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Die Freiheit, sich (weiter) zu entwickeln

1999:

Wir besitzen kein Handy, nutzen noch Faxgeräte und das „Internet“ ist ein Fremdwort für uns. Wir studieren an einer Fachhochschule Sozialpädagogik, lesen dafür Bücher aus Bibliotheken und verwenden Overhead-Projektoren bei Referaten.

Wir bilden uns über das, was in Deutschland an Literatur verfügbar ist.

Während eines Klinikaufenthaltes erhalten wir die Diagnosen „posttraumatische Belastungsstörung“ und „multiple Persönlichkeitsstörung“.

Und dann?

Damals wurden wir mit diesen beiden Diagnosen und dem Angebot, in einem Jahr wiederkommen zu können, aus der Klinik nach Hause (d.h. in unsere Studentenbude) entlassen. Glücklicherweise hatten wir eine ambulante Psychotherapeutin, die mit uns zusammen darauf schauen konnte, was wir jetzt mit den Infos anfangen würden, bzw. was das konkret für unser Leben, unseren Alltag bedeutete. Für sie waren die Diagnosen keine Überraschung, sie hatte bereits die Vermutung gehabt, als wir in die Klinik gingen. Für uns war vor allem die Begrifflichkeit des „Multipel-Seins“ zum Einen ein großer Schreck, zum Anderen eine große Erleichterung. Manche von uns hatten schon länger ein Bewusstsein dafür, dass wir Viele sind; andere von uns waren für dieses Wissen (inklusive der Hintergründe) amnestisch und innerlich abgeschirmt.

Die Symptome, wegen derer wir überhaupt in die Klinik gegangen waren, konnten wir schon seit unserer Jugend als Traumafolgeerleben rahmen. Dass wir familiäre, sexualisierte Gewalt erlebt hatten, war klar. Welches Ausmaß und welchen weiteren Kontext sie hatte, konnten wir erst nach und nach erinnern und verstehen. Dieser Erkenntnisprozess war sehr schmerzhaft, beängstigend, verwirrend, belastend, oft überfordernd- und er war absolut nötig, um uns langfristig in Sicherheit bringen zu können. Hätten wir damals keine Unterstützung gehabt, wäre dieser innere Prozess vermutlich abgebrochen (oder gar nicht erst in Gang gekommen)- mit der Konsequenz, dass wir in Gewaltstrukturen geblieben wären, die wir gleichzeitig dissoziierten.

Ein Jahr nach dem ersten Klinikaufenthalt schloss sich ein zweiter an, als sogenannte Intervallbehandlung. Unsere Symptomatik hatte sich in den 12 Monaten verändert: Wir hatten mehr dissoziatives Erleben, mehr Chaos, mehr Flashbacks, mehr Leid und Stress in unserem Alltag- und gleichzeitig mehr Klarheit. Unsere ambulante Psychotherapeutin begleitete uns durch diverse große und mittelgroße Krisen und nebenbei hangelten wir uns durch´s Studium. Wir lernten uns innerlich besser kennen, es wurde sicht- und spürbar, wie wir strukturiert sind- und das lief nicht fein säuberlich, gesittet und sortiert ab, sondern durcheinander, brüchig und dramatisch. DASS wir Viele sind, war nicht die Frage- sondern WIE wir Viele sind und WARUM- darum ging es. Wir bekamen erstmals überhaupt eine Wahrnehmung dazu, wie viel Leidensdruck in uns, in diesem einen Körper, vorhanden ist und arbeiteten daran, herauszufinden, woher er kommt und wie man ihn reduzieren könnte.

Fachliteratur und Selbsthilfeliteratur gab es damals auch schon- und natürlich schauten wir (und auch unsere ambulante Therapeutin), ob wir etwas Nützliches für uns finden konnten. Wir hatten den Wunsch, uns zu verstehen, bzw. verstanden zu werden und wir brauchten dringend Hoffnung: Wie kann man (trotzdem) weiterleben? Sind wir die Einzigen, denen es „so“ geht?

Der zweite Klinikaufenthalt endete mit noch mehr Chaos, als der erste: Wir hatten begriffen und innerhalb unseres Systems kommuniziert, dass die Gewalt noch nicht vorbei war. Was für eine katastrophale und gleichzeitig lebenswichtige Erkenntnis!

2000-2002:

Was ist das, was wir da erinnern? Wie können wir beschreiben, was wir erlebt haben? Wir brauchen Hilfe und wir haben Angst, dass man uns nicht glaubt. Wir schwanken zwischen „hinschauen wollen und müssen“ und „auf keinen Fall erkennen dürfen“.

Unsere Erinnerungen sind fragmentiert. Manche innere Bilder verändern sich im Laufe der Zeit, manche Details passen nicht zusammen, Vieles ist unklar. Aber die Basis bleibt: Die Gewalt hat einen größeren Rahmen, sie ist organisiert.

Einzelne Aspekte bekommen eine besondere Bedeutung: Da war etwas mit „satanistischem“ Bezug. Da war etwas, zu dem das Wort „Kult“ passen könnte.

Wir ringen nach Worten.

Wir schauen, wo und wie andere Menschen Worte finden. Manches kommt uns bekannt vor und wir sind froh, dass wir Begriffe übernehmen können und uns so besser ausdrücken zu können. Manches passt für uns nicht- und nicht alles davon können wir sofort zur Seite schieben. Manches braucht auch Zeit, um innerlich hin und her bewegt, überprüft und dann wieder von sich distanziert zu werden.

Und jetzt?

Heute heißt es nicht mehr „multiple Persönlichkeitsstörung“, sondern „Dissoziative Identitätsstruktur“. In den letzten Jahrzehnten hat sich so viel im Bereich der Traumaforschung entwickelt, es gibt neue Erkenntnisse, neue Erfahrungen und Behandlungsansätze. Alte Überzeugungen wurden zum Teil revidiert, angepasst, ergänzt.

Fach- und Selbsthilfepublikationen gibt’s inzwischen auf verschiedenen Kanälen, nicht mehr nur auf Papier. Betroffene organisieren und äußern sich selbstvertretend.

Wie gut, dass Bewegung und Veränderung stattfinden!

