Stellungnahme zur Doku “Ich bin Viele“ aus der Reihe “37°“

Aus der Sicht der “Intervisionsgruppe von Menschen mit DIS, die im psychosozialen Bereich berufstätig sind“ und der auch wir angehören:

Der oben genannte Film ist das Portrait einer einzelnen Person mit einer DIS.

Als selbst betroffene Personen schauen wir solche Dokumentationen natürlich mit besonderer Neugier an – und auch mit besonderer Hoffnung darauf, das Thema DIS auf achtsame und informative Weise in die Öffentlichkeit gebracht zu sehen.

Denn die DIS ist bis heute eine der psychischen Erkrankungen, über die im öffentlichen Bild besonders viele Mythen und Vorurteile existieren, von der völligen Ableugnung der Validität des Störungsbildes an sich, über meist schauerliche Darstellungen in Spielfilmen, bis hin zu einer gewissen Faszination, die sich in meist emotionalen und unter Umständen voyeuristischen Darstellungen von möglichst vielen Persönlichkeitswechseln ausdrückt.

Alle diese Arten von Darstellungen sind für uns Betroffene jedoch stigmatisierend, da sie nur ganz bestimmte Aspekte des Störungsbildes darstellen und damit an der Realität einer großen Gruppe von Betroffenen vollkommen vorbeigehen.

In unserem Alltag müssen wir so immer wieder Kämpfe um Glaubwürdigkeit, Anerkennung und Augenhöhe ausfechten, die belastend und unnötig wären, wenn
das Störungsbild insgesamt realistischer dargestellt wäre.

Leider hat dieser Film unsere Hoffnungen enttäuscht.

Stattdessen drängt sich uns als Betroffene der Eindruck auf, dass nach Bildern gesucht wurde, die in den Zuschauer*innen möglichst viele Emotionen wecken sollen.

Wenig nachvollziehbar beispielsweise ist die Fokussierung und Kürzung des Materials mit überwiegendem Blick auf den Moment von Persönlichkeitswechseln und eine kindliche Innen-Person, der filmerisch eine vorherrschende Rolle in der Alltagsgestaltung eingeräumt wird.

Hier werden weder die Komplexität des Störungsbildes, noch die bestehenden Kompetenzen der Betroffenen ansatzweise gewürdigt. Im Instagram-Profil der Betroffenen (Sabrinas) sowie auch in den Shownotes in der Mediathekseite wird deutlich, dass ihre erwachsene Kompetenz wesentlich stärker ausgeprägt zu sein scheint, dass beispielsweise Wechsel unter den erwachsenen Alltags-Innenpersonen weit weniger augenfällig sind und sie durchaus in der Lage ist, trotz der DIS und weiterer, schwerwiegender körperlicher Einschränkungen berufliche Kompetenzen zu entwickeln und auch in irgendeinem Ausmaß professionell zu arbeiten.

Kurz gefasst lässt sich dieser Film paraphrasieren: Menschen mit einer DIS verhalten sich kindlich, erinnern sich nicht daran und benötigen anhaltend eine 24-Stunden- Betreuung.

Die möglicherweise auch den Assistenzbedarf mit bedingenden körperlichen Erkrankungen sind in diesem Zusammenhang nicht weiter thematisiert, was neuerlich zu einer unangemessenen Reduktion führt.

Wünschenswert wäre eine Darstellung, die insgesamt die innensystemübergreifende Lebenskompetenz der Betroffenen darstellt, insbesondere in einem vergleichsweise gut recherchierten und finanzierten Format, wie es “37°“ sonst üblicherweise ist.

Als besonders schwierig aus verschiedenen Gründen empfinden wir den Beitrag des professionellen Trauma-Experten Ulrich Sachsse. Seine lapidare Erklärung der Entstehung der Störung, dass die Störung auf schwerer Gewalt beruhe und dass ein Kind, dem dies geschieht, „sich vormacht“, dass es einer anderen Person geschehe, und dass auf diese Weise die traumatischen Erfahrungen auf verschiedene Selbstzustände aufgeteilt würden, ist eine fast schon fahrlässig zu nennende, extrem verkürzte Darstellung.

