Leben: Jetzt erst recht!

Wir packen unseren Rucksack. In den nächsten Tagen werden wir unterwegs sein. Ich lege unseren kleinen Mini-Kuschelraben obenauf und denke: „Ganz schön schön, dass wir es uns inzwischen erlauben können, dass es uns gut gehen darf, gerade auch an Tagen wie diesen.“

Die aktuelle Zeit hat für uns Traumabezug und darin spielt eine wesentliche Prägung eine Rolle: Dass es „falsch“ ist, am Leben zu sein (während andere sterben) und dass es gleichzeitig eine besondere Bedeutung hat, am Leben zu sein (während andere sterben). Eingetrichterte und erlebte Existenzschuld bei gleichzeitigem Elitedenken- eine Kombination, die es uns über Jahrzehnte sehr schwer gemacht hat, unseren Geburtstag (der in diesen Tagen liegt) neu, anders, positiv zu begehen.

Mittlerweile geht es bei uns nicht mehr um basale Schutzmaßnahmen, medizinische Versorgung und Krisenmanagement an traumabelasteten Daten- wir sind keiner Gewalt durch die Gruppierung mehr ausgesetzt, werden nicht mehr verfolgt oder abgefangen. Und auch von alten Automatismen und Konditionierungen, sich dort melden zu müssen, Bericht erstatten zu müssen, in Kontakt gehen zu müssen, konnten wir uns lösen. Es geht nicht mehr um Leben und Tod an solchen Tagen- emotional manchmal aber schon noch. Unser Körper erinnert, der Schlaf wird schlechter, alte Ängste melden sich, Unruhe entsteht- nicht immer, aber hin und wieder. Und das ist für uns okay, denn wir können inzwischen damit umgehen, ohne uns damit zu stressen, dass es doch nun endlich mal gut sein müsste, o.a.: Nein, manches wird eben nicht (mehr) gut. So eine Biographie hinterlässt Spuren und die müssen nicht mit Glitzer zugestreut werden.

Das, was uns an solchen Daten emotional besonders packt, ist der Hilflosigkeitsschmerz: Wir konnten damals nicht verhindern, dass andere Menschen verletzt und getötet wurden- und wir können es heute auch nicht. Viele Jahre „half“ uns die innere Schuldspirale dabei, die Hilflosigkeit nicht so fühlen zu müssen. Heute erlauben wir uns, uns nicht mehr permanent an der Schuld festzubeißen und hinzuschauen, wo und wie die Ohnmacht war und ist.

Wenn ich unseren Rucksack packe und daran denke, was in den nächsten Tagen Schönes für uns ansteht, denke ich auch daran, dass andere Menschen immer noch und weiterhin ungeschützt sind und gequält werden. Der Schmerz darüber könnte zwischendurch aus unseren Augen herausschwappen und einen hohen Druck im Brustkorb erzeugen- er könnte sich aber auch zurückziehen und der Wut Platz machen. Wut auf Täter*innen von früher und heute und auf „das System“ hier in dieser Welt, dass die Gewalt einfach weiter existieren lässt, während viele Opfer verschwinden oder verstummen. Die Wut hilft uns, Bodenhaftung zu bekommen und zu behalten und uns beinahe trotzig in ein „Jetzt erst recht!“ zu bewegen: Wir können die Gewalt der anderen nicht verhindern, nur unsere eigene. Wir können einen Unterschied machen. Dazu müssen wir aber nicht nur weiter existieren, sondern unsere Existenz auch mit Leben füllen. Sonst ist es nur ein Vegetieren.

Es ist nicht egal, was wir wann wie tun oder lassen. Unsere Entscheidung, dafür zu sorgen, dass die Gewalt gegen uns im Außen aufhört; unsere Versuche, andere Betroffene zu schützen (z.B. mit der Strafanzeige); unsere Arbeit an einem äußeren Ausstieg- all das macht für uns langfristig nur Sinn, wenn auch im Innern eine Veränderung stattfindet: Dass wir und unser Leben uns so viel wert sind, dass wir uns erlauben und es wagen, aus der Erstarrung herauszukommen.

Ich glaube, das Gegenteil von dieser Starre ist Fühlen. Daraus entsteht dann auch Bewegung. Und die kann dafür sorgen, dass was aufhört und was anfängt; dass sich was löst und was hält. Ich habe immer wieder große Angst davor gehabt- bzw. habe sie immer noch und immer wieder- Gefühle wahrzunehmen, weil ich befürchtete, dass sie mich wegschwemmen und ich keinerlei Kontrolle mehr über irgendwas habe. Dass ich dem dann schutzlos ausgeliefert bin. Manchmal ist das tatsächlich so. Aber sehr oft ist es auch anders: Da merke ich, dass nicht die Gefühle eine Gefahr darstellen, sondern ihre Unterdrückung.

Der kleine Mini-Kuschelrabe im Rucksack ist sehr gut darin, uns an Lebendigkeit zu erinnern. Dazu gehört atmen, essen, trinken, schlafen, stehen, sitzen, liegen, gehen, schwingen, singen, duschen, lachen, weinen, schweigen, sprechen und so viel mehr.

Und zwar jeden Tag!

6 Kommentare zu „Leben: Jetzt erst recht!

  1. Ihr habt schon so viel erreicht und mit euren Texten auch einiges in unserem Leben angeregt 🙂
    Können inhaltlich weiter nicht so viel schreiben, weil wir da noch nicht genuegend aufgearbeitet haben. Es hilft uns, euren Text zu lesen. Die Zeit scheint auch gerade schwierig fuer uns…

  2. Hallo Paula,
    ich wünsche Euch eine tolle Reise und zwischendurch viele kleine und größere Pausen zum einfach da sein mit allem was gerade im Inneren ist.
    Ich denke, Gefühle sind oft wie Wellen im Meer, irgendwann wird es wieder ruhiger ..
    wünsche Euch, dass Ihr einen schönen Geburtstag in den nächsten Tagen habt, der sich anders anfühlt 🐦‍⬛ 🌸 🙂

Schreibe einen Kommentar zu Herbstkind Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert