Eine (alte) Geschichte über inneren und äußeren Ausstieg

1987

Sie greift nach der kleinen, feuchtwarmen Hand. Sofort umschließen die winzigen Finger ihren Daumen. Es wird nichts bringen, aber sie hebt das schreiende Baby trotzdem hoch und schaukelt es in den Armen. Das Kleine brüllt weiter. Es ist der Hunger. Nach Nahrung und nach Halt. Vor allem nach Halt.

Sie starrt am zappelnden Menschenkind vorbei auf den Boden. Ölflecken. Beton. Harter Stein. Es ist immer wieder derselbe Raum, in den er sie alle sperrt. Nebenan brummt der Heizungstank. Wie lange sie bleiben werden, weiß sie nicht. Das Baby wimmert. Sie hofft, dass es einfach einschlafen wird. Sie weiß einfach nicht, was sie noch machen soll, damit es sich beruhigt.

Neben ihr bewegen sich die Füße der großen Frau. Vielleicht wird sie wach? „Mama“, sagt sie vorsichtig, „Mama, bist du da?“ Die große Frau liegt zusammengerollt wie ein Fötus zwischen Tür und Regal. Sie nimmt zu viel von dem wenigen Raum in Anspruch, den sie sich alle für unbestimmte Zeit teilen müssen. Aber es lässt sich nicht ändern. Wenn sie hier unten sind, schaltet sich das Bewusstsein der großen Frau in einen unansprechbaren Modus. Sie liegt da und ihre Augen flackern. „Mama“, versucht sie es erneut, „du musst das Baby nehmen! Ich kann das nicht!“ Die Frau zuckt kurz mit dem rechten Augenmuskel und ein Spuckefaden läuft aus ihrem Mund. Sie kann es auch nicht, das mit dem Baby.

Für ihn ist das alles kein Thema. Er hat zu tun. Was auch immer er in der Zeit macht, in der er seine Familie wegsperrt, es scheint oberste Priorität zu haben. Das kann alles sein- von Sportschau über „einfach so“ bis „Geldverdienen“. Wann er die Tür zum Gefängnis wieder öffnen wird, ist und bleibt uneinschätzbar.

Sie weiß, dass er sie alle nicht verdursten lassen wird. Manchmal kommt er zwischendurch, holt das Baby und bringt es später wieder zurück. Es wird aufgetankt, denkt sie dann. Das kleine, schreiende Kind braucht mehr Flüssigkeit als ich. Die dann eintretende Ruhe ist wie Alpenmilchschokolade für die Ohren. Sie kann diesen akustischen Trost schmecken. Die große Frau liegt weiterhin einfach nur da. Manchmal schafft sie es, sie in eine sitzende Position zu bringen. Es ist nicht gesund, immer nur so zu liegen. Der Kreislauf macht schlappt, das kennt sie schon von ihr. Dann wird es hektisch im Gefängnis. Es ist einfach nicht auszuhalten, ohne Tageslicht und Sauerstoff.

Wenn er das Baby zurückbringt, bleibt er manchmal kurz in der Tür stehen. Er schaut auf seine Familie und sie erkennt seinen Hass. Sie schweigen. Alle schweigen, auch das Baby. „Mama“, denkt sie „Mama, bitte, sag doch endlich was!“ Nichts passiert. Er geht und die schwere Tür schließt sich.

Sie weiß, dass die große Frau hilflos ist. Krank und traurig und allein. „Ich pass auf dich auf. Und auf die Kleine.“, flüstert sie, „Immer.“ Die große Frau hustet und schaut sie an. Ein Zucken bewegt ihre Mundwinkel. Das Baby macht quietschende Geräusche. Es liegt an der Wand auf dem Rücken und ist erst mal zufrieden. Es ist satt. So einfach gestrickt, dieses kleine Wesen.

