Fähigkeiten, Rechte- und die Gewalt darin.

Jeder Mensch hat das Recht, selbst über sein Leben zu bestimmen, eigene Entscheidungen zu treffen, eigene Wege zu gehen.

Nicht jeder Mensch kann dieses Recht zu jeder Zeit wahrnehmen und umsetzen. Überlebende organisierter, sexualisierter und/oder ritueller Gewalt haben häufig Schwierigkeiten damit, persönliche Rechte überhaupt für sich ernst zu nehmen und zu beanspruchen. Und selbst wenn man kognitiv verstanden hat und weiß, was z.B. Selbstbestimmung eigentlich theoretisch bedeutet, kann man sich noch lange so fühlen, als hätte man diese persönliche Freiheit praktisch gar nicht „verdient“, als könne man sie gar nicht „aushalten“ oder verteidigen.

Selbstbestimmung darf nicht an (Nicht-)Fähigkeiten geknüpft werden. Es handelt sich um ein menschliches Grundrecht. Man muss nicht erst bestimmte Dinge „können“, um dieses Recht für sich zu „erarbeiten“. Es ist einfach da!

Überlebenden organisierter, sexualisierter und/oder ritueller Gewalt begegnet zusätzlich auch noch viel strukturelle Gewalt, z.B. in Form von Diskriminierung, Ableismus, Abhängigkeiten von Sozialleistungsträgern, medizinischer und therapeutischer Unterversorgung, fehlender oder mangelhafter Schutzkonzepte, u.a.

Der eigene Einsatz für ein „gutes* Leben“, in dem die persönlichen Rechte gewahrt werden und Sinnhaftigkeit gespürt werden kann, fühlt sich oftmals wie ein jahrzehntelanger Kampf an- und ist es faktisch wohl häufig auch. Da ist so viel schwer und mühsam, einsam und frustrierend, verletzend und verletzt, zum Teil auch lebensbedrohlich und unaushaltbar. Die Gewalt, bzw. ihre Folgen ziehen sich als roter Faden durch die eigene Existenz.

Und gleichzeitig finden Bewegungen, Entwicklungen, Veränderungen statt. Man erlebt Neues, das sich gut anfühlt; trifft vielleicht zugewandte, freundliche Menschen, die begleiten möchten und können; denkt über Träume, Pläne, Ideen nach; bekommt Zugang und Bewusstsein zum eigenen Innern und den Prozessen darin- und irgendwie entsteht vielleicht mehr Gleichgewicht: Da ist Zerstörtes und Leidvolles und Lebendiges und Gesundes und Hoffnung- und all das ist in mir drin. Alles darf nebeneinander und miteinander „da sein“ und ich lerne immer mehr, liebevoll mit mir zu sein. Weil ich es will und kann.

Der rote Faden ist nicht nur die Gewalt, sondern enthält Beine und Füße, die tragen; ein lebendiges Herz, das konstant schlägt und fühlt; ein Kopf, der verstehen kann und will und (Lösungs-)Strategien entwickelt.

Schwere, langjährige Gewalt zu überleben, hat für uns nichts mit Helden*innentum zu tun. Ein menschlicher Körper ist am Leben geblieben, weil Täter*innen ihn nicht haben sterben lassen und weil individuelle Mechanismen ihn „aufrecht erhalten“ haben.

Wenn ein Kind während massiver Gewalteinwirkung nicht stirbt und die traumatische Zange es nach der Erstarrung in die Fragmentierung treibt- dann ist die Entwicklung einer Dissoziativen Identitätsstruktur eben KEINE Lebensrettung, sondern das Ergebnis von „am Leben bleiben“! „Wir sind Viele geworden, weil wir nicht gestorben sind“ versus „Wären wir nicht Viele geworden, wären wir gestorben!“

Eine Dissoziative Identitätsstörung als Traumafolge ist weder eine zufällige Erkrankung, noch eine selbstgewählte „alternative Lebensform“, sondern eine absolut logische, menschliche Reaktion, die weder selten, noch „bewundernswert“ ist.

Die Vielschichtigkeit, in der das Gehirn diese innere dissoziative Struktur ausgestaltet hat, kann man als „kreativ“ bezeichnen- daneben ist sie aber vor allem eine Anpassungsleistung an ein zerstörerisches Umfeld und lebensbedrohliche Angriffe.

Vom Vorliegen einer DIS darauf zu schließen, dass der betroffene Mensch besondere, möglicherweise „überdurchschnittliche“ Fähigkeiten haben muss, im Leben „zurecht zu kommen“ (wenn man diese Fähigkeiten nur alle entsprechend zu Tage fördern würde), ist keine respektvolle Anerkennung. Im Gegenteil: Der Fokus wird auf das gelegt, was eine Gewalttrauma-assoziierte Behinderung darstellt.

