Schutzerklärung

Geh davon aus, dass du Spuren hinterlässt.

Du bleibst in Erinnerung, mit mehr von dir, als dir selbst bewusst ist.

Jeder Klick, jedes Wort, jede Tat hinterlässt Abdrücke- analog und digital.

Geh nicht davon aus, dass andere auf deinen Schutz achten. Beschaffe dir die Informationen, die du für ein möglichst sicheres Leben brauchst, selbst-

und warte nicht auf zufällige Erkenntnisse.

Es gibt keine hundert Prozent, kein Fertigwerden im Bemühen um die Kontrolle über das eigene Leben. Ein Maximum an Selbstbestimmung ist trotzdem drin-

auch wenn du eine Gruppe Schwerverbrecher*innen eventuell lebenslang im Nacken sitzen hast.

Achte auf deinen Alltag, auf kleine, unklare Lücken im Denken, Fühlen und Tun und mach es dir nicht bequem in der Watte des Vergessens.

Willst du einfach nur überleben und im hohen Sterbealter sagen können: „Wer hätte gedacht, dass ich´s bis hierhin schaffen würde!“?

Gib den Löffel doch nicht schon früher ab, als nötig. Verdissoziier´dir deine Lebenszeit nicht, wenn du es auch anders könntest.

Die Klärungen liegen innen. Jede Frage nach

Was/Wer war?

Was/Wer hilft?

Was/Wer wird gebraucht?

Wohin soll´s gehen?

wird am besten in deinem Kopf beantwortet, statt außerhalb.

Such keine Beweise für irgendwas im Außen. Sei dir bewusst, dass es immer jemanden gibt, dem daran gelegen ist, weiter zu verschleiern. Und der immer einige Schritte schneller zu sein scheint, als du.

Hechte nicht hinterher! Du bis dein eigener Beweis.

Geh davon aus, dass dir etwas ent-geht.

Wenn du Viele bist, liegt das in der Natur der Sache und nicht in (d)einem Versagen. Das macht es schwieriger, denn das

Verschwinden

Verbergen

Verlieren

Vergessen

Verschütten

gehört zu deiner Normalität.

Es lohnt sich so sehr, sich in das

Auftauchen

Entdecken

(Wieder-)Finden

Erinnern

Verbinden

hinein zu trauen, auch wenn es sich zunächst (lange…)

so fremd und fern von dir anfühlt.

So untypisch.

So schlimm, immer wieder. Auch.

Es ist das Beste, was du für deinen Schutz, dein Leben, deine Kraft tun kannst.

Warte nicht auf morgen.

Zucker, Sucht und Psychotrauma

Schon seit längerer Zeit denke ich über den Zusammenhang zwischen „Zuckersucht“ und Psychotraumafolgen nach.

Sowohl bei uns selbst, als auch bei einigen anderen (Gewalt-) Betroffenen erlebe ich eine Funktionalisierung des Zuckers, im Sinne einer psychogenen Essstörung.

Mir ist immer wieder aufgefallen, dass ein hoher Zuckerkonsum unabhängig von einer generellen Esssucht (wo nicht nur nach besonders Zuckerhaltigem gegriffen wird) oder Bulimie (mit Erbrechen) vorliegen kann: Es wird zum Einen wie bei einer typischen „Binge Eating“-Attacke eine große Menge hoch zucker-(kohlenhydrate-)haltiger Lebensmittel innerhalb kurzer Zeit vertilgt, oder zum Anderen nicht anfallsartig über einen längeren Zeitraum (aber eben auch in zu hoher, bzw. ungesunden Konzentration).

Meine Theorie dazu beinhaltet unter anderem, dass die zunächst beruhigende Wirkung und die Aktivierung des „Belohnungssystems“ im Gehirn vor allem eine Entspannung des bei Traumatisierten typischen hohen Erregungsniveaus einleitet. Serotonin- und Dopaminspiegel werden erhöht, Adrenalin- und Cortisolspiegel gesenkt, d.h. der innere Stress vermindert sich. Ruhe, Zufriedenheit, Trost, Sicherheit- all die angenehmen Zustände und Gefühle, die sonst oft hart erarbeitet oder auch kaum wahrgenommen werden, können durch den Konsum hoch zuckerhaltiger Lebensmittel (v.a. Süßigkeiten) erleichternd und spontan erreicht werden.

Es passiert also etwas, das sich zunächst hilfreich anfühlt. Man manipuliert so aber nicht nur die subjektive Gefühlslage, sondern auch den Körper, bzw. Stoffwechsel- und trägt möglicherweise langfristig zur Aufrechterhaltung von Traumafolgen bei.

Wenn rasch zu viel Zucker konsumiert wird (nicht nur dann, aber darauf richtet sich mein Fokus gerade), schüttet die Bauchspeicheldrüse „vor Schreck“ zu viel Insulin aus. Große Insulinmengen führen dazu, dass viel zu viel Glucose aus dem Blut in die Zellen befördert wird. Der Blutzuckerspiegel sinkt jetzt zu tief, so dass es innerhalb kurzer Zeit zu einer Unterzuckerung kommt. Diese kann innere Unruhe, Nervosität, Gereiztheit, Stimmungsschwankungen, Zittern, Schwäche, Herzrasen, Schweißausbrüche u.a. zur Folge haben- Symptome, die man auch bei Angst kennt (welche nicht selten dissoziative Phänomene als „Bewältigungsmaßnahmen“ nach sich zieht).

