Menschen in dissoziativen Zuständen begegnen

Dissoziation hat viele Gesichter und Ausprägungen:

Amnesien und „Vergesslichkeiten“, Körperwahrnehmungsstörungen, Lähmungserscheinungen ohne körperliche Ursache, innere Abwesenheit, „Black-outs“, nicht mehr ansprechbar sein, nicht hören/sehen/sprechen können, Persönlichkeitswechsel, u.a.

Im Kontakt mit anderen Menschen können diese Phänomene zu Irritationen und Konflikten führen. Nicht immer erfahren Betroffene dann Verständnis, Geduld und Rücksichtnahme. Manchmal reagiert das Gegenüber auch “genervt“, eventuell (unterschwellig) aggressiv-überfordert.

Kurz vor der Abfahrt in den Urlaub, auf dem Weg zum Bahnhof, auf dem Standesamt, bei der Führerscheinprüfung, an der vollen Supermarktkasse, beim Babysitten, auf einer Party, beim Geburtstagskaffee mit Gästen, während des Sex, zwischen engen Terminen, etc.:

Es gibt einfach Situationen, in denen dissoziative Zustände ganz besonders ungünstig schwierig zu händeln sind und wo Begleiter*innen vielleicht denken: „Oh nein, bitte nicht ausgerechnet jetzt!“ Wir können Gefühle wie Hilflosigkeit, Ungeduld, Stress und Schreck in dem Zusammenhang gut verstehen und auch nachvollziehen, dass daraus manchmal Aggression erwachsen kann.

Beruflich Helfende sollten besonders gut reflektieren und achtgeben, wie sich ihre eigenen inneren und äußeren Reaktionen darstellen. Sie haben noch mal eine andere Verantwortung und andere Aufgaben, als Freund*innen, Partner*innen, u.a.

Wir (und viele andere Betroffene) kennen es, von Erzieher*innen, Sozialpädagogen*innen, Therapeuten*innen, Ärzt*innen und anderen Akteur*innen des “Hilfesystems“ für dissoziative Symptomatiken sanktioniert zu werden; wir kennen wütende, lautstarke Aufforderungen zum „Wechseln zu Person XY“, körperliche (teils rabiate) Einwirkungen, um uns „wieder im Hier und Jetzt zu orientieren“, u.a. So etwas ist in unseren Augen unprofessionell und gewaltvoll.

Wir möchten ein paar Worte an An-/Zugehörige und private Begleiter*innen richten:

Wenn du merkst, dass du wütend wirst, weil es dir gerade überhaupt nicht passt, dass dein Gegenüber nicht mehr sprechen, gehen oder reagieren kann, nimm bitte zumindest einen Moment Abstand von ihm/ihr.

Sorge dafür, dass du dich beruhigen kannst, bevor du wieder in Kontakt gehst. Deine Wut kann irgendwo innen im Gegenüber ankommen, auch wenn sie/er noch so weit weg erscheint. Und das kann es schwerer machen, wieder aus der Dissoziation herauszufinden.

Es hilft nicht, wenn du ruppig wirst. Lautes Ansprechen, schütteln, anschubsen, fingerschnippen, klatschen, rufen, o.a. sind häufig keine nützlichen Außenreize zur Reorientierung. Besonders leise, beinahe einschläfernd murmeln oder flüstern, flatterzart streicheln, singen oder summen meist ebensowenig.

Wenn dir der Gedanke kommt, dein Gegenüber würde dissoziative Zustände absichtlich herbeiführen oder manipulativ einsetzen, reflektiere bitte deine Haltung. Dissoziation geht mit Kontrollverlust einher – wirkt ein Verhalten jedoch “gesteuert“, gibt es gute Gründe für Zweifel. Aber es sind zunächst mal deine (!) Zweifel, die du in Ruhe für dich näher beleuchten und später ggf. kommunizieren kannst. In der aktuellen Situation geht’s erst mal um einen Menschen in einem für ihn offensichtlich belastenden Zustand.