Auf diese Weise entsteht ein Eindruck von bewusstem Handeln auf Seiten der Opfer, der die reale Gewalt und Einflussnahme durch die Täter*innen und die insgesamte
Komplexität des Geschehens völlig verleugnet.

Des Weiteren wird das Thema Gewalt, in seinem ganzen gesellschaftlichen Kontext, im gesamten Beitrag nur nebensätzlich erwähnt, übrig bleibt vorrangig nur eine Fokussierung auf dem Leiden der Betroffenen.

Wir sehen es dabei auch nicht als Aufgabe der Protagonistin an, über erlebte Gewalt
sprechen zu müssen, aber es fehlt zumindest ein kurzer Hintergrund dazu, und es fehlt vollkommen eine Einordnung in gesellschaftliche Kontexte.

Unklar bleibt bis zuletzt, was das Ziel dieses Beitrages ist. Nicht zu vergessen ist, dass es sich hier um einen Beitrag im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit einer großen Reichweite und einem diversen Pool an Adressat*innen handelt, so dass wenig nachvollziehbar ist, wie ein nur so kleiner Ausschnitt ohne Verweis auf das sehr viel breitere Spektrum und Bild von Menschen mit einer DIS gezeigt wird?

Viele Betroffene mit einer DIS sind sehr funktional in ihrem Alltag, arbeiten in Vollzeit, sind in der Lage, funktionierende soziale Beziehungen zu unterhalten, sind zum Teil sehr kreativ. Gleichzeitig ist diese Stabilität – wie ja auch in dem Beitrag durchaus deutlich wurde, denn auch die Sabrinas waren früher in der Lage, zu studieren und als Lehrerin zu arbeiten – keine Selbstverständlichkeit, und es ist für sehr viele Betroffene ein ewiger Kampf, Anerkennung für ihre Einschränkungen und die benötigte Unterstützung in Form von fachkundiger therapeutischer Langzeit-Therapie zu erhalten.

Es gibt zu wenige ausgebildete Traumatherapeut*innen mit Kassensitz; wird ein Therapieplatz gefunden, so ist die Finanzierung der benötigten Anzahl an Stunden ein andauernder, belastender Kampf.

Über die Dissoziative Identitätsstruktur in all ihren Ausprägungen und in all den Schwierigkeiten, mit denen sowohl hochfunktionale als auch stark unterstützungsbedürftige Betroffene im Alltag wirklich zu kämpfen haben, könnten so viele Aspekte erzählt werden.

Sollte es das Ziel sein, ein breites Publikum mit einer schweren Lebensgeschichte zu unterhalten, „Das Faszinosum Mensch mit DIS“? Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass hier mit realem Schrecken und Gewalt „Unterhaltungsfernsehen mit Quote“ gemacht wird, ohne dass eine auch nur ansatzweise angemessene Reflexion dieser ja auch noch tagtäglich in unserer Gesellschaft stattfindenden Gewalt erfolgt. Dies ist bitter und schier nicht zu fassen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Bekanntwerdens der Verbrechen in Lügde, Bergisch Gladbach und Münster und der
unverändert so immens hohen Dunkelziffer.

Wir als Menschen, die auch Viele sind, distanzieren uns von dieser Form von einseitiger, immer wieder gleicher Berichterstattung zu Lasten der Betroffenen.

Auch wenn dieser Beitrag als Portrait eines einzelnen Menschen mit DIS angelegt ist, wurde mit diesem Beitrag (erneut) die Gelegenheit verschenkt, komplexer, tiefgehender und vielfältiger, aber vor allen Dingen auf Augenhöhe mit den Betroffenen über die Dissoziative Identitätsstruktur zu berichten.