Und hier erkenne ich einen sehr schädigenden Kreislauf: Von der psychotraumatisch bedingten Übererregung (hohes Stressniveau) oder Untererregung (Depression, Lähmungsgefühle, Erstarren, u.a.) führt eine Überzuckerung kurzzeitig in eine Erleichterung (Serotonin als Beruhigung, Dopamin als „Stimmungsaufheller“). Zwangsläufig muss der Körper aber Abbaumaßnahmen ergreifen, bzw. irgendwie verarbeiten und es kommt schließlich zur Unterzuckerung, welche nicht nur dieselben oder ähnlichen Symptome wie bei einer Übererregung produziert, sondern auch Heißhunger auslöst. Auf Zucker/Kohlenhydrate…

Ein (zu) hoher Zuckerkonsum verfestigt nicht nur die körperlichen und psychischen Trauma-Spiralen, sondern ist auch Teil von traumatischen Reinszenierungen und Bewusstseinskontrolle. Man triggert sich selbst.

Die Verbindung von süßem (schokoladigem) Geschmack ist einerseits tröstend und wirkt beinahe wie ein freundliches Schlaflied. Bleibt es nicht bei einem kleinen Bissen, sondern verselbständigt es sich z.B. in den Verzehr einer ganzen (oder mehrerer) Tafel(n) Schokolade, hat diese Handlung den belohnenden oder genussvollen Charakter verloren und wirkt sowohl selbst-schädigend als auch sedierend.

Im Grunde „macht man sich weg“:

Bildlich formuliert versenkt man Unverarbeitetes, Belastendes, Angstmachendes, Überreiztes, Gefühlsintensives in einem klebrigen Zuckerglas.

Taucht später an einer anderen Stelle im Innern aber irgendein andere Aspekt der gleichen Sache wieder auf, bei dem es nötig ist, etwas „zusammenzusetzen“, hat man große Mühe, die versenkten Teile wieder aus dem „Zuckerglas“ herauszufischen. Dann liegen sie verklebt, verschwommen und bewegungsunfähig vor einem und man ist zu betäubt, um sie wieder „klar zu kriegen“.

Weniger metaphorisch formuliert: „Zuckersucht“ macht teilzeitblind.

Zudem können Erinnerungen an Hungern, Isolation/Deprivation, Drogeneinsatz durch Täter*innen und Todesangst angetriggert werden.

Viele Betroffene kennen „Entgleisungen“ des Blutzuckerspiegels und des gesamten Stoffwechsels schon ihr ganzes Leben lang. „Mittelmaß“ oder „Gleichmäßigkeit“ ist nichts, was naturgemäß gegeben wäre. Von einer Gewalterfahrung in die nächste, von einem Horrortrip in den nächsten, zwischendurch „elendes, gelähmtes oder auch dissoziatives Warten auf das nächste Mal“; hungern in isolierten Räumen und später dann „angefüttert/überfüttert werden“ mit hochkalorischen Lebensmitteln; Zucker als Tägermittel für sedierende/betäubende Drogen; körperlicher „Zuckerschock“ als Ausgangspunkt für bestimmte Programmierungen,…

Irgendwo innen werden diese Erinnerungen jedes Mal wieder wach, wenn man meint, sich das Leben wortwörtlich besonders „versüßen“ zu können.

Ausgeglichenheit ist wichtig. Sowohl psychisch als auch physisch. Auf der körperlichen Ebene können folgende Aspekte unseren Erfahrungen nach hilfreich sein:

  • Regelmäßig und vollwertig essen: Ein Frühstück wird bei uns leider oft „vergessen“ oder zeitlich verzögert, was uns insgesamt in ein Ungleichgewicht bringt. Wir haben festgestellt, dass ein warmes Frühstück (z.B. Porridge) besonders wohltuend auf uns wirkt.
  • Genügend trinken: Tee, Wasser, manchmal Hafermilch mit Kakao
  • Gesunder Schlafrhythmus: Möglichst vor Mitternacht ins Bett gehen, dann ist bei uns die Gefahr von Albträumen und Schmerzzuständen geringer, zudem sind wir morgens früher „tagesfit“
  • Ausreichend Wärme zuführen: Wenn wir zu sehr frieren, hält uns das in Anspannung, löst Schmerzen (auch rheumatisch) aus und triggert Erinnerungen an frühere Kälte an; diesbezüglich ist die Gefahr von „Zuckergier“ (als Wärmezufuhr) besonders hoch. Das heißt: Die Wohnung heizen, temperaturangemessen kleiden, Kuscheldecken benutzen, warme Fußbäder machen, Körnerkissen/Wärmflasche, Tee trinken, Suppen essen, der hartnäckigen „inneren Kälte“, welche sich nicht oder kaum durch äußere Maßnahmen „erreichen lässt“, mit Reorientierungsmaßnahmen und menschlicher Zuwendung begegnen…
  • Ausreichend Bewegung: „Couch-Potato-Sein“ ist nicht immer gleichbedeutend mit Erholung! Wir brauchen Bewegung, um unseren Körper zu entspannen und „übersäuerte Muskeln“ zu befreien, z.B. in Form von Rad fahren, Walking, schwimmen, tanzen, Yoga, Hula Hoop, jonglieren, u.a. Marathon-Training ist nicht nötig für uns (und auch nicht machbar 😉 ), aber regelmäßiges „In- Bewegung-Kommen“ hilft uns zum Einen, nicht dissoziativ zu versacken, zum Anderen auch Spannungszustände abzubauen. Außerdem werden wir auch psychisch und gedanklich „mobiler“.
  • Schmerzzustände behandeln: Wir dürfen schmerzfrei sein! Wir bekommen keine Tapferkeitsmedaille für zusammengebissene Zähne (und Zucker als „Belohnung“ ist da Selbstbetrug), also dürfen wir alles Mögliche alternativ versuchen, Schmerzen loszuwerden. Auch medikamentös und naturheilkundlich.

