspektivlosigkeit erleben?

Es geht nicht nur ums Durchhalten. Darin sind Gewalt-Betroffene oft ziemlich gut. Es geht um das Gefühl, dass es sich lohnen wird, auch wenn es jetzt gerade gar nicht so aussieht. Es geht um dieses kleine Fünkchen Hoffnung, das lebendig gehalten werden will.

Ein Ausblick. Irgendwohin, wo es besser ist, als es bisher war. Und zwar möglichst IN DIESEM LEBEN!

Es geht um Dich! Dass Du da bist, hat (mindestens!) einen guten Grund. Herauszufinden, was das sein könnte, könnte eine Perspektive für jetzt und morgen sein!

Keine Weihnachtspause in der Emailberatung

Schon im vergangenen Jahr haben wir die Erfahrung gemacht, dass es für einige Menschen ein Anker war, dass wir in der Emailberatung auch an den Feiertagen erreichbar waren.

Deshalb bieten wir es auch in diesem Jahr wieder an.

Wir bringen uns mit Lebens- und Arbeitserfahrungen, Interesse und Herz ein; versuchen, ein Kontaktpunkt auch in speziellen Zeiten zu sein und sind transparent und klar mit unseren Grenzen.

Notfallunterstützung, Ausstiegsbegleitung oder therapeutische Interventionen können wir natürlich nicht leisten und auch unsere zeitlichen und persönlichen Kapazitäten haben einen eigenen Rahmen.

Aber: Das, was wir tun können, machen wir gerne, aus voller Überzeugung und mit “guter Energie“.

peer – beratung ( @ ) fhf – stormarn . de (ohne Leerzeichen und Klammern)

Sorge lernen

©PaulaRabe

#orangedays :

Fürsorge-Fähigkeiten schüttelt man nicht aus dem Ärmel. Woher soll man wissen, wie es geht, jemanden zu umsorgen, zu pflegen, zu schützen, zu fördern- wenn die eigene Kindheit von Gewalt und/oder Vernachlässigung geprägt war? Gab es keine guten Beispiele, bleiben viele Fragezeichen im Innern.

Auch bei wiederholten Gewalterfahrungen im Erwachsenenalter, z.B. häuslicher Gewalt, kann der Zugang zu “Fürsorgeideen“ abhanden kommen: Wenn man tagtäglich erniedrigt, gedemütigt, ent-machtet wird, zerbröckelt nach und nach das intuitive Wissen, was gut tun würde, welche Bedürfnisse erfüllt werden wollen, wie emotionale Wärme aussehen kann.

Wir haben es erlebt, dass es für unsere Entwicklung von Selbst-Fürsorgefähigkeiten dringend wichtig war und ist, uns auch an Außenpersonen orientieren zu können. Trost, Zuwendung, Liebe, Anerkennung, Aufmerksamkeit über verschiedene Gesten, Worte, Handlungen- gespiegelt von vertrauenswürdigen Menschen in unserem Umfeld.

Sich abschauen können, wie das geht, jemanden, der traurig ist oder etwas nicht alleine kann, freundlich zu unterstützen.

Hinhören, was das Gegenüber wie sagt, um einen zu ermutigen.

Hinfühlen, wie das ist, wenn jemand im Körperkontakt beruhigt und hält. Erkennen, welche Gefühle welche Art von Hinwendung brauchen und was sich stärkend anfühlt.

Solche Erfahrungen waren und sind hilfreich im Erlernen von “Fürsorge“. Auf sich selbst und andere bezogen!

Deshalb erwähnen wir auch immer wieder gerne, wie kritisch wir eine praktizierte Gefühlskälte in Therapien sehen -unter dem Deckmantel der “professionellen Distanz“…

Zurückgeworfen werden auf das Stichwort “Eigenverantwortung“ -falsch voraussetzend, man habe ausreichend Zugang zu Selbstfürsorgefähigkeiten- ist immer wieder ein Schlag ins Gesicht eines komplex traumatisierten Menschen.

Wut alleine reicht nicht

©PaulaRabe

#orangedays:

Diese ewige Frage nach der Wut auf die Täter*innen langweilt und nervt mich manchmal. Die Vorstellung, dass ein Gewaltopfer aufhört, ein Opfer zu sein und stattdessen in den Status der/des Überlebenden emporsteigt, wenn es nur endlich wütend auf den/die Täter*innen werden kann, finde ich ekelhaft bequem.

Zu spüren und zu wissen, dass die Gewalt, der man ausgesetzt war, Unrecht war, dass der/die Täter*in damit Macht ausgeübt und missbraucht hat- dies ist sicher eine wichtige Erkenntnis.

Nur: Worauf trifft sie? Was folgt ihr? Entsteht aus dem erkannten Unrecht eine Wut- oder andersherum?

Worauf bin ich konkret wütend? Auf den/die Täter*in als gewaltausübende Person*en; oder ist die Wut eine lebenserhaltende, logische innere Maßnahme nach Erfahrungen von Ohnmacht, Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein- sozusagen eine Ab- oder Erlösung nach der Starre?