1996

„Mama“, sagt sie, „steh auf!“ Die große Frau rollt den Kopf hin und her, bewegt sich aber nicht weiter. „Steh auf, Mama!“, sagt sie lauter. „Du musst jetzt aufstehen!“ Sie sieht Tränen in den Augen der großen Frau aufsteigen. In ihr entzündet sich ein Wutfeuer. Sie spannt die Muskeln an und drückt den Rücken gegen die Wand. „Hör auf zu heulen!“, ruft sie und reibt sich über die Augen. Sie ist so müde. Aber sie ist auch wütend. „Ich hab gesagt, du sollst aufstehen!“. Die große Frau dreht sich von einer Seite auf die andere und hebt die Hände über den Kopf. „Nein!“, ruft sie und lässt sich vor der großen Frau auf die Knie fallen, „Du hältst dir jetzt nicht die Ohren zu!“. Neben ihr fängt die Neunjährige an zu jammern. „Hör auf!“, herrscht sie ihre Schwester an, „Hör sofort auf!“. Das Jammern steigert sich in ein Kreischen. In der erstickten Stille des Gefängnisses türmt sich ein Lärm auf, der die Wände sprengen könnte. Sie presst sich die Hände auf die Ohren und hört nur noch gedämpftes Rauschen. „Es ist nichts, es ist nichts, es ist nichts!“ Das Mantra zieht sich durch ihren Kopf und nimmt sie mit an einen Ort außerhalb ihres Ichs, weg von ihrer Familie.

1998

Sie schaut aus dem Fenster. Aus der Küche dringt entspanntes Geplapper zwischen der großen Frau und der Schwester. Er ist auch da und macht Scherze. Es wird gelacht. Sie öffnet vorsichtig das Fenster und steigt auf die Fensterbank. „Tschüß, Mama!“, murmelt sie, als sie über die Regenrinne auf das Garagendach klettert. Sie wirft einen Blick über das Grundstück und springt dann auf die Garageneinfahrt. Langsam macht sie ein paar Schritte und erreicht die Hauswand mit dem vergitterten Kellerfenster. Sie bleibt stehen. „Ich kann sie nicht hierlassen… Ich kann das nicht. Ich muss… Aber wenn ich jetzt zurückgehe…“ Oben öffnet sich ein Fenster. Sie hört ihn. „Komm sofort wieder rein! Sofort!“ Sie muss. Die Schwester und die große Frau, was wird aus ihnen, ohne sie?

2017

In der Küche lässt er sich auf einen Stuhl fallen und gießt sich Kaffee ein. „Wo ist deine Schwester?“, fragt er sie. „Woher soll ich das wissen?“, antwortet sie, ohne ihn anzusehen „Sie ist doch schon lange weg!“. „Bring sie endlich zurück!“, presst er wütend hervor. „Sie soll sich um eure kranke Mutter kümmern! Oder soll ich das etwa machen??“. Sie starrt ihn an. Im Wohnzimmer plappert der Fernseher und die alte Frau lacht. Sie braucht nichts. Jedenfalls nichts, was ihre große Schwester und sie für sie tun könnten. Sie erhebt sich langsam und geht in den Flur. Dann greift sie nach ihrer Jacke und den Schuhen und ruft „Ich guck, ob ich sie finden kann!“. Und denkt: „Wir bringen uns beide nicht mehr zurück.“ Dann verlässt sie das Haus, in dem auch sie schon längst nicht mehr wohnt.

2018

In einem Straßencafé begegnen sich zwei erwachsene Schwestern.

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2024

Ich lese diese Geschichte wie ein altes Tagebuch. So viel Zeit, dazwischen und danach. So viel Bewegung, Entwicklung, Schmerz, Liebe und Befreiung.

Die Geschichte ist alt und aktuell zugleich, für mich-uns und andere Menschen, die in organisierten Gewaltstrukturen aufgewachsen sind und darin auch Geschwisterbeziehungen erlebt haben.

All das braucht Raum und Aufmerksamkeit, Anerkennung und Zuwendung; sowohl innerhalb der Viele-Systeme, als auch in Therapien, Begleitungen, Freundschaften, persönlichen und beruflich unterstützenden Kontakten. Geschwisterbeziehungen und -bindungen lösen sich nicht einfach auf, nur weil man evtl. den Kontakt (z.B. aus Schutzgründen) abgebrochen hat. Und das ist auch okay so!