Unterzeichner*innen:

“Intervisionsgruppe von Menschen mit DIS, die im psychosozialen Bereich berufstätig sind“

Gute Vorbilder sind wichtig.

©PaulaRabe

Woher soll man wissen, wie das geht mit dem “fürsorglich und liebevoll sein“ – und woher soll man wissen und fühlen, dass man selbst so einen Umgang “haben“ darf und will – wenn einem das nie gezeigt wurde?

Vielleicht spürt man intuitiv Mitgefühl und Liebe für andere Lebewesen und handelt entsprechend schützend, versorgend, helfend, herzlich. Gut, wenn das geht.

Aber auf sich selbst bezogen ist das oft so eine Sache: Es nicht verdient haben, es nicht wert sein, nicht liebenswert sein, blockiert sein von inneren Verboten, usw…

Wenn man weiß, woher es kommt, wo die Ursprünge liegen, ist schon ganz viel erreicht.

Aber auch wenn die Theorie verstanden wurde, kann es in der Praxis noch ordentlich haken.

Selbstfürsorge und Eigenverantwortung- zwei Schlagworte in der (Trauma-)Therapie.

Werden Fähigkeiten in diesen Bereichen vorausgesetzt, um überhaupt therapeutisch vertieft (evtl. traumakonfrontativ) arbeiten zu können, wird manchmal “vergessen“, dass sie nicht angeboren sind.

Oft passiert ein Begreifen und Verändern erst dann, wenn man zurückschaut: Wie waren meine Erfahrungen mit Fürsorge/Vernachlässigung bisher in meinem Leben?

Wenn Therapeut*innen diese Rückschau nicht angehen wollen, bevor nicht ein gutes Maß an Eigenverantwortung geleistet werden kann, kann eine Therapie stundenlang vor sich hin dümpeln, bzw. völlig stagnieren.

Lernen funktioniert dabei unserer Erfahrung nach besonders über Spiegelung.

Es muss Menschen geben, die zeigen, was es bedeuten kann zu trösten, zu halten, sich zu kümmern.

Es muss Beziehungen geben, in denen man sich gesehen, ernst genommen, geborgen, geliebt fühlen kann – so entsteht ein Verinnerlichen und Verankern und Wachsen.

Eine therapeutische Beziehung kann und darf solche Spiegelungen beinhalten, finden wir.

Learning by doing ist da nämlich hoch effizient.

Schutz und gute Gründe

©PaulaRabe

Innere Beschützer*innen haben verschiedene Gesichter, Hintergründe, Vorgehensweisen, Fähigkeiten.

Manche kümmern sich liebevoll um Kinder oder andere Personen mit Unterstützungsbedarf.

Manche sind freundlich, diplomatisch, geduldig, zugewandt, solidarisch, nachgiebig, kreativ, lustig, warm, herzlich.

Und manche sind wütend, streng, hart, konzentriert, ungerecht, schweigsam, impulsiv, strategisch. Oder anders.

Der Schutz des Gesamtsystems (oder auch bestimmter Außenpersonen oder Gegebenheiten) braucht verschiedene Hände, Köpfe und Herzen, die gemeinsam dafür arbeiten.

Innenpersonen, die sich selbst als Beschützer*innen definieren (oder von anderen so identifiziert werden), sind in dem, wie und warum sie etwas/jemanden schützen, nicht immer leicht verstehbar.

Manches wirkt als Druck, Zwang, Machtgehabe, ja sogar Terror, bzw. Gewalt. Es wird blockiert, erpresst, festgehalten, versteckt, bestraft, u.a.

Um in all dem “gute Gründe“ entdecken zu können, braucht es Geduld, Durchhaltevermögen und Neugier von allen im System (und Unterstützungspersonen im Außen).

Die Suche nach dem “guten Grund“ für bestimmte Verhaltensweisen (mit dem Fokus auf ein grundsätzliches Schutzvorhaben für Leib und Leben) kann einem den letzten Nerv, die letzte Kraft rauben; vor allem dann, wenn sich z.B. gewaltvolle Aktionen gegen das System (oder Einzelne) richten und das eigentlich keine Sekunde länger anhalten dürfte…

Wir wünschen allen, die sich mit der Thematik beschäftigen, dass die Verbindung zum Lebenwollen gehalten werden kann.