Weshalb sollte ein Mensch, dessen Gehirn über viele Jahre Dissoziation in ausgeprägter Form „etablieren“ musste (und dessen Gehirn sich dadurch auch strukturell veränderte!), stärker, resilienter oder „veränderungsfähiger“ sein als andere Menschen mit nicht-dissoziativer Persönlichkeitsstruktur?

Und warum sollte er andererseits aufgrund dieser Struktur zwangsläufig eingeschränkt sein in der Wahrnehmung seines Selbstbestimmungsrechtes?

Die besonderen Chancen, die eine DIS mit sich bringen kann, sehen wir zum Beispiel darin, Vielfältigkeit greifbarer werden zu lassen. Verschiedene Persönlichkeitsanteile haben unterschiedlichen Zugang zu Eigenschaften, Interessen, Fähigkeiten, inneren Bildern, Erinnerungsinhalten, Emotionen, u.a. Diese Aspekte für sich (und evtl. andere) sicht- und fühlbar werden lassen zu können, ermöglicht auch kreative, individuelle Wege und Kräfte. Eventuell liegen ein_e hohe_s Durchhaltevermögen/Durchhaltebereitschaft vor.

Gelingt es, mit diesem inneren Material zu arbeiten, sich mit all dem „in sich zu Hause“ und sicher zu fühlen und daraus Energie zu transformieren- dann kann ein Leben in Verbindung zu den persönlichen Rechten möglich werden und sein.

Wenn jemand die Selbstbestimmung eines Anderen einschränkt, weil spezielle Fähigkeiten (noch) nicht vorhanden sind oder man ihm/ihr diese Fähigkeiten nicht zutraut, ist das Gewalt.

Menschen anhand individueller Merkmale in (besonders) „fähig“ oder „unfähig“ zu bewerten und zu be-vorurteilen, ist Gewalt.

Eine Traumafolge wie die Dissoziative Identitätsstörung zu glorifizieren, oder sie als individuelle Entscheidung  schön zu reden und daraus eine besondere Überlebensstärke (auch für die Zukunft) abzuleiten -die „es doch ermöglichen müsste, besonders gut zurecht zu kommen“-, ist Gewalt.

… Und zum Schluss, weil es so wichtig ist:

Ich habe das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit.

Ich habe das Recht auf Abgrenzung, Abwehr, Rückzug und Schutz meiner Privatsphäre.

Ich habe das Recht, Kontakte zu anderen Menschen aufzunehmen, zu halten und zu beenden.

Ich habe das Recht, selbst zu entscheiden, wo und wie ich wohnen möchte. (Fehlende finanzielle Mittel oder fehlender Raum tangieren dieses grundsätzliche Recht nicht.)

Ich habe das Recht auf Hilfe und Unterstützung und ich habe das Recht, deren Wirksamkeit selbst zu definieren und zu bewerten.

Ich habe das Recht, mir Vertrauenspersonen selbst auszusuchen.

Ich habe das Recht der freien Arzt/Ärztinnen- und Therapeuten*innen-Wahl.

Ich habe das Recht, Angebote abzulehnen.

Ich habe das Recht, zu sagen, dass ich die Meinung meines Gegenübers nicht hören möchte.

Ich habe das Recht auf eigene Gedanken, Bewertungen und Meinungen und das Recht, sie zu ändern.

Ich habe das Recht, mein Leben zu beenden, wenn ich das möchte.

Ich habe das Recht, mich zu verändern oder auch nicht.

Ich habe das Recht, Gewalt als solche zu benennen, auch wenn andere Menschen das anders sehen.

Über die Nase direkt zur Basis

Was passiert bei mir, wenn ich die Worte “Zimt“, “warmer Apfel“ und “frische Luft“ lese? Ich muss diese Düfte nicht mal im Hier und Jetzt erneut riechen, sondern kann die Wahrnehmung dessen quasi reaktivieren und mich erinnern – inklusive des Kontextes: Das letzte Picknick mit der Freundin draußen mit diesem leckeren Kuchen…

Der Geruchssinn hat eine Direktleitung zur Basis. Die Eindrücke müssen nicht erst in der Großhirnrinde verarbeitet werden (so wie beim Sehen, Hören, Fühlen), sondern landen unmittelbar im Limbischen System; dort, wo Emotionen verarbeitet, Hormone gesteuert und das vegetative Nervensystem beeinflusst werden.

Der Geruchssinn ist im biologisch ältesten Teil des Gehirns angesiedelt. Er warnt vor Gefahren (Feuer, Gase, u.a.) und hilft bei der Suche nach Wasser und Nahrung (genießbar/ungenießbar?). Das Geruchsgedächtnis wird vor allem in den ersten drei Lebensjahren gebildet. In dieser Zeit sammelt man den Großteil seiner olfaktorischen Eindrücke, die alle eine Spur im Gehirn hinterlassen.