Ob und wie und wann etwas vielleicht neu und anders entstehen kann, oder ob es aus (lebens-) wichtigen Gründen bei Distanz und Trennung bleiben muss und soll, entscheiden Betroffene selbst.

Ich wünschte, alle hätten dabei die Unterstützung, die sie sich wünschen würden.

1987

Als sie erfuhr, dass das Baby geboren worden war, war ihr Grundschullehrer der Erste, dem sie davon erzählte.

Als er sie fragte, ob sie sich freue, antwortete sie strahlend: „Ja, und wie!“, nur um wenige Sekunden später mit Tränen in den Augen hinzuzufügen: „Aber ich weiß nicht, was ich machen soll…“

Der Lehrer hakte nicht nach. Weder in diesem Moment, noch in ihrer restlichen Grundschulzeit.

Weihnachtsansprache

©PaulaRabe

Zwei Bullshit-Sprüche, auf die ich heute besonders herzlich kotze, sind:

1.) „Weihnachten ist das Fest der Familie.“

und

2.) „Blut ist dicker als Wasser.“


Ich genieße es besonders an Tagen wie diesen, machen zu können, was sich gut anfühlt und vor allem: Mit wem es sich gut anfühlt.


Ich ziehe an, was ich will und nicht, was schick genug ist, damit keiner schief guckt.


Ich lese, was mich interessiert oder amüsiert oder entspannt oder was auch immer, und nicht, was ich fremdbestimmt verinnerlichen sollte oder was man als „braves Kind“ wissen müsste.


Ich bin gelaunt, wie ich will und nicht so, dass alle zufrieden sind.


Ich schlafe, esse, trinke, dusche und pupse, wann ich will. Ich halte mich an keine vorgegebene Reihenfolge und nur an mein-unser eigenes Tempo.


Das ist unser persönlicher „Luxus“ (sofern man das so bezeichnen möchte), den wir uns erarbeitet haben und weiterhin immer wieder mit Kraft verteidigen müssen, seitdem wir uns entschieden haben, unsere eigenen Interessen und unser eigenes Überleben über das jener Menschen zu stellen, mit denen wir genetische und/oder traumatische Gemeinsamkeiten haben.


Wir schenken unseren betagten Nachbarn etwas, unserer Partnerin und Freundinnen, unseren Katzen, Fremden, die wir nett finden – weil wir es wollen, nicht, weil wir moralisch verpflichtet wären.


Es ist tausendmal sinnvoller und lebensstärkender, jemandem eine Freundlichkeit entgegenzubringen, den man kaum kennt, aber sympathisch findet – und dann den überraschten, berührten Blick des Gegenübers zu sehen -, als eine Reihe von Pflichtgeschenken (wie auch immer die aussehen mögen) abzuackern, deren Adressaten in den Knast, in die Hölle, ins Outback gehören, es sich aber (leider) (nicht nur) an Weihnachten außerordentlich gemütlich machen (können).

In diesem Sinne: Wir wünschen Euch gute Tage! Es ist EUER Leben!

Blogtext von H.C.Rosenblatt: ‚die „Nickis“ – ein Lichtstrahl‘

Danke an die Rosenblätter für diesen berührenden, klaren Text, den wir hier gerne teilen möchten.

Wir selbst fühlen uns ein bisschen wortlos derzeit.

Die „Nickis“ sind tot. Wir trauern um einen kraftvollen Menschen und eine Stimme, die die Belange von Betroffenen Ritueller organisierter Gewalt in Deutschland so klar und weit verbreitet hat wie noch niemand zuvor. „Nickis“ traten 2001 im Film „Höllenleben“ erstmals in die breite Öffentlichkeit. Sie waren auf Spurensuche. Suchten Beweise für die Gewalterfahrungen, die ihre […]

die „Nickis“ – ein Lichtstrahl

Hoffnung ist.