Es gibt so viel Weisheit, Schlauheit, Lebenskraft im Innen, für die es sich lohnt, immer weiter zu suchen.

Bleibt neugierig!

Ausstieg und Verluste

Äußere und innere Distanz zu organisierten Täter*innenkreisen herzustellen lohnt sich immer.

Während eines “Ausstiegs“ zu übersehen oder zu negieren, welche Verluste damit auch verbunden sind, kann jedoch den ganzen Prozess gefährden oder ganz zerstören.

In aller Konsequenz bedeutet dieser Weg, dass Du z.B. Beziehungen zurücklässt. Nicht nur “vor allem gewaltvolle“, die Dich schwer verletzt haben, sondern auch jene “dazwischen“: Geschwister, eigene Kinder, Schulkamerad*innen, Menschen außerhalb der Gruppierung… Klassentreffen sind (wahrscheinlich) tabu, (alte) Kontakte über social media potentiell gefährlich. Der Schmerz über “Zurückgelassene“ kann schrecklich sein.

Vielleicht musst oder willst Du Deinen Namen ändern, Deine neue Adresse geheimhalten, Dich äußerlich verändern und permanent aufpassen, wem Du wie viel über Deine Biographie erzählst.

Sicherheit ist relativ.

Dein Lebenslauf kann große Brüche vorweisen oder auch aalglatt aussehen- ziemlich sicher sind Berufstätigkeit, Arbeitsfähigkeit, Kolleg*innenkontakte, Funktionalität schwierige Dauerthemen.

Ein “Ausstieg“ macht einsam und ist unheimlich anstrengend.

Leben fühlt sich eventuell plötzlich extrem leer und “langweilig“ an. Alte (vermeintliche) Sicherheiten sind abgerissen; Du realisierst, wie sehr man Dich belogen und ausgenutzt hat; die eigene Existenz kommt einem fremd und sinnlos vor und andere (ähnlich alte) Menschen befassen sich mit völlig anderen Lebensinhalten.

Alleine. Alleingelassen. Unverbunden. Orientierungslos.

Aufgewachsen mit einer Basis, die heute nicht mehr trägt, sondern jeden (neuen) Schritt erschwert, statt erleichtert.

Das, was nie war, nie sein durfte und konnte; und das, was jetzt nicht (mehr) geht, worauf Du verzichten musst, weil eben alles so war, wie es war- all das muss und darf gesehen und ausgesprochen werden!

Auch und gerade wenn Du Dich für ein Leben außerhalb der Gruppierung entschieden hast.

Wenn „Anteile“ nicht (mehr) in Schubladen passen…

Ein für mich wesentlicher Unterschied zwischen „Anteilen“ (Innenpersonen) bei einer DIS und „Anteilen“ von anders strukturierten Menschen („Unos“ und zum Teil auch bei DSNNS/Ego State Disorder), ist die Mehrdimensionalität.

Diesen Unterschied habe ich im Kontakt mit anderen Menschen festgestellt und selbstverständlich nicht wissenschaftlich untersucht.

Mir ist aufgefallen, dass es leichter oder schwerer sein kann, innere Anteile zu identifizieren, zu benennen und zu „kategorisieren“.

Manchmal scheint es Menschen darum zu gehen, ihre Anteile an Emotionen oder Verhaltensweisen festzumachen: Der/die Wütende, Traurige, Ruhige; Scherzkeks, Partylöwe, Zerstörer*in…

Oder es läuft darauf hinaus, Aufgaben/Verantwortlichkeiten herauszustellen: Der/Die Berufstätige, Versorger*in, Diplomat*in, Beschützer*in…

Manchmal unterscheiden Menschen ihre Anteile nur anhand des Alters (Kind, Jugendliche*r, Erwachsene) oder des Geschlechts.

