
Wer liest hier eigentlich wem vor, wie Pettersson und Findus Weihnachtsbesuch bekommen?

Wer liest hier eigentlich wem vor, wie Pettersson und Findus Weihnachtsbesuch bekommen?

“Irgendwie gut, darüber nachzudenken, wem man nichts mehr schenken muss. Wen man nicht besuchen oder einladen muss. Wer einem inzwischen (fast) am Arsch vorbeigeht. Obwohl oder gerade weil man verwandt ist.
Irgendwie gut, zu merken, wie viel Energie frei wird, wenn man die Blickrichtung ändert.
Irgendwie gut, das alles. Darauf gönn ich mir nen Schokokeks.“
Lieblingsmoment von F. heute Nachmittag.
Beruhigt, bekuschelt, beliebt – ein fauler Nachmittag auf dem Sofa, von beiden Katzen abwechselnd belagert, den netten Kinderfilm “Es ist ein Elch entsprungen“ gesehen (“Ich will auch so einen Moose hier zu Hause haben!“) und davon geträumt, so viele Süßigkeiten essen zu können wie man will, ohne negative Konsequenzen.
Ein mehrstündiger Lieblingsmoment für Einige.


Wir sitzen auf einer Bank, aus den Bäumen tropft geschmolzener Schnee auf unsere Jacke und Hose.
Neben uns sitzt unsere Lebensgefährtin. In der einen Hand hält sie eine Grüffelo-Tasse mit dampfendem Fenchel-Anis-Kümmel-Tee, mit der anderen Hand zaubert sie eine Wärmflasche aus ihrem Rucksack und legt sie uns auf die Beine. Lieblingsmoment mit sehr viel Liebe.

In angespannter Stimmung -innerlich durcheinander und nachdenklich- bleiben wir kurz stehen, als ein paar Schneeflocken fallen. Auf dem Jackenärmel sind sie schon fast geschmolzen, noch bevor wir das Foto machen können.

Wenn es schneit kommt von alleine ein Lächeln ins Gesicht, etwas oder jemand fühlt sich getröstet und verbunden. Und eigentlich müssen wir dann backen. Schnee ohne backen ist irgendwie – unrund. Trotzdem: Heute war das Flockenlächeln unser Lieblingsmoment des bisherigen Tages.
Ab morgen startet hier im Blog und auf unserem Instagram-Account eine Adventskalender-Aktion: Wir sammeln Lieblingsmomente- unsere und sehr gerne auch Eure (als Kommentare)!
Anders als bei klassischen Adventskalendern öffnet sich unser Türchen hier nicht schon morgens, sondern erst gegen Abend. Der Tag und wir müssen ja auch erst mal ein paar Stunden Zeit bekommen, einen Lieblingsmoment zu erleben und/oder ihn schriftlich oder bildlich festzuhalten. 🙂
Von uns werden also 24 Momente sichtbar, die uns im Dezember Freude bereiten – und wenn auch nur Eine*r von Euch sich in den Kommentaren anschließen würde, wären es schon 48, bei Zweien wären es 72… eine tolle Glücklichkeitssammlung in einer Zeit, in der sie soooo besonders wichtig und wertvoll wäre!
Also: Seid Ihr dabei?
Bis morgen! 🙂
Bloß nicht zu viel sein. Nicht jammern, nicht um Hilfe bitten, keine Ansprüche stellen. Brav und unkompliziert und nachgiebig sein. Zurückstecken. Freundlich und höflich sein. Sich auf keinen Fall beschweren. Sich mit den Gegebenheiten arrangieren müssen. Sich auf niemanden verlassen. Nicht kränkeln, nicht schwächeln, nichts brauchen. Froh sein, überhaupt existieren zu dürfen.
Das kennen, erleben, fühlen und denken viele Menschen, die Gewalt in der Kindheit erlebt haben. Wie innerlich verwachsen oder verankert tragen sie diese Überzeugungen mit ins Erwachsenenalter und werden immer wieder damit konfrontiert.
Im Alltag gibt es so viele Situationen, in denen genau diese Überzeugungen Einfluss haben können. Menschenverursachtes Trauma wird (auch!) von menschenbezogenen Triggern reaktiviert: Begegnungen, Kommunikation, Streit, Diskussionen, Beziehungen, Autoritäten, Arbeitsverhältnisse u.a. beinhalten sehr viele traumabezogene Aspekte. Für Betroffene ist also „Menschenkontakt“ an sich schon ein „Tretminengebiet“, in dem Auslöser lauern und Achtsamkeit wichtig ist. Werden Traumaerinnerungen angetriggert, muss sich das nicht immer in einem „handfesten“ Flashback mit totalem Orientierungsverlust zeigen. Emotionale oder körperliche Reaktionen können schleichend, leise, wabernd, unterbrochen u.a. auftreten, so dass sie nicht immer eindeutig zugeordnet werden können.