Du siehst einen Menschen, der vielleicht mit leerem Gesichtsausdruck ins Nichts starrt, vielleicht nicht mehr schlucken kann oder unkontrolliert zittert, zu Boden fällt, sich einnässt- das sind beschämende Momente und Betroffene brauchen ein Gegenüber, dem das bewusst ist.

Wenn du kannst, beschütze sie/ihn vor neugierigen Blicken Außenstehender, schirme sie/ihn ab, sorge für Ruhe. Falls ihr euch so vertraut seid, dass du gut merken kannst, wann eine vorsichtige Kontaktaufnahme gehen kann und wann du eher Abstand halten solltest, bist du eine wertvolle Unterstützung für sie/ihn.

Dissoziation kann plötzlich und dramatisch beginnen und verlaufen, oder auch ganz still und äußerlich unbemerkt. Für Betroffene ist das alles irgendwie „ganz normal“; wir leben mit diesem „On/Off-Wahnsinn“, es ist eben Teil unseres Lebens und unseres Seins, dass von einer Sekunde auf die andere etwas „abbrechen“ kann. Wir dissoziieren weitaus häufiger, als du es mitbekommst. Und die meiste Zeit des Tages regulieren wir uns immer wieder selbst, ohne dein Eingreifen.

Oft ist weniger mehr. Wilder Aktionismus ist selten hilfreich. Wenn dein Gegenüber beim Einkauf Lähmungserscheinungen in den Beinen bekommt, braucht sie/er nicht sofort einen Rollstuhl. Wenn ein Wegdriften/ ins Nichts starren besonders lange andauert und der Schluckreflex zum Erliegen gekommen ist, muss nicht automatisch der Rettungsdienst gerufen werden. Und wenn ein Innenkind singend neben dir im Auto sitzt, während ihr in eine Polizeikontrolle gewunken werdet, darfst du einfach NICHTS tun, statt fieberhaft nach einer erwachsenen Innenperson zu rufen. 😉

Abwarten, auf die systeminternen Selbstheilungs- und Selbstregulationskräfte vertrauen, durchatmen,  einfach „da bleiben“- das ist so viel, so simpel und so hilfreich.

Wenn zweifeln Sinn macht

Es ist okay und gut, Dinge zu hinterfragen. Auch innerhalb eines Viele-Systems kann jede*r an allem möglichen zweifeln, jedes Erinnerungsfragment für sich selbst genau überprüfen. Das muss nicht immer bedeuten, dass man sich gegenseitig das Wahrgenommene abspricht und es beinhaltet auch nicht automatisch ein blinkendes Warnlicht, auf dem das Wort „Lüge!“ eingeblendet wird.

Manchmal höre und lese ich von der Überzeug von Helfer*innen und Betroffenen, dass ein*e dauerzweifelnde “Host“/“Gastgeber*in“ zum typischen Symptombild einer DIS gehören soll. Die personifizierte Leugnung sozusagen. Und dass der beste Umgang damit wäre, den Mechanismus des Hinterfragens als reinen Selbstschutz (gegen eine Trauma-Überwältigung) zu bewerten und daran zu arbeiten, alles als biographisch und faktisch „wahr“ einzuordnen, was sich im Innern auftut. Ebenfalls wirkt es auf mich manchmal so, als dürfe die Skepsis an einer DIS-Diagnose gar nicht sein.

Wenn der/die Betroffene selbst immer wieder neu überlegt, ob diese Diagnose wirklich für sie/ihn zutrifft, ist es meiner Meinung nach für z.B. Therapeut*innen wichtig, dies ernst zu nehmen und gemeinsam genau zu überprüfen, was dafür und was dagegen spricht, wann und in welchem Rahmen die DIS erstmals thematisiert wurde, etc. Die Zweifel einfach „auszureden“ oder gar mit dem Argument der „Leugnungsprogrammierung“ aufzufahren (obwohl weder „mind control“, noch ritualisierte/rituelle/organisierte Gewalt als Background geklärt sind), halte ich für einen sehr schädlichen “Behandlungsfehler“.

