Kontaktpunkte

Zum 25.11.: In Sicherheit gebracht- und dann?

2001 machten wir in aller Konsequenz unsere Schritte raus aus der organisierten Gewalt. Wir waren aufgrund der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung und Dissoziativen Identitätsstruktur bereits seit 1998 sowohl in ambulanten, als auch in stationären psychotherapeutischen Behandlungen gewesen. Dies ermöglichte uns, den Schritt zu wagen, „von dort wegzugehen“.

Die Entscheidung zu treffen, alle Kontakte abzubrechen, für körperliche Sicherheit zu sorgen und „erst mal in der Anonymität zu verschwinden“, schafften wir damals auch deshalb, weil es Menschen gab, die uns darin unterstützten. Weil es positive Beziehungs- und Bindungserfahrungen gab, (auch) mit Personen, die dem Hilfesystem angehörten. Die wenigsten von ihnen hatten Erfahrungen und Fachwissen zum Thema „Dissoziative Identitätsstruktur“ und „organisierte, sexualisierte Gewalt“. Sie waren jedoch offen für uns, bereit zu lernen, auszuprobieren, mitzugehen, zu reflektieren – sich einzulassen und uns in dem, was wir ausdrückten, brauchten, mitteilten ernst zu nehmen und anzuerkennen.

„Uns in Sicherheit zu bringen“ erwies sich als komplizierter, als gedacht/gehofft: Wo gibt es Schutzeinrichtungen? Wer begleitet einen „Ausstieg“ aus organisierten Strukturen? Wie schafft man es, „unter dem Radar“ zu verschwinden?

Das, was es damals, vor 24 Jahren, für uns gab, war eine kurzzeitige Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie und ein anschließender Platz in einem Frauenhaus. Einem Haus, das zuvor noch nie (bewusst) einen Menschen mit einem Hintergrund wie unserem aufgenommen hatte und trotzdem (!) bereit war, mit uns zu schauen, was wie gehen kann. Und dann an seine Grenzen kam.

Heute sieht die Versorgungssituation für gewaltbetroffene Menschen, die „sich in Sicherheit bringen wollen“, leider nicht besser aus, obwohl Verantwortungsträger*innen wissen, wie schlimm die Lage ist. Frauenhausplätze sind rar, Hilfeinstitutionen müssen um die Finanzierung ihrer Arbeit bangen und kämpfen, spezielle Schutzeinrichtungen für Opfer von Menschenhandel, Zwangsprostitution, organisierter Gewalt sind praktisch nicht vorhanden. Wie jedes Jahr weisen auch heute wieder viele engagierte Menschen auf die Bedeutung des 25.Novembers, dem „Tag gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen“ (#orangedays) hin (wir bezeichnen ihn lieber als „Tag gegen patriarchale Gewalt“), es wehen Fahnen und Banner, Politiker*innen sagen dies und jenes (und kürzen trotzdem)- und „in Sicherheit“ sind weiterhin zu wenige.

Manchmal fehlt uns in Diskussionen über patriarchale Gewalt und ihre Formen und Varianten ein Fokus auf das Leben mit den Folgen. Was bedeutet für die Betroffenen denn eigentlich „Sicherheit“? Wie geht es für sie weiter, nach dem Frauenhaus, nach der Ambulanz, der vertraulichen Spurensicherung, der Akutpsychiatrie, dem Gerichtsprozess? Was brauchen sie mit den Folgen der erlebten Gewalt in ihrem Leben, um fühlen zu können: „Das ist mein Leben, ich bin selbstbestimmt und frei und ich mag es, dass ich da bin!“?

Es ist wichtig, dass das Beleidigen, Bedrohen, Belästigen, Schlagen, Vergewaltigen aufhört. Dass Körper und Seele geschützt werden vor weiteren Übergriffen, so gut das irgendwie möglich ist. Dass der Einfluss des/der Täter*in(nen) auf die/den Betroffene*n unterbunden wird. Das Ende der äußeren Gewalt ermöglicht einen Anfang: Zur Ruhe kommen und Erholung suchen, Grundbedürfnisse erkennen und versorgen, sich selbst wahrnehmen, sich selbst verstehen – wieder mehr zu sich kommen und dann herausfinden, wie es weitergehen kann/soll.

Damit es ein „Danach“ (nach der Gewalt) und/oder „Vorwärts“ überhaupt geben kann, brauchen Betroffene Unterstützung, die über „akut“ hinausgeht: Langfristige Begleitung komplextraumatisierter Menschen bedeutet zum Beispiel ambulante und stationäre Psychotherapie, Familienhilfe, Assistenzleistungen, Rechtsbeistand, medizinische und verschiedene therapeutische Versorgungen, „betreutes Wohnen“, finanzielle Unterstützung, u.a. Nichts davon ist für Betroffene wirklich leicht und zuverlässig zugänglich und erhältlich. Nichts davon ist etwas, das ganz selbstverständlich zu einem „Sicherheitspaket“ für jemanden, der patriarchale Gewalt erlebt und verlassen hat, gehören würde.

Wie sie mit den Gewalterfahrungen und ihren Folgen (weiter-)leben können und/oder wollen, ist ein großer Teil der inneren Auseinandersetzung von Betroffenen. Irgendwie muss/soll/will das, was erlebt wurde, „integriert“ werden und irgendwie muss/soll/will ein Platz in dieser Welt, in dieser Gesellschaft gefunden werden, d.h. Verbindung im Innern und im Außen hergestellt werden. Wir wünschten, Betroffene wären in diesem Prozess nicht so häufig so allein und „unbegleitet“, sondern hätten viel mehr „Andockmöglichkeiten“, sowohl im Privatbereich, als auch im „Hilfesystem“.

Als wir 2002 nachts im Zug auf dem Weg nach „weit weg“ saßen, waren wir krank. Wir hatten eine turbulente, temporeiche, sehr belastende Zeit hinter uns, bis unsere damalige gesetzliche Betreuerin einen einigermaßen „geschützten“ Wohnplatz für uns gefunden hatte. Sie saß uns gegenüber und schlief die ganze Fahrt, während wir bei jedem Halt des Zuges den Impuls verspürten, rauszuspringen. Wir waren zu krank, zu erschöpft und zu erstarrt, um das wirklich umzusetzen- und wir hatten wahnsinnige Angst. Vor dem, wovor wir flüchteten- aber viel mehr noch vor dem, was auf uns zukam. Wir fuhren in ein großes, umfassendes Nichts, hatten keine Ahnung, was eigentlich „Sicherheit“ für uns bedeuten könnte und ließen alles zurück, was wir kannten.

Inzwischen haben wir Klarheit, Wissen, Fühlen, Erfahrung dazu, wofür es sich lohnte, diesen Weg zu machen. Wir fühlen uns dort, wo wir leben, verbunden und „zu Hause“, haben weitere gute Beziehungs- und Bindungserfahrungen machen dürfen, uns stabilisiert, traumaverarbeitende, integrative Prozesse durchlaufen, sinnstiftende Tätigkeiten etabliert, u.a.

„Es ist richtig und wichtig, dass wir da sind und dass es unser Leben so für uns gibt!“ können wir denken, fühlen und sagen.

Vielleicht ist das ein „gutes Danach“, nach einer bisher sehr gewaltvollen, traumatisierenden Biographie.

Verletzt bleiben wir, auch wenn gleichzeitig Heilung stattfindet- weil Heilung von komplexen Gewalttraumatisierungen unserer Ansicht nach keinen „Endzustand“ meint, sondern einen lebenslangen Prozess.

Unser „Danach“ bedeutet eben nicht „vorbei“, sondern eher „daneben, dazwischen, parallel“.

So geht es vielen anderen Betroffenen ebenfalls.

Und das sollte man heute und ganz generell nicht vergessen.

Koalition, Opposition, Dissoziation: Über Systempolitik

„Wenn wir innen einen Bundeskanzler hätten, könnte der auch mal einen Idioten einfach feuern.“, sagt jemand, während wir Nachrichten schauen.