Wer bist du?

©PaulaRabe

Mehr als Kämpfer*in oder Krisenkind.

Mehr als Flüchtende*r, Sterbende*r oder Wiederbelebte*r.

Mehr als “Stehauf-Person“, Funktionsheld*in oder Durchhaltequeen/-king.

Mehr als Suchende*r, Sehnende*r und Vermissende*r; mehr als Zweifler*in, Vergessende*r oder Wütende*r.

Mehr als Unverwüstliche*r, Zurückgekehrte*r oder Aussteiger*in.

Mehr als Projektionsfläche, Quotenbetroffene*r, Stellvertreter*in oder Aufklärer*in; mehr als Erste Hilfe, Rettungsanker oder gutes Beispiel.

Mehr als Opfer oder Täter*in, schwarz oder weiß, gut oder schlecht, geliebt oder gehasst.

So viel dazwischen.

So viel mehr als Überlebende*r.

Aber eben auch.

Abwarten und Tee trinken

©PaulaRabe

Auf Bedürfnisse achten. Innen wahrnehmen, hören, einladen, fragen, ermutigen.

Nicht immer ist alles direkt spür- und erkennbar. Vieles ist “weit hinten“, überdeckt oder versteckt – und umso wichtiger ist es, genau dorthin zu denken:

Was brauchst Du, braucht Ihr, damit sich Leben hier und jetzt gut anfühlen kann? Darf ich mehr über Dich erfahren?

Nicht alle Innenkinder oder -jugendlichen können oder wollen spontan mitteilen, was sie sich wünschen, nicht alle von ihnen wissen überhaupt, wie das gehen kann und darf: Selbst zu merken, was sie brauchen. Da gibt es keine bunte Möglichkeiten- oder Emotionspalette, an der sie sich bedienen können.

Und auch Innenerwachsene haben nicht immer einen Zugang zu sich und ihrem Bedarf an irgendwas. Und sie wollen auch nicht immer identifizierbar sein.

Es kann hilfreich sein, Angebote oder Vorschläge zu machen- und zwar ohne Erwartungshaltung und eher zurückhaltend, statt konfrontativ.

Ich habe zum Beispiel vorhin eine halbe Stunde am Fenster gesessen. Einen Kinderriegel und eine Tasse Tee vor mir auf dem Tisch, daneben ein paar Farben, Pinsel und ein Tontöpfchen.

Mit der Idee, das könnte jemanden oder welche einladen und erfreuen, die sonst wenig Raum im Außenalltag haben.

Dann habe ich einfach gewartet.

Und dann?

Das Tontöpfchen wurde tatsächlich bemalt, Tee und Schokolade blieben unberührt.

Ich weiß nicht, wer da war. Ich muss es auch nicht hinterfragen.

Es ist voll okay, nicht alles zu wissen.

Bei einer DIS gibt’s nämlich auch sowas wie Privatsphäre untereinander.

Viele sein bedeutet…

“Viele sein“ bedeutet, konfrontiert zu werden mit Verhaltensweisen, die “jemand aus dem Innern Deiner Psyche mit Eurem gemeinsamen Körper tut“, die Dir selbst aber fern liegen.

Gesagte Worte, die nicht Deine waren. Handlungen, die Du weder könntest, noch wolltest.

Manches ist beängstigend. Manches ist katastrophal. Manches ist grenzüberschreitend. Manches tut weh. Manches zerstört. Manches fällt tief. Manches beschämt.

“Dissoziative Identitätsstruktur“ als Traumafolgestörung.

Täter*innen-Introjekte im Innern. Kopien des damaligen Horrors. Unvereinbare Gegensätze. Gelernte Zerstörungskraft, die auf ein Heute trifft.

Verzweiflung fühlen. Das Puzzle zusammensetzen müssen, um weiterleben zu können. Aber nicht alles passt, nicht alles findet einen guten Ort. Wohin damit?

Manches ist unkompliziert. Manches ist erfreulich-überraschend. Manches erleichtert. Manches beeindruckt. Manches hilft. Manches ist notwendig. Manches verwirrt. Manches ist großartig liebevoll.

“Dissoziative Identitätsstruktur“ als Überlebensstrategie während langjähriger Gewalttraumatisierungen.

Die Helfer*innen im Innern. Die Mitträger*innen. Die Lebensretter*innen. Ein Weg, weiter “da“ sein zu können, obwohl der Körper Teilzeittode stirbt.

Dankbarkeit fühlen. Die Aufgaben im Heute: Erkennen, verstehen, verbinden. Was hilft?

“Viele sein“ bedeutet, konfrontiert zu sein mit dem „Sowohl…, als auch…“.

In Dir drin.

Jeden Tag.

Immer.

Zeit brauchen und nehmen

„Unsere“ Täter*innen hatten 22 Jahre lang Zeit, physische und psychische Gewalt gegen uns auszuüben. Sie beeinflussten jede Entwicklungsphase in unserer Kindheit und Jugend. Sie initiierten und prägten unser dissoziatives Persönlichkeitssystem, hatten wortwörtlich immer irgendwo die Finger im Spiel- und sehr lange war mir/uns das nicht mal bewusst.

22 Jahre aktive Gewalt. Das sind so viele Jahre, wie es braucht, vom Liegen ins Krabbeln, ins Stehen, ins Laufen, ins Abitur-machen und Studieren, ins Verlieben und Verlassen und auch ins „selbst-ein Kind-gebären“ zu kommen. 22 Jahre sind möglicherweise ein Drittel eines ganzen Lebens. Oder auch nur die Hälfte, für manche.