Was ist schlimm an Zweifeln und Zweifler*innen? Warum darf/soll z.B. eine noch unklare Erinnerung an sexualisierte Gewalt von den Betroffenen nicht hinterfragt werden? Achtsamkeit ist auch hier das Stichwort- in alle Richtungen. Es hängt mehr dran, als nur die Glaubensfrage.

Warum wird bei der Ursachenforschung für eine dissoziative Symptomatik manchmal so schnell das Möglichkeitenfenster geschlossen? Ich finde es kontraproduktiv, wenn DIS zwangsläufig mit ritueller/organisierter Gewalt als Ursache verknüpft wird. Die traumatisierenden Hintergründe können so vielfältig sein wie die Ausprägung der dissoziativen Folgesymptomatik!

Dissoziation hat viele Gesichter. Eine Dissoziative Identitätsstruktur ebenfalls, gleichzeitig gibt es aber auch klare Diagnosekriterien. Wenn es in diesem Zusammenhang Unsicherheiten gibt; wenn die wahrgenommene Symptomatik nicht (ganz) zur Diagnose passt, oder sich Betroffene z.B. im Gespräch über Erinnerungsfragmente vom Gegenüber überfahren fühlen, sind Vorsicht und Skepsis doch völlig angemessen.

Wer, wenn nicht der/die Betroffene selbst hat denn das Recht, das eigene Sein, Erleben und Erinnern immer wieder neu zu beleuchten?

Wieso „darf“ es bei (manchen) Betroffenen auch Jahrzehnte nach der Diagnosestellung, nach den ersten deutlichen Erinnerungen an Gewalttraumatisierungen, keine Zweifel- und Leugnungsphasen mehr geben- und warum werden die von Therapeut*innen manchmal so rigoros vom Tisch gewischt?

Gerade bei dissoziativen Störungen ist es meiner Ansicht nach doch völlig „normal“ und vor allem heilsam (!), die innere Puzzlearbeit immer wieder neu anzuschauen und ggf. zu korrigieren. Ja, das sind schwierige und anstrengende Prozesse, auch für Begleiter*innen – aber so ist das eben: “Heilung“ (bzw. Verarbeitung) verläuft nicht linear.

Wenn man so ein großes Puzzle zusammenlegen möchte, dessen „Gesamtbild“ einem noch gar nicht bekannt ist, muss man doch in regelmäßigen Abständen etwas Distanz einnehmen, vielleicht von oben/außen draufschauen und möglicherweise einzelne Teilchen umlegen- oder sogar neu gestalten, wenn man merkt, dass sie so gar nicht zum Rest zu passen scheinen.

All das hat rein gar nichts mit der Anhängerschaft einer „False Memory Syndrom Foundation“ zu tun und auch nichts mit der generellen Leugung der Dissoziative Identitätsstruktur.

Ebensowenig bedeutet ein Zweifeln sofort: „Du glaubst mir nicht!“.

Es bedeutet im Idealfall: „Du bist mir so wichtig, dass ich mit dir zusammen immer wieder das entstehende Puzzlebild reflektiere, damit es irgendwann wirklich DEINS ist!“

Fragen können helfen

©PaulaRabe

Wenn man Viele ist, kommuniziert es sich nicht von selbst.

Die Vorstellung, es müsste doch leicht und selbstverständlich sein, dass alle Innenpersonen/Anteile miteinander in Kontakt kommen (und bleiben!), widerspricht dem Wesen der strukturellen Dissoziation.

Wir beschäftigen uns persönlich und in der Peerberatung immer wieder mit der Frage: “Wie kann Innenkommunikation (auch bei großen systemischen Widerständen) gelingen und langfristig etabliert werden?“

Leider haben wir bisher keinen bunten Blumenstrauß an Möglichkeiten (oder Patentrezepten) weitergeben können.

