Über Gewaltschutz, kollektive Dissoziation und Bullerbü

„Gewaltschutz“ ist ja so eine Sache. Was bedeutet denn Schutz? Dass dafür gesorgt wird, dass man nicht (mehr) von (bestimmten) Menschen misshandelt, ausgebeutet, vernachlässigt, verfolgt etc. wird- und dann ist gut? Wer ist dafür an welchen Punkten und wie lange zuständig? Was gehört zu einem „geschützten“ oder „sicheren“ Leben?

Sicherheit ist relativ. Uns hat es nicht gut getan, dass manche professionelle und private Helfer*innen uns vermittelten, dass alles besser werden würde, sobald wir die Verbindungen zum Täter*innenkontext vollständig gekappt hätten. Ihrer Ansicht nach war das oberste Ziel das Ende der Gewaltausübungen durch diese Gruppierung gegen uns. Was danach kam oder kommen sollte, wurde mit den Glitzerworten „Freiheit“, „Selbstbestimmung“, „Autonomie“, „ein gutes Leben“ usw. angepriesen. Wir hatten Zweifel.

Heute, locker 25 Jahre später, können wir sagen: Es stimmt, „es“ ist besser geworden. Ja, wir haben Zugang zu diesen Glitzerworten gefunden und spüren sie immer wieder auch in unserem Leben. Das wäre so nicht passiert, wenn wir im Täter*innenkontext geblieben und weiterhin dieser Gewalt ausgesetzt gewesen wären.

Äußerlich geschützt zu sein ist aber nur ein Basiselement von vielen. Und es beinhaltet mehrere Aspekte, nicht nur jenen, nicht mehr akut misshandelt zu werden: Zum Beispiel Zugang zu Informationen und Hilfsmöglichkeiten, finanzielle Absicherung, medizinische, therapeutische, soziale Versorgung, juristische Begleitung, sicheren Wohnraum, tragfähige, vertrauensvolle private Beziehungen, usw.

Um das Basiselement auch selbst aufrecht erhalten zu können, ist so viel innere Arbeit nötig. Bei dissoziativer Identitätsstruktur reist der Täter*innenkontext häufig ja noch im Innern mit, obwohl im Außen schon länger Distanz hergestellt wurde. Die Gefahr, wiederholt auch anderswo Gewalt zu erleben, außer in der bekannten Gruppierung, ist groß. Und zwar nicht nur, weil die komplexen Traumatisierungen dazu beitragen, dass man z.B. immer wieder in Abhängigkeitsverhältnisse gerät oder Selbstschutzstrategien (noch) gar nicht etabliert werden konnten, sondern auch, weil Gewalt ein ganz „normaler“, üblicher Teil menschlichen Zusammenlebens ist. Die Wahrscheinlichkeit, Gewalt zu erfahren, ist für bestimmte Menschen (vulnerable Gruppen) besonders groß- aber grundsätzlich würden wir sagen: Niemand ist sicher. Sicherheit ist relativ.

Personen in einem „äußeren Ausstieg“ aus organisierten Strukturen zu vermitteln, dass auf sie am anderen Ende des Weges Bullerbü höchstpersönlich wartet, ist keine gute Idee. Gleichzeitig verstehen wir den Impuls bei Helfenden, all dem Schweren, Belastenden, Zerstörenden, Zermürbenden etwas entgegensetzen zu wollen: Hoffnung vor allem. Und es gibt ja auch Grund dazu! Aber zwischen „Gruppierungshölle“ und „Bullerbü“ liegt eine weite Spanne an Lebensrealitäten, für die es sich lohnt, los- und weiterzugehen.

Mut machen. Ermutigen. Begleiten. Jemanden unterstützen, wenn der Weg schwer und mühsam ist, wird oder bleibt. Im Dunkeln das Licht anknipsen. Orientierung bieten. Verbindung zulassen. Ein sicherer Hafen sein. Wenn man sich entscheidet, dies zu tun; so ein Mensch für jemand anderen, der in existenzieller Not ist, sein zu wollen, dann braucht man auch eine eigene, stabile Basis. Eigene Skills. Eigene Sicherheit(en).

Angst ist aber inzwischen für die meisten Menschen deutlich gewachsen. Viele haben ein Sicherheitsempfinden verloren, dass sie vielleicht vor 10 oder 20 Jahren noch hatten. Politische, gesellschaftliche, klimatische Entwicklungen der letzten Zeit führen logischerweise dazu, dass Ängste konkreter und begründeter geworden und nun schwerer zu händeln sind. Es steht so Vieles auf so wackeligen Füßen- und dabei geraten die Helfenden möglicherweise selbst an ihre Grenzen: Niemand kann Sicherheit vermitteln oder schaffen, der sich selbst unsicher fühlt. Niemand kann Hoffnungsglitzer verstreuen, der vielleicht nur noch wenige Krümelchen davon zur Verfügung stehen hat.

Unsere Erfahrung ist: Traumatisierende Umstände überlebt man dadurch, dass man „Portionen“ bildet. Der Schrecken wird innerlich aufgeteilt und an verschiedenen Stellen „verstaut“, weil „Eine*r allein“ es nicht (er-)tragen kann. Aber auch die Wahrnehmung dessen, was „positiv im Leben hält“, kann man in zeitliche und inhaltliche Häppchen portionieren: Ein Moment der Ruhe, ein neuer Flummi, eine freundliche Tier- oder Menschenbegegnung, eine endlich verstandene Matheaufgabe, ein Wolkenspiel, warme Füße, ein Überraschungsei, Musik, ein lustiger Witz, Schmerzreduktion, eine Lösung für etwas, bunte Malstifte, Meeresrauschen- …

Wie wäre es, all das in imaginären Tupperdosen (oder sonstwie) zu sammeln, um es haltbar zu machen? Um die damit verbundenen Erinnerungen und Empfindungen möglichst lebendig und zugänglich bleiben zu lassen- auch und gerade weil Sicherheit eben relativ ist?!