„Ein*e Bundeskanzler*in wird demokratisch gewählt“, entgegnet eine Andere „Und von Demokratie kann man bei uns ja nicht so richtig sprechen.“

„Wovon denn sonst? Diktatur? Anarchie? Strukturiertes Chaos?“

„Ein um Demokratie bemühtes, ursprünglich hierarchisch strukturiertes System mit Minderheitsregierung…“

...

Wir beobachten das, was in der Welt außen passiert, wie „Politik“ oder „Staatsführung“ aussehen kann – und fragen uns, warum Menschen eine Dissoziative Identitätsstruktur eigentlich so häufig exotisieren. Außensysteme und Innensysteme sind doch im Grunde gar nicht so verschieden und müssen sich mit ähnlichen Fragestellungen beschäftigen- um Wege zu finden, (gut) miteinander leben zu können.

Menschen teilen sich einen Planeten, ein Land, eine Stadt, ein Dorf, eine Siedlung, ein Haus und müssen sich organisieren. Das ist die Basis. Daraus entstehen unterschiedliche „Organisationsformen“: Mal bestimmt nur Eine*r, wo es langgeht, mal teilen sich mehrere bestimmte Verantwortungsbereiche; wer wann wie viel Macht, Einfluss, Möglichkeiten hat, kann mit Kampf, Krieg, Erbschaft, Traditionen, Wissen, Kapital, Status, Grundlagen, usw. zu tun haben.

Es gibt marginalisierte Gruppen, Unrecht, Diskriminierung, transgenerationale Weitergabe, Gewalt, Neid, Missgunst, Manipulation, Taktik, u.a.

Und es gibt Solidarität, Hilfsbereitschaft, Freund*innenschaft, Rettung, Vermittlung, Verbindung, Widerspruch, Einsatzbereitschaft, Gemeinschaft.

Wichtig ist, zu schauen, wie man miteinander kommuniziert, wie von wem Entscheidungen getroffen werden, ob es eine gemeinsame Richtung gibt, ob Kompromisse gefunden werden, wie Konflikte ausgetragen werden.

Ergreifen welche für andere Partei? Sind welche bereit zur Fürsprache, zum Demonstrieren oder Streiken? Beharren andere auf ihrem Recht, oder stecken sie auch mal zurück? Sind (alle) Regeln und Gesetze in Stein gemeißelt oder beweglich?

Wird allen Mitgestaltung ermöglicht? Sind die, die über Privilegien verfügen, freiwillig bereit, etwas abzugeben, oder muss man sie zwingen? Braucht es Gesetze- und wenn ja, wer legt sie fest und wer verteidigt sie wie?

Was ist mit jenen, die Grenzen überschreiten? Sind manche Grenzen verrückbar und andere nicht? Werden die Gründe dafür gewürdigt und berücksichtigt?

Wohin mit Personen, die Schaden anrichten? Gibt es bei ihnen ein Bewusstsein zum „Gemeinwohl“? Wie werden Sanktionen festgelegt und umgesetzt? Wird ihre Wirksamkeit überprüft und reflektiert?

Und so weiter, und so fort.

Menschen teilen sich Lebensbereiche. Manche haben mehr Raum zur Verfügung, manche weniger. Manche haben sich ihren Ort ausgesucht, andere wurden dort hin geboren oder „platziert“.

Wenn verschiedene Persönlichkeiten einen Körper miteinander teilen (müssen), sind sie dort, weil sie zur Lebenserhaltung und Anpassung wichtig sind. Sie bilden ein System- und müssen sich zwangsläufig damit beschäftigen, wie sie sich (weiter) organisieren wollen. Sofern es darum gehen soll, am/im Leben zu bleiben und so etwas wie Selbstbestimmtheit spüren zu können. Wenn strukturelle Dissoziation mit all ihren Symptomen die Königin des Hauses bleibt, verhungern die Bewohner*innen langsam trotz gefüllter Speisekammer. Weil ihnen der Zugang verwehrt wird.

Das, was außen in der Welt passiert, kann ein Spiegelbild dessen sein, was im Innern abläuft – und umgekehrt. Systeme dissoziieren strukturell – indem sie „ausblenden“, was ist; indem sie (sich) spalten und in einer Erstarrung verharren. 

Rechte Strömungen breiten sich aus, radikale Personen bekommen (mehr) Macht, ganze Gruppen/Völker werden ausgelöscht, der Klimawandel schreitet voran – und es lähmt das Gefühl, dem nichts entgegensetzen zu können. „Es“ passiert (scheinbar) einfach. Es gibt jene, die Gewalt ausüben und/oder unterstützen (wählen), aus unterschiedlichen Gründen- und jene, die „dagegen sind“ und etwas anderes wollen. Belastung, Angst, Krise, Überforderung- und dann? Kampf oder Flucht? Oder Erstarrung und Unterwerfung? Sich dem „Schicksal“ fügen? Es findet kollektive Dissoziation statt.

Das, was in überfordernden, belastenden, beängstigenden Situationen hilft, ist, in Verbindung mit anderen zu gehen. Sich verbünden und solidarisieren, Mitgefühl spüren, sich helfen, (be-)schützen, stärken, beruhigen- wenn dies möglich (gemacht) wird, kann Erstarrung vermieden werden. 

Menschen bleiben (oder werden wieder) handlungsfähig, wenn sie sich mit anderen verbinden können.

Verbindung bedeutet Bewegung und Bewegung bedeutet „Ausweg(e) aus der Dissoziation“.

Es entsteht Assoziation- und aus der Monarchie kann eine Republik werden.

Eine bewegte, dynamische Gemeinschaft in Balance halten zu können, bedeutet für uns, dass es mehrere Verantwortungsträger*innen und Aufgabenverteilungen geben muss. Ein „Grundgesetz“, in dem basale Regeln des Zusammenlebens festgehalten werden, ist für uns unverzichtbar. All das nützt jedoch wenig, wenn eine insgesamt respektvolle (besser noch: liebevolle) Grundhaltung abhanden kommt. Ohne sie ist alles nichts.

Außenpolitik, Innenpolitik – so viele Systemfragen, die so logisch sind.

Wie spannend, mit all dem zu arbeiten, oder?

Für jetzt und morgen

So viel kann Dir gerade in Kopf und Herz herumspuken, was sich nicht gut sortieren lässt. So viel kann davon alt und traumageprägt sein. So Vieles kann auch immer wieder aktualisiert und aufgefrischt werden, wenn die Gewalt noch nicht aufgehört hat.

Vielleicht denkst Du, es lohnt sich eh nicht, Veränderung zu probieren. Weil es nicht hilft, weil niemand hilft, weil es schon immer so war und die Kraft für Neues nicht reicht.

Möglicherweise ist das Sprechen zu schwer und eine Bewegung zu anstrengend; wahrscheinlich ist die Angst sehr groß und die Hoffnung sehr klein (wenn überhaupt)…

Vielleicht zieht Dich so viel zurück; hin zu Orten, an denen Du etwas bekommst, was sich kaum ausdrücken lässt, sich aber so notwendig anfühlt, dass Du einen Preis dafür zahlst, der höher ist als der „Gewinn“.

Schulterzucken, wegdriften, anpassen, erstarren, resignieren, Gefühle anschalten- „Ist doch eh egal“?

Nein! Es ist eben NICHT egal, was mit Dir und Euch ist!

Es ist NICHT egal, wo Du bist, wohin Du gehst, was Du tust- und ob überhaupt.

Wie gut, dass es Dich und Euch gibt!

Bitte bleib(t) im Leben!

Zum zeitlichen Rahmen der Peer- und Angehörigenberatung

Wir bieten seit kurzem neben der Onlineberatung auch die Möglichkeit an, ein persönliches, analoges Gespräch in der Beratungsstelle zu führen. Ein weiterer Anschlusstermin ca. 2-3 Monate später ist ebenfalls möglich. Weitere Treffen oder einen längeren Beratungsprozess können wir leider nicht anbieten.

Auch in der Onlineberatung gibt es inzwischen einen klar definierten, begrenzten Zeitrahmen: Nach zwei Monaten Emailaustausch findet eine Kontaktpause von einem Monat statt. Danach können weitere zwei Monate genutzt werden und anschließend endet der Mailkontakt. Diese „5-Monats-Regel“ hat sich aus unseren Erfahrungen der letzten 3 Jahre Peer- und Angehörigenberatung entwickelt.