Krisen, Kriege, Krankheiten, Katastrophen – es gibt so viele Gründe dafür, dass einem die Hoffnung abhanden kommen kann. Manchmal fühlt sich „hoffen“ wie ein Luxus an, den sich nur andere leisten können – oder wie eine naive Dummheit, die man selbst nicht begehen mag, weil man sich irgendwann mal schwören musste: „Nie wieder passiert mir dieser Fehler, etwas Gutes zu ersehen oder in Erwägung zu ziehen“.

Zu oft hat man erlebt, wie Hoffnung zerschlagen oder bestraft wurde; zu oft hat man den Schmerz des Verlustes und Alleingelassenseins gespürt, der umso heftiger zu werden scheint, je mehr man sich an das „vielleicht“ herangewagt hat.

Dennoch: Da ist eine Quelle im Innern, eine Strömung, ein Puls. Etwas, das niemals naiv, dumm oder fehlerhaft sein kann- weil es einfach nur „ist“.

Die Sehnsucht nach Liebe, Verbindung, Entfaltung, Lebendigkeit; das Streben nach Licht, Luft, Wärme, Nahrung – all das gehört zum Lebe-Wesen.

Wenn es keine Hoffnung mehr gibt, gibt es auch kein Leben – und andersherum.

Insofern ist Hoffnung eine lebenserhaltende Maßnahme und nie, niemals eine Dummheit. Manche Menschen behaupten etwas anderes und arbeiten an einer vollständigen Zerstörung – in sich selbst und/oder anderen.

Ich erlaube mir, zu entscheiden, mit wem ich mich verbinde – und wohin ich meinen Fokus richte.

Alles wieder gut?

©PaulaRabe

Wer erwartet eigentlich, dass nach schweren Tagen alles wieder “normal“ läuft?

Wer entscheidet über Schonung und Erholung oder Training und Funktionalität?

Wer hat wofür Verständnis – und wie viel Bedeutung hat das eigentlich?

Nichts “muss jetzt aber mal (wieder) gut sein“.

Es darf dauern.

Die Dinge aus dem Nichts

Donnerstag:

Ich entscheide, Mo* doch wieder das eine abgesetzte Medikament zu verabreichen, als ich sehe, dass sich ihr Auge von gestern auf heute leicht verfärbt hat. Unsere Katze hat schon länger ein Glaukom und ist erblindet. Die letzten Wochen ging es ihr gut und wir lassen seit ein paar Tagen ein Medikament weg, weil die Tierärztin bei der Kontrolle vor kurzem sagte, man könne das probieren, wenn Mo* längere Zeit stabil ist.

Ich streichle Mo* über den Kopf, als sie die Emulsion in Futter verpackt gefressen hat und hoffe, dass die Verfärbung bald wieder weg ist.

Freitag:

Als ich am Morgen ins Wohnzimmer komme, liegt Mo* mit zusammengekniffenen Augen in ihrer Kratzbaumhöhle. Sie will kein Frühstück, kein Kuscheln, keine Berührung oder Bewegung und macht Fauchgeräusche. Noch bevor ich sie genauer betrachte weiß ich, dass sie wieder einen „Glaukom-Anfall“ hat und unter heftigen Schmerzen leidet. Trotz konstanter und umfangreicher Medikation kann so etwas passieren, aus dem Nichts heraus. Ich weiß das- und fühle mich schuldig. Ich weiß, dass es nicht wirklich meine/unsere Schuld ist- und fühle mich weiter schuldig.

Ich beiße die Zähne zusammen. Wenn ich jetzt nicht aufpasse, verliere ich meine emotionale Kontrolle und das hilft weder Mo*, noch uns.