Düfte gleiten also an der Kognition vorbei und können so unkontrolliert innere Türen öffnen.

Sie funktionieren hervorragend als Trigger. Auch verschüttete, vergessene, sehr alte Erinnerungen können plötzlich wieder hochkommen – was sich sehr schön oder auch sehr schlimm anfühlen kann.

Traumatisierte Menschen kennen häufig die besondere Gemeinheit von Geruchstriggern, vor denen man sich nicht schützen kann. Noch bevor man sie identifiziert hat, sind sie bereits “oben gelandet“ und wirken schon. Im besten Fall gelingt es, dem etwas entgegenzusetzen und sich wieder zu orientieren und zu beruhigen. Im schwierigsten Fall ist die Amygdala schon so außer Rand und Band, dass es erst mal nur ums “Weiterleben“ (Atmen) geht.

Häufig wird der Geruchssinn auch von helfenden Personen genutzt, um den/die Betroffene*n aus einem Flashback, einer Dissoziation, o.a. “herauszuholen“. Notfallsanitäter*innen, Pflegepersonal in Kliniken, u.a. setzen meiner Erfahrung nach oft Düfte ein, die den schmerzempfindlichen Geruchsnerv Trigeminus reizen, z.B. Ammoniak. Vermutlich funktioniert dies als “Stopp“ besonders zügig und zuverlässig – der Effekt gleicht aber dem Schock einer Ohrfeige und ich würde mir wünschen, es würden häufiger andere Möglichkeiten überlegt und genutzt.

Düfte können positive Bindungen verankern. Das geliehene Shirt der verreisten Freundin kann über das Vermissen in der Urlaubszeit hinwegtrösten – und den inneren Kontakt halten. Bindungstraumatisierten Menschen fällt es schwer, die Verbindung zum Gegenüber weiter zu fühlen, wenn eine äußere Distanz entsteht. Es kann unterstützen, Fotos anzuschauen, zwischendurch zu telefonieren/schreiben – besonders gut wirkt unserer Erfahrung nach aber vor allem eine Verankerung über die Nase.

Unterstützende, nahe Bezugspersonen von traumatisierten Menschen sollten sich also nicht scheuen, auch über Düfte zu kommunizieren und Kontakt zu halten. Gemeinsame, schöne Erlebnisse duften nach irgendwas, ganz sicher. Bei einer tröstlichen, schützenden, liebevollen Umarmung speichert man unbewusst den ureigenen Körpergeruch des Gegenübers ab – und kann ihn z.B. über ein geliehenes Kleidungsstück bewusst einsetzen, um das Gefühl zu reaktivieren: “Dieses Halstuch duftet nach Geborgenheit, Wärme, Liebe, Sicherheit. Hier und jetzt fühle ich das wieder, auch wenn Person XY gerade gar nicht da ist.“

Es lohnt sich auch, den Geruchssinn zu trainieren. Vielleicht ist er durch verschiedene Faktoren etwas “eingeschlafen“ und kann nicht (mehr) so gut differenzieren. Dann kann es Sinn, Freude und innere Veränderung machen, ihm neue Herausforderungen zu bieten und ihn wichtiger zu nehmen als bisher.

Wann habt Ihr Euch zuletzt ganz bewusst und aufmerksam mit Eurer Nase und ihren Fähigkeiten beschäftigt?

Rezension: „Liebe mit Köpfchen“ von Constanze Schwärzer-Dutta

Mehr als ein Beziehungsratgeber und nicht nur für neurodiverse Paare

„Liebe mit Köpfchen“ ist ein kreatives, interessantes, schlaues und vor allem liebevolles Buch, das in 7 Abschnitten (plus Literaturtipps, Begriffsklärungen, u.a.) diverse Aspekte von neurodiversem Beziehungs(er)leben aufgreift.

Es geht ums achtsame Kennenlernen, Annähern, Streiten und Verstehen; um Respekt, Toleranz und Hinwendung zu sich selbst und zu einem Menschen, der anders strukturiert ist, als man selbst.

Constanze „Conni“ Schwärzer-Dutta ist Autistin und Paarberaterin für neurodiverse Paare. Ihr Buch richtet sich sowohl an autistische Menschen, als auch an nicht autistische Partner*innen und zeigt mögliche Probleme und Lösungen, Methoden und kreative Ideen zur Kommunikationsgestaltung und gegenseitigem Verstehenlernen auf.