Wir nutzen inzwischen andere Beschreibungen als früher für das, was wir erlebt haben und erleben. Das ist das Ergebnis jahrzehntelanger innerer Arbeit und Reflexion- und hat sehr viel Mut, Kraft und Durchhaltevermögen gebraucht. Zum Beispiel bezeichnen wir unsere Gewalterfahrungen nicht mehr als „rituell“, sondern vorwiegend als „organisiert sexualisiert“ und den Täter*innenkreis nicht mehr als „Kult“, sondern als „Gruppierung“.

Das Erinnerungsmaterial, was uns heute zur Verfügung steht, ist sortierter, umfangreicher, nachvollziehbarer, als jene Bruchstücke von vor 26 Jahren. Das, was wir damals zum Beispiel in einen „satanistischen“ Kontext brachten, können wir heute differenzierter betrachten: Täter*innen haben ritualisierte Abläufe genutzt, besondere Effekte entstehen lassen, bewusst getäuscht und verwirrt- und nicht zuletzt auch mit besonders ausgestatteten „Kulissen“ einen bestimmten Kund*innenstamm bedient.

„Rituelle Gewalt“ ist inzwischen ein Begriff, an dem sich wortwörtlich die Geister scheiden. Wie viel Energie an verschiedenen Stellen immer noch und immer wieder dafür verwendet wird, hier die Grundsatzfrage der Glaubhaftigkeit von Betroffenenberichten durchzukauen, bzw. die Existenz grundsätzlich anzuzweifeln, statt den Fokus auf eine Weiterentwicklung zu richten, wundert und frustriert uns.

Hätten wir uns in unserem eigenen Prozess derart gesperrt, uns Änderungen in unseren Haltungen oder Einschätzungen versagt, uns darauf festgenagelt, dass „wer A sagt, nicht in zehn, zwanzig Jahren B sagen darf“- dann wären wir schlicht und einfach verreckt. Vielleicht ganz real körperlich, vielleicht auch auf der psychischen, emotionalen Ebene. Es gäbe uns jedenfalls heute sicher nicht so, wie wir jetzt sind.

Wer hätte davon etwas gehabt?

Die Freiheit

Es ist so spannend, was und wer einem auf dem Weg begegnet. Innerlich und äußerlich. Da sind Menschen, mit denen man in Resonanz gehen kann; mit denen man auf einer Wellenlänge ist, vielleicht kurz, vielleicht auch länger; mit denen man streitet und diskutiert; an denen man sich reibt oder auch eine Weile abarbeitet, bis man loslassen kann. Da sind Theorien, die eine Zeit lang passen und sich dann widerlegen lassen. Da sind Erfahrungen, die etwas in einem „zurechtruckeln“. Da sind diverse Blicke in den Spiegel, die mehr oder weniger weh tun, trösten, versöhnen, irritieren, spalten, verbinden.

All das kann man nur erleben, wenn man sich die Freiheit dafür gestattet und nimmt.

Wenn man bleibt, wo und wie man ist – weil man (vermeintlich?) muss oder nicht anders kann, oder weil es irgendwie so schön bequem ist- dann bleibt man „auf der Strecke“.

Die Freiheit, sich bewegen und entwickeln zu können und zu dürfen, müssen sich Gewaltbetroffene (egal, aus welchem Kontext) innerlich und äußerlich hart erkämpfen.

Helfer*innen, die es vielleicht leichter damit haben, weil sie mit einer anderen Basis, anderen Privilegien ausgestattet sind, können viel dazu beitragen, dass Betroffene eben diese Bewegungs- und Entwicklungsmöglichkeiten wahrnehmen können.

Fachleute oder auch Medienvertreter*innen, die über einen gewissen Status verfügen, ggf. auch eine besondere Reichweite haben, gehört und gelesen werden (aber auch jene, die noch nicht so etabliert sind), könnten und sollten dies auch für entsprechende öffentliche Statements nutzen:

Wie ist der aktuelle Stand der Dinge in der Traumaforschung?

Welche Begrifflichkeiten wurden/werden weshalb angepasst?

Wie steht man zu Veröffentlichungen und einzelnen Inhalten von vor 20, 30 Jahren- und warum sieht man heute ggf. etwas anders?

Welche Erkenntnisse wurden wodurch gewonnen?

Welche Zukunftspläne und Möglichkeiten, Betroffenen zu helfen, existieren- und was (wer) steht dem ggf. noch im Weg?

Und so weiter, und so fort.

Wir wünschen uns sehr, dass „es“ weiter-gehen darf.

Die Freiheit darf nicht unter dem Mantel der Gewohnheit ersticken.

DIS und Arbeit/Beruf/Ausbildung- „Outing“ ja oder nein?

„Wie seid ihr bzgl. der DIS im Bereich Ausbildung, Studium, Beruf etc. umgegangen bzw. wie geht ihr damit um?

Falls ihr eine Ausbildung macht/ gemacht habt, studiert/ studiert habt oder arbeitet, habt ihr die DIS in diesen Bereichen offen gemacht (z.B. gegenüber Arbeitgeber*in, Kolleg*innen)?

Wie haben die Personen die DIS aufgenommen? Oder wenn ihr nicht über die DIS erzählt habt, was sprach aus eurer Sicht dagegen?

Diese Fragen wurden hier gestellt und wir mögen gerne darauf antworten- und freuen uns auch, wenn noch andere dazu etwas schreiben möchten (in den Kommentaren).

Wir haben nach der Schule ein Sozialpädagogik-Studium begonnen und fast zeitgleich dazu die DIS-Diagnose während eines Klinikaufenthaltes erhalten. Für uns war damals klar, dass wir über uns, unsere Biographie und diverse Traumafolgesymptome im Studiumskontext nicht offen sprechen wollten. Es gab zwei, drei Freundinnen in unserem Umfeld und unsere Therapeutin, die von der DIS wussten- mehr nicht. Die ganze „Komplextrauma-Thematik“ war für uns so privat, so verletzbar, dass wir viel versteckt, überspielt, irgendwie kompensiert haben, um sie unbedingt aus unseren sozialen Kontakten herauszuhalten. Wir hatten Angst vor Ablehnung, Stigmatisierung, „Entdeckt-Werden“, Schutzlosigkeit- und im Zusammenhang mit unserem Studienbereich der Sozialpädagogik auch große Sorgen vor „Disqualifizierung“ und Stigmatisierung.