Den ganzen Tag lang bleibt Mo* in ihrer Höhle und ich weiß nicht, wohin ich meine Tränen noch wegschlucken soll. Ich merke, dass im Innern das Gift der „grundsätzlichen Schuldigkeit“ wirkt und lähmt und Einzelne bereits in ihren persönlichen Traumaschleifen stecken. Warum passiert so etwas ausgerechnet jetzt? Zu einer Zeit, die eh schon schwierig nicht ganz unkompliziert ist? Und warum nehme ich mir das Recht heraus, so egoistisch an mich/uns zu denken? Wer leidet denn hier, die Katze oder ich? Und warum leidet die Katze? Weil du ich das eine Medikament nicht weiter gegeben habe, obwohl ich es hätte besser wissen müssen…

Das war ein Fehler. Den du niemals, niemals machen darfst, weil es immer, immer dramatische Konsequenzen haben wird!

Samstag:

Mo* kommt aus ihrer Höhle heraus und frisst und trinkt (auch alle Medikamente, die sie braucht). Ihr Auge sieht so schlimm aus, wie wir es schon von „Anfällen“ aus der Vergangenheit kennen- aber ihre Schmerzen scheinen nachzulassen, weil die Chemie endlich wirkt.

Wir selbst fühlen jedoch keine Erleichterung: In der vergangenen, für uns fast schlaflosen Nacht liefen diverse innere Filme/Spuren ab, die zur Situation aus früherer und heutiger Sicht passen. Wir sind ziemlich gerädert und traumagetriggert bis in die Haarspitzen.

Aus dem Nichts hat es uns in Bereiche katapultiert, die wir schon lange nicht mehr so deutlich wahrnehmen konnten. Bereiche, in denen sich die Schuld austobt und unsere Existenz als verboten, unerwünscht, falsch und eliminierbar brandmarkt.

Es ist so viel Spannung in unserem Körper. Alles fühlt sich hart und krampfig an. Wir machen uns auf zum Laufen.

Draußen ist es surreal schön. Die Sonne scheint. Der Himmel ist krass blau und die Blätter sind unverschämt bunt. Auf dem Fluss tummeln sich diverse gut gelaunte Wildgänse und Schwäne und ich mache ein Foto zum Beweis, dass das Leben tatsächlich auch so stattfindet. Ich werde wütend über all das.

Durch die Kopfhörer schallt uns eine „Folky-Dance-Party“ ins Gehirn und als ich mir einen relativ leichtfüßigen Hüpfer über eine Pfütze erlaube, kracht hinter uns ein Baum um. Ein kompletter, großer, ausgewachsener Baum stürzt einfach so zwischen Gebüsch und anderen Bäumen auf den Weg und macht dabei ein Geräusch, das mich an ein Erdbeben erinnert. Ich bleibe stehen und mein Herz schlägt mir vor Schreck so heftig gegen den Hals, dass ich husten und hecheln muss.

Und dann… Dann taucht dieser eine Gedanke im Innern auf: „Wenn wir auch nur ein bisschen langsamer gelaufen wären, hätte uns dieser Baum vielleicht erschlagen.“

Aus dem Nichts meldet sich die Todesangst und legt sich über den inneren Bereich, der seit Tagen mit „Existenzschuld“ beschäftigt war.

Wir wollen und müssen nicht sterben. Ein eskaliertes Glaukom, eine alljährliche Krisenzeit, ein Leben neben dem Leid und Tod Anderer- all das gehört zum „Dasein“, genauso wie die strahlende Herbstsonne, die vergnügten Wildgänse und dieser kleine Pfützenhüpfer. Wenn wir nicht (mehr) sind, endet für uns alles das Leben- und geht doch noch weiter.

Der gefallene Baum liegt hinter uns wie ein Mahnmal. Der Schreck steckt uns bis zum Abend noch in den Gliedern. Beinahe… Es kann alles so schnell vorbei sein- und man kann nichts dagegen tun. Oder doch?