Fakt ist: Wir üben auch. Immer noch und immer wieder. Ohne gefundene Dauerlösung.

Was uns persönlich hilft, ist unsere Kreativität. Außerdem Neugier. Humor. Bewegung. Frische Luft. Ruhe und Alleinesein.

Letztens entdeckten wir in einem Verschenkeregal das Buch “99 harmlose Fragen für überraschende Unterhaltungen zwischen Eltern und Kindern“ von Ralph Caspers.

Viele Fragen darin regen unsere Innenkommunikation an – wir lesen immer mal wieder zu mehreren in diesem Buch und es beginnt eine Art Gedankenaustausch zu einzelnen Fragen – und zwar altersübergreifend.

Heute war es die Frage: Wie lang dauert “jetzt“? – aus ihr entwickelte sich eine kurze, interessante innere Begegnung. Das Buch wird irgendwann auch wieder zur Seite gelegt und andere Dinge stehen an – mehr oder weniger innerlich verbunden.

Naja, man kann ja auch nicht den ganzen Tag üben. 😉

Wie ist das bei Euch mit der Innenkommunikation?

Wir freuen uns über Kommentare!

Gewalt erkennen (wollen)

…Und manche wirken gut gelaunt, obwohl sie zuvor wochenlang gelitten haben. Dissoziation macht’s möglich.

Kinder und Jugendliche, die sexualisierter, organisierter und/oder ritueller/ritualisierter Gewalt ausgesetzt sind, erleben Schul- oder Kitaferienzeiten meistens vollkommen ungeschützt und isoliert in ihrem gewaltausübenden Umfeld. Kein*e Erzieher*in, Lehrer*in, Sozialarbeiter*in o.a. hat evtl. ein Auge auf das, was mit/im Kind passiert – und nach den Ferien muss auch nicht zwingend etwas auf den ersten Blick bemerkbar sein.

Gewalttraumatisierte Kinder und Jugendliche können häufig sehr vehement vermitteln, dass “alles gut war/ist“ (weil es gut sein soll). Es braucht die Bereitschaft erwachsener Personen, genauer hinzuschauen, Fassaden nicht widerspruchslos zu akzeptieren und “dranzubleiben“ – mit einem zuverlässigen, vertrauensvollen und ehrlichen Beziehungs-/Kontaktangebot: “Ich bin hier und bleibe. Ich höre und schaue offen und aufmerksam. Ich erwarte keine Feriensonnenscheingeschichten von dir.“

Wichtig ist, alles für möglich zu halten.

Kinder und Jugendliche können versteckte, verheilte, vernarbte innere und äußere Verletzungen haben- oder auch nicht. Sie können Schmerzen fühlen- oder auch nicht. Sie können sich daran erinnern, was ihnen angetan wurde – oder auch nicht. Sie können “ganz normal und wie immer“ erscheinen – oder auch nicht. Und so weiter. Gewalt hat viele Gesichter.

Aus eigener Erfahrung wissen wir, wie viel innerhalb von 6 Ferienwochen passieren kann- innerlich und äußerlich. In organisierten Gewaltkontexten ist es nicht unüblich, Kinder und Jugendliche z.B. gezielt in eigene “Sommercamps“ (wir kennen sie als sogenannte “education camps“) zu bringen, in denen es um besondere “Prägung“ (mind control) und spezielle Gewaltformen geht. Nach 6 Wochen kann ein bereits vorhandenes dissoziatives Persönlichkeitssystem innere und äußere Veränderungen aufweisen, die beträchtlich sein können. Dies kann neue und/oder massivere Traumafolgesymptome beinhalten- mit gleichzeitig verstärkter Amnesie und/oder hoher Funktionalität (z.B. Verstecken der Symptome).

Auch wenn diese inneren und äußeren Vorgänge unter Verschluss gehalten werden (vom betroffenen Kind/Jugendlichen selbst und natürlich von den Täter*innen und deren Unterstützenden), so ist es dennoch nicht unmöglich, sie zu erkennen.