Viele Menschen, die mit uns schreiben, wünschen sich eine längerfristige Begleitung. Manche empfinden den genannten Zeitrahmen als stressig und beengend und möchten sich lieber nicht darauf einlassen, weil er nicht zu ihren Bedürfnissen passt. Manche merken im Verlauf unseres Kontaktes miteinander, dass das vorgegebene Beratungsende ihnen Schwierigkeiten macht, die Zeit gar nicht reicht, ein Abschied problematisch wird, o.a.

Manche erleben den Zeitrahmen auch als hilfreich, um einen Fokus auf ein bestimmtes Thema zu halten. Sie nutzen unseren Kontakt für sich aktiv, bewusst- zum Teil auch mit dem Gedanken: „5 Monate sind besser als nichts.“

Für uns ist die zeitliche Begrenzung zum Einen wichtig, weil unsere Kapazitäten eben so aussehen, wie sie aussehen: Unsere Stundenzahl in der Peer- und Angehörigenberatung ist relativ gering. Zudem sind wir „alleine“, das heißt, wir haben keine Kolleg*innen, mit denen wir uns die Beantwortung der Mails teilen könnten.

Zum Anderen liegt uns ein „fokussiertes“, „anliegen- oder lösungsorientiertes“ Arbeiten mehr, als ein längerfristiges, „prozessorientiertes“ mit einem „offenen Ende“.

Das neue analoge Angebot ist dafür gedacht, die Möglichkeit einer persönlichen Begegnung zu eröffnen- bei der man sowohl denken könnte: „Was will man denn bitte in einem einzigen Gespräch erreichen?“, als auch „Ein einziges Treffen kann schon etwas bewegen.“ Wir haben nicht den Anspruch, in diesem Austausch etwas zu „schaffen“. Uns geht es viel mehr darum, einen Raum zu öffnen für eine bestimmte Frage oder ein bestimmtes Thema, das man miteinander so anschaut, wie es die Umstände zulassen- und zwar in einer direkten Begegnung, die sich anders anfühlen kann, als ein Kontakt per Email.

Wir haben selbst Erfahrungen damit gemacht, dass einzelne Begegnungen mit Menschen (egal, ob ebenfalls betroffen oder nicht) etwas in uns anrühren können: Ein Wiedererkennen, ein Fühlen, Wahrnehmen, sich gesehen fühlen; etwas Tröstliches, etwas Konfrontatives, etwas Relativierendes, Sortierendes, Inspirierendes, o.a.

Zufallsbegegnungen, nebenbei, kurzzeitig- und trotzdem haben sie in uns Spuren hinterlassen.

Weil wir das so erlebt haben, bzw. immer wieder auch erleben, war und ist es uns wichtig, auszuprobieren, was geschieht, wenn wir einen analogen Raum öffnen.

Begrenzte Zeit ist eben auch Zeit.

NEU: Peer- und Angehörigengespräche vor Ort

Wir freuen uns, dass wir in Zukunft die Möglichkeit anbieten können, ergänzend zur Emailberatung einmalige analoge Peer- oder Angehörigengespräche in der Beratungsstelle „Frauen helfen Frauen Stormarn e.V.“ in Bad Oldesloe zu führen.

In diesem Treffen soll es darum gehen, eine bestimmte Frage oder ein konkretes Thema/Anliegen, das Ihr mitbringt, lösungs- und ressourcenorientiert im direkten, persönlichen Kontakt miteinander zu besprechen.

Ein weiterer Termin für Rückmeldungen oder zur Klärung einer ergänzenden Frage kann bei Bedarf/Wunsch zwei bis drei Monate später in Anspruch genommen werden.

Weiterführende Peer- und Angehörigenberatungsprozesse können in diesem Kontext leider nicht angeboten werden.

Es ist okay, wenn Ihr eine Begleitperson mitbringen möchtet. Bitte teilt uns das vorher mit.

Es ist wichtig, dass Ihr ausreichend stabil für ein persönliches Gespräch seid und Euch selbst durch individuelle Hilfsmittel regulieren könnt. Vor Ort gibt es während unseres Treffens und im Anschluss keine beraterische oder therapeutische Unterstützung.

Zur Terminabsprache und Klärung Eures Anliegens nehmt bitte per Email Kontakt zu uns auf:

peer – beratung @ fhf – stormarn . de (ohne Leerzeichen)

Viele freundliche Grüße,

Paula Rabe

Viel zu einfach

Wir stehen im Discounter im Kassenbereich, als wir hinter uns ein leises, weinerliches „Mama?“ hören.

Wir drehen uns um und sehen neben einem vollgepackten Einkaufswagen ein ca. 4jähriges Mädchen stehen, das sich ängstlich umschaut.

„Oh, suchst Du Deine Mama?“, fragen wir und sie nickt.

Einen kurzen Moment später nehmen wir das Kind an die Hand, laufen durch die Gänge, schauen, wo die Mutter ist und finden sie schließlich. Sie hatte einen Artikel vergessen und ihre Tochter deshalb am Einkaufswagen stehengelassen, um ihn schnell zu holen.

Danach verlassen wir den Discounter und bemerken, dass unsere Hände zittern.

„Wir hätten sie einfach mitnehmen können.“, denkt es innen. „Es ist viel zu leicht, ein Kind zu entführen.“

Wir schlucken Tränen herunter und gehen nach Hause.

Wir haben einen weiblichen Körper, sind außen im Kontakt höflich und hilfsbereit, sprechen ruhig und freundlich – meistens jedenfalls, und all das lässt uns vertrauenswürdig wirken.

Wir stellen keine Gefahr für andere Menschen dar. Wir sind keine Gewalttäter*innen.

Wir wirken nicht nur vertrauenswürdig, wir sind es auch.

Aber es könnte auch ganz anders sein.

Wir könnten „Attribute“ haben, die andere Menschen eher mit „Gefahr“ oder potenzieller Täterschaft assoziieren- was dazu führen könnte, dass man aufmerksamer für das wäre, was wir wie tun.

Und wir könnten aufgrund unserer Gewaltbiographie zudem tatsächlich „Gefährder*innen“ sein.

Das Kind im Discounter hätte auch auf einen anderen Menschen treffen können, statt auf uns im Hier und Heute, zu dieser Zeit. Und dieser Mensch hätte es viel zu leicht gehabt, das Kind zu entführen. Auch deshalb, weil die Bilder über Täterschaft und Opferschaft in den Köpfen vieler Menschen eben (noch) so sind, wie sie sind.

Es wird denen, die Gewalt ausüben möchten, viel zu leicht gemacht. Den Frauen und Männern, (Groß-) Eltern, Verwandten, Lehrer*innen, Trainer*innen, Erzieher*innen, Nachbar*innen, Freund*innen, … Denen, die so vertrauenswürdig wirken, wie wir.

Singen und Trauma

Seit kurzem genießen wir den Luxus, Gesangsunterricht nehmen zu dürfen. Zwar haben wir bereits einige Chorerfahrungen, aber dort konnten wir uns gut in der Masse verstecken. Alleine am Klavier zu stehen und nur uns selbst (und das Klavier) zu hören, ist neu, herausfordernd, mutig.

Singen bedeutet Spannung, Haltung, Öffnung, Selbstwahrnehmung, Körperbewusstsein, Atmung, Loslassen, Lebensfreude, u.a.- genau die richtigen, wertvollen Lernerfahrungen, die wir mit/nach Trauma(folgen brauchen.

Unsere Gesangslehrerin (die übrigens nichts von unserer DIS weiß) kombiniert den Unterricht mit genau dem richtigen Maß an Theorie und Praxis, an Herausforderung und Zurückhaltung, Geduld, Motivation, Unkompliziertheit und Ernsthaftigkeit. Wir verbringen einen Großteil der Stunde meistens mit Stimmübungen und den Rest mit dem Singen/Erarbeiten eines von uns oder ihr ausgewählten Songs.