Gelernte, antrainierte, verinnerlichte Verhaltensweisen (z.B. wie oben beschrieben) oder bestimmte Automatismen (z.B. Rückzug/Selbstisolation, verstummen, Unterwerfung, u.a.) ziehen sich manchmal wie ein roter Faden durch Beziehungen und Kontakte. Vielleicht sind es Dauerthemen, vielleicht mit Blockaden und alten Verboten versehen, die dazu führen, dass sich Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen immer wiederholen und scheinbar nie auflösen lassen.
Wichtig ist, wahrzunehmen und zu identifizieren, welche inneren Überzeugungen im Zusammenhang mit anderen Menschen existieren.
Nach welchen Grundsätzen handle ich eigentlich? Was denke/fühle ich konkret, wenn mir dies und jenes begegnet? Was kenne ich von früher? Will ich das heute noch so aufrecht erhalten? Gibt es irgendwo eine kleine Veränderungsmöglichkeit? Wem dient es, wenn ich alte Überzeugungen heute noch befolge?
Uns persönlich ist in letzter Zeit beispielsweise aufgefallen, wie häufig ein Abhängigkeitsgefühl im Alltag auftaucht. Wie oft es sich innen unterlegen, klein, hilfebedürftig, machtlos und allein anfühlt im Zusammenhang mit anderen Menschen. Kognitiv gibt es Zugang zum Wissen, dass wir erwachsen und handlungsfähig sind- und auch Ressourcen diesbezüglich. Emotional zeigt sich trotzdem immer wieder auch Altes. Das Gefühl kommt nicht immer so schnell hinterher.
Der Alltag ist voller Trigger. Und voller kleiner und großer Abhängigkeiten oder Ver-Bindungen, von denen objektiv betrachtet nicht alle schlimm oder destruktiv sind. Menschen brauchen andere Menschen, so ist das, wenn man in Gesellschaft lebt. Es ist nur die Frage, wie verantwortungsvoll, mitfühlend, rücksichtsvoll und ehrlich Menschen dabei miteinander sind.
Die alltäglichen Herausforderungen, in denen frühe Erfahrungen von Ohnmacht, Ausgeliefertsein oder Abgelehntwerden angetriggert werden können, sind sehr vielfältig. Hier folgen drei Beispiele aus unserem Alltag:
Warten auf den Rückruf / die Post vom Amt. Es geht um Wichtiges: Hilfe, Entscheidungen, Informationen. Ohne eine Nachricht dazu bleibt etwas in der Schwebe, ungeklärt und mehr oder weniger dramatisch belastend. Die Zeit vergeht, das Telefon klingelt nicht.
Hören, was die Tierärztin für unsere schwer kranke Katze anrät. Auf sie angewiesen sein. Darauf hoffen müssen, dass sie kompetent, zuverlässig und nicht geldgierig ist. Ihrem Wort vertrauen müssen; keine Kapazitäten für Dritt- oder Viertmeinungen haben. Leben retten wollen.
Eine Verkäuferin im Geschäft etwas fragen. Diese zuckt die Schultern, wendet sich ab, geht weg, macht eine bestimmte Handgeste, wirkt unfreundlich. Andere Kund*innen stehen glotzend herum. Peinlichkeitsgefühl, unerwünscht, erstarrt. Nicht nachhaken können.
Kognitiv wissen wir, wie solche Situationen gehandhabt werden können und es gibt auch ein Verständnis für die inneren Prozesse. Praktisch umsetzen lässt sich das Ganze dadurch aber nicht automatisch. Und: Es gibt strukturelle Gewalt in unserer Gesellschaft. Es gibt Benachteiligung, Barrieren, gewollte Machtgefälle, Diskriminierung, Ungerechtigkeit. An manchen Stellen ist dies so groß, massiv und etabliert, dass Ohnmacht und Abhängigkeiten von den Betroffenen selbst nicht aufgelöst werden können. Eigene Anstrengungen sorgen meistens eben nicht dafür, z.B. Armut, Ungleichbehandlung, Sexismus oder Rassismus zu beenden- da ist man tatsächlich auch darauf angewiesen, dass Andere (ebenfalls) aktiv werden.