Wir kennen es, dass wir uns alltäglich in Lebensgefahr fühlten. Dass wir nicht einschätzen konnten, wann uns das nächste Mal etwas Schlimmes passieren wird. Dass wir wussten, dass man sich nie zu früh freuen darf und dass man sich niemals an etwas Schönes, Liebes binden sollte. Wir rechneten mit „dem Schlimmsten“, wünschten uns oft, es möge endlich alles vorbei (=tot) sein. Und gleichzeitig konnten wir uns auch freuen, mochten bestimmte Menschen, lachten, spürten manchmal Entspannung und Erleichterung, hatten Momente und Zeiten, die sich „unbelastet“ anfühlten. Ja, auch als Kind in organisierten Gewaltstrukturen!

Das ist der „Zauber“ der Dissoziation, den Menschen auch im Hinblick auf Angst vor Klimakatastrophen, Kriegen, Existenznot, Krankheiten, u.a. kennen. Würden wir nicht alle dissoziieren, würde wohl niemand mehr die Kreuzfahrt für die Rentenzeit planen, Kinder in die Welt setzen, die AfD supporten oder Überflutungen im eigenen Keller ausschließen. Es ist wichtig, manches ausblenden zu können, weil man sonst vielleicht gar nicht mehr (über)lebensfähig ist. Die Frage ist nur: Welche Konsequenzen riskieren wir mit (zu viel) Ausblendung an manchen Punkten?

Das Licht am Ende des Tunnels wird nicht Bullerbü sein. Für niemanden. Deshalb zu erstarren, nicht mehr weiter- oder sogar zurückzugehen, nicht mehr zu helfen, nicht mehr an eine „Verbesserung“ zu glauben (einfach alles stehen und liegen zu lassen, wo es gerade hinfällt) würde das Ende des Konzeptes „Gewaltschutz“ und das Ende der Hoffnung bedeuten.

Kapitulation vor der Erstarkung der Rechten. Kapitulation vor der Macht der Natur. Kapitulation vor Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen, Verarmung, Zerstörung, Hass… Das ist ein anderer Umgang, als der neurobiologische Automatismus der (zeitweisen) Dissoziation. Kapitulation ist eine Entscheidung!

Wir glauben an die Macht der vielen kleinen Schritte. An die Heilsamkeit der kleinen Portionen „Glück“. An den Einfluss der Herzverbindungen untereinander. An die Wirkung der alltäglichen Besonderheiten. All jene „Gegenpole“, die dieses „anders als früher“ ausmachen und die dafür sorgen, dass wir weiter dableiben wollen, in dieser Welt, hier und jetzt. Auch und gerade weil Bullerbü eine Fiktion ist.

Welche Wahl haben wir?

Statusmeldung Essstörung: „Einigermaßen stabil“

Bei unserer Essstörung bedeutet „einigermaßen stabil“ eine Spanne von +/-15kg. „Stabil“ heißt für uns (laut BMI) „höheres Normalgewicht“. Noch nie waren wir im Unter-, oft im Übergewicht. „Eskalierende Essstörung“ mit deutlich höheren Gewichtszu- und abnahmen (+/-50kg) kennen wir auch sehr gut. Unser Körper verändert sich stetig, hat aber in jeder (!) Gewichtsphase sichtbare „Bindegewebsschwächen“, mit denen wir uns nur mäßig arrangieren können. Die massiven Schwankungen haben eben Spuren hinterlassen.

Um uns wohl zu fühlen, unserem Körper freundlich zu begegnen, „sicher“ am Sozialleben teilhaben zu können, Sport zu treiben und so auch „stabil essgestört“ zu bleiben, statt „eskalierend“, brauchen wir unter anderem passende Kleidung. Und ja: Unsere Geschmäcker und das jeweilige Wohlbefinden variieren (sehr).

Unsere Rettung in dem Dilemma ist der Sozialladen, in dem jedes Kleidungsstück 90Cent kostet. So ist es uns möglich, zu jeder Zeit passende Hüllen für unseren „formdiversen“ Körper zu haben.

Inzwischen trennen wir uns auch wieder von Klamotten, die viel zu klein für den aktuellen Stand sind (sie gehen zurück in den Second-Hand-Kreislauf)- denn sie befeuern das selbstabwertende Denken und Fühlen: Sich wieder in diese Hose, dieses Shirt reinhungern wollen/müssen, unbedingt M statt (X)L, usw. „Fettfeindlichkeit“ im eigenen Kopf, Bodypositivity am Arsch.

Viel zu kleine Klamotten im Schrank als gefühlte „Mahnmale des Versagens“, weil sie uns gerade nicht mehr passen, helfen uns eben nicht dabei, unsere Essstörung zu kontrollieren, sondern andersherum.

Wir möchten uns okay (oder sogar gut) mit/in uns fühlen, egal, welche Form unser Körper hat. Das ist innere und äußere Arbeit, die mal mehr, mal weniger erfolgreich verläuft – und die leider viel zu oft viel zu wenig wahrgenommen und anerkannt wird.

Leben mit Essstörung(en) ist nicht immer außen bemerkbar, zeigt sich nicht immer in Extremen und bringt ganz individuelle Herausforderungen und Folgen mit sich.

Wie sehen Eure „Statusmeldungen Essstörung“ aus? Vielleicht mögt Ihr ja was dazu kommentieren. 🙂

Aktivist*innen-Pläne

Ich schaue auf den Wandkalender und wundere mich, wie schnell dieses Jahr verläuft. Noch drei Monate und unsere Arbeit in der Peer- und Angehörigenberatung ist beendet. Fünf Jahre haben wir dieses Projekt gehegt und gepflegt und nun steht der Abschied vor der Tür. Das wird für uns eine Lücke hinterlassen, die sich ein bisschen traurig, unsicher und ernüchtert, aber insgesamt doch okay und stimmig anfühlt. Abschied ist nicht so unser Ding, denke ich. Wir brauchen Perspektiven, um ihn aushalten zu können.