Ich empfinde es im Kontakt mit anderen Menschen auch als interessant und verbindend, über „innere Anteile“ zu sprechen, die jede*r hat, auch ohne dissoziative Störung. Gerade dann, wenn ich über unsere DIS (noch) nicht in voller Klarheit reden mag, sondern erst in einer vertiefenden Annäherung mit dem Gegenüber bin, kann es hilfreich sein, auf diese Weise einen gemeinsamen Nenner zu finden: Es gibt Aspekte des Selbst, die relativ eigenständig agieren können; die Einfluss nehmen auf die Wahrnehmung und Emotionalität; die man benennen kann als „das innere Kind“, oder „der/die innere Kritiker*in“, oder wie auch immer.

Es kann Selbstanteile geben, die man „irgendwie nur schwer erreicht“, die sich fremd anfühlen oder (beinahe) unkontrollierbar; die immer wieder auf die gleichen Reize anspringen, für die man sich schämt, die man gerne loswerden würde, u.a.

All das könnte ein gemeinsamer Nenner (der noch nicht mal pathologisch definiert wird!) im Kontakt mit einem Gegenüber sein und eine Art „Gesprächsbasis“ darstellen- und schließlich einen Punkt berühren, an dem der Unterschied ganz deutlich wird: Die „Anteile“ sind bei einer Dissoziativen Identitätsstruktur mehrdimensionaler!

Ich glaube, gerade deshalb fühlen sich die Schubladen, in die manche Außenmenschen „DIS-Anteile“ einsortieren wollen, unpassend/falsch und oftmals auch verletzend/diskriminierend an. Von uns selbst und von anderen Leuten mit DIS weiß ich, dass es selten passt, eindimensionale Kategorieren wie oben genannt zu wählen. Der/Die „Wütende“ ist meist nicht „nur so“, es gibt noch viel mehr Aspekte, die sie/ihn beschreiben können; ebenso kann es bei den Aufgaben und Verantwortlichkeiten sein. Ein*e Beobachter*in kann möglicherweise unter anderem diese wichtige Sache tun, zu einem anderen Zeitpunkt, oder bei einer anderen inneren „Gegebenheit“, kann er/sie aber eine andere/neue Position haben. DIS-Systeme sind dynamisch, nicht starr- auch dann nicht, wenn sie über mind control von Täter*innen „gebaut“ wurden. So habe ich das bisher zumindest wahrgenommen.

Und genau diese Dynamik, die ständigen Bewegungen- genau dies trägt dazu bei, dass bei einer DIS im Laufe der Zeit personelle Veränderungen stattfinden können. Ich behaupte: Da ist nichts einzementiert, so gern Täter*innen das auch hätten.

Ich finde es wichtig, dass in der therapeutischen Arbeit bei DIS immer wieder darauf geachtet wird, wie Innenpersonen aktuell „sind“. Das gehört für mich auch zum „Erstellen einer inneren Landkarte“: Wen gibt es (wo) innen, wer hat mit wem (welche) Verbindung, u.a.- und ganz besonders: Gab/gibt es personelle Veränderungen? Ist Person XY immer noch so „gestrickt“ wie vor ein, zwei Monaten/Jahren? Wie erlebt er/sie sich selbst und wie nehmen andere ihn/sie wahr? Darf Veränderung geschehen?

Innenpersonen, die seit gefühlt 20 Jahren in der „Zerstörer*in“, oder „Trauer“, oder „Alltagsmanager*in“-Schublade stecken, können inzwischen schon längst darüber hinausgewachsen sein und/oder etwas ganz anderes brauchen/wollen, als bisher (wenn man sie denn lässt!).

Davon abgesehen behaupte ich sowieso: Jede Innenperson ist mehr als ihre primären Identitätsmerkmale!