Wie kann man damit umgehen, wenn bestimmte Abhängigkeiten unveränderlich sind und bleiben? Wenn es keine Alternative zur staatlichen Grundsicherung gibt, zu medizinischen Eingriffen, juristischen Entscheidungen, amtlichen Vorgängen, privaten Verbindungen? Wie ist das aushaltbar und wie können in solchen Situationen im Innern alte Überzeugungen wie oben beschrieben verändert werden? Geht das überhaupt- trotz allem?
Was denkt Ihr dazu?
„Ich hätte nicht erwartet, dass eine DIS-Betroffene sich so gut ausdrücken kann, wie Sie das gerade tun- das ist ziemlich untypisch, oder?“
versus
„Sie kommen doch hervorragend im Alltag klar, leben in einer langjährigen Partnerschaft, arbeiten ehrenamtlich- wozu brauchen Sie ambulante Betreuung?“
Zwei verschiedene Kommentare, zwei verschiedene Blickrichtungen- eine Gemeinsamkeit: Ableismus. Beide Äußerungen sind uns innerhalb kürzester Zeit begegnet: Die eine während einer unserer Lesungsveranstaltungen, die andere auf der Suche nach professioneller Unterstützung.
Wir erleben es immer wieder selbst und erfahren es auch von anderen Betroffenen, zum Beispiel in der Peerberatung: Menschen haben bestimmte Vorstellungen, Ideen, Haltungen zu den Stichworten „Gewaltopfer“, „Trauma“ oder „Dissoziative Identitätsstruktur“- und es gibt große Schwierigkeiten, wenn diese nicht mit der Realität der Betroffenen zusammenpassen.
„Trauma und DIS“ ist nicht immer auf den ersten Blick sicht- und erkennbar. Weder für Außenstehende, noch für die Betroffenen selbst. Persönlichkeitswechsel und Amnesien können völlig unbemerkt stattfinden, ein Leidensdruck kann innerlich verborgen bleiben bei gleichzeitig möglicherweise hohem Funktionsniveau im Außen. Die eigene Wahrnehmung einer Traumafolgesymptomatik kann durch (strukturelle) Dissoziation verunmöglicht werden. Alles scheint irgendwie „in Ordnung“- bis es an einer oder mehreren Stellen „wie aus heiterem Himmel“ zu bröckeln anfängt oder plötzlich „gar nichts mehr geht“. Betroffene geraten in solchen Situationen häufig in einen Druck, irgendwie „beweisen“ zu müssen, dass sie tatsächlich Hilfe brauchen -oder zumindest erklären zu können, warum sie „auf einmal dekompensieren“ (vorher ging doch noch alles?)- … während sie innerlich mit sich selbst sowieso schon in Konflikt sind, sich so ein „Schwächeln“ überhaupt zuzugestehen.
„Trauma und DIS“ kann auch deutlicher bemerkbar sein. Die Aktivität unterschiedlicher Persönlichkeiten, Zeitlücken, diverse Traumafolgesymptome, Brüche in der Biographie, Dysfunktionalität, Suizidalität usw. können sicht- und wahrnehmbarer Bestandteil des Lebens von Betroffenen sein. Es kann Wellenbewegungen darin geben oder auch eine gewisse Konstanz. Der Druck, die Anstrengung und der innere und äußere Anspruch, „trotzdem“ irgendwie leben zu können, mit dem Gefühl von „Selbstwert“, Sinnhaftigkeit, Eingebundensein, gesellschaftlicher Teilhabe, Anerkennung, usw.- all dies findet häufig wenig Raum und Resonanz.
Das Erleben, alleine und/oder isoliert zu sein oder zu werden -als Einzelkämpfer*in, als „Exot*in“ oder „Alien“-, kennen viele Betroffene. Das Schwanken zwischen „Anpassung an innere und äußere Ansprüche“ und „Zulassen/Wahrnehmen von Handicap/Verletzung/Erschöpfung“ ist eine echte Herausforderung:
Wie viel „Funktion“ möchte/kann/will/muss ich gewährleisten (für wen und warum?) und wie kann das gehen? Und wo/wann ist Platz für das, was sonst noch so da ist (weiter hinten/innen, verborgen, vergessen, dissoziiert, geleugnet, u.a.)? Welchen Raum gibt es für mich, in dem ich geschützt und sicher „die Flügel hängenlassen kann“, mich dem zuwenden kann, was schmerzhaft, krisenhaft, krank, müde, traumatisiert ist? Wie halte ich dabei eine Balance? Was ist, wenn ich meine Stabilität verliere? Was ist das Minimum an Stabilität, das ich brauche, um weiterleben zu können? Ist es händelbar, bei der inneren Auseinandersetzung ein gewisses Risiko einzugehen, ein bisheriges Funktionsniveau (teilweise) zu verlieren?