Krankenkassenfinanzierte Psychotherapie bei Traumafolgestörungen ist eine Frage der Stundenzahl. Sie ist oftmals eben nicht „bedarfsgerecht“, sie orientiert sich nicht am Tempo der Betroffenen. Mir ist es ein Rätsel, wie Gutachter*innen zu der Ansicht gelangen, dass Menschen, die 10, 20, 30 Jahre massiven Gewalttraumatisierungen ausgesetzt waren, nach 100, 200 oder meinetwegen auch 300 Psychotherapiestunden „fertig versorgt“ sein könnten.

Wenn die Gewalteinwirkungen auf Körper und Seele beendet wurden (oder die Entscheidung getroffen wurde, das erreichen zu wollen) und überhaupt erst mal Raum und Zeit entsteht, sich mit den Folgen, Beschädigungen, Zerstörungen intensiver auseinander zu setzen- dann stehen Betroffene eben nicht vor einem reich gedeckten Tisch, an dem sie sich bedienen können: „Was möchtest du haben, was brauchst du? Im Buffet befinden sich stationäre und ambulante Psychotherapie, alternative und auch körperbezogene Therapieformen, betreutes Wohnen, Pflegedienst, Tagesstätte, Selbsthilfegruppe, Sozialdienst, Krisendienst, Notfallhotline, Familienhilfe, usw., usf.“

Es muss probiert werden, was helfen könnte auf dem Weg der/des Betroffenen, orientiert an seinen/ihren Zielen und Vorstellungen von einem „guten Leben“. Er/Sie hat das Recht, selbst zu bestimmen. Theoretisch. Praktisch stehen viele erst mal alleine da und müssen Informationen, Wissen, Kontakte mühsamst selbst zusammenkratzen- während sie dabei sind, sich am/im Leben zu halten.

Die Crux an der Sache ist zudem: Woher soll ich wissen, dass ich Unterstützung brauche, wenn ich gar nicht fühlen kann, dass es mir schlecht geht UND dass ich Hilfe haben darf? Nach einem, zwei, drei Jahrzehnten Gewaltnormalität?

Es gibt Aus-Wege und es gibt Menschen, die unterstützen wollen und können. Sei es als Freund*in, Partner*in, Bekannte*r, Nachbar*in, sonstwie Verbündete*r- oder als beruflich tätige*r Helfer*in. Es gibt Menschen, die da sind und bleiben, weil sie es wollen.

Für (menschen-)gewalttraumatisierte Personen ist es jedoch nicht selbstverständlich, dort beherzt zuzugreifen, wo man ihnen freundliche Hände hinhält. Wie lassen sich solche vertrauenswürdigen Hände überhaupt identifizieren; wie kann man sich darauf verlassen, dass eine Beziehung konstant bleibt; wie fühlt es sich an, in einem Kontakt präsent zu bleiben, wenn man sich doch sonst routiniert auflöst? Und so weiter, und so fort.

Zeit zu brauchen ist kein Fehler. Es ist auch kein „Extrawurstgedöns“, VIEL Zeit zu brauchen. Zu spüren, dass eine Stunde Psychotherapie in der Woche nicht ausreicht, um mit dem Prozess und der Beziehung verbunden zu bleiben, ist keine Jammerei und erst recht keine Anmaßung.

Sich mit dem zu arrangieren, was man bekommen kann -auch wenn es sich nicht (ganz) passend oder „zu wenig“ anfühlt-, weil man keine Kraft oder Möglichkeit hat, das einzufordern, was man tatsächlich braucht- das ist kein „selbst Schuld!“-Ding!

Täter*innen nehmen sich sehr, sehr viel Zeit-Raum aus dem Leben ihrer Opfer und füllen ihn mit dem, was ihnen wichtig ist.

Hier und jetzt und in Zukunft müssen Betroffene selbst bestimmen dürfen und können, wie viel und welche Zeit-Räume sie wofür brauchen und nutzen wollen.

Reden, schweigen, zeigen, verstehen: Trauma und Sprache

Wie wichtig ist Sprache bei der Verarbeitung von Traumata? Was ist, wenn die Worte fehlen? Oder wenn das Gegenüber meinen Ausdruck nicht versteht?

Wie bedeutend ist Sprache bei menschengemachten Gewalttraumatisierungen?

Das ganze menschliche System ist in der Gewaltsituation beschäftigt mit Überleben und im Gehirn ist der „Sprachbereich“ durch den Alarmzustand blockiert- und trotzdem können da Worte sein, vielleicht einzelne, vielleicht von dem/der/den Täter*innen gesprochen, vielleicht auch ein paar isolierte Gedankenfetzen- die innerlich verteilt abgespeichert werden.

Wenn bei der inneren Auseinandersetzung mit den traumatischen Erlebnissen, evtl. innerhalb einer Psychotherapie, versprengte Erinnerungsfetzen wahrnehmbar werden und es darum gehen soll, sie zu einem „Ganzen“ zusammenzufügen, dann braucht es dafür eine oder mehrere Sprache(n)- vor allem für den/die Betroffene*n selbst.

„Fetzen“, bzw. Erinnerungsbilder sortieren und ordnen zu können, für sich selbst verstehbar zu machen, ist ein wesentlicher Teil von Traumatherapie, bzw. Traumaverarbeitung. In diesem Prozess kompetent und vertrauenswürdig im Außen begleitet zu werden, ist wichtig, wertvoll und nicht selbstverständlich- leider. Passende Therapieplätze sind rar und das Stundenkontingent ist durch die Krankenkassen nicht bedarfsgerecht reglementiert. Freund*innen, Partner*innen, privat Unterstützende können nicht alles auffangen.