Dafür brauchen z.B. Pädagogen und Pädagoginnen zum Einen Fachwissen im Bereich der komplexen Gewalterfahrungen und Traumafolgen.

Zum Anderen brauchen sie aber auch persönlichen Mut und ein offenes Herz.

Das Eine kann man lernen – für das Andere muss man sich vor allem entscheiden.

sich in den Körper hineinleben

Gewalttrauma und Körperarbeit- das ist für uns und andere Betroffene eine der größten Herausforderungen und gleichzeitg eine der größten Chancen auf dem (Über-)Lebensweg.

Wir haben in den letzten Jahrzehnten in Therapien viel geredet, diskutiert, enttabuisiert, gefragt, beantwortet, geschwiegen, widersprochen- und vergleichsweise wenig mit dem Körper erlebt und gefühlt. Das lag zum Einen daran, dass Therapeut*innen (bei Bekanntwerden der DIS) meistens keine körperfokussierte Arbeit (mehr) angeboten haben und sich auch davor scheuten, das „heiße Eisen Körper“ mit uns in An.Griff zu nehmen und zum Anderen an unserer eigenen Abwehr und Panik.

Glücklicherweise erlebten wir aber auch Mutiges und Verbindendes mit einzelnen Helfer*innen, die sich mit uns trauten und ausprobierten, was mit dem Körper gehen kann und darf. Diese Zusammenarbeit führte zu den wichtigsten, weitreichendsten und nachhaltigsten Entwicklungen und Fortschritten, die wir bisher auf unserem „Traumaheilungskonto“ verbuchen konnten.

Körperarbeit ist für uns jedoch kein (ausschließlicher) Psychotherapiebestandteil, sondern „passiert“ (vor allem) in unserem Alltag. Wir möchten uns nicht mit dem Traumafolgeerleben des „lebenslänglichen Fremd.Körpers“ arrangieren müssen, sondern wollen „in uns Zuhause sein können“ – und zwar vollumfänglich. Eine Dissoziative Identitätsstruktur befindet sich nicht nur im Kopf, in der Psyche- sie hat auch eine Körperebene. Das bedeutet, dass Psychotherapie nicht ausreicht, wenn man dabei den Körper vergisst- oder wenn er im Alltag quasi nur „dissoziierter Mitläufer“ ist. Die Auseinandersetzung mit einer DIS nimmt (teilweise) so viel Lebens.Raum ein; man ist vollzeitbeschäftigt damit, sich irgendwie zusammenzuhalten, einen Überblick zu bekommen, Innenkommunikation zu versuchen, sich (basal) zu versorgen und zu sichern, sich zu verstehen und zu begreifen- manchmal fühlt es sich so an, als sei man nur noch „Kopf“.

Der Körper braucht (auch!) Raum, Zeit, Platz, Aufmerksamkeit, Anerkennung, Fürsorge. Das ist so logisch und gleichzeitig so schwer und so problematisch. Wenn man hinschaut, hinfühlt- dann kann es weh tun. Dann kann etwas gebraucht werden, was man nicht geben kann, darf oder will. Dann werden Beeinträchtigungen sichtbar oder auch Trümmerfelder. Dann ergibt sich Baustelle um Baustelle um Baustelle. Wenn man in Kontakt mit dem Körper geht, kommt man in Kontakt mit der erlebten Gewalt und den Eindrücken und Gefühlen, die der Kopf nicht (mehr) weiß. Dazu braucht´s keine hochqualifizierte, megaintensive Therapiesession- da kann auch ein simpler Spaziergang, ein kurzes Bad oder eine Umarmung reichen und *zack* bist du in connection…

Alltagserfahrungen mit dem Körper- welche Herausforderungen und Chancen! Wir möchten Betroffene und Unterstützende so gerne ermutigen und bestärken, sich dahin zu wagen, in eigenem Tempo, auf eigene Weise(n), mit eigener Kreativität- und wir denken, dass wir das am besten können, wenn wir von eigenen Erfahrungen erzählen.