Seit 2013 machen wir Öffentlichkeitsarbeit. Begonnen haben wir mit dem Sichtbarmachen unserer Kreativität: Wir stellten einen kleinen Teil unserer gemalten Bilder in einem „Frauennotruf“ aus, bündelten einige unserer Kurzgeschichten und Gedichte in einem kleinen, selbst kopierten Heftchen, drückten uns mit Fotografien aus. Das hat uns Freude gemacht, erfüllte uns, fühlte sich „sinnhaftig“ an- und rückte im Laufe der folgenden Jahre immer weiter in den Hintergrund. Aus unserem Blog verschwanden nach und nach die Geschichten und Gedichte, es wurde „aktivistischer“, politischer, „aufklärerischer“, kritischer. Wir entwickelten immer mehr einen inneren Druck/Anspruch, dass das, was wir in die Öffentlichkeit bringen, einen Wert, eine Qualität haben muss: Es wurde uns zunehmend wichtiger, darüber zu schreiben, was „Leben mit Traumafolgen“ für Viele bedeutet- nicht nur für uns; wo es hakt, was gebraucht wird, welche gesellschaftlichen und politischen Hürden existieren, usw. Wir wurden kämpferischer, wütender, lauter, unbequemer in dem, wie wir Öffentlichkeitsarbeit praktizierten.

Und jetzt? Jetzt schaue ich auf den Kalender und bin mal wieder müde. Die letzte Lesung vor einer Woche war (zum ersten Mal) eine für uns frustrierende, bei der wir uns anschließend fragten, welchen Sinn dieser Abend eigentlich gemacht hat: „Hat das jetzt irgendwem irgendwas gebracht, dass wir hier waren?“… Die Frage war nicht: „Hat es uns erfüllt?“

Wir merken: Unsere „Aktivist*innen-Energie“ hat nachgelassen. Wir sehen verschiedene andere Aktivist*innen in diversen Themenbereichen (Inklusion, Feminismus, Queerness, Klimaschutz, Gewaltprävention, u.a.), die arbeiten und arbeiten und arbeiten; die immer lauter rufen, demonstrieren, aufmerksam machen und dabei immer wieder gegen Wände prallen- und wir möchten die Flügel hängen lassen. Uns ist in all der zunehmenden „Kämpferei“ der letzten 12 Jahre das kreative, freie, freudvolle Schreiben und Gestalten abhanden gekommen- und das fehlt uns!

Sichtbarwerden, Ausdruck, Kommunikation ohne Leistungsdruck, ohne innere Ab-/Bewertung- einfach, weil unsere „Werke“ so reichen, wie sie sind- das ist ein innerer Wunsch. Auch dann okay mit uns und im Außen zu sein, wenn wir keine „aktuellen, heißen Themen“ aufgreifen, nicht „weiterhelfen“ oder ermutigen, nicht im „Social Media-Rummel“ mitmachen, nicht mitdiskutieren, nicht „enttabuisieren“, „aufklären“, Dinge auf den Tisch packen, etc. Wenn wir wollen, halten wir Vorträge, geben Workshops, veranstalten Lesungen, schreiben einen Brandbrief- wir müssen damit weder aufhören noch weitermachen. Öffentlichkeitsarbeit ist ja vielfältig, oder?

Unser Blog wird inzwischen weitaus weniger gelesen und kommentiert als vor ein paar Jahren. Längere Texte, die beleuchten, abwägen, Punkte herausarbeiten oder auch Lyrik, usw. sind anstrengender zu lesen, als kurze, knappe, plakative Statements. Instagram ist kurzweiliger, konsumorientierter, dynamischer, interaktiver- und erfordert ständige Aktualität und Aufmerksamkeit. Für uns ist das häufig reizüberflutend. Zu uns passt das Tempo darin eigentlich gar nicht. Ein Blog ist langsamer, oft gehaltvoller- sozusagen näher dran an einem Buch, wohingegen „Social Media“ eher einem Werbeprospekt gleicht.

Unser „Aktivist*innen-Herz“ braucht in Zukunft weniger Druck und mehr Freiraum. Wir benötigen Farben, Papier und Leinwand, Fokus nach innen, Stifte und Zettel, Ruhe statt Getöse. Das, was wir nach außen zeigen wollen, darf so bunt sein, wie wir es auch sind- und dabei ist „Kunst“ nicht weniger wert als die Sachdiskussion.

Ein guter Plan.

Vorstellungsvermögen

©PaulaRabe

Ihr fällt es schwer, sich vorzustellen, dass Menschen so „bösartig“ sein können, sich zum gemeinsamen „Kindesmissbrauch“ zusammenzuschließen. Sie arbeitet seit 30 Jahren im sozialen Bereich und hatte bisher noch nicht mit organisierter sexualisierter oder ritueller Gewalt zu tun, sagt sie.

„Zumindest haben Sie das Thema bisher noch nicht bewusst in Ihrer Arbeit wahrgenommen“, antworte ich.

Dann sprechen wir noch darüber, was für sie daran so schwer ist, „es sich vorzustellen“. Es geht nicht um die „Glaubensfrage“. Sie zweifelt nicht an der Existenz dieser Gewaltstrukturen, sie stellt die Betroffenen nicht in Frage, sagt sie.

Ich verstehe: Es geht ihr um emotionales Begreifen, nicht um die Kognition.

Sich etwas vorstellen zu können, braucht eine innere Offenheit, etwas für möglich zu halten. Manches ist thematisch sehr weit weg von der eigenen Biographie, dem eigenen Welt- und Menschenbild – dann fällt es vielleicht schwerer, einen Zugang zu finden.

Wenn es darum geht, z.B. Kinder und Jugendliche vor Gewalt zu schützen oder nach Gewalterfahrungen zu versorgen und zu begleiten, dann gehört es zur Profession, sich Dinge „vorstellen“ zu können.

Verschiedene Lebensrealitäten müssen als Fakten anerkannt werden. Sich diese Fakten anzueignen, bedeutet (äußere) Arbeit, braucht Motivation und Ernsthaftigkeit.

Sich emotional einlassen zu können, sich Mitgefühl und Nähe zu erlauben, eine Beziehung zum Gegenüber aufzubauen- das bringt vor allem innere Arbeit mit sich. Für soziale Berufe ist das unserer Ansicht nach aber ganz basal, denn wenn ich mich auf dieser Ebene in einen Kontakt begebe, nehme ich noch mal anders (intensiver) wahr, was mein Gegenüber eigentlich bewegt, was gebraucht und gewollt wird (und was nicht) und kann bestenfalls besser helfen.