Während des Studiums und danach haben wir immer wieder auch in verschiedenen Jobs im sozialen Bereich gearbeitet, z.B. im Frauenhaus, in einer Erziehungsberatungsstelle, in einem Mädchentreff, in einem Mutter-Kind-Treff, im Sozialdienst eines Altenheims, in der Kinderbetreuung, usw. Und wir haben uns in den ganzen Jahren dort nur ein einziges Mal als Viele geoutet: Bei unserer Chefin im Mutter-Kind-Treff. Und zwar erst nach unserer Kündigung dort. Wir hatten gekündigt, weil wir uns und unseren Fähigkeiten nicht vertrauten, weil wir Angst hatten, Fehler zu machen- es war sozusagen eine „prophylaktische Kündigung“. Das hatte die Chefin gar nicht nachvollziehen können, denn sie war mit unserer Arbeit zufrieden und sah gar keine Schwierigkeiten (weder bei uns persönlich, noch bei unserer fachlichen Qualifikation)- sie war ganz irritiert, dass wir aufhören wollten und fragte intensiv nach den Gründen. Das war dann das erste Mal, dass wir über die DIS, bzw. unsere Komplextraumatisierung, im beruflichen Zusammenhang sprachen- nicht, weil wir mussten oder es einen Erklärungsdruck gab, sondern weil wir die Chefin mochten und gerne wollten, dass sie uns besser versteht. Die Chefin fiel aus allen Wolken, weil sie „nie was bei uns bemerkt hatte“. Sie sagte dann noch mit einem Lächeln: „Mensch, die DIS ist doch kein Grund zur Kündigung- ich würde nur gerne wissen wollen, wer hier eigentlich arbeitet und wer wofür zuständig ist.“ Das war sehr berührend für uns- aber wir sind trotzdem bei der Kündigung geblieben.

Im sozialen Bereich offen als Viele zu arbeiten, ist für uns auch heute noch (fast) unvorstellbar. Wir sind ja nicht mehr als Sozialpädagogin tätig, sondern machen die Peer- und Angehörigenarbeit im Bereich DIS. Und da ist ja von Anfang an klar gewesen, dass wir selbst betroffen sind- logisch, beim peer-to-peer-Konzept.

Wären wir jedoch als Sozialpädagogin irgendwo angestellt, würden wir uns ziemlich sicher nicht „outen“. Warum auch? Natürlich kann es sich ergeben, dass ein so persönliches, vertrautes Arbeitsverhältnis entsteht, dass eben auch solche Themen besprochen werden können. Oder es gibt einen „besonderen Bedarf“ bei den Arbeitsbedingungen, zum Beispiel im Zusammenhang mit einer anerkannten Schwerbehinderung, o.a.- dann kann es nötig, wichtig oder gut sein, über die DIS zu sprechen.

Wir bekommen jedoch immer noch und immer wieder bzgl. der DIS diverse Vorurteile mit, gerade auch im sozialen Bereich. Die Bilder/Mythen in den Köpfen vieler Menschen, was eine DIS ist, wie sie sich zeigt, was dahintersteckt, was zu befürchten sein könnte, usw., sind zum Teil dermaßen schräg und diskriminierend, dass ein Outing als Viele z.B. für Sozialarbeiter*innen, Erzieher*innen, Psycholog*innen, Therapeut*innen, Lehrer*innen o.a. ganz massive negative Konsequenzen haben kann.

Das bezieht sich natürlich auch auf andere psychische Erkrankungen, deren Offenlegung z.B. zu Jobverlust, Degradierung, Aberkennung von Qualifikation, u.a. führen kann. Bei Komplextrauma und Dissoziativer Identitätsstruktur scheint aber auch eine besondere Angst vor „Gefährdung“ mitzuschwingen: „Kann man einem Viele-Menschen trauen? Ist er zuverlässig und vertrauenswürdig in der Betreuung von Kindern/vulnerablen Gruppen? Kann man sich wirklich sicher sein…?“ Diese spezielle Angst haben wir schon häufiger gehört, erfahren, erlebt im Kontakt mit Mitarbeiter*innen sozialer Institutionen oder anderweitig im sozialen Bereich Tätigen/Verantwortlichen- und neben aller begründeter Vorsicht, die man eben generell (!) Menschen gegenüber haben sollte, wenn man ihnen jemanden oder etwas anvertraut (!), ist da einfach eine heftige Diskriminierung für uns bzgl. der DIS spürbar.

Wenn jemand alle fachlichen Voraussetzungen erfüllt, vielleicht sogar noch umfangreicher ausgebildet ist, als andere Mitbewerber*innen/Kolleg*innen, aber trotzdem doppelt und dreifach beweisen muss, was er/sie kann und dass er/sie keine „Gefahr“ darstellt, dann ist das Diskriminierung.

Und die würden wir immer noch und weiterhin im „sozialen Bereich“ befürchten, leider. Deshalb gilt für uns: Vorsicht beim Outing.

Uns interessiert sehr, wie andere Viele das für sich handhaben und sehen, egal, in welchem Arbeitsfeld sie tätig sind.

Vielleicht mögt Ihr ja hier erzählen…

„Bitte frag nach mir, wenn du mich vermisst!“ – (Langjährige) Beziehung(en) bei/mit DIS

„Viele sein“ bedeutet, ein Leben mit mehreren Persönlichkeiten/ Persönlichkeitsanteilen/ Innenpersonen /… zu führen. Wie das konkret aussieht; was es für den Alltag, die Selbst- und Fremdwahrnehmung, soziale Kontakte, usw. bedeutet, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Auch die Art, wie Beziehungen gestaltet und gelebt werden, welche Schwierigkeiten und Herausforderungen darin liegen, ist natürlich verschieden.

Von uns selbst und von anderen Menschen mit DIS kennen wir diverse Fragen, Probleme und Hindernisse, die im Zusammenhang mit Freundschaft, Partner*innenschaft, generell sozialen Kontakten entstehen können. Auch im Austausch mit An- und Zugehörigen haben wir verschiedene Aspekte dazu näher beleuchtet und besprochen.