Es ist nicht immer möglich, sich bewusst mit diesen Fragen auseinanderzusetzen oder innere Vorgänge und Prozesse zu regulieren. Manchmal kann man nicht „langsamer machen“, etwas stoppen, etwas dosieren. Manchmal passiert etwas schnell und radikal, manchmal entwickelt sich etwas über einen längeren Zeitraum. Es kann Phasen geben, in denen weniger oder auch deutlich mehr äußere Unterstützung benötigt wird. Solche Phasen können sich abwechseln und dabei auch „irgendwie (vermeindlich) unlogische/unerklärliche“ Abfolgen aufweisen. In jedem Fall ist es wichtig, den Betroffenen zuzuhören und sie ernst zu nehmen in dem, was sie äußern/zeigen. Wenn jemand „viel“ vom Außen braucht, sagt das nichts über persönliche Kompetenz, Ausmaß der Traumatisierung, Anspruchshaltung, Motivation, o.a. aus- genauso, wie wenn jemand „wenig“ braucht (oder es nicht mitteilt). Sichtbar ist nie „das Ganze“.
Wenn ein*e Betroffene*r in Vollzeit arbeitet, sagt das nichts über den Schweregrad der Traumafolgen oder Belastungsgrenzen aus. Berufliche Funktionalität ist kein Beweis für „weniger Leid“, „weniger Einschränkung“ oder „mehr Kraft“ oder „mehr Wollen“.
Wenn ein*e Betroffene*r nicht alleine wohnen kann/will, Begleitung beim Einkaufen, Bahnfahren oder Arzt-/Ärztinbesuch braucht, sagt das nichts über Ressourcen, Abhängigkeiten oder gar Intelligenz aus. Alltagsunterstützung, therapeutische Hilfen und Kriseninterventionen bekommt leider niemand „einfach so geschenkt“, auch dann nicht, wenn das Leid glasklar erkennbar ist- dafür müssen Betroffene meistens sehr ackern.
Wir können vor 50, 60, 70 Menschen lesen und mit ihnen diskutieren/sprechen. Wir können dabei zweieinhalb Stunden offen und freundlich und konzentriert sein. Das sagt nichts über unser Selbstbewusstsein, unsere Alltagskompetenz oder generelle Kontaktfähigkeit aus. Würden Menschen nur diesen öffentlichen Aspekt unserer Gesamtstruktur berücksichtigen, wenn sie sich ein Bild von uns machen und eine Haltung dazu entwickeln, würden sie uns gewaltvoll beschneiden. Gäbe es einen ausschließlichen Fokus auf „Opfer“, „beschädigt“, „zerstört“ und „behindert“, wäre es genauso.
„Sowohl…, als auch…“ – eigentlich ganz simpel, oder?
Traumatisch belastete Daten – religiös, spirituell, geschichtlich oder sonstwie geprägte Feiertage oder auch individuell belastete, spezielle Tage wie Geburtstage o.a.- können immer wiederkehrende Krisen mit sich bringen. Jedes Jahr auf’s Neue zeigen sich ggf. Flashbacks, massive Schlafstörungen, Ess- und Trinkprobleme, psychosomatische Symptome, Suizidgedanken und -versuche, usw.
Es kann Zeiten geben, in denen bestimmte Daten besser ausgehalten und/oder kompensiert werden und der Eindruck entsteht, man habe die Grundproblematik überwunden und verarbeitet – und es kann Folgezeiten geben, in denen doch wieder alles zusammenbricht und nichts mehr geht.
Täter*innen der ritualisierten/rituellen Gewalt machen sich manche Daten zu eigen. Sie nutzen aus ideologischen und/oder schlicht selbsterklärenden Gründen Feiertage für besondere Gewaltformen und -zusammenhänge, oder auch nur als Basis für “special effects“, die sich zum Beispiel in Foltervideos besonders gewinnbringend auswirken. In jedem Fall okkupieren Täter*innen (Feier-)Tage, die von den Opfern anschließend nicht mehr einfach so “mit etwas gutem Willen und Entscheidungskraft“ zurückerobert werden können.