Und was, wenn man einfach nicht die Worte dafür hat, begreifbar zu machen, was innen passiert, was man fühlt/denkt/erlebt? Was, wenn man immer wieder ein Isolationsgefühl, Alleinesein, Verlassenheit, Einsamkeit erlebt, weil die Auswirkungen der Traumatisierung(en) ein Versprachlichen unmöglich machen? Nicht selten beschreiben Betroffene ein „Aliengefühl“, ein Abgeschnittensein von der Welt- und gleichzeitig beschreiben Unterstützende immer wieder auch das Hilflosigkeitsgefühl, wenn es schwer ist, den Kontakt zu halten, sich einzufühlen, zu verstehen, was vorgeht. Trauma schlägt tiefe Kerben.

Worte in der Therapie: Manchmal gerät man dabei an Grenzen und dann geht’s einfach nicht mehr mit dem Sprechen weiter. Wir kennen es, an einen Punkt zu kommen, an dem das Quatschen aufhören muss und will. An dem es über Körperausdruck oder mit kreativen Mitteln weitergehen soll. Es scheint, als erreiche man tieferliegende Schichten innerhalb des Viele-Systems weitaus besser nonverbal, als verbal. Wie gut, wenn es eine*n Therapeut*in gibt, die/der da flexibel ist und mitgehen kann.

Schweigen. Stundenlang. Manchmal gut, mit einer tröstenden Hand auf der Schulter. Manchmal quälend, weil dumpf und brütend und ohnmächtig. Manchmal ein Zeichen von „zu viel“, manchmal eins von „zu wenig“. In jedem Fall auch ein Ausdruck. Und ein Signal, das verstanden werden will: Warum hört das Sprechen an einem bestimmten Punkt in der Therapie auf? Geht es nicht oder will man nicht? Was wird damit gezeigt? Wo befindet man sich gerade in der inneren Puzzlearbeit? Das Schweigen „brechen“ als gewaltvoller, im Außen initiierter Akt ist jedenfalls keine Option! Das Schweigen verstehen- darum geht’s.

Wenn es im Therapieprozess hakt, kann es mit dem Verstehen zu tun haben. Zwei oder mehr Menschen sprechen aneinander vorbei, erreichen und berühren sich nicht. Mag sein, dass es um eine Beziehungskrise geht- oder auch um die Problematik von Worten: Meinen wir das gleiche? Was bedeutet dieses oder jenes Wort für Dich und was verstehe ich darunter? Assoziierst Du etwas? Was schwingt zwischen den Zeilen mit? Sachebene, Emotionsebene, Appellebene, Selbstmitteilung- was hörst Du wo? Schweigst Du wütend oder traurig oder anders?

Neben all dem kann Sprache auch „versiegelt“ worden sein: Besonders wenn mind control angewandt wurde, kann Betroffenen jeglicher verbaler Ausdruck (besonders zu Erinnerungsfragmenten) versperrt sein. Manchmal können einzelne Worte auch vollkommen tabuisiert werden, von Täter*innen sanktioniert. Uns zum Beispiel ist es jahrzehntelang fast unmöglich gewesen, manche Körperbereiche (besonders Geschlechtsorgane) zu benennen, bzw. auszusprechen. Es war nicht nur ein Aspekt von Scham oder Hemmung, sondern vor allem ein Aspekt von tätergemachter Sprechblockade. Als wir 2003 Strafanzeige erstatteten, wurden wir sehr deutlich mit der darin liegenden Problematik konfrontiert: Eine Aussage bei der Polizei braucht konkrete Angaben, als „da unten“ und „das da“.

Heute können wir wahrnehmen, wie erleichternd es sein kann, sich die eigene Sprache und eigene Worte zurückzuerobern, bzw. neu zu entwickeln und die Erfahrung zu machen, damit in Kontakt mit einem Gegenüber zu sein, der sich verständnisvoll, empathisch, gleichberechtigt anfühlt.

Ich ärgere mich immer wieder sehr darüber, dass nonverbale Therapiemethoden meistens nicht von Krankenversicherungen finanziert werden. Tiergestützte Therapie, Musiktherapie, körpertherapeutische Methoden, Kunsttherapie, Reittherapie, Tanztherapie, usw.- es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten, wie traumatisierten Menschen geholfen werden kann, besonders auch dann, wenn eine Sprache fehlt (aus welchen Gründen auch immer) oder eben (verbale) Worte nicht das bevorzugte Ausdrucksmittel sind. Nichts davon bekommen Betroffene „einfach so“: Es ist immer mit viel Beantragungskampf und Ablehnung verbunden. Und dann steht man wieder da und weiß nicht, was man sagen soll…

Wir (und) Skeptiker*innen

Skepsis:

eine altgriechische Bezeichnung für Sehen, Betrachten, Untersuchung, Überlegung

Gestern:

Ich lese in einem unserer Texte aus dem Jahr 2017, der sich mit der „False Memory Syndrom Foundation“ beschäftigt:

Wenn Ihr als Psychotherapeuten*innen oder anderweitig Unterstützende von FMSF-Anhänger*innen kontaktiert und/oder verbal angegriffen werdet, geratet nicht in Panik oder wilden, undurchdachten Aktionismus. Achtet auf eine gute, professionelle, sachliche Sprache in der Öffentlichkeitsarbeit (Medien, Interviews, u.a.). Sammelt wissenschaftlich fundierte Gegenargumente und erinnert Euch an eigene Erfahrungen während Eurer Arbeit.