Sich etwas vorstellen zu können geht nur dann, wenn man beweglich ist und bleibt.

Wir wünschen uns von Personen im „Hilfesystem“, dass sie daran denken, wie schwer ihnen manche Vorstellungen selbst fallen, wenn sie von Betroffenen erwarten, dass sie „endlich begreifen“, dass jemand gute Absichten hat; dass etwas/jemand „vertrauenswürdig“ ist, usw.

Es geht immer wieder darum, was man wann wie (nicht) sehen kann, darf, will- und warum.

Sie nimmt neue Perspektiven aus unserem Gespräch mit. Wir auch.

Lesung am 9.9.25 in Schwarzenbek

Wir veranstalten wieder eine Lesung mit anschließendem Gespräch:

Dienstag, den 9.9.25, 19 – 21 Uhr

Ort: Stadtbücherei Schwarzenbek, Ritter-Wulf-Platz 1, 21493 Schwarzenbek

Veranstalter*innen: Kreis Herzogtum Lauenburg, Fachstelle Kinderschutz

Kontext: „Schutz beginnt mit uns“ Informations- und Aktionswochen zu Präventions­­angeboten gegen sexuelle Gewalt an jungen Menschen  – im Kreis Herzogtum Lauenburg

©PaulaRabe

Peer- und Angehörigenberatung endet

Vor fünf Jahren fand unsere Idee, im Bereich „Dissoziative Identitätsstruktur“ Peer- und Angehörigenberatung per Email-Kontakt anzubieten, einen Ort, an dem das möglich wurde: Angebunden an die Beratungsstelle „Frauen helfen Frauen Stormarn e.V.“ arbeiten wir seitdem ehrenamtlich.

Die Finanzierung unserer Tätigkeit (Aufwandsentschädigung, Fortbildung) musste jedes Jahr aufs Neue bei verschiedenen Stiftungen, Vereinen, Behörden/Ämtern begründet und beantragt werden – eine Zusage über eine dauerhafte Absicherung gab es leider nicht.

Im Laufe der Zeit schauten wir uns hin und wieder auch nach möglichen Kolleg*innen mit Erfahrungsexpertise um, denn die Idee eines „Betroffenen-Teams“ in der Emailberatung erschien uns langfristig gesehen sinnvoll. Aus verschiedenen Gründen blieben wir letztlich aber doch die einzigen „Peer´s“ in der Beratungsstelle und gestalteten unser Projekt eigenverantwortlich.

Neben allem, was uns in diesen fünf Jahren im Kontakt mit Betroffenen, An-/Zugehörigen und Helfenden positiv berührt, bewegt, begeistert, inspiriert, motiviert, erfreut und gestärkt hat (und das war eine Menge!), gab es auch belastende Aspekte, die letztlich zu unserer Entscheidung geführt haben:

Wir beenden die Peer- und Angehörigenberatung zum 31.12.2025.

Zum Einen war und ist die Finanzierungsfrage kompliziert, anstrengend und frustrierend: Es wurde im Laufe der Jahre nicht leichter, eine*n Geldgeber*in zu finden- und die Zukunft sieht für solche sozialen Projekte nicht gerade rosig aus. Unsere zeitlichen und energetischen Kapazitäten in einem Ehrenamt sind begrenzt- und Finanzierungsgedöns frisst zu viele Arbeitsstunden und vor allem Nerven.

Zum Anderen -und das ist ein noch wichtigerer Aspekt- merken wir inzwischen deutlich unsere Erschöpfung. Ohne Peer-Kolleg*in zu arbeiten bedeutete auch, jede Mail alleine zu lesen und zu beantworten. Auch jene, die die Rahmenbedingungen sprengten, triggerten, grenzüberschreitend, sehr durcheinander, sehr umfangreich oder sonstwie herausfordernd waren. Auch jene, bei denen wir mit einer möglichen Suizid-, Selbst-, Fremd- oder Kindeswohlgefährdung konfrontiert waren. Oder jene, in denen beschrieben wurde, wie Ausstiegsversuche scheiterten, Hilfenetze zusammenbrachen, Freund*innen oder Partner*innen sich zurückzogen. Wir nahmen Anteil an Ohnmacht, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Wut, Verzweiflung- und antworteten tatsächlich auf alles, was uns erreichte. Nicht von einem Büro aus, wo wir mal eben schnell eine*n Peer-Kolleg*in um Rat hätten fragen oder uns austauschen können, sondern aus dem sogenannten „home office“, immerhin mit Katzensupport auf dem Schoß (und der Möglichkeit der regelmäßigen Intervision mit Beratungsstellen-Mitarbeiterinnen).

Wir möchten unsere Arbeit gut machen. Das können wir nicht, wenn wir zu erschöpft sind und wenn die Rahmenbedingungen nicht (mehr) stimmen. Deshalb ist es wichtig und richtig, dass wir zum Jahresende diesen Schlusspunkt setzen und uns dann Zeit nehmen, Neues zu überlegen und zu entwickeln.

Allen, die uns ihr Vertrauen geschenkt und sich auf den Austausch mit uns eingelassen haben, danken wir sehr herzlich!

Wir wünschen uns und allen anderen Betroffenen, An-/Zugehörigen, professionell und privat Unterstützenden mehr Anlaufstellen, mehr Vernetzung, viel Kraft, Hoffnung, Freiraum und immer wieder die eine oder andere freundliche Pfote an ihrer Seite.

„Fonds Sexueller Missbrauch“ (EHS) endet

Im Gegensatz zu den im März veröffentlichten Nachrichten sind nun keine Erstanträge beim „Fonds Sexueller Missbrauch“ („Ergänzendes Hilfesystem“/EHS) mehr möglich.

Die Geschäftsstelle teilt auf ihrer Website mit:

In den letzten Wochen sind in der Geschäftsstelle Fonds Sexueller Missbrauch mehr Anträge eingegangen als erwartet. Zu unserem Bedauern werden die im Bundeshaushalt vorgesehenen Mittel zur Gewährung von Billigkeitsleistungen für Betroffene nicht ausreichen, um alle bisher eingegangenen Anträge zu bewilligen. Nach derzeitiger Prognose können Erstanträge mit dem Eingangsdatum ab dem 19. März 2025 nicht mehr bewilligt werden, da die verfügbaren Haushaltsmittel für die Umsetzung der Billigkeitsrichtlinie aufgrund der hohen Nachfrage vorzeitig erschöpft sind.