Jede*r von uns erlebt den Körper anders, wenn sie/er in ihm unterwegs ist. Manche nehmen ihn deutlicher wahr, manche kaum; manche mit Symptomen und Beschwerden; manche besonders groß/klein/dick/schief; usw. Manche erleben es wie „durch die Gegend getragen werden“, wenn der Körper läuft; manche haben große Empfindungsunterschiede in der rechten oder linken Körperhälfte, etc.

Der Körper, in dem wir alle leben, gehört niemandem von uns so ganz persönlich- niemand kann von sich sagen: „Ja, diese menschliche Hülle, das ist MEIN Körper, mit ihm identifiziere ich mich.“ Wir sind uns aber inzwischen einig geworden, dass sich das ändern darf und soll. Und dass wir dafür Kraft, Energie, Arbeit, Mut aufbringen wollen. Weil wir merken, dass sich das Leben deutlich schöner, runder, voller, bunter anfühlt, wenn wir es immer mehr mit unserem gemeinsamen Körper wahrnehmen und erfahren. Lassen wir ihn links liegen, bleibt etwas ganz Wesentliches auf der Strecke.

Wenn wir darauf schauen, wie Kinder ihren Körper entdecken und mit ihm vertraut werden, wie sie im Idealfall eine natürliche, sichere Verbindung mit ihm haben und welch selbstverständliche, spontane Bewegungsfreude sie ausdrücken können, dann wird uns klar: Wir haben Nachholbedarf.

Menschen, die uns als Kind kannten, beschreiben uns als „sehr angepasstes, ruhiges und braves Mädchen“. Wir waren weder wild, noch zappelig, noch sportbegeistert, noch albern, o.a. Wir blieben sitzen oder liegen, wenn man uns irgendwohin platzierte; hörten sofort mit unerwünschtem Verhalten auf, wenn man uns ermahnte. Diese Beschreibungen decken sich mit unseren eigenen Erinnerungen: Wir haben nicht lernen können und dürfen, uns ganz natürlich selbst zu verkörpern.

Im Hier und Jetzt merken wir deutlich, was diese Vergangenheit für Auswirkungen hat: Da gibt´s so viele Blockaden und Einschränkungen! Wir können nicht „einfach losrennen“, wir können nicht frei tanzen, hüpfen, springen; wir haben Probleme mit der Tiefenwahrnehmung und mit Geschwindigkeit: Sobald der Körper etwas „schneller als sonst“ tun soll/muss, bzw. eine Steigerung der Geschwindigkeit wahrnimmt, geraten wir in eine Überforderung. Und die kann so groß werden, dass wir einfach umkippen.

Ausgelassenheit. Heiterkeit. Albernheit. Wildheit. Lebendigkeit. Spielen. All das lernen wir neu. Weil wir es nicht verinnerlicht haben. Wir eignen uns all das neu an. Und wir spüren: Es lohnt sich!

Dieser körperliche Selbst-Erfahrungsprozess betrifft uns alle: Gesamtsystemisch und jede*n Einzelne*n von uns, in jeder Altersstufe. Spielen lernen ist nicht nur etwas für die Innenkinder, sondern ganz wesentlich wichtig ist das auch für die Jugendlichen und Erwachsenen.

Einige von uns Älteren haben in den letzten Wochen während eines körperfokussierten Kurses viele wichtige Schritte gewagt und geübt, spielerisch und ausgelassen zu sein. Dieser Kurs hatte nichts mit Therapie, Trauma oder überhaupt irgendeinem „Psychokram“ zu tun und wirkte dennoch oder gerade deshalb ausgesprochen „heilsam“. Wir haben uns zum Beispiel erstmalig bewusst zu Musik hüpfend durch eine Turnhalle forwärts bewegt. So, wie Kinder das tagtäglich auf dem Weg zur Kita, zu Hause, in der Schule und überall dort, wo sie es können und dürfen, tun. Für uns fühlte sich das wie eine Premiere an; so, als hätte unser Körper das noch nie erlebt. Dementsprechend besonders war auch die innere Bewegung und Berührung: Es war schön-schlimm. Wir hätten gleichzeitig weinen, lachen, schreien, weglaufen und fluchen können- hin und her gerissen zwischen „Ich will/kann/darf das nicht! Das ist peinlich! Das ist super! Das ist total spooky!“.