Wir beschreiben mal zwei Beispiele für Stimmübungen:

1.) Der „Lippentriller“:

Bei dieser Übung geht es (unserem Verständnis nach) darum, durch die „richtige“ Muskelaktivierung in Bauch, Brust und Rücken den Atemfluss so zu steuern, dass genügend Luft reinkommt, und in einem konstanten Fluss durch die geschlossenen Lippen wieder nach außen gelangt, so dass die Lippen vibrieren/flattern. Es werden Töne und Tonfolgen dabei eben nicht mit offenem Mund „gesungen“, sondern durch die Lippen „getrillert“ (wer mehr wissen, bzw. sehen will, möge googlen).

Für uns war es zunächst schwierig, wahrzunehmen, wo wir eigentlich genau hinatmen müssen und welche Muskelpartien konkret angespannt werden sollen. Wir haben herausgefunden, dass es uns leichter fällt, wenn wir gleichzeitig umhergehen; oder wenn wir unsere Hände an unsere Flanken legen; oder ein Gewicht mit ausgestreckten Armen vor uns halten; oder auf dem Rücken liegen und beide Beine etwas vom Boden abheben, u.a. „Bauch“ und „Bauchmuskeln“ sind ein weites Feld- und wenn der Körper nicht vollständig oder detailliert wahrgenommen werden kann, dann ist eben auch nicht spürbar, ob es um die Mitte oder die Seiten geht, um Bauchnabel- oder Magenhöhe, oder ob es eher in den Rippenbereich und Rücken wandern muss.

Im Gewaltkontext ist „Bauch“ der Inbegriff von „Schmerz, Gefahr, Verletzung“, aber (innersystemisch) evtl. auch von „Verrat, Feindschaft, Minengebiet“. „Bauch“ wird nicht in einzelne Bereiche differenziert, sondern ist im Zweifelsfall einfach nur das „da unten“; etwas, das eigentlich auch gar nicht zu einem gehört, wohingegen der „Kopf“ das ist, wo man existiert, wo sich „das System“ aufhält, wo es ggf. Gestaltungs- und Handlungsmöglichkeiten gibt. Den „Bauch“ schleppt man als Anhängsel mit sich herum; hat den Eindruck, alles Belastende, Schwere, Komplizierte, Gefährliche kommt von dort- bis man irgendwann anfängt, auch das wahrzunehmen, was von dort positiv hervorgebracht wird: Freude, Liebe, kribbelige Aufregung, Neugier, Lust, Genuss, u.a. Den „Bauch“ wieder zurückzuerobern, sich mit ihm zu Hause zu fühlen und ihn genauso als zu sich gehörig zu erleben, wie den „Kopf“, ist Arbeit und gleichzeitig ein „Geschenk“, wenn es gelingt.

Wir üben, unseren Körperbereich „unterhalb des Kopfes“ zu differenzieren: Das Funktionieren des Lippentrillers hängt bei uns maßgeblich damit zusammen, dass wir unsere Bauch-, Brust- und Rückenmuskeln (wo, wo und wo??) aktivieren und unseren Atem in die Breite (!) unseres Brustkorbs fließen lassen (ihn damit also weiten). Wie oft haben wir schon in verschiedenen Kontexten gehört, dass es wichtig wäre „in den Bauch zu atmen“, und zwar möglichst „tief“. Wenn wir das mehrmals hintereinander tun, wird uns schwindelig, unwohl und es triggert Altes- und es hilft uns nicht beim Singen, sondern wir geraten quasi in einen „Schnappatmungszustand“, um wieder in unseren natürlichen Atemfluss zu kommen und Triggerreaktionen zu stoppen.

Über die Atmung kann man direkt auf den „highway to hell“ geraten, also zurück in Traumazusammenhänge, in Gewaltsituationen; aber auch ziemlich gut wieder zurückkommen in die Gegenwart. Atemübungen mit Bewegungen zu kombinieren, wie z.B. auch beim Yoga, macht es unserer Erfahrung nach leichter, gut orientiert zu bleiben und nicht innerlich abzurauschen in ungute Erinnerungen oder emotionale Zustände. Muskuläre Aktivität, teilweise Anspannung und gleichzeitig bewusste Atemsteuerung halten uns präsent und handlungsfähig- und haben einen erdenden Effekt.

Sich weder in die Hyperventilation zu hecheln (flache Brustatmung), noch durch eine tiefe Bauchatmung in Trance zu beamen, sondern achtsam die Atmung zu „gestalten“, um den gewünschten stimmlichen Effekt zu erzielen- das ist eine Herausforderung und Übungssache.

2.) Die Unterkieferöffnung:

Hierbei geht es im Gegensatz zur Lippentriller-Übung nicht um Muskelanspannung, sondern um Entspannung. Damit die Töne und der Klang genügend Raum bekommen können, muss der Mund geöffnet werden, und zwar eher nach unten (wie beim Zahnarzt), statt seitlich (wie beim breiten Lächeln). Ein breiter Mund hilft zwar, einen bestimmten, leicht „metallisch“ klingenden Sound zu erzeugen (Twang)- auch deshalb sieht man so häufig doll lächelnde Chöre 😉 -, aber ein nach unten geöffneter Mund erzeugt mehr innere/hintere Weite und einen „tieferen Kehlkopf“, was den Klang deutlicher, lauter, voluminöser werden lässt (so beschreibe ich das als Laie).

Wir üben also z.B. mit dem Vokal „A“ in Tonfolgen die Unterkieferöffnung (auch vor dem Spiegel)- und nehmen dabei nicht nur wahr, wie weit wir den Mund öffnen müssen (weiter als gedacht), sondern auch, was eigentlich mit der Zunge passieren soll. Es ist gar nicht so einfach, dorthin gezielt zu steuern, die Zunge in eine eher „flachere“ Position zu bringen, damit im Rachen Platz geschaffen wird- auch im Gesicht, im und am Mund sind so viele Muskeln, für die man erst mal eine bewusste Wahrnehmung entwickeln muss, um zu verstehen, wie eine Übung funktioniert und wie man was verändern kann.

Auch diese Technik ist eine Körperarbeit, die im Traumakontext so viel berührt und bewegt:

Nicht reden dürfen oder können. Kontrolle behalten, bloß nichts (Verbotenes) raus lassen. Gezwungen werden, etwas aufzunehmen, das man nicht aufnehmen (verinnerlichen) möchte. Nicht weinen oder schreien dürfen. Die Luft anhalten. Sich hart machen. Immer enger werden. Nicht fühlen. Erstarren. Unsichtbar sein (müssen/wollen). Und so weiter.

Das ist traumabezogen, logisch. Was das mit dem stärksten Muskel des Körpers (dem Kaumuskel) macht, ist klar: Da ist alles auf „Schließung“ ausgerichtet, nicht auf „Öffnung“. Daran zu arbeiten, Schritt für Schritt etwas zu weiten, was eng war und ist, löst viel aus, vor allem emotional. Wir kennen das auch von Dehnungsübungen beim Yoga.

Ich habe mich eine Zeit lang gefragt, warum ich nach Zahnarztbesuchen immer weinen muss. Glücklicherweise haben wir mit unseren Zähnen bisher nie größere Probleme gehabt und die halbjährlichen Kontrollen verlaufen meistens schmerzlos. Trotzdem bin ich danach zu Hause emotional offen, verletzlich, tränennah- fühle mich „irgendwie verletzt“, und zwar auch dann, wenn der Zahnarztbesuch nach drei Minuten gucken schon erledigt war. Inzwischen ist mir bewusst geworden, dass die weite Mundöffnung diese emotionale Reaktion auslöst: Sich ausgeliefert fühlen, etwas aufmachen, was intuitiv lieber geschützt bleiben möchte- das berührt etwas Zartes, Weiches, Kleines.

Und einen ähnlichen, aber weniger brachialen Effekt hat das Üben der Kieferöffnung beim Singen: Es wird wieder Kontakt zu dieser emotionalen Ebene hergestellt. Solange dabei achtsam, langsam und liebevoll vorgegangen wird, wirkt es heilsam: Nicht nur die oben genannten Trigger-Aspekte tauchen auf, sondern nach und nach zeigen sich auch Erleichterung, Befreiung, Loslassen. Wie gut es sich anfühlen kann, aufzumachen! Wie tröstlich, beeindruckend, stärkend, erdend es sein kann, sich körperlich und psychisch Raum und Luft zu verschaffen! Ich/Wir bin/sind da und das ist erlaubt und okay!

