Skepsis:
eine altgriechische Bezeichnung für Sehen, Betrachten, Untersuchung, Überlegung
Gestern:
Ich lese in einem unserer Texte aus dem Jahr 2017, der sich mit der „False Memory Syndrom Foundation“ beschäftigt:
„Wenn Ihr als Psychotherapeuten*innen oder anderweitig Unterstützende von FMSF-Anhänger*innen kontaktiert und/oder verbal angegriffen werdet, geratet nicht in Panik oder wilden, undurchdachten Aktionismus. Achtet auf eine gute, professionelle, sachliche Sprache in der Öffentlichkeitsarbeit (Medien, Interviews, u.a.). Sammelt wissenschaftlich fundierte Gegenargumente und erinnert Euch an eigene Erfahrungen während Eurer Arbeit.
Bildet ein Netzwerk, schließt Euch zusammen, benennt die täterfreundlichen Argumente als das, was sie sind und bitte, bitte lasst Euch nicht von Eurer Unterstützung abhalten!“
Heute:
Wir zweifeln.
Wir zweifeln daran, dass Wahrheit immer Wissenschaft braucht.
Beweise, Belege, Erkenntnisse sind manchmal uneindeutig; manchmal fehlen sie ganz; manchmal lassen sie sich einfach nicht finden oder werden bewusst versteckt. Die Wahrheit ist manchmal trotzdem da, genau wie eine Lüge, die man auch ohne Detektor mit allen Sinnen, Kopf und Bauch erkennt. Vor Gericht ist das problematisch. Anderswo nicht unbedingt.
Wir zweifeln genauso daran, dass „Wissen“ immer Recht hat.
Pro und contra abwägen, sich ein Bild machen, vielseitig recherchieren, hinterfragen, sich mit anderen austauschen- all das ist unverzichtbar, wenn man eine Meinung, eine Haltung zu etwas entwickeln möchte. Wenn etwas Hand und Fuß haben soll, dann muss man sich auch mit unbequemen, komplizierten Aspekten einer Sache auseinandersetzen, die herausfordernd für den eigenen Horizont ist. Und es braucht Beweglichkeit und Offenheit im Denken, Reflektieren, Verstehen.
Nicht alles, was immer schon so war, bleibt auch ewig so; nicht alles, was heute logisch erscheint, hat morgen noch Bestand; und nicht alles, was man gestern begriffen hat, muss übermorgen noch valide und evidenzbasiert sein. Dinge ändern sich.
Gestern:
Ich schaue mir aus Recherchegründen Youtube- und Instagram-Videos und verschiedene Profile und Diskussionen auf Social Media an, von denen wir uns sonst fernhalten. „Dissoziative Identitätsstörung“ begegnet mir als scheinbar „fancy Thema“ immer wieder (und zwar international)- wie oft haben wir schon nach wenigen Sekunden Videos gestoppt, weil uns der Eindruck „reine Selbstdarstellung“ oder „reißerische Berichterstattung“ den Ekel in den Hals trieb.
Es gibt Menschen, die eine DIS bewusst faken und es gibt Menschen, die dieses Thema nutzen, weil es „spannend“, exotisch oder passender Inhalt für „true crime-Formate“, oder „besondere Dokumentationen“ ist. Die DIS als „Pushing-Mittel“ um einen Kanal, Account, Profil bekannter, sichtbarer zu machen.
Menschen, die sich mit gespielten Selbstinszenierungen als „Viele“ im Internet präsentieren, nur um Aufmerksamkeit, Likes, Klicks, etc. zu bekommen, schlagen so mit Anlauf und Karacho jeder/jedem einzelnen „echten“ Betroffenen ins Gesicht- und bieten selbsternannten „Skeptiker*innen“ jeglicher Couleur exzellentes Futter.
Medienmacher*innen und sonstige Content veröffentlichende Personen, die die DIS und/oder die Gewaltzusammenhänge dahinter gnadenlos ausschlachten, um zu provozieren, zu spalten, zu schockieren, „Einschaltquoten zu erhöhen“ oder anderswie ihr Ego zu befriedigen, dienen den passiven und aktiven Täter*innen und werden so Teil ihrer Lobby.
Ich frage mich: Wo lohnt es sich, etwas zu kommentieren, zu ergänzen, zu kritisieren, zu teilen? Wie viel Energie fließt mit welchem Nutzen wo hin?