Die Autorin schreibt aus eigenen Erfahrungen und eigenem Erleben heraus, erzählt Beispiele aus ihrem Alltag und persönliche Entwicklungen im Laufe der Zeit- was ein besonderes Einfühlen und Begreifen des Lesers/ der Leserin möglich werden lässt. Ihr fachliches Wissen und beruflicher Background kommen hinzu- und daraus entsteht eine gut verständliche, lebensnahe, klar gegliederte Kombination aus Theorie und Praxis.

Für mich ist dieses Buch nicht nur ein Ratgeber. Es ist ein Mutmacher und Haltgeber. Neurodiversität in Beziehungen zu erleben, ist herausfordernd und zum Teil sehr konfliktreich- aber es gibt Veränderungs- und Lösungsmöglichkeiten! Es geht darum, sich mit „Herz und Köpfchen“ der/dem Anderen zuzuwenden und verstehen zu wollen, was in ihm/ihr warum vorgeht und was das für die Beziehung bedeutet- und das Buch ist für mich eine freundliche, unaufgeregte, stärkende Begleitung dabei.

Auch für sogenannte „neurotypische“ Paare oder Single-Menschen kann „Liebe mit Köpfchen“ eine wertvolle Fundgrube an Tipps und Tricks zur Beziehungsgestaltung sein- und eine 188 Seiten starke Erinnerung daran, in Bewegung zu bleiben:

Bleiben Sie auf sich selbst und aufeinander neugierig. Sie sind liebenswert! Haben Sie den Mut Beziehungen einzugehen und diese bewusst zu gestalten!“ (S.13)

„Liebe mit Köpfchen“ von Constanze „Conni“ Schwärzer-Dutta ist am 1.Juli 2022 bei der „edition assemblage“ erschienen und kostet 16 Euro.

Dieser Text enthält unbezahlte Werbung. Ich habe ein kostenloses Rezensionsexemplar von der „edition assemblage“ erhalten.

Stellungnahme zur Doku “Ich bin Viele“ aus der Reihe “37°“

Aus der Sicht der “Intervisionsgruppe von Menschen mit DIS, die im psychosozialen Bereich berufstätig sind“ und der auch wir angehören:

Der oben genannte Film ist das Portrait einer einzelnen Person mit einer DIS.

Als selbst betroffene Personen schauen wir solche Dokumentationen natürlich mit besonderer Neugier an – und auch mit besonderer Hoffnung darauf, das Thema DIS auf achtsame und informative Weise in die Öffentlichkeit gebracht zu sehen.

Denn die DIS ist bis heute eine der psychischen Erkrankungen, über die im öffentlichen Bild besonders viele Mythen und Vorurteile existieren, von der völligen Ableugnung der Validität des Störungsbildes an sich, über meist schauerliche Darstellungen in Spielfilmen, bis hin zu einer gewissen Faszination, die sich in meist emotionalen und unter Umständen voyeuristischen Darstellungen von möglichst vielen Persönlichkeitswechseln ausdrückt.

Alle diese Arten von Darstellungen sind für uns Betroffene jedoch stigmatisierend, da sie nur ganz bestimmte Aspekte des Störungsbildes darstellen und damit an der Realität einer großen Gruppe von Betroffenen vollkommen vorbeigehen.

In unserem Alltag müssen wir so immer wieder Kämpfe um Glaubwürdigkeit, Anerkennung und Augenhöhe ausfechten, die belastend und unnötig wären, wenn
das Störungsbild insgesamt realistischer dargestellt wäre.

Leider hat dieser Film unsere Hoffnungen enttäuscht.

Stattdessen drängt sich uns als Betroffene der Eindruck auf, dass nach Bildern gesucht wurde, die in den Zuschauer*innen möglichst viele Emotionen wecken sollen.

Wenig nachvollziehbar beispielsweise ist die Fokussierung und Kürzung des Materials mit überwiegendem Blick auf den Moment von Persönlichkeitswechseln und eine kindliche Innen-Person, der filmerisch eine vorherrschende Rolle in der Alltagsgestaltung eingeräumt wird.

Hier werden weder die Komplexität des Störungsbildes, noch die bestehenden Kompetenzen der Betroffenen ansatzweise gewürdigt. Im Instagram-Profil der Betroffenen (Sabrinas) sowie auch in den Shownotes in der Mediathekseite wird deutlich, dass ihre erwachsene Kompetenz wesentlich stärker ausgeprägt zu sein scheint, dass beispielsweise Wechsel unter den erwachsenen Alltags-Innenpersonen weit weniger augenfällig sind und sie durchaus in der Lage ist, trotz der DIS und weiterer, schwerwiegender körperlicher Einschränkungen berufliche Kompetenzen zu entwickeln und auch in irgendeinem Ausmaß professionell zu arbeiten.