(Freies) Tanzen ist für uns eine sehr hilfreiche Möglichkeit (und Herausforderung), in Kontakt mit unserem Körper zu kommen. Wir haben im Laufe der letzten Jahre glücklicherweise verschiedene Sport- und Bewegungsarten ausprobieren und manche begeistert beibehalten können- aber mit dem Tanzen stehen wir immer noch etwas auf Kriegsfuß. Wir lassen uns aber nicht davon abhalten, weiter dran zu bleiben. Es ist okay, wenn wir dafür Zeit und Geduld brauchen und immer wieder an unsere Grenzen stoßen. Manchmal gelingt es uns, unsere „Komfortzone“ (bzw. eher „Sicherheitszone“) etwas zu erweitern und manchmal bleiben wir lieber in einem „sehr engen Rahmen“.

Der Körper hat gelernt, sich zu beschränken. Nicht zu expandieren und zu fordern. Wir helfen ihm heute dabei, sich zu dehen und zu strecken. An manchen Stellen braucht er besonderen Halt und Stütze. An manchen Stellen braucht er auch besondere Kraft, an anderen will er weicher sein. Es gibt Bewegungen, die ihm ganz fremd sind- die bisher gar nicht zu seinem natürlichen Repertoire gehörten. Wir gestatten ihm, sich darin auszuprobieren und zu erweitern- und wir erlauben uns insgesamt, dass uns das (erst mal) Angst macht und auch Trauer auslöst. Oder dass es „erstaunlich toll“ ist.

Wir sind unserem Körper (mittlerweile) so dankbar dafür, dass er uns trägt, belebt, aushält – dass er uns überhaupt erst existent sein lässt!

Manchmal träumen wir von Spielplätzen für erwachsene Körper. Von Tanz-Flashmobs im Supermarkt oder sonstwo. Von spontanen, liebevollen Umarmungen freundlicher Menschen. Von Bodypainting im Sonnenschein am Meer. Von Pfützenspringen ohne Schamgefühl. Von Body Positivity, im Grundgesetz verankert. Von Verbindungen mit sich selbst, mit anderen, mit der Welt – und dann erinnern wir uns an diese verrückt-schön-schreckliche Übung aus o.g. Kurs, bei der wir uns vorstellen sollten, Sterne vom Himmel zu pflücken…

Worte am Samstag

©PaulaRabe

Es ist mir immer wieder ein Rätsel, wieso Menschen immer noch meinen, Gewalttäter*innen könnten nicht freundlich, beliebt oder herzlich sein. Könnten nicht Vereinskolleg*innen, Nachbar*innen, Elternbeiratsvorsitzende, Brüder, Schwestern, Freund*innen, Partner*innen sein.

Und es ist mir immer wieder ein Rätsel, wieso Menschen meinen, Opfer jedweder Gewaltformen müssten immer sichtbar gebrochen sein. Könnten nicht witzig, charmant, flirty, lustvoll, gemein, böse oder ehrgeizig sein. Könnten nicht beides oder alles sein.

Ich habe keine Lust und keine Energie mehr für Grundsatzdiskussionen aus dem Mittelalter. Darüber, wie was sein müsste oder gar nicht sein kann, wer vermutlich nicht schuldig oder auf der anderen Seite sehr sicher bestimmt mitverantwortlich sein wird.

Ich bin müde von dieser ewigen “Täter*in-Opfer-Umkehr“, dem “victim blaming“, dem reflexartigen Täter*in-Verteidigen und Gewalt-Verharmlosen, der never ending story des Erklärens und erst recht bin ich müde von dieser mehr oder weniger deutlich formulierten Anspruchshaltung an Betroffene, doch “Aufklärungsarbeit“ zu leisten, sich zu zeigen, zu sagen, was man wann wie (nicht) braucht, stark zu sein und tapfer und überhaupt.