Ein Thema, das immer wieder auftaucht, ist: „Wie viel Raum bekommt das Vielesein in unserer Beziehung?“ oder auch: „Wer ist eigentlich inwiefern mit wem wie befreundet / verliebt / verpartnert?“

Partner*in, Freund*in, Herzensmensch, o.a. von einer Viele-Person zu sein, bedeutet, in Kontakt mit einer Gruppe zu sein. Wie wird das gelebt, wer hat wie viel Raum und Anteil, mit wem besteht welche emotionale Verbindung?

Welche Bedeutung hat die Beziehung innerhalb des Viele-Systems? Wer trägt Verantwortung wofür, wer ist zuverlässig ansprechbar, welche Bedürfnisse gibt es im Kontakt mit dem Gegenüber und andersherum?

Wie ist das eigentlich, wenn es „Antipathien“ gibt? Wenn welche aus dem System den/die Freund*in / Partner*in nicht mögen- und/oder umgekehrt? Darf das sein und wie gehen beide/alle damit um?

Wenn ich einen Menschen mit DIS liebe/mag, ist es dann auch okay, wenn ich nicht alle/alles an/in ihm mag, oder ist das dann irgendwie diskriminierend? Und wenn ich merke, dass es Persönlichkeitsanteile gibt, die mich ablehnen- muss ich damit zwangsläufig klar kommen (wie?)? Vielleicht „stört“ das die Beziehung auch so sehr, dass es gar nicht miteinander funktioniert? Oder vielleicht schaffe ich es nicht, (emotional) zu differenzieren, obwohl mir bewusst ist, dass ich mit mehreren zu tun habe?

Es gibt Beziehungen, wo nur einzelne Innenpersonen involviert sind. Es gibt welche, wo Eine*r oder manche eine Liebesbeziehung mit jemandem haben, die anderen aber nicht (sondern „nur“ Freundschaft oder „friedliche Koexistenz“ oder „Duldung“). Es gibt auch Beziehungen, in denen nicht offen ist, dass eine DIS vorliegt- und die trotzdem „nah“ sein können. Ob und wie das Vielesein Raum bekommt, wie (viel) es thematisiert wird und wie einzelne Kontakte mit den verschiedenen Innenpersonen gestaltet werden, kommt eben auf die Menschen an, die sich begegnen und wie sie darüber sprechen (können/wollen).

Für uns ist klar, dass wir keine engeren Beziehungen haben können, in denen unser Vielesein verschwiegen wird / werden muss. Wir können lockere Kontakte haben, in einem Verein sein, o.a., ohne dass die DIS da mitgeteilt werden muss oder will. Aber wenn wir mit jemandem befreundet sind, bzw. sich eine Freundschaft aufbaut, wird es irgendwann ausgesprochen. Das kann dazu führen, dass sich an diesem Punkt der Kontakt wieder trennt (und das haben wir schon als sehr schmerzhaft und verletzend erlebt). Aber für uns gibt es keine Alternative: Persönliche, ehrliche, authentische Beziehungen brauchen diese Klarheit.

Wenn sich eine Freundschaft oder sonstige „Herzensbeziehung“ entwickelt und über Jahre etabliert hat, so wie zum Beispiel unsere Liebe zu unserer Ehefrau, dann ist da auch Übung miteinander entstanden. Es ist mit der Zeit klarer und vertrauter geworden, was wie geht und was nicht, welche Grenzen und Bedürfnisse es gibt, wie Kommunikation gut gelingt- im Idealfall ist man irgendwie „im Fluss“ miteinander. „Es hat sich eingespielt“ (besonders auch, wenn man zusammen wohnt/lebt)- das Risiko darin ist, dass man gegenseitig ein bisschen „betriebsblind“ wird (so wie in allen anderen langjährigen sozialen Beziehungen, egal ob mit oder ohne DIS).

Zu Beginn einer Beziehung kann das Vielesein „aufregend und neu“ sein, es gibt viel zu entdecken, zu besprechen, miteinander (erstmalig) zu erleben; das Kennenlernen findet ggf. immer wieder neu statt (mit den verschiedenen Innenpersonen), man wird vertrauter, aber es ist einfach spannend und „lebendig“.

Im weiteren Verlauf kehrt evtl. dann mehr Ruhe ein, mehr Sicherheit im Umgang, man hat mehr Überblick über die jeweilige innere Struktur (egal ob mit oder ohne DIS), das Tempo wird vielleicht etwas langsamer. „Wie schön, wir sind beieinander angekommen!“ ist die eine Seite. Die andere Seite könnte sein: „Und jetzt? Irgendwie ist mir langweilig geworden.“

Eine DIS kann in einer langjährigen Beziehung nach und nach „unbemerkter“ werden (bewusst/gewollt oder auch nicht). Sie kann „so nebenbei“ mitlaufen, aber mit weniger Aufmerksamkeit und Fokus, weniger Aufregung, weniger Druck und Anspannung. So, wie das auch Betroffene selbst möglicherweise für sich im Laufe der inneren Auseinandersetzung erleben: Vom Drama rund um die Diagnose und erster bewusster Wahrnehmung, dem ersten inneren Kennenlernen und spürbarem Chaos, dem Schock, Stress, der intensiven Traumafolgesymptomatik- hin zu „ruhigeren Fahrwassern“, in denen zwar natürlich nicht alles easy läuft (wie auch?!), aber trotzdem mehr Stabilität vorhanden ist.

Jahrelange innere Arbeit kann eben genau das bewirken: Mehr Bodenhaftung, sich selbst besser kennen und händeln können, Reduktion des Stresspegels, inneres und äußeres Auspendeln. Mehr durchatmen und lockerlassen. Nicht im Sinne von „Juchhu, ich bin geheilt!“, sondern von „Okay, so kann ich / können wir gut leben.“

Die „ruhigeren Fahrwasser“ zeigen sich nicht nur in inneren, sondern auch in äußeren Beziehungen/Kontakten. Was für eine Erleichterung kann das sein, was für ein herzerwärmendes Gefühl von „Zuhausesein“ kann das mit sich bringen! Wir sind zutiefst dankbar, dass wir das so auch in unserer Ehe erleben dürfen.

Und gleichzeitig sagen wir: Obacht!