Kurz gefasst lässt sich dieser Film paraphrasieren: Menschen mit einer DIS verhalten sich kindlich, erinnern sich nicht daran und benötigen anhaltend eine 24-Stunden- Betreuung.

Die möglicherweise auch den Assistenzbedarf mit bedingenden körperlichen Erkrankungen sind in diesem Zusammenhang nicht weiter thematisiert, was neuerlich zu einer unangemessenen Reduktion führt.

Wünschenswert wäre eine Darstellung, die insgesamt die innensystemübergreifende Lebenskompetenz der Betroffenen darstellt, insbesondere in einem vergleichsweise gut recherchierten und finanzierten Format, wie es “37°“ sonst üblicherweise ist.

Als besonders schwierig aus verschiedenen Gründen empfinden wir den Beitrag des professionellen Trauma-Experten Ulrich Sachsse. Seine lapidare Erklärung der Entstehung der Störung, dass die Störung auf schwerer Gewalt beruhe und dass ein Kind, dem dies geschieht, „sich vormacht“, dass es einer anderen Person geschehe, und dass auf diese Weise die traumatischen Erfahrungen auf verschiedene Selbstzustände aufgeteilt würden, ist eine fast schon fahrlässig zu nennende, extrem verkürzte Darstellung.

Auf diese Weise entsteht ein Eindruck von bewusstem Handeln auf Seiten der Opfer, der die reale Gewalt und Einflussnahme durch die Täter*innen und die insgesamte
Komplexität des Geschehens völlig verleugnet.

Des Weiteren wird das Thema Gewalt, in seinem ganzen gesellschaftlichen Kontext, im gesamten Beitrag nur nebensätzlich erwähnt, übrig bleibt vorrangig nur eine Fokussierung auf dem Leiden der Betroffenen.

Wir sehen es dabei auch nicht als Aufgabe der Protagonistin an, über erlebte Gewalt
sprechen zu müssen, aber es fehlt zumindest ein kurzer Hintergrund dazu, und es fehlt vollkommen eine Einordnung in gesellschaftliche Kontexte.

Unklar bleibt bis zuletzt, was das Ziel dieses Beitrages ist. Nicht zu vergessen ist, dass es sich hier um einen Beitrag im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit einer großen Reichweite und einem diversen Pool an Adressat*innen handelt, so dass wenig nachvollziehbar ist, wie ein nur so kleiner Ausschnitt ohne Verweis auf das sehr viel breitere Spektrum und Bild von Menschen mit einer DIS gezeigt wird?

Viele Betroffene mit einer DIS sind sehr funktional in ihrem Alltag, arbeiten in Vollzeit, sind in der Lage, funktionierende soziale Beziehungen zu unterhalten, sind zum Teil sehr kreativ. Gleichzeitig ist diese Stabilität – wie ja auch in dem Beitrag durchaus deutlich wurde, denn auch die Sabrinas waren früher in der Lage, zu studieren und als Lehrerin zu arbeiten – keine Selbstverständlichkeit, und es ist für sehr viele Betroffene ein ewiger Kampf, Anerkennung für ihre Einschränkungen und die benötigte Unterstützung in Form von fachkundiger therapeutischer Langzeit-Therapie zu erhalten.

Es gibt zu wenige ausgebildete Traumatherapeut*innen mit Kassensitz; wird ein Therapieplatz gefunden, so ist die Finanzierung der benötigten Anzahl an Stunden ein andauernder, belastender Kampf.

Über die Dissoziative Identitätsstruktur in all ihren Ausprägungen und in all den Schwierigkeiten, mit denen sowohl hochfunktionale als auch stark unterstützungsbedürftige Betroffene im Alltag wirklich zu kämpfen haben, könnten so viele Aspekte erzählt werden.

Sollte es das Ziel sein, ein breites Publikum mit einer schweren Lebensgeschichte zu unterhalten, „Das Faszinosum Mensch mit DIS“? Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass hier mit realem Schrecken und Gewalt „Unterhaltungsfernsehen mit Quote“ gemacht wird, ohne dass eine auch nur ansatzweise angemessene Reflexion dieser ja auch noch tagtäglich in unserer Gesellschaft stattfindenden Gewalt erfolgt. Dies ist bitter und schier nicht zu fassen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Bekanntwerdens der Verbrechen in Lügde, Bergisch Gladbach und Münster und der
unverändert so immens hohen Dunkelziffer.

Wir als Menschen, die auch Viele sind, distanzieren uns von dieser Form von einseitiger, immer wieder gleicher Berichterstattung zu Lasten der Betroffenen.

Auch wenn dieser Beitrag als Portrait eines einzelnen Menschen mit DIS angelegt ist, wurde mit diesem Beitrag (erneut) die Gelegenheit verschenkt, komplexer, tiefgehender und vielfältiger, aber vor allen Dingen auf Augenhöhe mit den Betroffenen über die Dissoziative Identitätsstruktur zu berichten.