Bildet ein Netzwerk, schließt Euch zusammen, benennt die täterfreundlichen Argumente als das, was sie sind und bitte, bitte lasst Euch nicht von Eurer Unterstützung abhalten!“

Heute:

Wir zweifeln.

Wir zweifeln daran, dass Wahrheit immer Wissenschaft braucht.

Beweise, Belege, Erkenntnisse sind manchmal uneindeutig; manchmal fehlen sie ganz; manchmal lassen sie sich einfach nicht finden oder werden bewusst versteckt. Die Wahrheit ist manchmal trotzdem da, genau wie eine Lüge, die man auch ohne Detektor mit allen Sinnen, Kopf und Bauch erkennt. Vor Gericht ist das problematisch. Anderswo nicht unbedingt.

Wir zweifeln genauso daran, dass „Wissen“ immer Recht hat.

Pro und contra abwägen, sich ein Bild machen, vielseitig recherchieren, hinterfragen, sich mit anderen austauschen- all das ist unverzichtbar, wenn man eine Meinung, eine Haltung zu etwas entwickeln möchte. Wenn etwas Hand und Fuß haben soll, dann muss man sich auch mit unbequemen, komplizierten Aspekten einer Sache auseinandersetzen, die herausfordernd für den eigenen Horizont ist. Und es braucht Beweglichkeit und Offenheit im Denken, Reflektieren, Verstehen.

Nicht alles, was immer schon so war, bleibt auch ewig so; nicht alles, was heute logisch erscheint, hat morgen noch Bestand; und nicht alles, was man gestern begriffen hat, muss übermorgen noch valide und evidenzbasiert sein. Dinge ändern sich.

Gestern:

Ich schaue mir aus Recherchegründen Youtube- und Instagram-Videos und verschiedene Profile und Diskussionen auf Social Media an, von denen wir uns sonst fernhalten. „Dissoziative Identitätsstörung“ begegnet mir als scheinbar „fancy Thema“ immer wieder (und zwar international)- wie oft haben wir schon nach wenigen Sekunden Videos gestoppt, weil uns der Eindruck „reine Selbstdarstellung“ oder „reißerische Berichterstattung“ den Ekel in den Hals trieb.

Es gibt Menschen, die eine DIS bewusst faken und es gibt Menschen, die dieses Thema nutzen, weil es „spannend“, exotisch oder passender Inhalt für „true crime-Formate“, oder „besondere Dokumentationen“ ist. Die DIS als „Pushing-Mittel“ um einen Kanal, Account, Profil bekannter, sichtbarer zu machen.

Menschen, die sich mit gespielten Selbstinszenierungen als „Viele“ im Internet präsentieren, nur um Aufmerksamkeit, Likes, Klicks, etc. zu bekommen, schlagen so mit Anlauf und Karacho jeder/jedem einzelnen „echten“ Betroffenen ins Gesicht- und bieten selbsternannten „Skeptiker*innen“ jeglicher Couleur exzellentes Futter.

Medienmacher*innen und sonstige Content veröffentlichende Personen, die die DIS und/oder die Gewaltzusammenhänge dahinter gnadenlos ausschlachten, um zu provozieren, zu spalten, zu schockieren, „Einschaltquoten zu erhöhen“ oder anderswie ihr Ego zu befriedigen, dienen den passiven und aktiven Täter*innen und werden so Teil ihrer Lobby.

Ich frage mich: Wo lohnt es sich, etwas zu kommentieren, zu ergänzen, zu kritisieren, zu teilen? Wie viel Energie fließt mit welchem Nutzen wo hin?

Mit wem möchten wir warum worüber kommunizieren?

Heute:

Wir zweifeln.

Wir zweifeln daran, dass jene, die am lautesten, schillerndsten, professionellsten, machtvollsten brüllen, immer auch wirklich Bedeutsames zu sagen haben.

Manche verfügen über eine große Lobby oder „Fangemeinde“, treffen den Zeitgeist, wählen angesagte Medien und Formate, sind sprachlich versiert oder clever genug zu delegieren; manche haben einfach Glück, sind ausreichend egozentrisch oder narzisstisch strukturiert, oder langweilen sich zu viel im Leben. „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“- und es ist auch nicht alles öffentlich Sichtbare wichtig genug, um es sich zu merken, zu verinnerlichen, zu verbreiten oder stundenlang darüber zu diskutieren.

Meinungsfreiheit ist eine Medaille mit zwei Seiten- sie wertzuschätzen und verantwortungsbewusst zu nutzen, statt sie als Legitimation für shitstorm, „fake news“, „hatespeech“, „cybermobbing“, u.a. einzusetzen, müsste eigentlich selbstverständlich sein. Sich gegen „zu viel Gebrülle“ zu wehren, indem man sich zum Beispiel innerlich und/oder äußerlich distanziert, den Fokus verändert oder einfach auf den „Aus-Knopf“ drückt, bedeutet nicht, dass man verbohrt oder beratungsresistent ist.

Wir zweifeln genauso daran, dass Ignoranz Probleme beseitigt.

Alles, was anders denkt, fühlt, schlussfolgert oder fragt als ich, als Feind zu deklarieren, ist eine zu leichte Vorgehensweise- und ändert nichts am Dilemma. Dort, wo Kommunikation gewaltfrei, respektvoll und lösungsorientiert stattfinden kann, möge sie etabliert und dort, wo sich (Schein-)Argumente gegenseitig totschlagen wollen, bitte beendet oder verändert werden.

Gestern:

Ich höre mir die „Viele Leben“-Podcast-Folge an, in der wir mit Hannah C. Rosenblatt über Öffentlichkeitsarbeit sprechen.