Der Gesangsunterricht und auch das Singen zu Hause ist für uns die derzeit wirkungsvollste Achtsamkeitsübung. Intensiver im Hier und Jetzt können wir nicht sein, als in diesen Momenten. 🙂

Außerdem lernen wir etwas intensiv kennen, was uns bisher fremd war: Unsere systemübergreifende Gesangsstimme, die wächst und sich formt. Beim Sprechen gibt es mehr oder weniger deutliche stimmliche Unterschiede je nach Innenperson. Und das trägt beim Singen auch dazu bei, dass jemand etwas höher oder etwas tiefer kommt, als andere, oder anders/individuell betont. Dennoch zeigt sich bisher, dass etwas „Gesamtsystemisches“ beim Singen entsteht- und das ist sehr spannend. Ein integrativer Prozess.

Singen ist Körperarbeit. Sie muss nicht therapeutisch begleitet sein, fördert aber (zumindest bei uns) eine heilsame, traumaintegrative und innersystemisch verbindende Dynamik (selbst dann, wenn nur Einzelne zum Gesangsunterricht gehen und Andere niemals auch nur einen Ton singen wollen!).

Wie man einen Hai sucht und Andere(s) findet

„Haidrun“ ist weg. Ich habe jeden Quadratzentimeter in unserem Zuhause nach diesem Lieblingskatzenspielzeug abgesucht: Nix. Das kleine Stofftier in Form eines Hais, mit dem die eine Katze kuschelt und Fußball spielt und das die andere Katze im Maul von A nach B trägt, ist und bleibt verschollen. Wahrscheinlich ist es irgendwo hin verschleppt worden, wo nur die Katzen sich auskennen (wer weiß, wo Mucklas leben, weiß auch, wo Haidrun ist 😉 ).
Wir haben in den letzten Tagen sehr viel Zeit damit verbracht, dieses Spielzeug zu suchen- im Grunde habe ich persönlich noch nie zuvor so ausgiebig nach irgendetwas gesucht.
Heute Vormittag ist dann jemand von uns losgezogen, um ein neues Spielzeug zu kaufen- eins, das nur ein mickriger Ersatz für Haidrun sein kann, aber zumindest schon mal von der einen Katze abgeleckt wurde. Wir werden sehen…

Was mich in dem ganzen Zusammenhang wirklich beschäftigt, ist die Selbstverständlichkeit und Hartnäckigkeit, mit der gesucht wurde. Wir wollten Haidrun finden- und wir haben gemeinsam gesucht.

Könnten wir das vielleicht auch innen umsetzen? Was ist mit Innenpersonen, die lange nicht da waren, die nicht oder nur schwer erreichbar sind? Was ist mit Infos, Wissen, Erkenntnissen, Kontakten, die Mühe, Energie und Geduld benötigen, um an sie heranzukommen?
Ja, es ist ein Unterschied, sich mit einer Taschenlampe unters Sofa oder Bett zu robben, in der Hoffnung, dort ein blaugraues Stofftier liegen zu sehen, oder sich im Innern mehr oder weniger orientierungslos bewegen zu müssen – das ist emotional überhaupt nicht vergleichbar.
Aber die Wichtigkeit, an etwas dran zu bleiben, das lange dauert und nicht (sofort) von Erfolg gekrönt ist, die kann man schon ein bisschen vergleichen.
Irgendwann wird Haidrun schon wieder auftauchen- sie KANN nicht vom Erdboden verschluckt sein.
Und so ist das innen auch. So ähnlich jedenfalls.

Es gibt sowohl bei/in uns, als auch bei anderen Betroffenen und „Traumafachleuten“ verschiedene Haltungen und Ideen dazu, was im Innern alles (nicht) möglich sein kann. Fakt ist: Imaginationsfähigkeiten, bildliche Vorstellungskraft, emotionales Erleben, Wahrnehmungsebenen u.a. sind ja vollkommen individuell. Was für die Einen total selbstverständlich und klar ist, ist für die Anderen gar nicht vorstellbar und fremd. Wir finden es schwierig, wenn man jemandem ein bestimmtes Erleben abspricht, weil man es selbst anders oder gar nicht kennt.

Dass im Innern etwas oder jemand (zeitweise) „verschwindet“, ist logisch, wenn man dissoziativ strukturiert ist. Man hat eben nicht ständig Zugriff auf Inhalte, Wissen, Bewusstsein, Wahrnehmung- und somit auch nicht auf alle Persönlichkeitsanteile/Innenpersonen. An der Innenkommunikation und dem Innenkontakt zu arbeiten, ist eine permanente Aufgabe und nichts, was man an einem Punkt erfolgreich geschafft und für die Zukunft dann erledigt hat- so erleben wir das jedenfalls. Wer wie innen erreichbar ist und bleibt, wie viel wahrnehmbar ist und wo welche Ressourcen nutzbar sind, das gestaltet sich dynamisch und eben nicht statisch.

Es gibt Zeiten, in denen Verbindungen innen weniger spürbar sind. Oder in denen Innenpersonen, die sonst häufiger im Alltag und/oder in der innersystemischen Wahrnehmung präsent waren, kaum oder gar nicht mehr auftauchen. Das kann sehr verunsichern und destabilisieren oder auch erst sehr spät auffallen. Wir kennen es, dass Monate vergehen können, in denen einzelne Innenpersonen „verschwunden“ sind (d.h. auch für uns selbst nicht mehr „greifbar“), bevor das überhaupt jemand von uns realisiert: „Was ist eigentlich mit XY? Weiß jemand, wo sie/er ist und wie es ihr/ihm geht?“ Je nachdem, welche Präsenz die jeweilige Innenperson sonst in unserem Alltag hat, dauert so ein Erkennen mehr oder weniger lange. Wenn jemand fehlt, der/die z.B. sonst Verantwortung für Arbeit oder soziale Kontakte trägt, fällt es früher auf, wenn er/sie nicht mehr da ist- weil dann eben eine Lücke im Alltag entsteht, die auch zügig geschlossen/ersetzt werden muss. Handelt es sich um das „Verschwinden“ einer Innenperson, die sonst eh schon wenig im Alltag außen aktiv war, oder die innen Aufgaben hat, die seltener ausgeführt werden müssen- dann wird sie auch nicht so schnell von sogenannten Alltagspersonen vermisst.

Die Frage, wer wann wie schnell als fehlend wahrgenommen wird, wer wann (von wem) vermisst und schließlich aktiv gesucht wird, hat ganz viel Verletzungs- und Schmerzpotenzial. Es geht dabei natürlich auch um die (Selbst-)Wahrnehmung von „Wert“ oder „Wichtigkeit“. Die Haltung, dass alle gleichermaßen „wichtig“ sind, wäre schön- passt aber häufig nicht zur konkreten Alltags- und Lebensgestaltung. Nicht Jede*r hat gleichermaßen viel Mitsprache- und Bestimmungsrecht, nicht zu jedem Zeitpunkt funktioniert im Innern Demokratie. Trotzdem gibt es an einem basalen Punkt „Gleichheit“: Jede*r hat absolut Wichtiges zum Überleben beigetragen. Jede*r Einzelne existiert, weil sie/er gebraucht wurde und heute noch wird- weil sie/er ein Teil eines Ganzen ist. Eines Systems, das von Vielen zusammengehalten wird.

Egal, wie viel jemand zu einem funktionierenden Alltag beiträgt. Egal, ob jemand für Arbeit, Einkauf, Autofahren, Behördenkram, Sport, gesunde Ernährung, oder für Schlaf, Spielen, Bindungsarbeit, innere Streitschlichtung, innere Informationsvermittlung oder was auch immer „zuständig“ ist. Egal, ob jemand ausschließlich im Innern und nie im Außen präsent ist. Egal, ob jemand als Person, Anteil, Fragment, Modus o.a. bezeichnet wird. Er/sie/es existiert und kann wahrgenommen werden, also braucht es Anerkennung. Punkt.