Sonntag:

Mo* kommt von oben die Treppe herunter und trägt im Maul ihr Spielzeugkuscheltier. Als sie es uns wie so oft vor die Füße spuckt und dafür gelobt werden will, schießen mir fast alle weggeschluckten Tränen der letzten Tage aus den Augen. Ach, Mo*, weißt du, wie schlimm es ist, Todesangst zu haben? Um andere, wie dich zum Beispiel. Und auch um sich selbst. Du stehst hier und schaust uns mit großen, blinden Augen an, siehst aus, als würdest du sagen wollen: „Was ist los? Warum heulst du? Ich bin doch noch da!“- und wir können es wieder mal nicht fassen, wie absolut gegensätzlich sich Leben manchmal anfühlen kann: Total schrecklich, schuldbeladen, ohnmächtig, zerstört, gefährlich und total wichtig, liebenswert, zauberhaft, schützenswert. Manchmal ist auch alles gleichzeitig da.

Am Abend basteln Innenkinder lächelnde Papier-Gespenster und ein Mobilee mit zwei Katzen, einer kleinen Hexe und einem Raben und hängen alles ans Wohnzimmerfenster. Die Nachbarskinder, die jedes Jahr am 31.10. ihre Süßigkeiten bei uns abholen, sollen sich freuen, wenn es an diesem Fenster schön aussieht. Freude kann ansteckend sein. Ein Gegenpol zur Hölle, die es eben auch gibt. Ein bisschen absurd fühlt sich das an. Aber es darf da sein. So wie wir.

Montag:

Es ist grau und ungemütlich draußen. Trotzdem laufen wir wieder in der Natur. Vorsichtshalber eine andere Strecke als am Sonntag, falls sich der Nachbarbaum des umgekippten Baumes entschließen sollte, ihm folgen zu wollen. „So viel Glück kann doch kein Mensch haben, direkt zwei Mal beinaheerschlagen zu werden“, sagt jemand innen. „Oder so viel Pech.“, entgegnet ein anderer. Wir gehen in jedem Fall woanders lang- auch wenn dort ebenfalls Bäume stehen.

An einem Feld geht plötzlich die Sonne auf. Und zwar in Form eines besonderen Kürbis. Man fühlt sich wie ein_e Schatzfinder*in und schleppt die Kürbissonne 5 Kilometer nach Hause. Dort wird sie gesäubert und schließlich draußen drapiert, neben dem Gefäß mit der Lichterkette.

Dienstag:

Es regnet und regnet. Mo* schläft ihren Erholungsschlaf in ihrer Höhle und in der Küche backt unsere Lebensgefährtin unseren Geburtstagskuchen. Neben der Haustür steht eine Schüssel mit Süßigkeiten für die Nachbarskinder bereit. Wir haben noch weitere Lichterketten aufgehängt und unsere Regenbogenwollsocken angezogen. Unsere „good mood“-Playlist läuft:

„Das Etwas, das ist und war und wird
Das unsterbliche Etwas, das jeden Tag stirbt
Das Etwas, das wächst und lernt und reift
Das Etwas, das etwas über etwas begreift
Jeden Tag unmerklich und leise
Begreift es seine eigene Reise“

(„Parantatatam“, Shaban & Käptn Peng)

Ich tippe diesen Text, weil ich glaube, dass er unterstützend für Andere sein kann, gerade weil er sehr persönlich ist.

Aus dem Nichts ist wieder etwas geworden.

Über (Lebens-) Tage und sinnlose Schuldspiralen

Es macht keinen Sinn, sich stellvertretend für die Täter*innen selbst fertig zu machen. Sich selbst „lebenslänglich schuldig“ zu sprechen. Im Leid gefangen zu bleiben, weil andere leiden. Die „Opferschaft“ weiter zu (er)tragen und sich ein anderes, freieres, selbstbestimmteres Leben zu verbieten. Wem dient das? Was ändert das an dem, was war oder (noch) ist?

Es ist täterfreundlich und täterunterstützend, weil man so selbst das Gift, welches Täter*innen (früher) injiziert haben, immer weiter in sich verteilt und dafür sorgt, dass es wirkt. Die Gewalt geht weiter, wenn man sie weiter aufrecht erhält- auch wenn die Täter*innen im Außen schon längst „woanders unterwegs sind“.

Es macht keinen Sinn, ein eigenes Leben zu vermeiden oder es sich zu verbieten, weil andere Menschen im „Hier und Heute“ immer noch von Tätern*innen gequält werden. Das Leid reduziert sich so nicht, sondern es vermehrt sich.