Hauptsache, man kann sich erleichtert zurücklehnen und feststellen: “Puh, wie schön – war doch alles nicht so schlimm. Ist doch alles wieder gut (in meinem Weltbild).“

Es ist mir immer wieder ein Rätsel, dass Menschen meinen, Gewalt sei zu Ende, wenn sie aufgehört hat.

Zusammenarbeit und Vielfalt

Wenn Jede*r immer nur sein eigenes Süppchen kocht, schmeckt’s auf Dauer überall fad‘, finde ich.

Miteinander in Kontakt zu kommen, um gemeinsam Dinge zu verändern und Neues zu entwickeln, braucht auch Mut, Offenheit und Bewegungsbereitschaft – auf allen Seiten.

Wie spannend und bereichernd das sein kann – und wie herausfordernd.

Vielleicht ist es schön bequem und angstfreier, “unter sich“ zu bleiben, die eigene Komfortzone nicht zu verlassen und eine kleine oder auch größere Gemeinschaft zu bilden, die sich selbst hält und bestärkt.

Vielleicht verhindert das aber auch so viel?

Therapeut*innen unter sich, Jurist*innen unter sich, Betroffene unter sich, Wissenschaftler*innen unter sich – viele “Runde Tische“, die nie vollständig bunt besetzt sind. Wie schade!

Betroffene UND privat UND beruflich Unterstützende können GEMEINSAM so viel mehr auf Dauer bewegen und verbinden, als wenn sie sich (aus unterschiedlichsten Gründen) separieren.

Auf Tagungen, Podiumsdiskussionen und in Mediendarstellungen “Quotenbetroffene“ zu präsentieren, sich Inklusion auf die Fahnen/Flyer/Inhaltsangaben zu schreiben, aber letztlich doch nur “Multiwashing“ zu betreiben, ist das Gegenteil von “Zusammenarbeit“.

Auf Augenhöhe und mit Freude und guter Energie in Austausch miteinander kommen und dabei auch neugierig auf Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten sein, das ist das, was ich mir im Zusammenhang mit Vernetzung wünschen würde.

Am 2.Juni zum Beispiel und auch sonst. 🙂

Mehr als das.

Viele gute, wichtige Statements und Positionierungen sind inzwischen in Folge des “Spiegel“-Artikels (“Wahn der Therapeuten“) veröffentlicht worden.

Es wurde wiederholt betont, dass die Existenz ritueller Gewalt keine Glaubensfrage ist und die Behandlung der Folgen komplexer Gewalttraumatisierungen Professionalität und Wissenschaft bedeutet.

Es wurde deutlich, wie Psychotraumatolog*innen unter anderem durch Vertreter*innen der “False Memory“-Erzählung diffamiert werden und welche beruflichen, persönlichen und politischen Konsequenzen das haben kann.

Für Betroffene/Überlebende ist das alles ein alter Hut.

Für Betroffene/Überlebende ist ein “Spiegel“-Artikel letztlich eben auch nur ein Artikel…

Die Aufregung, die er nach sich zog (an vielen Stellen leider sehr spät und nur sehr “milde“), wirkt wie ein Strohfeuer – und was kommt dann?

Wie lange hält denn die Bereitschaft zur öffentlichen und internen Auseinandersetzung an?

Welche Veränderungen wird es denn in Zukunft vor Gerichten, bei Glaubhaftigkeitsbegutachtungen, u.a. geben?

Wer wird sich denn dafür einsetzen, dass die Standards der Aussagepsychologie/Forensik reformiert werden?

Damit Betroffene zu ihrem “Recht“ kommen können, statt retraumatisiert und alleingelassen in Straf- und OEG-Verfahren zu scheitern.

Wir werden sehen.