Was kann nun also konkret helfen, eben solche traumatisch belasteten Tage einigermaßen okay zu überstehen? Wie können Freund*innen, Partner*innen, u.a. die Betroffenen unterstützen?
Wir haben uns mit unserer Partnerin darüber vorhin beim Tee auf dem Sofa unterhalten und möchten Euch ein kleines Sammelsurium an Tipps aus unserem Erfahrungswissen hierlassen. Vielleicht ist ja was Nützliches für Euch dabei:
Jeder Mensch hat das Recht, selbst über sein Leben zu bestimmen, eigene Entscheidungen zu treffen, eigene Wege zu gehen.
Nicht jeder Mensch kann dieses Recht zu jeder Zeit wahrnehmen und umsetzen. Überlebende organisierter, sexualisierter und/oder ritueller Gewalt haben häufig Schwierigkeiten damit, persönliche Rechte überhaupt für sich ernst zu nehmen und zu beanspruchen. Und selbst wenn man kognitiv verstanden hat und weiß, was z.B. Selbstbestimmung eigentlich theoretisch bedeutet, kann man sich noch lange so fühlen, als hätte man diese persönliche Freiheit praktisch gar nicht „verdient“, als könne man sie gar nicht „aushalten“ oder verteidigen.
Selbstbestimmung darf nicht an (Nicht-)Fähigkeiten geknüpft werden. Es handelt sich um ein menschliches Grundrecht. Man muss nicht erst bestimmte Dinge „können“, um dieses Recht für sich zu „erarbeiten“. Es ist einfach da!
Überlebenden organisierter, sexualisierter und/oder ritueller Gewalt begegnet zusätzlich auch noch viel strukturelle Gewalt, z.B. in Form von Diskriminierung, Ableismus, Abhängigkeiten von Sozialleistungsträgern, medizinischer und therapeutischer Unterversorgung, fehlender oder mangelhafter Schutzkonzepte, u.a.
Der eigene Einsatz für ein „gutes* Leben“, in dem die persönlichen Rechte gewahrt werden und Sinnhaftigkeit gespürt werden kann, fühlt sich oftmals wie ein jahrzehntelanger Kampf an- und ist es faktisch wohl häufig auch. Da ist so viel schwer und mühsam, einsam und frustrierend, verletzend und verletzt, zum Teil auch lebensbedrohlich und unaushaltbar. Die Gewalt, bzw. ihre Folgen ziehen sich als roter Faden durch die eigene Existenz.
Und gleichzeitig finden Bewegungen, Entwicklungen, Veränderungen statt. Man erlebt Neues, das sich gut anfühlt; trifft vielleicht zugewandte, freundliche Menschen, die begleiten möchten und können; denkt über Träume, Pläne, Ideen nach; bekommt Zugang und Bewusstsein zum eigenen Innern und den Prozessen darin- und irgendwie entsteht vielleicht mehr Gleichgewicht: Da ist Zerstörtes und Leidvolles und Lebendiges und Gesundes und Hoffnung- und all das ist in mir drin. Alles darf nebeneinander und miteinander „da sein“ und ich lerne immer mehr, liebevoll mit mir zu sein. Weil ich es will und kann.
Der rote Faden ist nicht nur die Gewalt, sondern enthält Beine und Füße, die tragen; ein lebendiges Herz, das konstant schlägt und fühlt; ein Kopf, der verstehen kann und will und (Lösungs-)Strategien entwickelt.
Schwere, langjährige Gewalt zu überleben, hat für uns nichts mit Helden*innentum zu tun. Ein menschlicher Körper ist am Leben geblieben, weil Täter*innen ihn nicht haben sterben lassen und weil individuelle Mechanismen ihn „aufrecht erhalten“ haben.
Wenn ein Kind während massiver Gewalteinwirkung nicht stirbt und die traumatische Zange es nach der Erstarrung in die Fragmentierung treibt- dann ist die Entwicklung einer Dissoziativen Identitätsstruktur eben KEINE Lebensrettung, sondern das Ergebnis von „am Leben bleiben“! „Wir sind Viele geworden, weil wir nicht gestorben sind“ versus „Wären wir nicht Viele geworden, wären wir gestorben!“
Eine Dissoziative Identitätsstörung als Traumafolge ist weder eine zufällige Erkrankung, noch eine selbstgewählte „alternative Lebensform“, sondern eine absolut logische, menschliche Reaktion, die weder selten, noch „bewundernswert“ ist.