Einen gemeinsamen Nenner zu finden; Ähnlichkeiten herauszustellen; eine Sortierung zu schaffen: Ja, das tut gut, wenn man sich mit Menschen verbindet.

Dennoch gibt es eine Grenze!

Denn: Nein, wir sind nicht alle ein bisschen Viele!

Ja, es ist wichtig, an dieser Grenze zu unterscheiden.

(Und an alle beruflich Unterstützenden: Ja, es ist ebenso wichtig, korrekt und verantwortungsbewusst zu diagnostizieren!)

Eine Dissoziative Identitätsstruktur in aller Konsequenz als Realität durch Gewalttraumatisierungen anzuerkennen, bedeutet eben auch, sie weder zu verallgemeinern, noch zu exotisieren.

Einladung zum Sommerpicknick für Menschen mit (p)DIS und Angehörige

Einfach zusammen sein, klönen, lachen, schweigen, Blümchen anschauen, einander begegnen, Schmetterlinge zählen, Kekse oder was auch immer essen- eine schöne Zeit miteinander haben.

Das ging uns so durch den Kopf, als wir gemeinsam mit Hannah C. Rosenblatt ein Treffen für Viele und Angehörige planten.

Wir laden Euch herzlich ein zum:

"Sehr heller, leicht violetter Hintergrund auf dem im unteren Drittel 5 leicht geöffnete Tulpen mit ihren grünen Stengeln und Blättern liegen. Sie sind von links nach rechts pink mit einem dünnen hellen Rand, lila, weiß, lila und hellrot mit einem dünnen lila Rand. Darauf in grüner, serifenloser Schrift: "Sommerpicknick, für Menschen mit (p)DIS und Angehörige, Hamburg, Botanischer Garten, am 11. 6. 2022 um 13 Uhr, Anmeldung und weitere Infos per E-Mail an sommerpicknick@gmx.de, Wir freuen uns auf euch! Hannah C. Rosenblatt und Paula Rabe"

Infos, Regeln und Beschreibungen zum Botanischen Garten findet Ihr hier: Botanischer Garten Hamburg

Wir sammeln Anmeldungen und beantworten Fragen unter der im Flyer genannten Emailadresse.

Bis bald! ☺

Zum 1.Mai

©PaulaRabe

Dieser herzliche Maigruß geht raus an alle Freund*innen, Partner*innen, Herzleute, Liebgehabte, Verbündete, Angehörige und Unterstützer*innen, die an der Seite von gewalttraumatisierten Menschen sind und bleiben.

Danke, dass Ihr da seid!

Raus aus der Dauerschleife!

©PaulaRabe

Schuldgefühle kennen wohl die meisten Gewaltbetroffenen.
Selbst zu den Taten beigetragen oder etwas verursacht zu haben, mitverantwortlich zu sein, weil man dies und jenes getan oder unterlassen hat- das sind Gedanken, die Betroffene auch Jahrzehnte nach den Gewalterlebnissen noch quälen können.

Schuldgefühle machen psychisch und physisch krank, wenn sie ignoriert oder weggeredet (“Du weißt doch, dass du keine Schuld hattest!“) werden.
Hinsehen, zulassen, ernst nehmen, anerkennen- erst dadurch kann ein Prozess des Loslassens und Mit-sich-selbst-Versöhnens möglich werden.

Besonders perfide und hartnäckig hält sich “die Schuldfrage“ bei Überlebenden ritueller/organisierter Gewalt, die selbst Gewalt gegen Andere ausgeübt haben.
Über Jahrzehnte dieser Prägung ausgesetzt zu sein, seit früher Kindheit, führt ganz automatisch dazu, Täter*innen-Introjekte zu entwickeln. Wenn die Gruppierung zusätzlich einen Menschen gezielt (!) spaltet, entstehen innere Anteile/Fragmente/Innenpersonen, die in ihrem Handeln, Denken, Fühlen, Wollen besonders “gruppendienlich“ strukturiert sind.