Das bedeutet:

Es sind keine Erstanträge mehr möglich und es gibt keine Warteliste.

Anträge, die vor dem 19.März 2025 in der Geschäftsstelle eingegangen sind, werden bis zum 31.12.2025 beschieden.

Änderungs- und Ergänzungsanträge können weiterhin gestellt und bearbeitet werden (auch nach dem 31.12.2025)

Auszahlungen zu bewilligten Leistungen sind weiterhin möglich (keine konkrete Angabe, wie lange noch).

Dem Bundesfamilienministerium (BMBFSFJ) ist bewusst, dass diese Verkürzung der Möglichkeit, Erstanträge zu stellen, viele Betroffene von sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend enttäuscht und vor große Herausforderungen stellt. In der bisherigen Form kann das System, auch weil in den Haushaltsverhandlungen keine weiteren Mittel vorgesehen sind, aber nicht weitergeführt werden.

Wir sind nicht enttäuscht, sondern einfach nur noch wütend über die Prioritätensetzung der Bundesregierung.

über Gewalt(folgen) berichten

Über sexualisierte, organisierte (rituelle/ritualisierte) Gewalt zu berichten, ist wichtig. Es geht immer wieder besonders um Aufklärung und Enttabuisierung; darum, aufzuzeigen, dass Gewalt keine Randerscheinung in einer Parallelwelt ist, sondern Teil des gesellschaftlichen Lebens, in dem wir uns alle befinden. Täter*innen und Opfer sind Kolleg*innen, Freund*innen, Nachbar*innen, Familienmitglieder, Personen in machtvollen Positionen, u.a. Verschiedene Gewaltformen sind alltäglich: Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden misshandelt, ausgebeutet, emotional vernachlässigt, gefoltert, verkauft, u.a. Politik, Justiz und Gesellschaft tragen aus verschiedenen Gründen dazu bei, dass all das immer wieder und immer weiter passieren kann und die Opfer viel zu häufig alleingelassen werden- und haben auch die Möglichkeiten, Veränderungen zu erwirken.

Das sind die grundlegenden Fakten, die inzwischen unserer Einschätzung nach gar nicht mal so unbekannt sind. Vor zwanzig, dreißig Jahren bestand „Aufklärung“ noch darin, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was sog. „sexueller Missbrauch“ ist und wie häufig er im sozialen, familiären Nahbereich stattfindet. Inzwischen dürfte das vielen Menschen klargeworden sein. Dennoch gibt es natürlich weiterhin den (menschlichen) Impuls, an einer Bullerbü-Vorstellung festzuhalten und das Thema „Gewalt“ aus dem eigenen Weltbild auszulagern, genauso wie Krieg, Flucht, Armut, Klimawandel und andere Katastrophen, die bitte woanders stattfinden sollen, nur nicht vor der eigenen Haustür.

Berichte über strukturelle Gewalt, zum Beispiel in organisierten, rituellen/ritualisierten Kontexten, beinhalten meistens auch Statements von Betroffenen oder sind als Portraits über sie aufgebaut. Häufig wird zwischen „Fachperson“ und „Betroffene*r“ sehr unterschieden: Die „Opfer“ erzählen Teile ihrer Geschichte, ihres „Leidens-“ oder auch „Heilungsweges“ und die „Profis“ bringen die wissenschaftlichen, psychologischen, sachlichen oder wie auch immer gearteten „Fakten“ und Analysen. Für den „emotionalen Zugang“ zum Thema sorgen die Erfahrungsberichte, für die Sortierung und „Aufklärung“ die „Fachleute“.

Wir finden es gut, wenn es Raum für Erfahrungen, Gedanken, Sichtweisen und Forderungen von Betroffenen gibt und sie sich selbst vertreten können. Wir wünschen uns, dass Betroffene in medialen Darstellungen, auf Kongressen und Tagungen, in Diskussionen oder Fortbildungen nicht nur „geduldet“ oder freundlich lächelnd „akzeptiert“ werden, sondern gleichwertig, auf Augenhöhe mit ihrer Expertise anerkannt werden. Viele Gewaltbetroffene bringen neben ihrer Erfahrungsexpertise auch Fachwissen mit und gestalten Vorträge, Workshops, Kunstaktionen, Seminare u.a. sehr professionell, wenn Veranstalter*innen sie „buchen“. Die Unterscheidung zwischen „Betroffene*r“ und „Fachmensch“ ist oft unstimmig und gar nicht nötig- und hält das Weltbild von „weit entfernter Täter*innen- und Opferschaft“ aufrecht, statt es zu verändern.

„Aufklärung“ und „Enttabuisierung“ im Bereich sexualisierter, organisierter (ritueller/ritualisierter) Gewalt kreist immer noch viel zu oft um die Grundsatzfrage der Glaubhaftigkeit von Betroffenenschilderungen (und/oder um die Anzweiflung oder Anerkennung der Kompetenz mancher Fachleute oder Fachrichtungen):

Ist das, was die gezeigte Person sagt, nachvollziehbar, vorstellbar, plausibel- wirkt sie ausreichend emotional berührt oder viel zu „cool“, für das, was sie „behauptet“, erlebt zu haben? Kommt sie „sympathisch“ rüber? Erscheinen ihre Gesten, ihr Stimmklang, ihr Ausdruck, ihre Haltung authentisch, übertrieben, irritierend, ambivalent, o.a.? Ist sie „zu viel“ Opfer oder „zu wenig“? Wie äußern sich Fachpersonen dazu, die ggf. einen „Autoritätsfaktor“ innehaben und per se schon als „fundiert“ wahrgenommen werden, weil sie Mediziner*innen, Jurist*innen, Politiker*innen, männlich, weiß oder sonst wie etabliert sind?