Die Gefahr, dass welche innen in Vergessenheit geraten, dass sich eine vertraute, (bequeme?), automatisierte Verdrängung einschleicht, dass schwierige Themen zugunsten einer vermeintlichen „Entspanntheit“ ausgeblendet werden, kann groß sein. Eine (oder mehrere) Beziehung(en) und ein Alltag, wo nur Einzelne aus dem System angesprochen, gefordert, eingebunden sind, tragen dazu bei, dass sich genau diese „Exklusivität“ verfestigt. Nicht umsonst kämpfen viele Betroffene mit einem sogenannten „Funktionsmodus“, der einerseits lebensrettend und (über-)lebenswichtig sein kann (und zudem sozial „belohnt“ wird), andererseits aber auch wie ein Korsett einschnürt, Bewegungsfreiheit nimmt, furchtbar anstrengt- und innen einige(s) „hinten wegfallen“ lassen kann, was sich nur sehr mühsam wieder in einen Fokus holen lässt.

„Was ist eigentlich mit L.? Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen.“

„Wie geht es eigentlich M.? Ich vermisse ihn.“

„Habt Ihr im Moment innen Kontakt zu P.? Falls ja, könntet Ihr ihr liebe Grüße von mir ausrichten?“

„Ich würde den Kindern gerne ein Geschenk machen. Einfach so, weil ich an sie denke. Hast du / habt Ihr eine Idee, worüber sie, bzw. manche von ihnen, sich gerade freuen würden?“

„Ich habe mich gestern mit T. gestritten. Ich weiß, du hast damit nichts zu tun. Aber mir hängt das noch nach und ich bin noch sauer / verletzt / irritiert / nachdenklich. Ich würde mich gerne mit T. aussprechen, sobald das möglich ist.“

… solche und ähnliche Sätze sind für uns zum Beispiel sehr hilfreich und wichtig, wenn wir sie von einer Beziehungsperson hören/lesen. Sie zeigen uns, dass wir ihr wichtig sind (und zwar gesamtsystemisch) und unterstützen uns dabei, selbst nicht nachlässig zu werden in der Arbeit am inneren Kontakt.

„Viele sein“ bedeutet, ein Leben mit mehreren Persönlichkeiten/ Persönlichkeitsanteilen/ Innenpersonen /… zu führen. Es bedeutet nicht, dass es 24/7 in Gesprächen und Kontakten genau darum gehen muss und nichts anderes daneben Platz haben kann. Beziehung mit einem Viele-Menschen braucht aber ein Bewusstsein dazu, dass die DIS 24/7 Einfluss darauf hat/haben kann, wie Dinge wahrgenommen, gespeichert, erinnert, gefühlt, kommuniziert werden- und wie Bindung gespürt und gehalten werden kann.

Ohne Geduld, Arbeit, Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, in Bewegung zu bleiben, gerät all das vielleicht innen und außen in Vergessenheit.

Im besten Fall passiert es aber nicht. 🙂

DIS-Trialog-Treffen am 25.Juni

Es findet ein weiteres Trialog-Treffen für Menschen mit Dissoziativer Identitätsstruktur, Angehörige, privat und professionell Unterstützende statt:

Am 25. Juni 2024 von 13-16 Uhr im BELLA DONNA HAUS in Bad Oldesloe.

Das Thema für den thematischen Austausch in Kleingruppen lautet: Wertschätzung / „sich gesehen fühlen“.

  • Was bedeutet „gesehen werden“ für Menschen, die Viele sind / Personen aus einem DIS-System?
    • Wann fühlt sich Wertschätzung und Anerkennung von anderen nach „gesehen werden“ an und wann eher als unpassend / dass man nicht gesehen wird?
    • Gibt es Bereiche, die von außen eher anerkannt / wertgeschätzt werden als andere? Gibt es Bereiche, die oft nicht gesehen werden? Wie würdet ihr es euch wünschen?
    • Woran bemerkst du als Angehörige*r / Fachperson, dass dein Gegenüber sich gesehen fühlt? Wann gelingt Kontakt? Und was brauchst du, um dich gesehen / wertgeschätzt zu fühlen?
  • Wie kann Wertschätzung und Anerkennung innerhalb eines Viele-Systems aussehen?
    • Wie geht ihr in einem Viele-System mit Wertschätzung und Anerkennung untereinander um?
    • Was ermöglicht es, sich untereinander gesehen und/oder wertgeschätzt zu fühlen? Bis zu welchem Grad ist das möglich?
    • Wie können Angehörige/ Fachpersonen dabei unterstützen?
  • Was braucht es auf gesellschaftlicher Ebene, um sich gesehen/ anerkannt zu fühlen?

Hier findet Ihr weitere Infos und die Möglichkeit zur Anmeldung: „Frischer Wind“ Juni-Trialog

Der Trialog im Juli wird online stattfinden: „Frischer Wind“ Juli-Trialog online

(dissoziative) Funktion im Alltag

In der Drogerie klingelt ein Handy. Es klingelt und klingelt und niemand geht ran. Im Gang neben mir diskutieren zwei Personen lautstark mit drei Kleinkindern über ihre jeweilige Wahl, was das Piraten-, Prinzessinnen- oder Meerjungfrauen-Duschgel angeht, inklusive mehrerer Brüller, Heuler und Jammerer. Im Kassenbereich spricht eine Person betont ruhig und freundlich mit einem Kind in einem Bollerwagen, das schreit, dass es dieses und jenes nicht will, sondern was anderes und zwar sofort. Ich vergesse, was ich kaufen wollte. Mir wird ein bisschen übel. Innen grollt und vibriert es. Alles passiert gleichzeitig.

Ich atme tief durch und schlucke meine eigenen Brüller herunter, die ausdrücken möchten, dass bitte jemand mal sofort an dieses klingelnde Handy gehen soll und ansonsten bitte auch alle Anwesenden unverzüglich die Klappe halten mögen.

Ich beende meinen Einkauf in der Drogerie schon ziemlich überreizt. Draußen an der frischen Luft und im Sonnenschein reiße ich mich zusammen dissoziiert sich der Stress irgendwo hin und ich hoffe auf inneren Beistand, aber bitte ohne Kontrollverlust. Dann suche ich das nächste Geschäft auf. Nur noch eben kurz den letzten Rest erledigen und dann so schnell wie möglich nach Hause.