Das, was ein Gesamtsystem ausmacht, befindet sich im Innern. Wir kennen es nicht, dass etwas oder jemand daraus sich wirklich auflöst und auf Nimmerwiedersehen verschwindet (wohin denn auch?). Insofern kennen wir es auch nicht, dass eine Innenperson „stirbt“. Im Zusammenhang mit Fusionen haben sich Innenpersonen bei uns schon miteinander verbunden, so dass die einzelnen Aspekte von jemandem nicht mehr unbedingt separat erkennbar waren. Es entstanden dadurch „Mischformationen“, aus denen bestimmte Eigenheiten manchmal „herausschimmerten“ und zum Teil wiedererkennbar (personell zuzuorden) waren. Das, was zuvor Person A, B oder C ausmachte, wie er/sie dachte, handelte, sich verhielt, was er/sie mochte, u.a., war nicht immer „haltbar“ nach Fusionen- aber ihr jeweiliger Kern; das, wodurch und wofür sie entstanden sind; was sie mitbrachten, um das Gesamtsystem zu schützen und (über-)lebensfähig zu halten- all das blieb innerlich zugänglich und spürbar, auch wenn nach Fusionen neue Konstellationen entstanden waren.

Wenn nun innerlich etwas oder jemand abhanden gekommen ist und man sich auf die Suche macht- dann braucht das oft viel Durchhaltevermögen. Und die Bereitschaft zu fühlen. Es gibt Gründe, warum etwas oder jemand „hinten weg gefallen ist“, oder sich zurückgezogen hat. Und es gibt Gründe, warum das zunächst vielleicht nicht wahrgenommen werden konnte oder durfte. Auf jeden Fall geht´s dabei auch um Einsamkeit- und deshalb ist es so wichtig, (weiter) zu suchen, auch wenn das Finden länger dauert.

Mit traumatischen Erinnerungen arbeiten- ohne Therapie

Kurz stehenbleiben. Was ist gerade wahrnehmbar? Den Fokus auf den Körper richten: Herzschlag, Atmung, Sinneseindrücke, Temperatur, Schmerz oder andere Symptome? Sind wir noch beweglich oder erstarren wir langsam? Kann es weitergehen?

Wieder in Bewegung kommen. Die Walkingstöcke schwingen rechts und links, die Beine laufen zügig und sicher. Über die Kopfhörer klingt eine Lieblingsplaylist. Das Maisfeld ist in Sicht und es ist noch höher als beim letzten Mal.

Dann standen wir vor den Pflanzen, die uns wie eine Wand erschienen. Im Körper kam der altbekannte Impuls auf, sich hinzuhocken, klein zu machen, die Arme über den Kopf zu schlingen, möglichst kein Geräusch von sich zu geben, den Atem anzuhalten- genau wie damals als Kind, als wir nachts in einem Maisfeld „zu Trainingszwecken“ ausgesetzt und alleingelassen wurden.

Stattdessen hoben wir die Arme mit den Walkingstöcken über den Kopf und machten uns groß. Wir atmeten geräuschvoll durch den Mund aus, schüttelten die Beine aus, stampften mit den Füßen auf, gingen ein paar Schritte, machten ein Foto vom Feld, suchten ein neues Lied aus der Playlist aus…

Im Innern wurde spürbar, wen die Situation wie berührte.

Weiteratmen. Noch mal den Impuls merken, sich hinzuhocken- und ihm kurz nachgehen. Wie ist das in dieser Haltung- nicht IM Feld, sondern daneben, auf einem Weg? Tränen kommen. Verlassenheitsschmerz. Große Angst. Überforderung. So war das damals, als Kind. Zumindest für manche von uns. Andere haben das gar nicht gefühlt, sondern schon emotional abgeschaltet reagiert. Traumatypisch, traumalogisch.

„Es“ wegwischen, wegmachen wollen. Tapfer sein. Sich nicht anstellen. Ist doch alles schon lange vorbei. Ja. Nein. Im Innern ist es aktuell.

Es begrenzen. Eine große Kunst ist das, so hin und her zu pendeln zwischen damals und heute. Sich nicht im Gestern verlieren, aber auch nicht im Heute. Es da sein lassen, es anerkennen als Teil des eigenen Lebens- aber nicht völlig den Boden unter den Füßen verlieren. Oder wenn doch, zumindest von irgendwem irgendwo gehalten sein. Im Idealfall.

Es reicht. Bitte jetzt kein Maisfeld mehr. Weiterlaufen, weglaufen, es zurücklassen, aber uns mitnehmen.

Diese Konfrontation wird nachwirken. Kann sein, dass wir noch verschiedene Traumafolgesymptome spüren werden. Wir müssen das gar nicht alles vorbildlich „können“, nur weil wir gefühlt 100 Jahre Therapieerfahrungen haben.

Wir üben diesen Umgang mit Triggern nicht erst seit gestern. Auch das Maisfeld ist keine neue Arbeit. Es wird besser, aber es ist immer noch schwer und wir wünschten, es wäre einfach alles anders.

Vermeidung ist keine Option in Sachen Maisfeld. An anderen Stellen, auf andere Reize bezogen schon.

Wir konfrontieren uns mit den Maisfeld-verbundenen Traumatisierungen, weil wir diese Walkingstrecke eigentlich sehr lieben. Nur nicht im Sommer, wenn der Mais so hoch steht. Aber: Wir wollen uns von diesem Trigger schlicht und einfach nicht den Weg versauen diktieren lassen.

Seit über 2 Jahren machen wir keine Psychotherapie mehr (weil wir nach dem Ende der langjährigen Therapie keinen neuen Platz gefunden haben). Das bedeutet, dass wir bei unserer Innenarbeit mit traumatischem Erinnerungsmaterial nicht begleitet werden. Und das ist milde gesagt ziemlich herausfordernd, bzw. an manchen Punkten auch tatsächlich nicht vollständig möglich.

Und/Aber: Wir gehen trotzdem weiter. Innerlich und äußerlich. Wir probieren aus, was wie helfen könnte- und scheitern dabei und erleben Fortschritte. Manches geht alleine, manches bleibt (leider) auf der Strecke.

Traumabearbeitung durch Auseinandersetzung mit Traumainhalten ist etwas, was ein vertrauenswürdiges, kompetentes, zugewandtes Gegenüber braucht. Ohne Spiegelung im Außen; ohne jemanden, der die Übersicht behält und Fragen stellt; der eben eine Position AUSSERHALB des ganzen Schreckens hat, klappt eine konsequente, vollumfängliche Bearbeitung traumatischer Situationen nicht. Nicht, wenn jemand strukturell dissoziativ ist. Nicht, wenn es um gezielte Konditionierungen, Fragmentierungen, o.a. geht. So sind zumindest unsere Erfahrungen.

Bedeutet das also, dass man keine Chance hat, wenn man alleine mit Traumamaterial arbeiten will/muss- und dass man es dann gleich lassen sollte?

Unsere Wahrheit ist: Nein. Zum Einen geht es manchmal wirklich ums Ganze, also um die Frage „Was hält mich/uns eigentlich hier im Leben?“- und da kommt man möglicherweise an den Punkt, dass man alleine aktiv werden MUSS, wenn man überleben will. Da hat man dann nicht den Luxus, sich die „Mühe“ einfach nicht machen zu wollen und eben ein bisschen „Psychostress“ in Kauf zu nehmen, sondern es wird klar: SO kann/können und will/wollen ich/wir nicht weiterleben. Wir MÜSSEN jetzt hingucken und damit arbeiten, auch wenn wir niemanden haben, der/die uns dabei begleitet.

Hinter all den Berichten über fehlende Psychotherapieplätze stehen lebendige Menschen, keine Karteileichen! Und diese Menschen sind damit beschäftigt, sich am/im Leben zu halten, einen Umgang mit ihren Symptomen zu finden, auszuprobieren, was sie tun können, um sich selbst zu retten, usw. Und selbstverständlich ackern sich komplextraumatisierte Menschen ganz für sich alleine den Arsch ab (sorry for not sorry!), um „klarzukommen“ mit ihrem „Paket“.