Unterzeichner*innen:

“Intervisionsgruppe von Menschen mit DIS, die im psychosozialen Bereich berufstätig sind“

Gute Vorbilder sind wichtig.

©PaulaRabe

Woher soll man wissen, wie das geht mit dem “fürsorglich und liebevoll sein“ – und woher soll man wissen und fühlen, dass man selbst so einen Umgang “haben“ darf und will – wenn einem das nie gezeigt wurde?

Vielleicht spürt man intuitiv Mitgefühl und Liebe für andere Lebewesen und handelt entsprechend schützend, versorgend, helfend, herzlich. Gut, wenn das geht.

Aber auf sich selbst bezogen ist das oft so eine Sache: Es nicht verdient haben, es nicht wert sein, nicht liebenswert sein, blockiert sein von inneren Verboten, usw…

Wenn man weiß, woher es kommt, wo die Ursprünge liegen, ist schon ganz viel erreicht.

Aber auch wenn die Theorie verstanden wurde, kann es in der Praxis noch ordentlich haken.

Selbstfürsorge und Eigenverantwortung- zwei Schlagworte in der (Trauma-)Therapie.

Werden Fähigkeiten in diesen Bereichen vorausgesetzt, um überhaupt therapeutisch vertieft (evtl. traumakonfrontativ) arbeiten zu können, wird manchmal “vergessen“, dass sie nicht angeboren sind.

Oft passiert ein Begreifen und Verändern erst dann, wenn man zurückschaut: Wie waren meine Erfahrungen mit Fürsorge/Vernachlässigung bisher in meinem Leben?

Wenn Therapeut*innen diese Rückschau nicht angehen wollen, bevor nicht ein gutes Maß an Eigenverantwortung geleistet werden kann, kann eine Therapie stundenlang vor sich hin dümpeln, bzw. völlig stagnieren.

Lernen funktioniert dabei unserer Erfahrung nach besonders über Spiegelung.

Es muss Menschen geben, die zeigen, was es bedeuten kann zu trösten, zu halten, sich zu kümmern.

Es muss Beziehungen geben, in denen man sich gesehen, ernst genommen, geborgen, geliebt fühlen kann – so entsteht ein Verinnerlichen und Verankern und Wachsen.

Eine therapeutische Beziehung kann und darf solche Spiegelungen beinhalten, finden wir.

Learning by doing ist da nämlich hoch effizient.

Schutz und gute Gründe

©PaulaRabe

Innere Beschützer*innen haben verschiedene Gesichter, Hintergründe, Vorgehensweisen, Fähigkeiten.

Manche kümmern sich liebevoll um Kinder oder andere Personen mit Unterstützungsbedarf.

Manche sind freundlich, diplomatisch, geduldig, zugewandt, solidarisch, nachgiebig, kreativ, lustig, warm, herzlich.

Und manche sind wütend, streng, hart, konzentriert, ungerecht, schweigsam, impulsiv, strategisch. Oder anders.

Der Schutz des Gesamtsystems (oder auch bestimmter Außenpersonen oder Gegebenheiten) braucht verschiedene Hände, Köpfe und Herzen, die gemeinsam dafür arbeiten.

Innenpersonen, die sich selbst als Beschützer*innen definieren (oder von anderen so identifiziert werden), sind in dem, wie und warum sie etwas/jemanden schützen, nicht immer leicht verstehbar.

Manches wirkt als Druck, Zwang, Machtgehabe, ja sogar Terror, bzw. Gewalt. Es wird blockiert, erpresst, festgehalten, versteckt, bestraft, u.a.

Um in all dem “gute Gründe“ entdecken zu können, braucht es Geduld, Durchhaltevermögen und Neugier von allen im System (und Unterstützungspersonen im Außen).

Die Suche nach dem “guten Grund“ für bestimmte Verhaltensweisen (mit dem Fokus auf ein grundsätzliches Schutzvorhaben für Leib und Leben) kann einem den letzten Nerv, die letzte Kraft rauben; vor allem dann, wenn sich z.B. gewaltvolle Aktionen gegen das System (oder Einzelne) richten und das eigentlich keine Sekunde länger anhalten dürfte…

Wir wünschen allen, die sich mit der Thematik beschäftigen, dass die Verbindung zum Lebenwollen gehalten werden kann.

Es gibt so viel Weisheit, Schlauheit, Lebenskraft im Innen, für die es sich lohnt, immer weiter zu suchen.

Bleibt neugierig!

Ausstieg und Verluste

Äußere und innere Distanz zu organisierten Täter*innenkreisen herzustellen lohnt sich immer.