Irgendwann taucht darin die Frage auf: „Was ist eigentlich Öffentlichkeitsarbeit?“- und während ich uns beiden zuhöre, denke ich an den Betroffenen-Aktivismus, der auf verschiedene Arten im Internet Fahrt aufgenommen hat, auch als Reaktion auf den abgesagten Fachtag in München.

DIS-Betroffene mit Erfahrungen ritueller/ritualisierter Gewalt, die sich zusammenschließen, „laut und sichtbar werden wollen“, sich nicht umwerfen lassen wollen vom Gegenwind der Skeptiker*innen, Verschwörungserzählenden, u.a.

Ich seufze: Warum müssen eigentlich immer „wir“ diejenigen sein, die erklären, initiieren, dranbleiben, aufschreien, Lösungsvorschläge machen, arbeiten? Wenn wir´s nicht tun, macht´s keiner? Wenn wir´s nicht (aus-)halten, hält´s eben nicht?

Welchen „Content“ produzieren „wir“ denn jetzt, wie viele Kapazitäten haben „wir“ denn für Grundsatzdiskussionen über die Existenz ritualisierter, ritueller oder sonstwie organisierter Gewalt und deren Folgen? Woran arbeiten wir uns ab für welches Ziel?

Und wer macht da noch mit?

Heute:

Wir zweifeln.

Wir zweifeln am Absoluten. Wir brauchen „sowohl…, als auch…“.

Wir wägen ab, relativieren, suchen Schnittstellen und finden sogar welche.

Wir erkennen Logik in Argumentationen gegen die „satanische Weltverschwörung“ und wir sehen, dass es Fehlerinnerungen, Suggestionen, Fehldiagnosen, Falschbehandlungen, Grenzüberschreitungen, u.a. gibt.

Wir spüren die Gefahr der Konsequenzen, die das Narrativ vom „Märchen des rituellen Missbrauchs“, der „satanic panic“, für Betroffene haben kann.

Weil es „absolut“ werden und das „sowohl…, als auch…“ darin verschwinden kann.

Skepsis:

ein Fremdwort für Zweifel und Zurückhaltung des Urteils

Wenn Störer*innen triumphieren: Zur Absage des Fachtages zu organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt in München

Wir haben von der Absage des geplanten „2. Münchner Fachtages zu organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt“ gelesen und kauen an der nebulösen, unklaren Begründung des „TraumaHilfeZentrums München“ herum:

Auch in der aktuellen Berichterstattung verbreiten sich unterschiedliche Narrative (zu oben genannten Gewaltformen; vor allem leugnende Narrative, Anmerkung der Autorin) zunehmend. Diese Medienberichte haben keinen direkten Bezug zu unserer Veranstaltung, aber möglicherweise negative Auswirkungen auf Beteiligte, weil sie auch fachliche Verzerrungen enthalten und zum Teil falsche (ideologische) Zusammenhänge herstellen.

Leider haben diese Entwicklungen dazu geführt, dass wir uns als Organisationsteam derzeit nicht inr Lage sehen, einen sicheren Raum für einen offenen und fachlich produktiven Austausch zwischen allen Beteiligten zu gewährleisten. Wir haben uns daher entschieden, den 2. Münchner Fachtag zu organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt zu verschieben, bis wir einen sicheren und störungsfreien Rahmen für die Veranstaltung und für die Weiterführung des fachlich und politisch differenzierten Trialogs zwischen Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten herstellen können.“

Wie wir inzwischen erfahren haben, beziehen sich die Befürchtungen der Veranstalter*innen, mancher Referent*innen und „Betroffenenvertreter*innen“ konkret auf Einflüsse und Störungen durch Anhänger*innen der sogenannten „False Memory Syndrom- Bewegung“ und „Satanic-Panic“-Vertreter*innen. Deren Präsenz in diversen Medien und in verschiedenen mehr oder weniger einflussreichen sozialen Positionen, ist nicht neu- wurde aber in letzter Zeit massiver und zerstörerischer (siehe auch Backlash in der Schweiz).

Wer sich mit den Argumentationen, Haltungen, öffentlichen Vertreter*innen und Konsequenzen dieser Bewegungen näher beschäftigen möchte, möge sich bitte eigenverantwortlich informieren. Wir bieten diesen Inhalten auf diesem Blog keine Plattform. Ein Wiederlegen der Theorien ist sowohl durch wissenschaftliche Erkenntnisse, als auch durch öffentlich berichtete Ereignisse unkompliziert möglich: Organisierte sexualisierte und rituelle Gewalt existiert; es gibt Gruppierungen und Netzwerke, die Darstellungen sexualisierter Kinderfolter verbreiten (und damit ja auch teilweise auffliegen!) und die Folgen dieser und anderer massiver, langjähriger Gewalttraumatisierungen (z.B. die Dissoziative Identitätsstruktur) sind inzwischen auch über bildgebende Verfahren im Gehirn erkennbar. Punkt.

Wir verstehen, dass Befürchtungen aufkommen, durch Störungen oder Einflussnahmen in der Durchführung eines Fachtages so sehr gestört zu werden, dass er inhaltlich, qualitativ, personell, ideell leidet. Wir verstehen auch, dass „sichere Räume“ wichtig sind. Wir verstehen, dass abgewogen werden muss, wie viel Gegenwind eine Institution oder Einzelpersonen tragen kann/können, ohne zu viel Schaden zu nehmen oder komplett diskreditiert zu werden.

