Die Zeit davor und danach ist manchmal die, in der es am heftigsten brennt und am wenigsten davon außen bemerkt wird.
Sich bewusst zu sein, dass wieder Tage anstehen, die traumatisch belegt sind, ist wichtig, um sich gut schützen und versorgen zu können. Darüber hinweg zu gehen ist keine sinnvolle Option. Damit zu rechnen, dass es auf jeden Fall schlimm werden wird, auch nicht. In Stein gemeißelt ist nichts.
Manchmal fühlt es sich schrecklich an, weil es schrecklich ist. Manchmal fühlt es sich aber auch schrecklich an, wenn man wahrnimmt, dass es nicht mehr (so) schrecklich ist, wie es mal war. Dann ist jeder Sonnenstrahl, jede Herzberührung, jede Erleichterung oder Lebenslust zu viel, zu groß, zu unangemessen, angesichts der „Umstände“. Wie ein inneres Verbot, etwas loszulassen, wirkt ein inneres „Du darfst nicht fühlen, dass es vorbei ist!“- und es schwappt vielleicht noch ein „….weil es (für Andere) eben gar nicht vorbei ist!“ hinein.
Integration von traumatischen Erfahrungen in die jetzige Lebensrealität bedeutet nicht, dass man einen Haken hinter etwas machen können muss, ohne noch irgendetwas Belastendes dabei zu fühlen. Für uns bedeutet es, innere Klarheit über bestimmte Biographieaspekte und einen Zugang zu den dazugehörigen Emotionen zu finden und damit weiterleben zu können. Sich weniger abzuschalten, mehr im Innen wahrzunehmen und anzuerkennen, was, wo, wie betrauert, bewütet, bedacht, besprochen (…) werden möchte.
Die Anstrengung, die darin liegt, sich besonders in krisengefährdeten Zeiten „gut zu versorgen“, braucht Würdigung. Wenn jemand aus einem organisierten Gewaltzusammenhang kommt und sich daraus befreien möchte, sich schützen und in Sicherheit bringen möchte, kann es manchmal (aufgrund fehlender Schutzeinrichtungen) nötig sein, sich vorübergehend in eine geschlossene Psychiatriestation zu begeben. Im Idealfall (nun ja….) trifft man dort auf hilfreiche Menschen mit Fachexpertise und Herz und wird durch die „heißeste Phase“ begleitet. Aber/Und was ist mit dem „Danach“? Zurück zu Hause- und dann?
Nicht das zu befolgen, was einem gewaltvoll eingetrichtert wurde und sich entgegen aller „Täter*innen-Anweisungen“ fernzuhalten aus diesen Gewaltkontakten bedeutet innere Reaktionen und Automatismen. Es bedeutet Stress, der verschiedene Gesichter und verschiedene Kompensationsversuche haben kann: Schlafstörungen, Essstörungen, Panik, Selbstverletzungen, Schmerzen und andere Körpersymptome, Flashbacks, diverse Dissoziationsphänomene, u.a. Unserer Erfahrung nach hat dieser Stress häufig seine Hochphase vor und/oder nach besagten „Trauma-Daten“, weniger währenddessen. Wir kennen es, dass wir in der Zeit nach dem äußeren Ausstieg solche Daten einfach „durchfunktioniert“ haben. Anschließend wurde der Stress erst spür- und sichtbar, inklusive hohem inneren Druck, der aufkam, weil wir uns nicht „täter*innenkonform“ verhalten hatten.
Wir vermuten, dass das viele Betroffene so oder so ähnlich kennen. Vor allem die, die außen keiner Gewalt mehr durch die Gruppierung ausgesetzt sind und nicht mehr von einer akuten Lebensgefahr in die nächste fallen; die, die sich vielleicht auch schon länger mit „innerem Ausstieg“ befassen. Jene erleben es vielleicht ähnlich wie wir, dass eben die Trauma-Daten selbst nicht mehr das höchste Risiko für „Zusammenbrüche“ o.a. mit sich bringen, weil recht zuverlässig eine „Verhaltensänderung“ im Sinne des Selbstschutzes etabliert werden konnte, sondern die Vorlauf- und Nachlaufzeit.
Davor und danach kann es Stress machen, von sich zu erwarten, dass man keinen Stress hat. Dass man „jetzt endlich mal“ klarkommen müsste. Dass es „jetzt mal gut sein müsste“. Weil „es“ ja schon so lange „vorbei“ ist. Manchmal ist es sooo wichtig, sich die Tränen, den Schmerz, die Erinnerungen zu gestatten (!) und dem Raum zu geben, statt sich daran festzubeißen, die „schönen Seiten des Lebens“-verdammt noch mal!- genießen können zu müssen.
„Es hilft niemandem, wenn Ihr heute weiter leidet und Euch Vorwürfe macht!“- das hat mal jemand in wohlwollender Absicht zu uns gesagt, um uns davon abzuhalten, noch mal eine selbstzerstörerische Runde im Schuldkreislauf zu drehen. Uns hat diese Aussage verletzt und wütend gemacht. Für uns war und ist es schrecklich, uns hilflos zu fühlen. Es ist furchtbar, zu wissen, dass die Gruppierung weiter aktiv Gewalt ausübt und niemand sie davon abhält, auch wir nicht. Weil wir keine Möglichkeiten dazu haben. Diese grauenhafte Ohnmacht ist kaum auszuhalten und wird auch in der Zeit vor anstehenden „Trauma-Daten“ noch mal intensiv angetriggert. Wir wissen, dass es niemandem im Außen „hilft“ (im Sinne von „verhindert Schlimmes“), wenn es uns schlecht geht. Wir wissen, dass unsere Schuldgefühle keinerlei positiven Einfluss auf äußere Gegebenheiten haben. Aber es ist etwas, was wir „tun“ können. Wir halten so auch Erinnerungen an jene Opfer in unserer Gruppierung aufrecht, die gestorben sind. Uns ist es bisher noch nicht möglich, uns ohne Schuldgefühle an diese anderen Betroffenen zu erinnern und im Angedenken einfach ein Blümchen niederzulegen. Und wir erwarten das auch nicht von uns.
Sich zu erinnern muss nicht immer vermieden werden. Es gibt öffentliche Gedenk- und Jahrestage, an denen politisch und gesellschaftlich Aufmerksamkeit auf traumatische geschichtliche Geschehnisse gerichtet wird. Es wird zu Recht gewollt und gefordert, die Hintergründe nicht zu vergessen. Da findet (im besten Fall) Würdigung und Anerkennung statt und es darf sich schlimm anfühlen und zwischendurch auch leicht und alles zusammen.
Unterstützung von Menschen, die sich an Trauma erinnern und/oder in traumatisch belasteten Tagen/Zeiten befinden, kann nicht an der Stelle aufhören, wo das reine Überleben gesichert ist. Das ist wie „satt, sauber, trocken“- und das reicht eben nicht.
Ein Bewusstsein dafür zu haben, dass Trauma immer auch ein „Davor“ und ein „Danach“ hat, das individuelle Begleitung brauchen kann, finden wir total wichtig.
In diesem Sinne wünschen wir allen Betroffenen: Kommt gut gehalten durch die Zeit(en)!