Während eines “Ausstiegs“ zu übersehen oder zu negieren, welche Verluste damit auch verbunden sind, kann jedoch den ganzen Prozess gefährden oder ganz zerstören.

In aller Konsequenz bedeutet dieser Weg, dass Du z.B. Beziehungen zurücklässt. Nicht nur “vor allem gewaltvolle“, die Dich schwer verletzt haben, sondern auch jene “dazwischen“: Geschwister, eigene Kinder, Schulkamerad*innen, Menschen außerhalb der Gruppierung… Klassentreffen sind (wahrscheinlich) tabu, (alte) Kontakte über social media potentiell gefährlich. Der Schmerz über “Zurückgelassene“ kann schrecklich sein.

Vielleicht musst oder willst Du Deinen Namen ändern, Deine neue Adresse geheimhalten, Dich äußerlich verändern und permanent aufpassen, wem Du wie viel über Deine Biographie erzählst.

Sicherheit ist relativ.

Dein Lebenslauf kann große Brüche vorweisen oder auch aalglatt aussehen- ziemlich sicher sind Berufstätigkeit, Arbeitsfähigkeit, Kolleg*innenkontakte, Funktionalität schwierige Dauerthemen.

Ein “Ausstieg“ macht einsam und ist unheimlich anstrengend.

Leben fühlt sich eventuell plötzlich extrem leer und “langweilig“ an. Alte (vermeintliche) Sicherheiten sind abgerissen; Du realisierst, wie sehr man Dich belogen und ausgenutzt hat; die eigene Existenz kommt einem fremd und sinnlos vor und andere (ähnlich alte) Menschen befassen sich mit völlig anderen Lebensinhalten.

Alleine. Alleingelassen. Unverbunden. Orientierungslos.

Aufgewachsen mit einer Basis, die heute nicht mehr trägt, sondern jeden (neuen) Schritt erschwert, statt erleichtert.

Das, was nie war, nie sein durfte und konnte; und das, was jetzt nicht (mehr) geht, worauf Du verzichten musst, weil eben alles so war, wie es war- all das muss und darf gesehen und ausgesprochen werden!

Auch und gerade wenn Du Dich für ein Leben außerhalb der Gruppierung entschieden hast.

Wenn „Anteile“ nicht (mehr) in Schubladen passen…

Ein für mich wesentlicher Unterschied zwischen „Anteilen“ (Innenpersonen) bei einer DIS und „Anteilen“ von anders strukturierten Menschen („Unos“ und zum Teil auch bei DSNNS/Ego State Disorder), ist die Mehrdimensionalität.

Diesen Unterschied habe ich im Kontakt mit anderen Menschen festgestellt und selbstverständlich nicht wissenschaftlich untersucht.

Mir ist aufgefallen, dass es leichter oder schwerer sein kann, innere Anteile zu identifizieren, zu benennen und zu „kategorisieren“.

Manchmal scheint es Menschen darum zu gehen, ihre Anteile an Emotionen oder Verhaltensweisen festzumachen: Der/die Wütende, Traurige, Ruhige; Scherzkeks, Partylöwe, Zerstörer*in…

Oder es läuft darauf hinaus, Aufgaben/Verantwortlichkeiten herauszustellen: Der/Die Berufstätige, Versorger*in, Diplomat*in, Beschützer*in…

Manchmal unterscheiden Menschen ihre Anteile nur anhand des Alters (Kind, Jugendliche*r, Erwachsene) oder des Geschlechts.

Ich empfinde es im Kontakt mit anderen Menschen auch als interessant und verbindend, über „innere Anteile“ zu sprechen, die jede*r hat, auch ohne dissoziative Störung. Gerade dann, wenn ich über unsere DIS (noch) nicht in voller Klarheit reden mag, sondern erst in einer vertiefenden Annäherung mit dem Gegenüber bin, kann es hilfreich sein, auf diese Weise einen gemeinsamen Nenner zu finden: Es gibt Aspekte des Selbst, die relativ eigenständig agieren können; die Einfluss nehmen auf die Wahrnehmung und Emotionalität; die man benennen kann als „das innere Kind“, oder „der/die innere Kritiker*in“, oder wie auch immer.

Es kann Selbstanteile geben, die man „irgendwie nur schwer erreicht“, die sich fremd anfühlen oder (beinahe) unkontrollierbar; die immer wieder auf die gleichen Reize anspringen, für die man sich schämt, die man gerne loswerden würde, u.a.

All das könnte ein gemeinsamer Nenner (der noch nicht mal pathologisch definiert wird!) im Kontakt mit einem Gegenüber sein und eine Art „Gesprächsbasis“ darstellen- und schließlich einen Punkt berühren, an dem der Unterschied ganz deutlich wird: Die „Anteile“ sind bei einer Dissoziativen Identitätsstruktur mehrdimensionaler!