Also: Selbst wenn klar ist, dass die Chancen auf eine umfassende, gesamtsystemische Bearbeitung einzelner Traumata ziemlich mies aussehen, wenn man alleine daran rumdoktorn muss, so tun diverse Betroffene genau das eben TROTZDEM, weil es (erst mal?) keine Alternativen gibt. Und wir wagen zu behaupten, dass erstaunlich viel unter diesen schwierigen Umständen dennoch funktioniert.

Dieses eine furchterregende Maisfeld haben wir für heute erledigt. Nicht das Feld hat uns geschafft, sondern wir das Feld. Das, was wir damit tun, ist so simpel wie komplex gleichermaßen: Wir gestatten uns Innenwahrnehmung und wir versuchen anschließend, darüber zu reden oder zu schreiben. Nicht immer klappt das so „kontrolliert“ und „sauber“ wie heute.

Der Schmerz, das Entsetzen, der Schrecken, die Angst von damals brauchen heute Aufmerksamkeit und Anerkennung und manchmal brauchen sie auch eine Abreaktion- und die sieht dann weniger „sortiert“ aus, logischerweise. Nichts daran ist falsch! Trauma löst sich nicht einfach auf, nur weil man mal ein paar zarte Tränchen vergossen oder mit dem Fuß aufgestampft hat. Trauma muss manchmal ausgekotzt, ausgespuckt, hingerotzt, rausgeschrien, durchgezittert, weggeschmettert oder gegen die Wand geklatscht werden. Und manchmal muss das genau so immer und immer wieder wiederholt werden, bis sich etwas lösen kann. Selbst dann bedeutet das aber noch lange keine „Auf-Lösung“, weil sich manches vielleicht gar nicht „auflösen“ lässt.

Für uns ist das Ziel dieser Konfrontation mit dem Schrecklichen ein Gefühl von Integration. Und zwar im Sinne von „so gut und selbstbestimmt wie möglich damit leben können“. Dazu gehört, dass wir Verluste intensiv betrauern. Dass wir Schmerz wahrnehmen und ausdrücken. Dass wir Mitgefühl mit uns selbst entwickeln. Dass wir verstehen, was damals passiert ist und welche Spuren es hinterlassen hat. Dass wir Schäden an Körper und Psyche nicht ignorieren oder schönreden, sondern benennen und annehmen. Dass wir die Gewalt, die wir erlebt haben, erinnern dürfen (!) und auch so der Welt mitteilen können, wie wir das gerne möchten- auch wenn Viele nichts davon hören wollen.

Für all das lohnt sich diese ganze Arbeit.

Genau das ist die Chance, die dahinter liegt und die wir nicht aufgeben.

Und das können wir auch nur deshalb genau so empfinden, denken und umsetzen, weil wir diese gefühlt 100 Jahre Therapieerfahrungen mit all ihren inneren Prozessen und Entwicklungen zur Verfügung haben.

„sich wehren wollen“: DIS im Strafverfahren

Die Kriminalkommissarin, die uns während unserer Strafanzeige im Jahr 2003 zu Beginn begleitete, war für uns eine sehr kompetente und menschlich-herzliche Hilfe. Die Vernehmungen gestaltete sie achtsam und behutsam, aber auch sehr genau. Sie führte uns während der Befragungen immer wieder in heftige Themengebiete und ermutigte uns, so zu erzählen, wie es gut für uns war. Wir durften schweigen und malen/zeichnen, durften flüstern und Schimpfworte oder eine derbe Formulierung gebrauchen. Es lag in unserer Verantwortung und unserer Entscheidung, wer von uns worüber sprach und worauf antwortete- aber wir wurden damit nicht alleine gelassen. Die Beamtin war gut informiert über Hintergründe, Symptomatik und Schwierigkeiten einer Dissoziativen Identitätsstruktur. Und sie hatte ein Bewusstsein dafür, dass Widersprüchlichkeiten, Täterloyales oder Amnesien in diesem Zusammenhang recht typisch sind und keineswegs Anzeichen einer Falschaussage sein müssen.

Wir wurden insgesamt fünf Mal von der Kommissarin vernommen und standen auch zwischendurch in einem regelmäßigen Austausch. Wir spürten, dass es ihr nicht egal war, wie es uns vor und nach den Befragungen ging. Und dass sie an mehr interessiert war, als nur an gerichtsverwertbaren Aussagen. Wir erlebten sie sehr engagiert und motiviert und wir denken heute, dass aus unserer Strafanzeige vermutlich mehr geworden wäre, wenn sie bis zum Schluss zuständig geblieben wäre. Leider musste unsere Ermittlungsakte an eine andere Staatsanwaltschaft weitergeleitet werden und ab diesem Zeitpunkt hatte die Kriminalkommissarin keine Handlungsbefugnis mehr. Das Verfahren endete gut 10 Jahre später ohne Gerichtsprozess oder Verurteilungen.

Die Polizistin hatten wir einige Jahre später telefonisch kontaktiert, um ihr eine akute Frage zu unserer äußeren Sicherheit zu stellen und wir kamen weiter ins Gespräch, wobei wir auch noch mal unsere gemeinsamen Begegnungen Revue passieren ließen. Sie bestätigte unsere Wahrnehmung, dass unser Verfahren sehr verdächtig im Sande verlief, als die Ermittlungsakte „woanders“ landete. Ich traute mich zu sagen, dass ich nicht an einen Zufall glaube, sondern Hinweise für eine Einflussnahme des Täterkreises habe.

Daraufhin schwieg die Kommissarin erst einmal. Dann antwortete sie: „Das kann sein. Vielleicht. Wahrscheinlich. Aber ich muss dazu sagen, dass ich mittlerweile nicht mehr von so einer großen Unterwanderung durch Täterkreise ausgehe, wie das manche Therapeut*innen behaupten. Ich denke nicht, dass überall, an allen wichtigen Stellen, Täter*innen sitzen und die Dinge lenken und deshalb die Strafverfahren scheitern. Das hat häufig andere Gründe.“

Nach dieser Aussage waren wir erst mal erschrocken. Das klang für uns wie eine grundlegende Änderung ihrer opferfreundlichen Haltung. Es klang nach grundsätzlicher Skepsis oder Unglauben.

Im weiteren Gespräch habe ich aber verstanden, was sie konkret meinte und dass ihre Einschätzung ganz sicher keinen grundlegenden Zweifel an der Glaubhaftigkeit von Opfern ritueller/ritualisierter Gewalt darstellt. Ich stimme der Polizistin sogar zu: Auch ich stehe Aussagen von Hilfsinstitutionen, Therapeut*innen, Journalist*innen, Betroffenen u.a. kritisch gegenüber, in denen behauptet/verbreitet wird, Täter*innen seien überall an machtvollen Stellen, würden alle wichtigen Entscheidungen lenken- und es gäbe im Grunde keine Chance dagegen. Ohne Zweifel glauben und wissen wir, dass vor allem organisierte Täter*innenkreise ihre Macht ausüben können, weil sie an bestimmten Positionen die Fäden in der Hand haben und weil niemand sie daran hindert. Aber dass Strafverfahren von Überlebenden ritueller Gewalt / organisierter Kriminalität immer (! oder ausschließlich!) deshalb scheitern, weil der Täter*innenklüngel dafür sorgt- das halte ich für eine unstimmige Verallgemeinerung und für eine Verschleierung anderer Problematiken, die z.B. eine Dissoziative Identitätsstruktur mit sich bringt.