In Berichterstattungen wirkt so viel zusammen: Bildsprache, Kameraeinstellungen und Schnitt, Äußerungen anderer Interviewpartner*innen, Kommentare, Titel, Format, Zusammenstellung verschiedener inhaltlicher Aspekte, Veröffentlichungswege, Werbung, usw. Es wird Haltung transportiert, auch dann, wenn sich die Medienschaffenden um Neutralität bemühen, und zwar indem sie ihr Format so gestalten, wie sie es eben gestalten.

Wir wünschen uns, dass Berichterstattung nicht nur im Sinne neuer, tiefergehender Erkenntnisse „investigativ“ arbeitet, sondern auch auf Anregungen, Ideen, Veränderungen und Lösungsorientierung bezogen aufdeckend aktiv ist. Was kommt nach und neben der „Glaubhaftigkeitsdiskussion“? Wie geht es weiter, wenn man ausreichend fundiert dargestellt hat, dass es sexualisierte, organisierte (rituelle/ritualisierte) Gewalt gibt, welches Ausmaß bisher bekannt und belegt ist und welche Folgen diese Traumatisierungen für die Betroffenen bedeuten können?

Wir wünschen uns Raum und Aufmerksamkeit für „gute Nachrichten“. Es gibt Hilfsangebote, z.B. das Hilfetelefon, Beratungsstellen und andere Institutionen, Ausstiegsberatung und engagierte Personen im „Hilfesystem“, es gibt politische Bewegungen (siehe z.B. UBSKM, Betroffenenrat, Aufarbeitungskommission, Nationaler Rat, u.a.), verschiedene Akteur*innen in der Betroffenenselbstvertretung, u.a. Komplextraumatisierung durch Gewalterfahrungen bedeutet nicht zwangsläufig lebenslanges Leid oder totale innere Zerstörung, es gibt Behandlungs-, Begleitungs-, Unterstützungsmöglichkeiten, und viele Betroffene finden einen Umgang mit den Folgen der Gewalt.

Dass der Zugang zu den ohnehin zu wenigen Hilfsangeboten viel zu schwer gemacht wird, ist dramatisch und muss Teil der Berichterstattung sein- dass viele Überlebende trotzdem weitergehen, weitermachen, weiterprobieren und bemerkenswerte Wege für sich finden, ist jedoch genauso berichtenswert. „Enttabuisierung“ beinhaltet auch die Benennung alltäglicher Hürden, Herausforderungen und Hilfen erwachsener Überlebender: Wie lebt man mit den Folgen der Gewalt (möglichst gut) weiter und was wird dazu innerlich und äußerlich gebraucht und entwickelt?- Wir finden, das ist eine sehr spannende Frage, die auf verschiedene Arten beleuchtet und beantwortet werden kann.

Strukturelle Dissoziation findet innerhalb eines Individuums und innerhalb einer Gesellschaft statt. Menschen nutzen diesen Automatismus (diese Strategie) für sich selbst und miteinander, um sich an (vermeintlich oder tatsächlich) unlösbare, unbeeinflussbare Gegebenheiten anzupassen. Was sich als zu viel, zu schlimm, zu groß, zu schwer, zu kompliziert anfühlt, wird innerlich und auch äußerlich „weggeschoben“. Es wird getrennt zwischen gesund und krank, gestört und normal, gut und schlecht, etc. Es gibt die eigene, mehr oder weniger vielfältige „Bubble“, die eigene Wohlfühlzone, den eigenen Horizont, die eigenen Belastungsgrenzen. Daneben, davor, dazwischen, danach kommt „Fremdes“, was sich integrieren, inkludieren oder im Zweifelsfall auch eliminieren lässt.

Soll das alles so sein und bleiben?! Wie eng gefasst man sein Leben gestalten kann oder möchte, wie leicht es einem fällt, über den Tellerrand zu schauen, sich auf Neues einzulassen, sich weiterzubewegen, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Manchmal ist es Angst, die den Radius sehr klein sein und bleiben lässt. Manchmal ist es auch Bequemlichkeit, Ignoranz, Arroganz, Machtstreben, o.a.

Den Blick zu öffnen; darauf zu schauen, welche Entwicklungen und Ergänzungen es gibt, die man noch gar nicht wahrgenommen hat, erfordert neben Mut und Neugier auch die Bereitschaft, das eigene Ego auch mal zur Seite zu stellen. Mediale Berichterstattung über Gewalt kann sehr verschiedene Motivationen haben. Aufklärung und Enttabuisierung sind ehrenwerte Absichten, sich für eine „gute Sache“ einzusetzen fühlt sich wunderbar sinnhaft an. Sich als Sprachrohr für eine marginalisierte Gruppe anzusehen, empfinden wir als schwierige, eher schädliche Position. Wir lehnen sie für uns in der Öffentlichkeitsarbeit klar ab. Wir können und wollen nicht „für andere Betroffene sprechen“, sondern unsere Erfahrungen und Erkenntnisse teilen, die wir z.B. durch Peerkontakte, Vernetzung und eigene, persönliche Innenarbeit gewonnen haben.

Wem dient das, was ich tue, kurz-, mittel- und langfristig? Was ist meine Antriebsfeder? Wie variabel bin ich mit meiner Komfortzone? Um wen oder was geht es mir fachlich – und persönlich?

Das sind Fragen, von denen wir uns wünschen, dass sie sich Medienschaffende auch immer wieder ehrlich selbst stellen.

Wir tun das auch.

„Blinder Fleck“: Wenn Fragezeichen bleiben, die aufgelöst werden könnten

Im aktuellen Film „Blinder Fleck“ von Liz Wieskerstrauch geht es um rituelle Gewalt. Zu sehen ist er in diversen kleineren und größeren Kinos, inklusive anschließender Diskussions- und Fragerunde mit der Regisseurin.

Die Filmautorin schreibt auf ihrer Homepage: „Dieser investigative Film zeigt das Ausmaß organisierter ritueller Gewalt in Deutschland und wirft die drängende Frage auf, warum die Ermittlungen bislang in keinem einzigen Fall zu einer Anklage, geschweige denn zu einer Verurteilung geführt haben.

Betroffene, Ärzte, Therapeutinnen/Beraterinnen, Jurist*innen, Polizisten/Kriminalisten kommen in verschiedenen Interviews zu Wort und beleuchten das Thema „rituelle Gewalt“ aus ihren jeweiligen Hintergründen heraus.