Und wir verstehen uns und andere Betroffene: Wut, Enttäuschung, Erschütterung- Was für ein folgenreiches Signal wird durch die Absage zum jetzigen Zeitpunkt nach außen gesendet?! Es ist wie ein Einknicken, ein Zurückrudern oder auch „sich verstecken“- dort, wo Sichtbarkeit so wichtig wäre!

Die veröffentlichte Begründung des THZM ist unserer Ansicht nach viel zu vage und befeuert Spekulationen, die erst durch Nachfragen bestätigt oder korrigiert werden können. Warum wurde nicht konkret benannt, welche Narrative und welche Störungen gemeint sind? Warum ist es offenbar nicht möglich, diesen „Gegenwind“ aufzugreifen und mit gezielten, wissenschaftlich fundierten Argumentationen auszuhebeln- um dann wieder Raum und Energie für den eigenen Fokus zu haben? Warum gibt es anscheinend keine Optionen, einen Fachtag auch personell so zu sichern, dass Störungen entweder vermieden, oder aber schnell unterbrochen und beendet werden können? Warum werden Veranstalter*innen, Referent*innen, Workshopleiter*innen u.a. nicht viel lauter, sichtbarer, präsenter mit dem, was jetzt gerade ist und wie ihre Haltungen und Erfahrungen dazu aussehen?!

Betroffene organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt haben meistens ihr ganzes Leben lang mit Gegenwind zu kämpfen. Sie müssen flüchten, sich verstecken, sich anonymisieren; werden angezweifelt, ignoriert, im Weiterkommen behindert; sind oft therapeutisch und medizinisch unterversorgt; erleben den Einfluss organisierter Täter*innengruppen und deren Lobby tagtäglich in ihrem Innern und im Außen. Und wenn sie sich für ihr Leben entscheiden, statt sich zu suizidieren, haben sie keine andere Wahl, als sich mit all dem auseinanderzusetzen.

Wir haben in den letzten beiden Jahren in der Peer- und An-/Zugehörigenberatung so viele Menschen (mehr oder weniger) kennengelernt, die voller Mut, Wut, Hoffnung, Lebendigkeit, Kreativität, Resilienz usw. daran arbeiten, „trotz allem“ / „mit allem“ leben zu können. Es waren Menschen mit Dissoziativer Identitätsstruktur, Freund*innen, Partner*innen, Verbündete, professionelle Helfer*innen- und immer wieder haben wir gelesen, wie groß der Wunsch nach Vernetzung, Verbindung und Austausch mit anderen ist: Als Gegenpol zur Macht der Täter*innen. Als Erleben von Handlungsfähigkeit!

Wir brauchen Menschen, die bereit und fähig sind, Gegenwind auszuhalten und umzuleiten. Die sich nicht einschüchtern lassen und wissen, wie wichtig ihr Engagement ist. Die sich trauen, über Bullshit zu lachen und eine*n plumpe*n Angreifer*in mit zwei Griffen auf die Matte zu schicken. Die furchtlos, aber nicht naiv sind. Die es schaffen, ihren eigenen Fokus im Blick zu behalten. Und die Freude daran haben, ihr eigenes Wissen und den eigenen Horizont stetig zu erweitern.

Liebes TraumaHilfeZentrum München, liebe Mit-Gestalter*innen, wir hoffen, dass es bald einen neuen Termin für den geplanten Fachtag gibt.

Wir hätten uns gewünscht, Ihr wärt lauter und sichtbarer geworden, statt den befürchteten Störer*innen das Feld für ihren (medialen) Affenzirkus so sang- und klanglos zu überlassen.

langsam sein

©PaulaRabe

Zarte Berührungspunkte.

Schön, so etwas im Außen mitzuerleben, bei Menschen und Tieren. Und schön, auch im Innern Kontakt wahrnehmen zu können, der sich wohlwollend, freundlich oder sogar liebevoll anfühlt.

Einander innen zu begegnen, kann ganz unterschiedlich aussehen: Über sprachliche, schriftliche, wörtliche Kommunikation, malen, gestalten, Zettelchen, Tagebücher, wie und was auch immer.

Und/Oder über “Gedankenaustausch“, so ähnlich wie “Stille Post“, vielleicht auch ohne Wortsprache, über Gefühle, Impulse, Träume, Intuition…

Dissoziative Barrieren abzubauen und offener zu werden für die Wahrnehmung der “Anderen“ braucht viel Geduld, Behutsamkeit, Kreativität und Bereitschaft. Auch klare Entscheidungen dafür, ja.

Amnesien lösen sich nicht von jetzt auf gleich auf und “Co-Bewusstsein“ entsteht eher fließend, statt schlagartig. Zum Glück! Wie gut, dass es langsam gehen darf und kann und muss- damit auch alle im Innern mitkommen können.

Strukturelle Dissoziation, bzw. eine Dissoziative Identitätsstruktur, wurde durch massive Gewalt etabliert- und sollte somit auch nicht mit der Holzhammermethode bearbeitet werden.

Sanktionen -egal ob objektiv so gemeint oder subjektiv so empfunden- für dissoziatives Reagieren sind wiederholte Gewalt: Zum Beispiel in Hilfekontexten wie Kliniken, Betreutem Wohnen, Jugendhilfeeinrichtungen, u.a.

Traumatisierte Menschen, die aufgrund innerer dissoziativer Kontaktlosigkeit bestimmte Verhaltensweisen nicht oder nur sehr langsam verändern können, mit Ignoranz, Abwertung, Entlassung, Verlassen, o.a. zu “strafen“, ist gewaltvoll.

Die Logik, das Ganze sei im Sinne einer Verhaltensmodifikation pädagogisch/psychologisch wert- oder sinnvoll, erschließt sich uns nicht.

Punkt.