Mit wem möchten wir warum worüber kommunizieren?
Heute:
Wir zweifeln.
Wir zweifeln daran, dass jene, die am lautesten, schillerndsten, professionellsten, machtvollsten brüllen, immer auch wirklich Bedeutsames zu sagen haben.
Manche verfügen über eine große Lobby oder „Fangemeinde“, treffen den Zeitgeist, wählen angesagte Medien und Formate, sind sprachlich versiert oder clever genug zu delegieren; manche haben einfach Glück, sind ausreichend egozentrisch oder narzisstisch strukturiert, oder langweilen sich zu viel im Leben. „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“- und es ist auch nicht alles öffentlich Sichtbare wichtig genug, um es sich zu merken, zu verinnerlichen, zu verbreiten oder stundenlang darüber zu diskutieren.
Meinungsfreiheit ist eine Medaille mit zwei Seiten- sie wertzuschätzen und verantwortungsbewusst zu nutzen, statt sie als Legitimation für shitstorm, „fake news“, „hatespeech“, „cybermobbing“, u.a. einzusetzen, müsste eigentlich selbstverständlich sein. Sich gegen „zu viel Gebrülle“ zu wehren, indem man sich zum Beispiel innerlich und/oder äußerlich distanziert, den Fokus verändert oder einfach auf den „Aus-Knopf“ drückt, bedeutet nicht, dass man verbohrt oder beratungsresistent ist.
Wir zweifeln genauso daran, dass Ignoranz Probleme beseitigt.
Alles, was anders denkt, fühlt, schlussfolgert oder fragt als ich, als Feind zu deklarieren, ist eine zu leichte Vorgehensweise- und ändert nichts am Dilemma. Dort, wo Kommunikation gewaltfrei, respektvoll und lösungsorientiert stattfinden kann, möge sie etabliert und dort, wo sich (Schein-)Argumente gegenseitig totschlagen wollen, bitte beendet oder verändert werden.
Gestern:
Ich höre mir die „Viele Leben“-Podcast-Folge an, in der wir mit Hannah C. Rosenblatt über Öffentlichkeitsarbeit sprechen.
Irgendwann taucht darin die Frage auf: „Was ist eigentlich Öffentlichkeitsarbeit?“- und während ich uns beiden zuhöre, denke ich an den Betroffenen-Aktivismus, der auf verschiedene Arten im Internet Fahrt aufgenommen hat, auch als Reaktion auf den abgesagten Fachtag in München.
DIS-Betroffene mit Erfahrungen ritueller/ritualisierter Gewalt, die sich zusammenschließen, „laut und sichtbar werden wollen“, sich nicht umwerfen lassen wollen vom Gegenwind der Skeptiker*innen, Verschwörungserzählenden, u.a.
Ich seufze: Warum müssen eigentlich immer „wir“ diejenigen sein, die erklären, initiieren, dranbleiben, aufschreien, Lösungsvorschläge machen, arbeiten? Wenn wir´s nicht tun, macht´s keiner? Wenn wir´s nicht (aus-)halten, hält´s eben nicht?
Welchen „Content“ produzieren „wir“ denn jetzt, wie viele Kapazitäten haben „wir“ denn für Grundsatzdiskussionen über die Existenz ritualisierter, ritueller oder sonstwie organisierter Gewalt und deren Folgen? Woran arbeiten wir uns ab für welches Ziel?
Und wer macht da noch mit?
Heute:
Wir zweifeln.
Wir zweifeln am Absoluten. Wir brauchen „sowohl…, als auch…“.
Wir wägen ab, relativieren, suchen Schnittstellen und finden sogar welche.
Wir erkennen Logik in Argumentationen gegen die „satanische Weltverschwörung“ und wir sehen, dass es Fehlerinnerungen, Suggestionen, Fehldiagnosen, Falschbehandlungen, Grenzüberschreitungen, u.a. gibt.
Wir spüren die Gefahr der Konsequenzen, die das Narrativ vom „Märchen des rituellen Missbrauchs“, der „satanic panic“, für Betroffene haben kann.
Weil es „absolut“ werden und das „sowohl…, als auch…“ darin verschwinden kann.
Skepsis:
ein Fremdwort für Zweifel und Zurückhaltung des Urteils