Von den Betroffenen wird hauptsächlich aufgezeigt, wie diese Gewalt inhaltlich und in ihren Auswirkungen konkret aussehen kann. Die Dissoziative Identitätsstruktur als eine Folge solcher Komplextraumatisierungen wird sicht- und spürbar. So werden die Zuschauenden emotional sehr angesprochen.

Die Fachpersonen, die in ihren Berufsfeldern mit der Thematik zu tun haben, äußern sich unter anderem zum Aspekt des Zweifelns: Immer wieder wird die Glaubhaftigkeit der Schilderungen von Betroffenen medial, gesellschaftlich, juristisch, politisch in Frage gestellt- ist „rituelle Gewalt“ nun real existent oder nicht? Hierzu teilen die Fachpersonen ihre individuellen Meinungen mit.

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Meinungen und offene Fragen, statt wissenschaftlicher Erkenntnisse und Antworten.

Uns fehlt in der Dokumentation die (internationale) Traumaforschung der letzten Jahre, die es überflüssig macht, sich immer wieder (nur) auf die „Glaubensfrage“ zu beziehen. Wenn die thematische Auseinandersetzung ausschließlich davon abhängt, wer in welcher Position welche Darstellungen und Zusammenhänge persönlich für (un)möglich oder (un)wahrscheinlich hält, wer damit wo wieviel Einfluss und Reichweite hat- dann bleibt es für Betroffene ein „Glücksspiel“, an wen man wo gerät und wie die Unterstützung dann aussieht, falls man welche bekommt.

Anzuzweifeln, dass es rituelle Gewalt als eine von vielen möglichen Gewaltformen gibt, ist Bestandteil einer ignoranten, persönlichen Komfortzone. Die Dissoziative Identitätsstruktur als eine von vielen möglichen Gewaltfolgen zu negieren, ist schlicht unwissenschaftlich. Man kann sich inzwischen auf Belege beziehen und muss gar nicht mehr in der Grundsatz-Glaubensfrage herumdümpeln.

Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) ist eine belegbare Diagnose, die in der „internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (engl. ICD) aufgeführt wird. Die Diagnosekriterien und -standards sind klar. Wie bei allen anderen „Erkrankungen“ kann es auch hier zu Fehldiagnosen und -behandlungen kommen, die für die Betroffenen mit sehr viel Leid verbunden sind.

Die Möglichkeit, in einem therapeutischen/beraterischen oder polizeilichen Setting Suggestion und Manipulation zu erleben, ist für psychisch belastete Menschen sehr hoch. Die Wahrscheinlichkeit, dass Betroffenen von sexualisierter Gewalt in der Kindheit nicht geglaubt wird, ist weitaus größer, als dass jemandem falsche Gewalterinnerungen „eingeredet“ werden. Natürlich ist es möglich, Erinnerungen zu manipulieren- und zwar in jede Richtung. Therapeut*innen, die suggestiv auf ihre Klient*innen einwirken, sind keine verrückten „Psychos“ (wie im Film von einem Facharzt geäußert): Sie begehen dabei ethische und fachliche „Kunstfehler“, die unbedingt vermieden werden müssen (und können!). Behandlungs- und Beratungsrichtlinien sollten auch in diesem Zusammenhang keine „persönliche Präferenz“, individuelle Meinung oder „nice to have“ sein, sondern einen klaren, schützenden Rahmen für (besonders vulnerable) Menschen bieten.  Diagnostik ist für kompetente Behandler*innen inzwischen kein Hexenwerk mehr; Psychotraumatologie wurde und wird erforscht, überdacht, findet neue Wege und Methoden- und trotzdem hält man sich immer wieder mit „false memory“-Geschwurbel auf, verschwendet Ressourcen, Zeit und Raum, der lösungsorientierter genutzt werden könnte.

Die Existenz organisierter, ritueller Gewalt wird immer wieder daran festgemacht, wie viel davon juristisch beweisbar ist. Die Schilderungen der Betroffenen über größere Täter*innenkreise, mehrere andere Opfer und massive Straftaten steht im Widerspruch zur Verurteilungsrate: Über gefasste Täter*innen ist nur wenig bekannt, die in „Blinder Fleck“ und anderen Beiträgen gezeigten  Ermittler*innen haben nie entsprechende Fälle aufklären können. Keine gerichtsverwertbaren Beweise, also auch keine Urteile- also auch keine Täter*innen? Und somit auch keine Opfer? Man glaubt nichts, was man nicht sieht. Die Schilderungen über rituelle Gewalt bleiben so viel zu oft konsequenzlos in der Luft hängen, werden vergessen. Gut, dass sie zumindest in der Dokumentation ihren Platz bekommen und behalten.

Dass Ermittlungsverfahren so oft (aber nicht immer, siehe Infoportal Rituelle Gewalt) scheitern, bedeutet in erster Linie, dass nicht genügend Material für einen Gerichtsprozess gefunden wurde. Was als juristisch ausreichender Beleg oder Beweis gilt, ist gesetzlich vorgegeben. Aussagen von Betroffenen werden mit polizeilich und gutachterlich zur Verfügung stehenden Mitteln überprüft und untersucht. Die forensischen Standards der sogenannten „Glaubhaftigkeitsbegutachtung“ wurden bisher nicht an die Erkenntnisse der Traumaforschung der letzten Jahre/Jahrzehnte angepasst. Es gilt in dem Zusammenhang weiterhin auch die „Nullhypothese“: Es wird davon ausgegangen, dass die Aussage unwahr ist – so lange, bis genügend Beweise für die Glaubhaftigkeit vorliegen. Alles, was die Grundannahme der „falschen Behauptung“ untermauern kann, wird gesammelt und führt schließlich zu einer gutachterlichen Stellungnahme, die sowohl ein Ermittlungsverfahren als auch einen Gerichtsprozess (und somit auch ein Urteil) maßgeblich beeinflusst und steuert.