Sich zu verstecken, zu kasteien, zu blockieren, zu beschränken, zu verurteilen, hilft anderen aktuellen Opfern nicht. Es beendet die Gewalt im Außen nicht, sondern verfestigt sie im Innern- und belebt sie immer und immer wieder.

Wenn man zur Mittäter*innenschaft erzogen/trainiert wurde; wenn sich aktive Gewaltausübung aus langjähriger, passiver Gewalterduldung entwickelt hat, sind das „besondere Umstände“. Sie brauchen eine sachliche Reflektion, ein neues, erwachsenes Verstehen und gute, konstruktive Konsequenzen- wenn es darum gehen soll, Eigenverantwortung zu übernehmen. Sich als erwachsene*r Überlebende*r jeden Tag neu dafür zu entscheiden, eine Täter*innenschaft nicht fortzusetzen und sich auch innerlich von eingetrichterten, gewaltlegitimierenden Wertvorstellungen, Glaubenssätzen, Haltungen etc. zu distanzieren- das ist das, was man tun kann und tun sollte.

Welchem Opfer hilft es bei der Bewältigung der eigenen Gewalterfahrungen, wenn der/die Täter*in sich einfach nur im Selbstmitleid häuslich eingerichtet hat? Welchem Opfer nützt es, wenn der/die Täter*in sich selbst tötet? Was macht wirklich Sinn im Umgang mit einer langjährigen Gewaltgeschichte?

Wenn es darum geht, aus einem Schuldempfinden heraus etwas „(wieder) gut machen zu wollen“, etwas loslassen zu wollen, kann es hilfreich sein, die „besonderen Umstände“ zu hinterfragen und zu verstehen.

Es macht Sinn, zu reflektieren, welche inneren Täter*innenhaltungen man weiterhin verteidigt. Und es macht Sinn, sich ehrlich mit eigenen Gewaltimpulsen zu beschäftigen: Woher kommen sie, wann werden sie fühlbar, was liegt dahinter und wie kann man die Umsetzung verhindern? Sich an der lähmenden Schuld festzuklammern, lässt Scheuklappen entstehen und verunmöglicht einen weiten, freien Blick und Veränderung. Die Verursacher*innen der ganzen Problematik reiben sich diesbezüglich freudig die Hände. Sie müssen gar nichts mehr aktiv dafür tun, die Wirkung ihres Giftes zu gewährleisten. Das tut der/die Betroffene nämlich schon brav selbst.

Dass „rituelle Feiertage“ auch nach dem (äußeren) Ausstieg noch schlimm oder sogar lebensbedrohlich für Überlebende sein können, dass es zu Flashbacks, quälenden Gefühlszuständen, heftigen Krisen u.a. kommen kann, dass es Jahre dauert, sich daraus zu lösen-

das ist verständlich und „logisch“. Und gleichzeitig ist es nicht „zwangsläufig“- und muss auch nicht lebenslang so bleiben!

Täter*innen in organisierten, kriminellen Gruppierungen (mit und ohne rituellen Hintergrund) suggerieren Ausweglosigkeit: „Flucht ist nicht möglich /lebensgefährlich; Wir werden dich immer beobachten; Du kannst nicht ohne uns leben; Dein Gehirn gehört uns; Deine Schuld endet nie; Es wird niemals Sicherheit für dich geben; usw.“.

Für uns war und ist es ganz existenziell wichtig, herauszufinden, wann und wie wir diese suggerierte Ausweglosigkeit für uns selbst „reanimieren“ und verteidigen. Ein Aspekt darin war und ist die „Emanzipation“ in Sachen „Datumsverseuchung“:

Unser Leben gehört uns und somit auch jeder einzelne Tag darin. Wir entscheiden selbst, wie wir was gestalten oder ignorieren, welches Fest wir wann und wie feiern. Belastende Gefühle und Erinnerungen können kommen UND WIEDER GEHEN. Wir müssen nichts festhalten, nur weil wir die Angst vor Neuem (noch) nicht (er)tragen können. Schuldgefühle und -gedanken sind ein unfassbar starkes Bindemittel an eine Umgebung, die Zerstörung zelebriert und feiert. Wenn wir diese Bindung erhalten, kann nichts wachsen und (ver-)heilen. Wenn wir innerlich dort bleiben, sind wir noch Teil dieses Systems.