Im Supermarkt halte ich mich strikt an den Einkaufszettel- bis sich die Eingangstür aufschiebt und alle ebenfalls reizüberfluteten Kinder inklusive erschöpfter, genervter Begleitpersonen aus der Drogerie den Supermarkt betreten. Der Lautstärkepegel im Laden erhöht sich schlagartig, in meinen Ohren schallert und fiept es und mein Kopf entwickelt sich unvermeidlich in ein Nebelfeld. Ich weiß, dass jetzt auch dieser ganze Skills-Kram aus dem Notfallbeutel nicht helfen würde (den ich eh nicht dabei habe, weil ich doch nur kurz einkaufen wollte…), denn „zuviel ist zuviel“ und was jetzt wichtig wäre, wäre RUHE.

Solche Stresssituationen, die zusätzlich Triggermomente beinhalten, sind prädestiniert dafür, entweder sofort einen Komplettausfall zu erleben (im schlimmsten Fall umkippen und komplett „weggebeamt“ sein), oder später zu Hause mit Reizüberflutungssymptomatik kämpfen zu müssen: „Schlechte Laune“, Aggression, Schwindel, Schmerzen, Übelkeit, Herzpochen, in Tränen ausbrechen, nicht mehr sprechen können, sofort schlafen müssen; oder auch latente „Verpeiltheit“, Zittrigkeit, „nicht mehr denken können“, usw.

Ich zücke unser Handy, um unsere Frau kurz zu fragen, ob sie noch etwas aus dem Supermarkt braucht- und sehe einen Anruf in Abwesenheit. Vor einer halben Stunde. Es war also unser Handy, das ewig lange vor sich hin geklingelt hat in der Drogerie. Ich habe vor lauter Stress unseren Klingelton nicht erkannt. Peinlich. Ich sehe, woher der Anruf kam und dass es wichtig wäre, möglichst schnell zurückzurufen. Eigentlich ist mir das zu viel, wie alles andere in diesem Geschäft auch- aber naja, es wird ja vielleicht keine große Sache sein, ich will das erledigen und zu Hause dann einfach nur Ruhe haben und überhaupt… eigentlich ist ja gar nichts los.

Ich schiebe den Einkaufswagen Richtung Kasse und rufe die Nummer- entgegen all meiner Prinzipien und Abneigungen, was das Telefonieren in der Öffentlichkeit angeht- zurück. Das Gespräch ist tatsächlich wie erhofft kurz und knapp und effizient- also prima, die Sache kann ich abhaken. An der Kasse lächle ich der Person freundlich zu, die immer noch milde und ruhig mit ihrem sehr laut protestierenden Kind kommuniziert und überlege, ihr vielleicht gleich draußen vor der Tür zu sagen, wie toll ich das finde, wie sie das gemacht hat, denn das tut ja auch gut, wenn man das mal hört von jemandem, statt nur angemeckert zu werden von Leuten, die meinen, es besser zu wissen, denn „früher hätte es das so nicht gegeben, diese Schreierei von Kindern“.

Ich sehe beim Bezahlen, dass „ich“ andere Sachen gekauft habe, als auf dem Einkaufszettel vermerkt sind. Ich sehe auch, dass mein Shirt durchgeschwitzt ist und meine Knie zittern. Ich sehe, dass mein Blick Scheuklappenform angenommen hat und die Menschen um mich herum nun sehr weit weg und irgendwie „geschrumpft“ wirken. Ich sehe das, aber ich fühle nichts (mehr). Ich komme zu Hause an, räume die Einkäufe weg und bin nicht mehr „reizüberflutet“, sondern „stillgelegt“. Emotional stillgelegt. Das Gefühl, dass alles viel zu viel ist, ist weg. Für den anderen, neuen Zustand habe ich keine Begrifflichkeiten. Ich bin nicht ganz weg, sondern nur meine Überforderung ist weg. Und alles, was man sonst noch so fühlen könnte.

So ist das manchmal, wenn es um Funktionalität im Alltag geht.

Mit einer Dissoziativen Identitätsstruktur Alltag zu leben und zu schaffen, bedeutet nicht immer, dass sich die verschiedenen Innenpersonen permanent die Klinke in die Hand geben und sich eindeutig erkennbar abwechseln. Wenn die/der Eine nicht mehr kann, übernimmt der/die Andere- ja und nein. Zum Teil findet das vielleicht so statt und bestimmte Aufgaben sind auch mit bestimmten Innenpersonen verknüpft. Es kann aber auch so sein, wie oben beschrieben: Dass da innerlich was passiert, was Dissoziation ist, aber mit etwas Fließendem, Diffusem verbunden ist und weniger mit einem „schlagartigen Wechsel“.

In einem „Funktionsmodus“ zu agieren, kann bedeuten, dass es sich nicht um eine „Alltagsperson“ handelt, die eben solche Aufgaben wie Einkauf, Behördenkram, soziale Kontakte o.a. übernimmt, weil sie es am besten gehändelt bekommt- sondern dass sich innen etwas situationsbedingt zusammensetzt: Aspekte, Eigenschaften, Fähigkeiten, Möglichkeiten zur Abschirmung, Sprachfähigkeiten, usw., vielleicht von verschiedenen Innenpersonen beigetragen und in einen „Modus“ gepackt, der dann in der Lage ist, zu (re-)agieren. Und dieser Modus hat vielleicht auch einen Namen und einen Hauch von „Ich-Gefühl“ (vielleicht auch nicht), ist orientiert und klar- aber er ist auch fragil. Das klingt widersprüchlich: Einerseits kann dieser Modus unumstößlich stabil sein in seiner Funktion (und möglicherweise so „hart“, dass andere Innenpersonen es schwer haben, an ihm „vorbeizukommen“), andererseits in seinem „Wesen“ auch sehr zerbrechlich.
Der „Funktionsmodus“ ist vielleicht keine einzelne „Person“. Es ist viel eher ein „Zustand“, ein Anpassungs-Status, eine Art zu „sein“, zu denken oder (nicht) zu fühlen.

Manchmal stellen sich außenstehende Menschen das Vielesein so vor wie ein Wunschkonzert: „Wenn dir was zu viel wird, macht halt jemand anderes weiter. Wenn du was nicht kannst, kann es jemand anderes. Wenn du keine Lust mehr hast, übernimmt eben ein*e Andere*r…“ Vielesein als praktischer Lifestyle, den man sich so gestalten kann, wie man will? DIS als perfekte Form, es sich einfacher zu machen im Leben und auch nie wirklich alleine zu sein, juchhu?