Ob polizeiliche Tätigkeiten erfolgreich verlaufen, hängt von vielen Faktoren ab. Ein Aspekt sind Zeugenaussagen. Auch im Film „Blinder Fleck“ wird darauf eingegangen: Dissoziativ strukturierte Menschen haben eben häufig keinen bewussten, kontinuierlichen Zugang zu Erinnerungsmaterial. Schilderungen sind oft bruchstückhaft und in sich zum Teil widersprüchlich. Verschiedene Persönlichkeitsanteile erinnern und äußern Verschiedenes- und es braucht Mühe, Zeit, Unterstützung, das Ganze zusammenzusetzen. Eine polizeiliche Vernehmungssituation ist hochgradig stressig, die Betroffenen sind psychisch belastet- und es wird gefordert, konstant, in sich schlüssig, nachvollziehbar und rekonstruierbar auszusagen, was passiert ist. Logischerweise findet auch (gerade) in solchen Momenten Dissoziation statt- und wenn die vernehmenden Beamt*innen keine Ahnung von Psychotrauma haben, überfordert oder überlastet sind, dann kann so eine Ermittlung im Grunde nur mit viel Glück oder Zufall gerichtsverwertbares Material hervorbringen.

Im Film bleibt die Problematik der Aussage(un)fähigkeit bei Dissoziativer Identitätsstruktur als (ein) Grund für im Sande verlaufene Ermittlungen stehen. Es wird nicht benannt, was hilfreich sein könnte. Menschen mit DIS sind nicht per se „schlechte Zeug*innen“- bedeutend sind unserer Erfahrung nach vor allem die Zeitpunkte und Umstände, wann und wie sie bei der Polizei landen. Erinnerungsmaterial kann im Laufe der Zeit klarer zur Verfügung stehen und auch deutlicher benannt werden, Fehlerinnerung können innersystemisch aufgespürt und korrigiert werden- sofern Betroffene dabei auch therapeutisch kompetent unterstützt werden. Und auch hier zeigt sich wieder die Hürde der Glaubhaftigkeitsbegutachtung: Langjährige Psychotherapie gilt als ein Argument, dass für eine Falschbehauptung spricht (Stichwort Suggestion) und wird nicht als Beleg für Wahrheit angesehen. Dass viele komplextraumatisierte Menschen überhaupt erst mit therapeutischer Hilfe in die Lage kommen, ein Strafverfahren angehen und durchstehen zu können, wird ignoriert.

Kinder, die organisierter und/oder ritueller/ritualisierter Gewalt ausgesetzt sind, werden immer noch viel zu selten und zu spät als Opfer erkannt. Traumafolgesymptome werden von Umfeld, Kita, Schule, Erzieher*innen, Institutionen oft nicht als solche identifiziert- obwohl das mit Fachwissen und Aufmerksamkeit durchaus möglich ist. Hier trifft der Film einen wichtigen Punkt: Man muss Gewalt eben auch für möglich halten. Wer weiß, welche Gewaltformen es geben kann, der/die schaut anders hin. Wir hätten uns gewünscht, dass die Dokumentation mehr Handlungsoptionen aufzeigt: Was brauchen betroffene Kinder und Erwachsene? Wie kann Schutz aussehen und gewährleistet werden? Was braucht es gesellschaftlich und politisch? Wie können Menschen, die helfen wollen, dazu befähigt werden, auch helfen zu können?

Betroffene Erwachsene haben überlebt. Sie nicht als komplett zerbrochen, bis ans Lebensende leidend und psychisch zwangsläufig am Ende anzusehen, sondern es für möglich zu halten, „trotzdem“ Lebensfreude und „persönliche Freiheit“ entwickeln zu können, finden wir eine sehr wichtige Haltung, die für uns im Film gerne noch mehr hätte transportiert werden können.

Die Auswahl der Kulissen (Lagerhallen, verlassenes Schwimmbad, leere Bar, „Schlüssellochperspektive“ in ein Büro, u.a.) für die Interviews können wir an einigen Stellen nicht nachvollziehen, die Bildsprache und Kameraeinstellung erscheint uns zum Teil auch als „leider typisch“ für Berichterstattungen über sexualisierte Gewalt (Spielplatz, Clown, u.a.)

Ein dunkler Punkt (blinder Fleck?) wird im Verlauf des Filmes größer, statt kleiner.

Schade, wir hätten es uns andersherum gewünscht.

Zum Namenstag

Unser Namenstag bedeutet uns emotional mehr als unser körperlicher Geburtstag. Uns zu entscheiden, den von den Eltern bestimmten Vor- und Nachnamen abzulegen, selbst zu bestimmen, wie wir angesprochen werden möchten – das wurde damals möglich durch jahrelange Therapie-, Ausstiegs- und innere und äußere Beziehungsarbeit.

Eine öffentlich-rechtliche Namensänderung ist ein behördlicher Vorgang, bei dem Unterstützung sinnvoll ist: Zum Beispiel durch eine medizinische oder psychotherapeutische Fachperson, die eine Stellungnahme dazu schreibt, weshalb diese Namensänderung nötig ist, oder auch durch rechtlichen Beistand und Finanzierungshilfe.

Wir haben den neuen Namen damals zeitgleich mit der Strafanzeige gegen Täter*innen beantragt. Neben dem vorrangigen Aspekt der inneren Distanzierung zu unserer Herkunftsfamilie hatten wir auch die Hoffnung, inklusive einer Auskunftssperre etwas mehr äußeren Schutz durch die Namensänderung erreichen zu können.

Leider mussten wir die Erfahrung machen, dass unsere Eltern innerhalb weniger Wochen bereits über den neuen Namen informiert waren, weil eine Mitarbeiterin der Kindergeldkasse am Telefon „geplaudert“ hatte. Auch die Auskunftssperre und somit der Schutz unserer Wohnung hielt sich auf Behördenebene (und somit auch im Täterkontext) nur kurz.

Was uns aber seit inzwischen 22 Jahren mit selbst gewählter „Benennung“ geblieben ist, ist die Ruhe, wenn wir gerufen werden. Die Angstfreiheit, wenn wir unterschreiben. Das Lächeln, wenn wir unsere Adresse sehen. Der Stolz auf unseren bisherigen Weg.

Happy Paula-Day to ourselves! 🙂