Derzeit gibt es Tage, die wir (und andere Betroffene) in unserer Biographie gewaltvoll erlebt haben, weil Täter*innen sie für sich und „special effects“ nutzten. Die meiste Zeit unseres bisherigen Lebens waren wir panisch, wenn es auf das sogenannte „Halloween“ und „Allerheiligen“ zuging. Weniger, weil die Daten kultisch, spirituell, esoterisch oder sonst wie durch bestimmte Personen unserer Täter*innengruppierung geprägt waren („ritualisiert veranstaltet“), sondern viel mehr, weil wir zu diesem Zeitpunkt geboren wurden-und im Laufe der Jahre an diesen Daten sehr schlimme Gewalt an uns und anderen Menschen (mit-)erleben und „unterstützen“ mussten. Verinnerlicht wurde in uns: „Weil es uns gibt, weil wir geboren wurden, gibt es diese Gewalt. Wären wir nicht, gäbe es sie nicht.“ Was für ein schrecklicher Trugschluss und was für eine unbeschreibliche Last für dieses Kind, das wir mal waren.

Und heute? Heute haben wir verstanden, dass nicht bestimmte Daten das Grauen sind, sondern die Täter*innen. Sie vereinnahmen Tage für ihre Zwecke, legitimieren ihr Tun, schaffen sich Ausreden, Begründungen, Sicherheiten, Ent-Schuldigungen- und zurück bleiben die Überlebenden mit ihrer (Über)Lebens(langen)Schuld, die sie sich nicht vergeben oder verzeihen können oder dürfen, weil. Punkt.

Heute darf es Freude, Erleichterung und Dankbarkeit geben, am Leben zu sein. Heute dürfen Geburtstagskuchen und Herzlichkeit sein, neben und zwischen den Tränen um Verlorene_s und Vermisste_s. Heute darf gefühlt werden, statt abgehärtet zu bleiben. Und ja: Das IST schlimm! Das ist manchmal unaushaltbar; manchmal ist all dieses Spüren viel schrecklicher und schwerer, als sich im Strudel der ewigen Schuldthematik permanent selbst niederzuknüppeln- aber/und. Es ist Leben. Es ist Bewegung. Das Andere ist Starre. Im Sterben verharren, wie im Spagat. Für wen/was ist das gut? Welchen Sinn hat das?

Wir denken an jene Kinder und Erwachsene, die immer wieder von organisierten Gruppierungen gequält werden. Wir denken an jene, die sterben werden und gestorben sind. Wir fühlen die schlimme Machtlosigkeit, Täter*innen nicht davon abhalten zu können. Wir sehen die vielen gesellschaftlichen und politischen Baustellen zu den Themen „(Opfer-)Schutz und -Versorgung“, „(juristische) Gerechtigkeit“ und „Prävention“. Dann werden wir traurig und wütend- und mit der Wut bleiben wir nicht allein und das ist gut!

Denn:

Wir schauen uns um. Auf unserem Weg. In unserem Umfeld. Wir sehen Bewegungen, gute Energien, Kraft und offene Herzen. Wir erkennen Fortschritt, Gemeinschaft, Solidarität, Entwicklungen- und der lähmende Einfluss der täter*innensuggerierten Ausweglosigkeit zerbröckelt immer weiter.

Ihr alle, die Ihr ums Weiterleben oder Überleben kämpft; die Ihr Euch derzeit am eigenen Schopf aus dem Abgrund ziehen müsst, weil´s sonst kein*e Andere*r für Euch tun kann oder will:

Haltet Euch (fest) zusammen.

Ihr seid wichtig in der Welt.

Ihr macht Sinn!