Sorry for disappointing you, aber Traumafolgerealität sieht anders aus. Komplexe Gewalterfahrungen hinterlassen Spuren, die für die Betroffenen auf so vielen Ebenen wirken, dass sie jeden Tag, immer und immer wieder damit konfrontiert sind- und zwar manchmal auch, ohne ein Bewusstsein dafür zu haben. Davon auszugehen, dass Dissoziation vor allem eine himmlische Rettung in einem „Zuviel“ ist und der Mensch dank ihrer vor allem überlebensfähig bleibt- das beachtet nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist, dass der Mensch chronischem Stress ausgesetzt ist- und auch dissoziative Symptome hinterlassen „Stressabdrücke“! Sich wegzubeamen, nichts mehr zu fühlen, mit verschiedenen Persönlichkeitsanteilen zu leben, innerlich zu vernebeln, usw.- all das ist zum Einen eine mentale „Rettung“ oder Hilfe, ja, zum Anderen aber auch sehr anstrengend. Dissoziative Vorgänge sind kein seliges Wegdämmern nach Wolkenkuckucksheim, aus dem man anschließend frisch gestärkt und entspannt wieder erwacht- sondern für Körper und Psyche hochgradig anstrengende, stressbelastete Mechanismen.

Also: Nein, der Mensch ist nicht zwangsläufig erholt, wenn er nach dem Wegkippen wieder aufsteht oder nach einem Persönlichkeitswechsel wieder zurückkommt. Nein, er ist nicht zufrieden und gelassen, wenn die Emotionen zugunsten einer Funktionalität im Alltag „abgeschaltet“ wurden. Stattdessen ist da wahrscheinlich erst mal eine tiefgreifende Erschöpfung zu merken. Die Frage ist, ob sie Zeit und Raum und Anerkennung bekommt- oder ob auch darüber wieder hinweggegangen wird (werden muss).

Und wann ist die Grenze erreicht?

Geld, Geschenke und Öffentlichkeitsarbeit

Öffentlichkeitsarbeit zum Themenbereich Gewalttrauma(folgen), speziell DIS, machen wir bereits seit 11 Jahren. Damals veranstalteten wir als allerersten Schritt eine kleine Ausstellung mit gemalten Bildern, es folgten die Gestaltung eines Blogs (bis heute), die Planung und Durchführung des Selbsthilfekongresses „DIS-kurs“, Mitarbeit in einem Radioprojekt zum Thema psychische Gesundheit/Krankheit und diverse kleinere und mittelgroße Aktivitäten- und zwar immer, ohne dafür Geld oder andere materielle Zuwendungen zu bekommen. Zum Einen deshalb, weil die verschiedenen Projekte eh immer sehr mit grundsätzlicher Finanzierung zu kämpfen hatten, zum Anderen deshalb, weil es uns nicht in den Sinn kam, konsequent Honorar für uns einzufordern. Das, was wir taten, war uns eine Herzensangelegenheit – und wir haben lange nicht verinnerlichen können, dass man auch mit Herzensangelegenheiten Geld verdienen darf und kann.


Heute ist es so, dass wir für unsere Peer- und Angehörigenarbeit im Rahmen eines Ehrenamtes eine monatliche Aufwandsentschädigung bekommen (und dementsprechend auch nur eine begrenzte Stundenzahl tätig sind).

Und das war’s auch schon.


Wir haben im Zusammenhang mit unserem Blog und Instagram-Account bewusst keine öffentliche Wunschliste oder sonstige Spenden-Möglichkeiten für uns eingerichtet.
Manche Akteur*innen auf social media tun das und es kann ja auch Möglichkeiten eröffnen, unterstützt, anerkannt, bedacht und begleitet zu werden von anderen Menschen, die das gerne tun möchten.

Für uns ist das so keine Option, denn Geschenke und Zuwendungen zu bekommen, vielleicht auch als Gesten der Dankbarkeit für etwas, was wir tun oder öffentlich äußern, ist eine heikle Sache, wenn es in rein virtuellen Kontakten passiert. 

Ein Geschenk von einer anonymen oder nur flüchtig bekannten Person zu bekommen, herausgepickt aus einer Wunschliste (welche per se schon eine sehr persönliche Sache für uns wäre), möglicherweise „einfach nur so“ und ohne vorherige Kommunikation- das würde uns gar nicht freuen, sondern sich eher bedrohlich und „unseriös“ anfühlen.


„Warum lässt uns wer wann etwas zukommen? Was wird dafür evtl. im Gegenzug erwartet: Wird da versucht, sich etwas zu erkaufen? Ist das „nur“ eine freundliche Geste?“


Einen Blumenstrauß, ein Päckchen Tee oder eine Süßigkeit, etwas selbst Gebasteltes, u.a. haben wir hingegen schon auf Lesungen und Vorträgen geschenkt bekommen, mit freundlichen Worten, auch von fremden Personen – und darüber haben wir uns sehr gefreut! Das hatte keine Bedrohlichkeit- und sprach auch nicht unseren Alarmsensor in Sachen „Bestechlichkeit“ an.

Dass wir uns mit unserer DIS mehr oder weniger- in einem gewissen Rahmen- öffentlich zeigen, bedeutet auch, dass wir mit unseren Gewalterfahrungen sichtbar werden. Die Gewalt beinhaltete Ausbeutung – andere haben mit uns Geld verdient. Und wir kennen es, zweckgebundene „Geschenke“ zu erhalten. Deshalb ist es für uns heute umso wichtiger, gerade bei unserer Öffentlichkeitsarbeit so unabhängig wie möglich zu sein und zu bleiben- und nur in klar definiertem Rahmen „Honorar“ anzunehmen.

Wir freuen uns, wenn uns Menschen Bestärkendes und Anerkennendes schreiben; wenn wir lesen und hören, dass unsere Texte unterstützend und wichtig für sie sind; wenn sie uns rückmelden, dass eine Peerberatung gut für sie war, u.a. Wenn jemand, den wir schon etwas näher kennen, uns fragt, womit sie/er uns eine Freude machen könnte, weil ihr/ihm das ein persönliches Anliegen ist, dann ist es schön, darüber weiter in Kontakt zu kommen und zusammen zu überlegen, bzw. etwas zu finden, was für beide-alle passt.