Dazu gehören auch Aspekte wie “Gewalt gut/normal/berechtigt finden“, “Schwäche verurteilen und sanktionieren“ und “lebenslange Zugehörigkeit/Verbindung zur Gruppe; Eine*r von ihnen sein“.

“Schuld“ ist ein Thema, das Täter*innen bewusst und konsequent nutzen, um Realitäten zu verdrehen, Opfer an sich zu binden, Schweigen zu gewährleisten und auch ohne direkten Kontakt Einfluss auf das Leben (die Lebensqualität!) der Betroffenen nehmen zu können.

Wer sich schuldig fühlt, sucht evtl. Erleichterung (und kehrt immer wieder zurück zum “Ursprung“), spricht nicht über die Geschehnisse (Scham), hält permanente Bestrafung für angemessen (und wehrt sich nicht), bleibt in Altem stecken. Eine gute Absicherung für Täter*innenkreise, “alle Schäfchen im Stall zu halten“!

Vermeintliche oder reale Schuld (jedenfalls “täterinduziert“) sich selbst in Dauerschleife immer wieder vorzuhalten, ohne die ganze Wahrheit anzuschauen (Hätte ich in einem anderen Kontext genauso gehandelt? Hatte ich eine Wahl? Was wäre passiert, wenn ich Nein gesagt hätte? Was hat dazu beigetragen, dass ich mich so und so entwickelt habe?)-
das ist Selbstzerstörung.

Aus dieser “never ending story“ können keine Heilung, kein innerer Frieden und kein Wachstum hervorgehen, sondern sich nur Lähmung und Angst weiter verankern.

Es geht hier und jetzt darum, sich zu entscheiden: Was mache ich mit meiner Schuld? Halte ich sie als Verbindungsglied zur Gruppierung weiter aktiv und füttere sie täglich, oder gestatte ich mir, sie gehen zu lassen und mich vom Täter*in-Sein in aller Konsequenz zu lösen?

In den Schuldgefühlen verankert zu bleiben und das Leid darin immer wieder neu aufzuwärmen, darin Stück für Stück weiter zu zerbrechen und letzten Endes auf Dauer zu verrecken, macht die Schuld nicht weg. Man erlöst weder sich noch Andere dadurch, man arbeitet die Schuld nicht ab und tut auch keine Buße durch Selbstgeißelung.

Wenn es aus der Schuld raus in die Eigenverantwortung gehen soll, braucht es freie Beweglichkeit, keinen Kreis-Lauf.

DIS und Entwicklungen

©PaulaRabe

Keine Klinik, kein*e ambulante*r Psychotherapeut*in, kein*e Freund*in – absolut niemand hat das Recht, Ziele vorzuschreiben oder spezielle Entwicklungen als Erfolge zu definieren.

Ob sich ein Weg heilsam, heilend, verarbeitend, integrativ anfühlt und darstellt, bestimmt und weiß der/die Betroffene.

Einzelne Aspekte und Fragen darin mögen für Außenstehende nicht nachvollziehbar, begreifbar oder positiv bewertbar sein- und eventuell auch schwer aushaltbar zu beobachten sein-, trotzdem gehört alles zur Selbstbestimmung der/des Betroffenen. Die Grenzen liegen dort, wo jemand daran gehindert wird, sein/ihr Selbstbestimmungsrecht wahrzunehmen.

Kliniken, die “Integration als Ziel“ zur Aufnahmevoraussetzung für Menschen mit DIS erklären; Psychotherapeut*innen, die rein verhaltenstherapeutisch nur an Stabilisierung herumdoktorn und anhand des Alltagsfunktionalitätsgrades eine “Heilung“ definieren; Menschen, die Schwäche, Krankheit, Erschöpfung, Verletzung ignorieren, abwerten oder gar sanktionieren, einfach weil sie es aufgrund ihrer sozialen Rolle können/dürfen- sie alle greifen in die persönlichen Freiheitsrechte der Betroffenen ein.

“Gute Absichten“ machen diese Übergriffe nicht besser.