In Erinnerung behalten

Wir denken an jene Menschen, die in organisierten Gewaltzusammenhängen getötet worden sind.

Wir denken an jene Menschen, die wir kannten und an jene, die offiziell nie existierten. Oder die der Welt außerhalb der Täter*innengruppe so egal waren, dass niemand nach ihnen fragte.

Wir denken an Kinder, Jugendliche und Erwachsene; an Schock und Ohnmacht und Fragmentierung; an Sprachlosigkeit und Verzweiflung und an Etagenbetten, französische Lieder und Blau.

Wir denken an Vornamen und Gesichter, an Wartezeiten, Kälte und dünne Haut; an Autobahnrattern, Nylonstrumpfhosen, Amsterdam und Lüttich. Wir denken nicht nur- wir hören, sehen, riechen, schmecken, fühlen. Wir erinnern.

Wir sind nicht die Einzigen, denen es gerade so geht.

Wo und wann haben Überlebende Möglichkeiten, über das zu sprechen, was sie (mit)erlebt haben?

Wo und wann können Details benannt und offengelegt werden, außer vor Strafverfolgungsbehörden oder in der einen oder anderen Psychotherapie?

Wer hört sich all das an, kann es ertragen und bleibt?

Wer ist bereit, den Weg -oder einen Teil davon- so mitzugehen, dass der/die Betroffene sich gesehen, gehört, verstanden und vielleicht auch getröstet fühlt?

Wo ist dieser Moment von “nicht alleine damit sein“?

Wir denken an die Osterferien 1994. Wir denken an E. Wir erinnern. Und wir haben Vertrauten von ihr erzählt. Sie kann nicht mehr vergessen werden, weil wir es nicht zulassen. Dafür braucht es auch Menschen, die bereit sind, mit uns auf die Realität zu schauen und sie als solche anzuerkennen.

An diesen Tagen und an den anderen.

Es geht um alle(s)

©PaulaRabe

“Es darf gut sein.

Es darf sich sicher anfühlen.

Es darf Freude und Liebe und Freiheit bedeuten.

Es darf sich beruhigen und genügend Atem haben.

Es darf Pläne, Träume, Sehnsüchte beinhalten.

Es darf erlaubt sein.

Es darf Dein Leben sein.“

Jeder einzelne Mensch, der sich für ein Ende der Gewalt entscheidet, der fühlt und weiß, dass eine Grenze lebensnotwendig ist, sollte dabei so viel Unterstützung bekommen, wie er/sie braucht und will.

Da geht es nicht um Einzelschicksale.

Es geht um unsere Welt als Ganzes.

Betroffenen zuhören und mit ihnen sprechen

Weil es nicht oft genug wiederholt werden kann

– gegen das Gebrüll der sogenannten Skeptiker*innen und False Memory-Anhänger*innen

– für eine betroffenenfreundliche, sensible Berichterstattung:

Radiofeature zu organisierter und ritueller Kinderfolter aus dem Jahr 2021:

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-dok5-das-feature/audio-kinderfolter—sexuelle-gewalt-in-organisierten-und-rituellen-gruppen-102.amp

Gastbeitrag: Wenn die Freundin parteiisch mitwütet

H. ist seit 24 Jahren unsere Freundin. Sie hat uns schon mit einem Baseballschläger beschützt, sich ein Hotelbett mit uns geteilt, obwohl wir uns erst seit ein paar Monaten kannten, uns in Notfällen begleitet, uns bei der Flucht vor Täter*innen unterstützt, usw.

Jetzt hat sie den ersten Leserinnenbrief ihres Lebens geschrieben und uns erlaubt, ihn hier zu teilen. Er ist für uns ein berührendes, stärkendes, wunderbar wütendes Beispiel ausdrücklicher Parteilichkeit, das sehr gerne auch andere Menschen inspirieren und ermutigen möge.

Danke, H.!

“Leserbrief an den Spiegel, zur Ausgabe Nr. 11, 11.03.23, zum Artikel: Psychische Gewalt, Seite 36

Ein äußerst reißerischer Artikel – Mit dem Verbreiten von Halbwahrheiten und kollektivem Wegsehen wird hier u.a. ganz klar Täter:innen-Schutz betrieben!
Das ist fatal für alle Betroffenen von organisierter, ritueller, sexualisierter Gewalt!

Alleine die Aufmachung des Artikels, der Titel und dazu die extremen Bilder – ohne Triggerwarnung! – ist verantwortungslos!