Ganz klar ist für uns: Wir werden nicht vor der Kamera Geschenke-Päckchen auspacken und Freude demonstrieren. Wir werden kein Like, kein Follow, keine Empfehlung aussprechen, nur weil jemand irgendwie „nett“ zu uns war. Wir sind keine „Nonsens-/Irgendwas-Influencer*innen“, die ihr Konto und ihr Ego damit auffüllen, möglichst viel (materielle) Aufmerksamkeit zu bekommen- denn wir sind mit einem Thema öffentlich, dass uns zu sensibel, zu persönlich und zu wichtig ist, um uns damit selbst zu verkaufen!

Aktivist*innen verdienen für ihre Arbeit Anerkennung. Es ist ein Unding, dass z.B. Gewaltbetroffene, die sich für Veränderungen, Aufklärung, Entstigmatisierung einsetzen, so etwas überwiegend unentgeltlich machen müssen (!), weil öffentliche Stellen, bzw. jene, die verantwortlich wären, nicht bereit sind, sie für ihre Arbeit angemessen zu bezahlen. Es ist ein Unding, dass Menschen im Internet eher Geld dafür bekommen, life vor der Kamera irgendeinen fancy Lippenstift zu testen, als gesellschaftlich relevante Statements zu veröffentlichen. Und es ist ein Unding, wer für was mit Klicks, Likes und Follows bedacht wird und welche Informationen sich auf diesem Weg wie weit und easy verbreiten.

Es ist nicht selbstverständlich, die eigene Arbeit zu verschenken – nichts, was selbstverständlich vom Gegenüber erwartet werden kann und soll! Und gleichzeitig ist ein Geschenk oder eine Zuwendung nichts, was an ausgesprochene oder unausgesprochene Bedingungen geknüpft werden darf.

Was wir wann wo wie geben, entscheiden wir selbst. Was wir von wem wie annehmen auch.

Für heute

Erster Mai, „Tag der Arbeit“. Gleichzeitig: Du leistest jeden Tag „unsichtbare“ Arbeit. Nur ein kleiner Teil deines Lebensalltags besteht vielleicht aus Erwerbsarbeit- oder auch aus Armutsbewältigung (die mehr Zeit und Kraft frisst, als manche meinen).

Wann ist mal Pause? Gibt es so etwas wie Urlaub? Wie sieht der Lohn für diese Arbeit aus? Wer stärkt deine Rechte? Wer geht wann und wie dafür auf die Straße?

Ich wünsche dir, dass du heute mal besonders tief durchatmen kannst. Dass du Ruhe und Entspannung findest, sich Momente leicht anfühlen und die Sonne dich innerlich und äußerlich wärmt.

Frei-Zeit.

Für die Seele sorgen

„Seelsorge“ ist eigentlich eine schöne Bezeichnung- wenn da nicht dieser kirchliche, religiöse Bezug wäre. Der Seele Gutes tun, sie wärmen, liebevoll begleiten, schützen, trösten, sie also herzlich umsorgen- wie geht das eigentlich? Wie kann man das nachträglich lernen, wenn man in Kindheit und Jugend emotional vernachlässigt wurde? Und wie soll das gehen, wenn im Außen niemand beim Lernen unterstützt?

Ich glaube, dass manche innere Prozesse durch Psychotherapie zwar in Gang gebracht, gestärkt und unterstützt werden können, aber noch mehr und anderes gebraucht wird. Psychotherapie und andere professionelle Hilfen im Umgang mit Traumafolgen sind ein (!) Bereich, der im/für das Leben wichtig sein kann. „Seel(en)-Sorge“ beinhaltet meiner Meinung nach auch noch Freundschaft und andere private Beziehungen, liebevolle Zuwendung, das Erleben von Gehaltensein, körperliche Nähe, u.a.

Professionelle Hilfen können diese Form der Unterstützung nicht ersetzen: Sie sind inhaltlich und zeitlich begrenzt und für viele Betroffene auch teilweise oder komplett unzugänglich. Ohne Therapie klarkommen zu müssen, kennen viele Gewaltüberlebende.

Für die Seele sorgen, das Herz erwärmen- das kann man auch mit kleinen Gesten erleben und weitergeben: Zuhören, nachfragen, dran bleiben, körperliche Nähe und Zuwendung geben (falls okay für beide/alle), sich melden, miteinander kochen, backen, einen Ausflug machen, malen, weinen, lachen…

Trauma ausradieren kann man damit nicht. Aber kurz- oder auch längerfristig ein Gegengewicht setzen- das geht damit schon.

„Seelsorge“ sollte ein von Kirche/Religion entkoppelter Begriff werden, der sowohl privat als auch fachlich mehr Bedeutung und Anerkennung bekommen sollte.

Lesungen und Gespräche

Am nächsten Dienstag, den 23.4.24, lesen wir in Lüchow aus unserem Buch „zusammen gehalten“.

Lesungsveranstaltungen sind für uns nie reine (Vor-)Lesungen, sondern immer Orte, Räume und Möglichkeiten zum Austausch, zur Vernetzung und Begegnung. Die Verbreitung unserer Texte oder das Bekanntwerden unseres Buches ist uns weniger wichtig – im Grunde benutzen wir unsere geschriebenen Worte eher als Medium, um weiterführend Kontakt herzustellen. Zwischen uns und anderen und zwischen anderen miteinander.

Wir erleben immer wieder, dass unsere Texte wie Türöffner wirken und unsere Sichtbarkeit, Offenheit und Kontaktbereitschaft Menschen darin bestärken, sich selbst auch einzubringen. Das ist für uns immer eine besondere Freude und berührt uns nachhaltig, wenn wir auf unseren Veranstaltungen merken, dass Türen geöffnet werden und man sich respektvoll, aufmerksam und interessiert begegnet.

Insofern besteht also so ein „Paula Rabe -Lesungsnachmittag/-abend“ neben einem Leseteil immer auch aus einem Gesprächs-, Frage-, Austauschteil. Wie er verläuft, wie intensiv gesprochen wird und welche Themen dann aufkommen, ist ganz unterschiedlich und verschieden, so wie eben auch die Menschen es sind, die teilnehmen.

Niemand muss etwas sagen. Es ist auch okay, dabei zu sein und nur zuzuhören.

Wir freuen uns auf Euch!