Letztlich finde ich die Person des Täters/ der Täterin völlig uninteressant. Wut, Rachegedanken, Hass auf sie/ihn fühlen sich für mich wie Verschwendungen wertvoller Lebensenergie an.

Was mich heute wirklich auf die Palme bringt- und womit ich in der Folge auch aktiv arbeite- sind die Umstände “danach“: Die erneuten Erfahrungen von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein, die wir und andere Gewaltbetroffene mach(t)en, z.B. bei der Suche nach Therapieplätzen, bei Ärzten/Ärztinnen, mit Ämtern, Behörden, Justiz, Politik, Gesellschaft…

Wut möchte transformiert werden, möchte Aktion und Andockpunkte, möchte gelebt werden. Im stillen Kämmerlein, mit sich alleine, verpufft die Wut vielleicht, statt sich heilsam weiterzuentwickeln.

Raum für die Wut der Opfer zu öffnen bedeutet, Forderungen, Bedarfe und Kritik anzuerkennen UND in eine Mit-Verantwortung zu gehen.

Die Realität, die viele Menschen mit Traumafolgen nach Gewalt kennen, sieht leider häufig anders aus.

Ich würde mir wünschen, dass sich der Fokus mehr auf die Betroffenen und ihre Bedürfnisse richtet und weniger auf die Täter*innen und ihre Motive.

Kindheit und Folgen

©PaulaRabe

#orangedays:

Gewalt in der Kindheit erhöht das Risiko für Gewalt im Erwachsenenleben. Sowohl aktiv als auch passiv.

Das meint: Sowohl viele Opfer als auch viele Täter*innen kennen aus ihrer Kindheit Vernachlässigung, Misshandlungen, sexualisierte und emotionale Gewalt.

Sogenannte “häusliche Gewalt“ betrifft häufig Menschen, die solche oder ähnliche Grenzverletzungen schon von “früher“ kennen. Die innere Verankerung, Ausbeutung sei ein “normaler“ Bestandteil des Lebens (“Ist halt so!“), hat weitreichende Folgen- die auch wieder auf Kinder treffen können.

Um den Gewaltkreislauf zu durchbrechen und transgenerationale Weitergabe zu beenden, braucht es eine bewusste innere und äußere Auseinandersetzung. Darauf zu vertrauen, dass “die Zeit schon alle Wunden heilt“, ohne für den “Heilungsprozess“ etwas aktiv tun zu müssen, ist mindestens grob fahrlässig und letztlich einfach total falsch.

Zu ignorieren, was war und welche Auswirkungen es auf das “Heute“ hat, ist Ab-Spaltung, die sich zum Beispiel auch darin zeigt, wie wichtig die Versorgung von Traumafolgestörungen von der Politik genommen wird.

Gewalt endet nicht schon mit dem letzten Schlag.

Der private Bereich

©PaulaRabe

#orangedays:

Privatsphäre, Grenzen, Persönlichkeitsrecht am eigenen Bild, Geheimnisse- nichts davon können Menschen, die z.B. (organisierter) sexualisierter und/oder “häuslicher“ Gewalt ausgesetzt sind, als “sicher“ ansehen. Täter*innen sind unkalkulierbar “überall und plötzlich da“, und es kann lebensgefährlich werden, wenn sie sich hintergangen fühlen.

Die Gewaltbetroffenen entwickeln sich entweder zu Meister*innen des Versteckens oder des sich-selbst- Verleugnens: In jedem Fall wird Privatsphäre (letztlich das gesamte “eigene Wollen“) als etwas nicht Selbstverständliches, sogar Verbotenes erlebt.

Menschen, die Gewalt erfahren haben, brauchen sichere Räume- und dazu gehören auch die Vertraulichkeit eines Tagebuchs oder eines Handys, die Verschwiegenheit einer/eines Freundin/Freundes, die therapeutische Schweigepflicht, der Respekt vor eigenen Gedanken und Plänen, die Achtung des eigenen Tempos, usw.

Hilfe und Unterstützung für Gewalterlebende kann manchmal, wenn es um konkrete Schutzmaßnahmen geht, an einer Schwelle stehen, an der Vertraulichkeit oder Schweigepflicht diskutiert werden müssen: Kann, soll, muss ich eingreifen, wenn ich von einer akuten Gefährdung weiß, obwohl der/die Betroffene äußert, dass er/sie das nicht möchte? Lasse ich ggf. Gewalt geschehen, wenn ich die Grenzen des Gegenübers NICHT überschreite?

Bei Kindern und Jugendlichen besteht eine andere Fürsorgepflicht als bei Erwachsenen. Trotzdem kann dieser Punkt des Schutzes z.B. bei einer Ausstiegsbegleitung aus organisierter/ritueller Gewalt immer wieder kritisch sein.

Wir denken: Die Betroffenen bestimmen ihren Weg und ihr Tempo. Sie haben das Recht zu schweigen und zu sprechen, wann und wie sie möchten. Sie sind nicht auskunftsverpflichtet. Sie können und dürfen eigene Entscheidungen treffen- auch darüber, ob sie leben oder sterben möchten (sofern dies eine eigene, nicht Täter*innen-induzierte Entscheidung ist!).

Hilfe muss sich an den Betroffenen orientieren, nicht andersherum.