Ich finde es unverantwortlich und übergriffig, wenn Therapeut*innen oder andere Hilfspersonen Betroffene dazu drängen oder gar unter Druck setzen, Strafanzeige zu erstatten. Und ebenso grenzwertig empfinde ich es, wenn innerhalb einer Therapie (ambulant oder stationär) der Fokus darauf gelegt wird, den/die Betroffene(n) „aussagefähig zu stabilisieren“, oder gar aufdeckend zu arbeiten, so dass das Ziel „Strafverfahren“ näher angepeilt werden kann. Eine Anzeige sollte meiner Meinung nach immer in der alleinigen Entscheidungsmacht der/des Betroffenen stehen und nicht als „erlösendes Licht am Ende des Tunnels“ von Therapeut*innen missbraucht werden, die in ihrer Hilflosigkeit und Ohnmacht nicht wissen, wie sie „das“ aushalten können. Besonders schlimm fände ich es, wenn in bestimmten Helfer*innen-Kreisen es beinahe zur Mode würde, die Erstattung einer Strafanzeige oder die OEG-Beantragung zu „erreichen“. Nach dem Motto: „Nur wer sich so wehrt, wehrt sich richtig.“ Das würde ich für sehr gefährlich halten.

Außerdem finde ich es elementar wichtig, einen realistischen Blick auf das zur Verfügung stehende Aussagematerial zu werfen. Es nützt doch nichts, wenn Helfer*innen die Betroffenen zu einem Gang zur Polizei bestärken und ermutigen, nur weil sie es nicht wagen, klar auszusprechen, dass die Erinnerungen, Daten, Fakten, Details vermutlich nicht für ein Gerichtsverfahren ausreichen werden. Das hat meiner Ansicht nach nichts mit Schonung, Solidarität oder Parteilichkeit zu tun. Jemandem zu zeigen, dass man ihr/ihm glaubt, was sie/er über die erlebte Gewalt erzählt, braucht keine Unterstreichungen und Ausrufezeichen, wenn es ehrlich und authentisch ist.

Die Strafverfolgungsbehörden benötigen nicht nur eine gewisse Aussagetüchtigkeit, sondern auch eine gewisse Aussagequalität. Selbst bei noch so großem Engagement, Zugewandtheit, Kapazitäten, Wissen und Personalstärke können Kriminalbeamte*innen eben nicht aus schwammigen Hinweisen stichfeste Beweise zaubern. In dem Zusammenhang immer wieder auf die Unfähigkeit der Polizei zu schimpfen oder eine Verschwörungstheorie noch weiter auszuschmücken, halte ich für Augenwischerei.

Wir haben mit der vernehmenden Kommissarin großes Glück gehabt. Sie hat versucht, aus unserem gelieferten Vernehmungsmaterial das Beste herauszuholen. Jene Beamten, die unsere Ermittlungsakte nach ihr übernommen haben, waren anders gestrickt, als sie. Es war ihnen egal, ob wir dissoziativ sind, oder nicht. Es war unerheblich, ob wir durch die jahrelange Warterei im Verfahren psychisch belastet (retraumatisiert) wurden, oder nicht. Hätten sie uns vernommen, hätten wir vermutlich nicht mal eine einzige Aussage gut geschafft. Rein menschlich betrachtet wäre es wünschenswert, wenn Polizeibeamte*innen sich mit den Hintergründen der Opfer näher befassen und dann ggf. auch ein Verständnis für eine Dissoziative Identitätsstruktur entwickeln würden. Es geht hierbei ja nicht um die Anzeige eines Handtaschenraubes. Aber verlangen kann man eine solche Haltung nicht automatisch. Und ich finde es unfair und falsch, der Polizei grundsätzlich jedes (!) Scheitern eines Strafverfahrens in die Schuhe zu schieben, ohne dabei auf die eigene Verantwortung (nicht Schuld!) zu schauen. Nicht immer geht es darum, dass „die Polizei nicht will“ oder dass sie „das alles nicht glaubt“, oder sogar „selbst zum Täter*innenkreis gehört“. Nicht immer!

Wenn ich heute auf den Zeitpunkt unserer Strafanzeige schaue, erkenne ich, dass er zu früh gewählt war. Wir waren motiviert durch Helfer*innen, wollten „laut werden“ und uns wehren. Dabei haben wir zu kurz gedacht. Das Aussagematerial, das wir damals liefern konnten, war zwar nicht gerade „dünn“ , würde aber heute weitaus umfangreicher ausfallen und es den Strafverfolgungsbehörden leichter machen, daran anzuknüpfen und damit zu arbeiten. Wenn sie wollten und könnten…

Einen grundsätzlichen Schutz stellt ein Strafverfahren nicht dar. „Sich wehren“ vielleicht schon. Aber so eine Abgrenzung kann viele Gesichter haben. Es muss nicht immer der große Paukenschlag sein, bei dem einem hinterher die Ohren schmerzhaft scheppern, oder der vielleicht einfach ins Leere hallt. Sich von Täter*innen zu distanzieren oder öffentlich zu signalisieren, dass man ein freier, selbstdenkender Mensch ist, kann auch ohne Strafanzeige und OEG-Antrag funktionieren. Und Betroffene müssen niemandem beweisen, dass sie es wirklich ernst meinen.

In der Aufregung, Revolution oder Emanzipation während einer Strafanzeige kann zwischen Helfer*innen und Betroffenen eine Euphorie zu fühlen sein, die verbindet. Ein Machtgefühl. Stärker als die Täter*innen sein. Endlich! Endlich kann man was tun und muss nicht mehr nur zuschauen, wie Gewalt stattfindet.

Aber was passiert danach? Wenn eine Strafanzeige ohne Verurteilung scheitert? Ein OEG-Antrag nach vielen Jahren endgültig abgelehnt wird? Die erste Euphorie längst verpufft ist und zahllose, hart erarbeitete Papierseiten eine im Keller vor sich hin schimmelnde Gerichtsakte füllen? Wo ist die Gemeinsamkeit dann? Wie geht es weiter mit dem „Sich-Wehren“? Die Helfer*innen vom Anfang verarbeiten ihre Enttäuschung vielleicht professionell in einer Supervision (wenn sie denn nach der ganzen Zeit überhaupt noch an der Seite der Betroffenen sind) und wurden möglicherweise schmerzlich desillusioniert. Überlegen sich zukünftig vielleicht lieber zwei Mal, ob sie einer/einem Betroffenen zu einer Anzeige raten, oder nicht. Spüren eventuell, wie ihnen das Wort „Verschwörung“ den Nacken hinauf kriecht und leise flüstert „Täter*innen sind doch überall!“. Ärgern sich über die Unfähigkeit oder Unwilligkeit der Polizei. Oder stumpfen ab.

Und die Betroffenen? Sie stehen da und müssen ihr eigenes Innenleben alleine zusammensammeln. Die Scherben und Fragmente, die dieser harte Kampf hinterlassen hat. Selbst wenn im Außen Menschen sie begleiten. Verarbeiten und aushalten müssen sie es alleine. Und sie müssen sich damit befassen, die Vergangenheit und die Gegenwart irgendwie auseinander zu halten. Es ist nicht wie früher, aber ähnlich: Machtlosigkeit. Lähmung. Ungerechtigkeit. Vielleicht bekommt das ganze sogar noch eine neue, perfide Dimension: Wenn von Seiten der Polizei, Justiz und psychiatrischen Gutachtern zwar „geglaubt“ wurde, was man aussagte- das Material aber nicht ausreichte, um eine Verurteilung herbeizuführen. Noch mal eine neue Form von Ohnmacht. Dass einem nicht geglaubt wird, kennt man ja irgendwie schon. Aber so?

In jedem Fall braucht es nach einem gescheiterten Strafverfahren neue Aussichten und Wege. Neue Formen von Wehrhaftigkeit und Selbst-Schutz. Und es braucht Zeit zur Verarbeitung. Es sind neue Wunden entstanden.

Ich denke, manche solcher belastenden, enttäuschenden, möglicherweise retraumatisierenden Justizverläufe lassen sich vermeiden. Indem man die Möglichkeiten und die Motivation realistisch betrachtet und bewertet, bevor man aktiv wird. Und indem man Zuständigkeiten klar benennt: Was müssen Betroffene leisten und was ist Polizeisache? Wo kann man Verständnis und Hintergrundwissen erwarten und einfordern, und wo geht es einfach nur um klare Fakten und Sachlichkeit? Wo weiß man schon im Vorfeld, dass man vor die Wand laufen wird? Und weshalb will man sich dazu entscheiden, es trotzdem zu probieren? Lohnt es sich wirklich, oder geht es hier um einen Traum… oder hat man etwas in der Hand, das…