Dass es einzelne Therapeut:innen gibt, die seit Jahren mit Opfern von organisierter, ritueller, sexueller Gewalt arbeiten und mittlerweile davon ausgehen, dass Menschen mit einer dissoziativen Identitätsstruktur (DIS) immer organisierte, rituelle Gewalt erlebt haben, mag sicherlich stimmen. Die Maßgabe, sich an alles erinnern zu müssen, ist fatal für die Betroffenen und provoziert Retraumatisierungen- Ja, fehlgeleitete
Hilfeleistungen verursachen zusätzliches Leid! Bei allen.

Aber öffentlich zu leugnen, dass es daneben reale Erinnerungen an organisierte, rituelle, sexuelle Gewalt gibt und damit in Kauf zu nehmen, dass den Betroffenen der o.g. Gewalt evtl. noch
weniger Hilfeleistungen zukommen, geschweige denn ihnen geglaubt wird, ist schlichtweg ein Skandal! Das schützt die Täter:innen! Und diffamiert pauschal alle Therapeut:innen.

Nur weil dieses Ausmaß an menschengemachter, grausamer Gewalt so unglaublich scheint, heißt
das nicht, dass es sie nicht gibt!!!

Viele Betroffene haben diese Erinnerungen schon vor einem Therapiebeginn!
Wie ist es möglich, dass sich so viele Menschen, unabhängig voneinander, an Szenen organisierter, ritueller,
sexualisierter Gewalt erinnern?
Wer sollte und will sich solche Erinnerungen ausdenken?

DER SPIEGEL beschreibt selbst, wie veränderbar und beeinflussbar unsere Psyche ist. Wenn es möglich ist,
im Laufe einer Traumatherapie Erinnerungen zu suggerieren, kann man sich auch gut vorstellen, wie die
Psyche eines jungen Menschen funktioniert, der unter Folter und Todesangst manipuliert wird!
Es gibt „Mind-Control“, sog. Gehirnwäsche.
Warum sollten sich Täter:innen aus organisierten Gruppierungen dieses Wissen nicht zu nutze
machen? Es ist ein mächtiges Instrument!

Schon wegen ihrer Diagnose “DIS“ wird Betroffenen oft nicht geglaubt. Während ritueller Gewaltprozesse
werden den Opfern u.a. häufig Drogen verabreicht, zusammen mit Methoden der „Mind-Control“ wird die
Wahrnehmung der Opfer massiv beeinflusst, so dass Erinnerungen nur sehr mühevoll, in kleinsten
Puzzleteilen, zu Tage treten.
Ein Strafverfahren gut zu überstehen, was jahrelang dauern kann und bei dem Betroffene wiederholt
(struktureller) Gewalt ausgesetzt sind, ist leider immer noch unmöglich.
Die Aussicht auf Erfolg ist gleich Null (gut für alle Täter:innen!).
Obwohl es Fakten und Beweise gibt.

Ich bin eine langjährige Freundin von Menschen mit DIS. Ich hege absolut keinen Zweifel daran, dass
Kinder/Jugendliche organisierter, ritueller, sexueller Gewalt/Folter ausgesetzt sind!

Alle von Gewalt Betroffenen benötigen bedarfsgerechte Unterstützung und Schutz! Sie verdienen es, mit Respekt und Würde behandelt zu werden!

An den SPIEGEL: Ich werde mein langjähriges Abo kündigen! Es reicht.“

“PLURV im Spiegelmagazin“ von H.C.Rosenblatt

Es gibt so ein wichtiges Statement im “Blog von Vielen“ zu lesen, das wir hier gerne teilen möchten:

https://einblogvonvielen.org/plurv-im-spiegel/

Zitat:

“Wäre die Thematik eine andere, würde der Spiegelartikel als desinformierend überdeutlich sichtbar.
Es ist alles da: Pseudoexperten, Logikfehler, unerfüllbare Erwartungen, Rosinenpickerei, Verschwörungsmythen. „Im Wahn der Therapeuten“/„Im Teufelskreis“ ist ein PLURV -Text.
Und so sollte auch die Reaktion darauf sein.

Damit möchte ich jetzt alle ansprechen, die sich von dem ganzen Geschehen verunsichert fühlen.
Lest euch das Handbuch „Widerlegen, aber richtig“ (dt. Übersetzung des australischen „debunking handbook“ 2020) durch, bevor ihr aufklärende Texte schreibt oder in Gespräche mit Menschen geht, die Desinformationen verbreiten oder glauben.
Prüft euch und eure Argumentation darauf, ob ihr selbst in die „PLURV-Falle“ tappt, weil euch das Thema so wichtig ist oder es euch sogar selbst betrifft. In dieser Grafik von klimafakten.de könnt ihr euch anschauen, wie die „Desinformationsmaschine“ arbeitet. Auf der Webseite „sceptical science“ findet ihr noch mehr Taktiken, auf die ihr achten könnt.

