über Brücken und Traumalogik

Die Brücke soll frühestens 2040 fertig sein, lese ich. Klar, so ein Bauwerk braucht Zeit. Dass es so lange dauert, es herzustellen, wundert mich nicht. Dass Menschen zwanzig Jahre in die Zukunft planen, wundert mich in diesem Moment schon.

Ich weiß nicht, ob man das, was in meinem Kopf in dieser Situation vorging, katastrophisieren nennen muss, oder ob es einfach nur „Realismus“ war. Jedenfalls gehe ich ganz grundsätzlich davon aus, dass die Welt in zwei Jahrzehnten noch mal deutlich „klimakrisenhafter“ sein wird, als sie es jetzt bereits ist. Wer weiß, ob manche Städte und Bereiche dann überhaupt noch bewohnbar sein werden- wer braucht da noch diese Brücke, könnte man sich fragen.

Manchmal sind mir Menschen sehr suspekt, die von einer fernen Zukunft ausgehen. Die Kinder zeugen, ein Haus kaufen, eine Versicherung abschließen, eine Weltreise für 2028 buchen… Es sind meistens jene, die nicht prekär leben müssen, die Planungssicherheit haben, sparen können, eine (familiäre, soziale, berufliche, gesundheitliche etc.) Basis haben. Und auch jene, die eine rechte Regierung als nicht besonders bedrohlich empfinden oder sie aktiv ermöglichen.

Ich lebe schon immer damit, dass nichts sicher ist. Ich weiß, dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass Gutes, Stabiles, Schönes bleibt. Ich rechne mit Verlust. Das ist kein Pessimismus, sondern Lebenserfahrung.

Gleichzeitig bin ich inzwischen auch in der Lage, mich nicht (ständig) von Panik leiten zu lassen. Nur weil die Welt irgendwann „untergehen“ wird, heißt das nicht, dass man jetzt eh schon alles hinschmeißen kann. Nur weil irgendwann Tod ansteht, muss man nicht jetzt schon mal anfangen zu sterben. Natürlich macht es Sinn, jetzt Brücken zu bauen und nach vorne zu denken! Jede einzelne Bucket-List macht Sinn, jede Demo für was Gutes, jedes antifaschistische oder klimaschützende Projekt- weil das Leben ist und Hoffnung bedeutet.

Menschen müssen zwischendurch vergessen können und dürfen. Permanent mit Schrecken, Angst und Ausweglosigkeit konfrontiert zu sein, macht krank und lähmt. Ich muss es für möglich halten, dass es weitergeht, damit ich weiter gehen kann.

Dissoziation ist eine mentale Rettung. Das Bewusstsein bekommt eine Pause von Gewalt, Klima, Nazis und anderen Bedrohungen und richtet sich auf Lebenserhaltendes. Wie gut, dass das den Menschen möglich ist. Es kommt jedoch auch darauf an, die Dissoziation nicht zu einem (gesamtgesellschaftlichen) Dauerstatus werden zu lassen, sondern immer wieder auch Aktion zu schaffen: Nicht in der traumatischen „Fight, Flight, Freeze, Fawn“-Zange zu verharren, sondern „Futter fürs Seepferdchen (=Hippocampus)“ zu organisieren. Zum Beispiel, indem positive Verbindungen mit anderen Menschen (und mit sich selbst) hergestellt werden (Initiativen, Vernetzung, Nachbarschaftshilfe, Freund*innenschaft, Freundlichkeit, usw.), schöne Erfahrungen (Hobbies, Ausflüge in die Natur, o.a.) etabliert werden, neue Dinge gelernt werden, usw.

Es sind viele „Kleinigkeiten“, die vielleicht nichtig, naiv oder nutzlos klingen, angesicht diverser Krisen („Singen für den Frieden“- was soll das schon bringen?)- die aber insgesamt das (Über-)Leben möglich und leichter machen.

Als ich über die Brücke las und die Planung bis 2040 utopisch fand, kam ich gerade von einer Ultraschalluntersuchung. Dabei wurde ich mit alten, inneren Vernarbungen konfrontiert und der Frage, woher sie stammen. Meine innere Reaktion war: „Ich weiß es nicht (mehr)“ und „Ich weiß es noch ziemlich genau“. Beides gleichzeitig. Beides wahr. Ich konnte und wollte mich nicht erinnern und merkte parallel dazu Bereiche im Innern, die das trotzdem taten. Weiter weg von mir, von meinem Alltagsbewusstsein. Eine Trennung, die dafür sorgte und sorgt, dass ein Mensch („ich“) nicht vollständig kollabiert. Eine Trennung, die zusammenhält.

Es ist kein klassisches „Vergessen“ im Sinne eines „weg-seins“, so wie wenn ich aufgrund einer perimenopausalen Hormonverpeiltheit nicht mehr weiß, was ich eigentlich gerade in der Küche wollte. Es ist ein nicht immer für alle (Systemzugehörige) präsenter Zugang zum Wissen. Das Wissen ist da! Bei Einzelnen innen, im Körper. Traumatische Inhalte sind gespeichert, aber eben nicht immer (für alle) zugänglich und zum Teil auch nicht sprachlich greifbar.

Wir können die Frage nach der Herkunft der Vernarbungen (manchmal) beantworten und wir können es (manchmal) nicht. Zum Glück müssen wir dazu nicht (mehr) juristisch oder bei einer Begutachtung aussagen, oder unsere Glaubhaftigkeit anderweitig beweisen. Beim „Vergessen“ wird mit mehrerlei Maß gemessen.

Wer keine Ahnung von Traumalogik hat, wird über den Mechanismus des (Nicht-)Erinnerns stolpern- vielleicht so lange, bis man ihn/sie danach fragt, wie er/sie die Rentenzeit verbringen möchte. Vielleicht steht neben der Freude auf Campingurlaube, Angeln, Gartenarbeit, VHS-Kurse oder Enkelbespaßung irgendwo im Schatten das Wissen über die Dramatik und Konsequenzen der klimatischen und politischen Entwicklungen.

Beides ist existent, aber nicht immer zeitgleich präsent.

So lange, bis Eine*r weiterfragt…

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