Ich glaube, gerade deshalb fühlen sich die Schubladen, in die manche Außenmenschen „DIS-Anteile“ einsortieren wollen, unpassend/falsch und oftmals auch verletzend/diskriminierend an. Von uns selbst und von anderen Leuten mit DIS weiß ich, dass es selten passt, eindimensionale Kategorieren wie oben genannt zu wählen. Der/Die „Wütende“ ist meist nicht „nur so“, es gibt noch viel mehr Aspekte, die sie/ihn beschreiben können; ebenso kann es bei den Aufgaben und Verantwortlichkeiten sein. Ein*e Beobachter*in kann möglicherweise unter anderem diese wichtige Sache tun, zu einem anderen Zeitpunkt, oder bei einer anderen inneren „Gegebenheit“, kann er/sie aber eine andere/neue Position haben. DIS-Systeme sind dynamisch, nicht starr- auch dann nicht, wenn sie über mind control von Täter*innen „gebaut“ wurden. So habe ich das bisher zumindest wahrgenommen.

Und genau diese Dynamik, die ständigen Bewegungen- genau dies trägt dazu bei, dass bei einer DIS im Laufe der Zeit personelle Veränderungen stattfinden können. Ich behaupte: Da ist nichts einzementiert, so gern Täter*innen das auch hätten.

Ich finde es wichtig, dass in der therapeutischen Arbeit bei DIS immer wieder darauf geachtet wird, wie Innenpersonen aktuell „sind“. Das gehört für mich auch zum „Erstellen einer inneren Landkarte“: Wen gibt es (wo) innen, wer hat mit wem (welche) Verbindung, u.a.- und ganz besonders: Gab/gibt es personelle Veränderungen? Ist Person XY immer noch so „gestrickt“ wie vor ein, zwei Monaten/Jahren? Wie erlebt er/sie sich selbst und wie nehmen andere ihn/sie wahr? Darf Veränderung geschehen?

Innenpersonen, die seit gefühlt 20 Jahren in der „Zerstörer*in“, oder „Trauer“, oder „Alltagsmanager*in“-Schublade stecken, können inzwischen schon längst darüber hinausgewachsen sein und/oder etwas ganz anderes brauchen/wollen, als bisher (wenn man sie denn lässt!).

Davon abgesehen behaupte ich sowieso: Jede Innenperson ist mehr als ihre primären Identitätsmerkmale!

Einen gemeinsamen Nenner zu finden; Ähnlichkeiten herauszustellen; eine Sortierung zu schaffen: Ja, das tut gut, wenn man sich mit Menschen verbindet.

Dennoch gibt es eine Grenze!

Denn: Nein, wir sind nicht alle ein bisschen Viele!

Ja, es ist wichtig, an dieser Grenze zu unterscheiden.

(Und an alle beruflich Unterstützenden: Ja, es ist ebenso wichtig, korrekt und verantwortungsbewusst zu diagnostizieren!)

Eine Dissoziative Identitätsstruktur in aller Konsequenz als Realität durch Gewalttraumatisierungen anzuerkennen, bedeutet eben auch, sie weder zu verallgemeinern, noch zu exotisieren.

Einladung zum Sommerpicknick für Menschen mit (p)DIS und Angehörige

Einfach zusammen sein, klönen, lachen, schweigen, Blümchen anschauen, einander begegnen, Schmetterlinge zählen, Kekse oder was auch immer essen- eine schöne Zeit miteinander haben.

Das ging uns so durch den Kopf, als wir gemeinsam mit Hannah C. Rosenblatt ein Treffen für Viele und Angehörige planten.

Wir laden Euch herzlich ein zum:

"Sehr heller, leicht violetter Hintergrund auf dem im unteren Drittel 5 leicht geöffnete Tulpen mit ihren grünen Stengeln und Blättern liegen. Sie sind von links nach rechts pink mit einem dünnen hellen Rand, lila, weiß, lila und hellrot mit einem dünnen lila Rand. Darauf in grüner, serifenloser Schrift: "Sommerpicknick, für Menschen mit (p)DIS und Angehörige, Hamburg, Botanischer Garten, am 11. 6. 2022 um 13 Uhr, Anmeldung und weitere Infos per E-Mail an sommerpicknick@gmx.de, Wir freuen uns auf euch! Hannah C. Rosenblatt und Paula Rabe"

Infos, Regeln und Beschreibungen zum Botanischen Garten findet Ihr hier: Botanischer Garten Hamburg

Wir sammeln Anmeldungen und beantworten Fragen unter der im Flyer genannten Emailadresse.

Bis bald! ☺