Die Vielschichtigkeit, in der das Gehirn diese innere dissoziative Struktur ausgestaltet hat, kann man als „kreativ“ bezeichnen- daneben ist sie aber vor allem eine Anpassungsleistung an ein zerstörerisches Umfeld und lebensbedrohliche Angriffe.
Vom Vorliegen einer DIS darauf zu schließen, dass der betroffene Mensch besondere, möglicherweise „überdurchschnittliche“ Fähigkeiten haben muss, im Leben „zurecht zu kommen“ (wenn man diese Fähigkeiten nur alle entsprechend zu Tage fördern würde), ist keine respektvolle Anerkennung. Im Gegenteil: Der Fokus wird auf das gelegt, was eine Gewalttrauma-assoziierte Behinderung darstellt.
Weshalb sollte ein Mensch, dessen Gehirn über viele Jahre Dissoziation in ausgeprägter Form „etablieren“ musste (und dessen Gehirn sich dadurch auch strukturell veränderte!), stärker, resilienter oder „veränderungsfähiger“ sein als andere Menschen mit nicht-dissoziativer Persönlichkeitsstruktur?
Und warum sollte er andererseits aufgrund dieser Struktur zwangsläufig eingeschränkt sein in der Wahrnehmung seines Selbstbestimmungsrechtes?
Die besonderen Chancen, die eine DIS mit sich bringen kann, sehen wir zum Beispiel darin, Vielfältigkeit greifbarer werden zu lassen. Verschiedene Persönlichkeitsanteile haben unterschiedlichen Zugang zu Eigenschaften, Interessen, Fähigkeiten, inneren Bildern, Erinnerungsinhalten, Emotionen, u.a. Diese Aspekte für sich (und evtl. andere) sicht- und fühlbar werden lassen zu können, ermöglicht auch kreative, individuelle Wege und Kräfte. Eventuell liegen ein_e hohe_s Durchhaltevermögen/Durchhaltebereitschaft vor.
Gelingt es, mit diesem inneren Material zu arbeiten, sich mit all dem „in sich zu Hause“ und sicher zu fühlen und daraus Energie zu transformieren- dann kann ein Leben in Verbindung zu den persönlichen Rechten möglich werden und sein.
Wenn jemand die Selbstbestimmung eines Anderen einschränkt, weil spezielle Fähigkeiten (noch) nicht vorhanden sind oder man ihm/ihr diese Fähigkeiten nicht zutraut, ist das Gewalt.
Menschen anhand individueller Merkmale in (besonders) „fähig“ oder „unfähig“ zu bewerten und zu be-vorurteilen, ist Gewalt.
Eine Traumafolge wie die Dissoziative Identitätsstörung zu glorifizieren, oder sie als individuelle Entscheidung schön zu reden und daraus eine besondere Überlebensstärke (auch für die Zukunft) abzuleiten -die „es doch ermöglichen müsste, besonders gut zurecht zu kommen“-, ist Gewalt.
… Und zum Schluss, weil es so wichtig ist:
Ich habe das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit.
Ich habe das Recht auf Abgrenzung, Abwehr, Rückzug und Schutz meiner Privatsphäre.
Ich habe das Recht, Kontakte zu anderen Menschen aufzunehmen, zu halten und zu beenden.
Ich habe das Recht, selbst zu entscheiden, wo und wie ich wohnen möchte. (Fehlende finanzielle Mittel oder fehlender Raum tangieren dieses grundsätzliche Recht nicht.)
Ich habe das Recht auf Hilfe und Unterstützung und ich habe das Recht, deren Wirksamkeit selbst zu definieren und zu bewerten.
Ich habe das Recht, mir Vertrauenspersonen selbst auszusuchen.
Ich habe das Recht der freien Arzt/Ärztinnen- und Therapeuten*innen-Wahl.
Ich habe das Recht, Angebote abzulehnen.
Ich habe das Recht, zu sagen, dass ich die Meinung meines Gegenübers nicht hören möchte.
Ich habe das Recht auf eigene Gedanken, Bewertungen und Meinungen und das Recht, sie zu ändern.
Ich habe das Recht, mein Leben zu beenden, wenn ich das möchte.
Ich habe das Recht, mich zu verändern oder auch nicht.
Ich habe das Recht, Gewalt als solche zu benennen, auch wenn andere Menschen das anders sehen.