Wir leben im Jahr 2023. Es gibt Fakten, es gibt Daten, es gibt eine Öffentlichkeit, die weiß, dass Kinder schwer ausgebeutet und misshandelt werden – und von der man erwarten kann, dass sie versteht, dass aus Kindern irgendwann Erwachsene werden. Gewalt ist kein gruseliges Schauertabu mehr und doch ist es offenbar noch sehr nötig, aktiv daran zu arbeiten, damit das so bleibt.
Der Spiegelartikel soll verunsichern. Er soll verwirren. Er soll ablenken.

Aber es gibt Wichtigeres zu tun.

(H.C.Rosenblatt, Ein Blog von Vielen)

Zum 8.März

©PaulaRabe

Vor 20 Jahren erstatteten wir Strafanzeige gegen Täter*innen aus der organisierten Gruppierung, in der wir bis zum jungen Erwachsenenalter sexualisierte u.a. Gewalt erlebt haben. Zeitgleich beantragten wir auch Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz.

12 Jahre später hatten die Ermittlungen nichts ergeben, was für einen Gerichtsprozess gereicht hätte – das Verfahren wurde eingestellt und unsere Klage bzgl. des OEG wurde abgewiesen.

In dieser langen Verfahrenszeit waren wir unter anderem auch retraumatisierenden Begutachtungen und Befragungen ausgesetzt; mussten um Finanzierungshilfen für anwaltliche Begleitung u.a. kämpfen; waren wir zeitweise therapeutisch und medizinisch unterversorgt, usw.

Es gab keine ausreichenden Schutzeinrichtungen.

Eine öffentlich-rechtliche Namensänderung und ein Flucht-Umzug blieben nur wenige Wochen “geheim“- so lange, bis eine Amtsmitarbeiterin unsere neuen Daten einem Haupttäter am Telefon verriet.

Damals waren möglicherweise noch nicht so viel Wissen, Erfahrung und Bewusstsein bzgl. organisierter sexualisierter Gewalt bei Verantwortlichen vorhanden.

Heute liegen der Justiz, Politik, Psychotraumatologie, u.a. mehr Erkenntnisse vor, wodurch Opfern solcher Gewaltdelikte kompetenter geholfen werden könnte.

Trotzdem würde ich auch im Jahr 2023 Überlebenden organisierter oder ritueller/ritualisierter Gewalt immer noch nicht zu einer Strafanzeige oder einem OEG-Antrag raten.

Weil strukturelle Gewalt immer noch existiert.

Weil Täter*innen und ihre Lobby immer noch machtvoll agieren.

Weil die Erfolgsaussichten solcher Verfahren sehr gering und die “gesundheitsgefährdenden Risiken“ für die Betroffenen enorm hoch, bzw. sehr wahrscheinlich sind (und keine ausreichende therapeutische Versorgung währenddessen und danach gewährleistet ist!).

Es braucht einen strukturellen Wandel!

In diesem Sinne: Denkt daran, auch und besonders heute am “feministischen Kampftag“!

Du und wir und die Grenzen darin

Liebe*r Freund*in, Partner*in, Bekannte*r, Unterstützende*r, Herzmensch,

ich kenne Dich nicht, aber ich weiß, dass es Dich gibt. Du bist Eine*r von jenen Personen, die an der Seite eines Viele-Systems sind, mit ihm/ihr leben und/oder wohnen und/oder arbeiten. Jemand, der/die sich als an- oder zugehörig bezeichnet oder als „Helfer*in“. Oder auch anders.

Ich schreibe Dir, ohne Dich zu kennen, aber mit Erfahrungen und Vorstellungen aus dem eigenen Leben und eigenen Kontakten.

Ich möchte Dir etwas ganz Grundsätzliches sagen:

Deine Grenzen sind wichtig!

Vielleicht denkst Du, dass das doch eigentlich klar sein und gar nicht mehr betont werden müsste. Und vielleicht erlebst Du aber gleichzeitig, dass es sich immer wieder auch anders anfühlt. Theorie und Praxis können auseinanderdriften.

In jedem Kontakt zwischen Menschen sind Grenzen wichtig- egal, welche Hintergründe vorliegen. Es ist kein Alleinstellungsmerkmal einer Beziehung zwischen Vielen und sogenannten „Unos“, dass Grenzen Herausforderungen darstellen. Aber es kann ein besonderes Dauerthema sein, das Aufmerksamkeit und viel Kommunikation braucht- als ein Aspekt von „Leben mit Gewalttraumafolgen“.

Ich weiß nicht, welche Beziehungsform Euch beide/alle konkret verbindet; was es bedeutet, dass Du „an der Seite der Vielen bist“; wie Deine eigene Biographie aussah/aussieht; wie ihr miteinander kommuniziert und ob Du mit anderen vernetzt bist. Ich weiß nicht, ob es einen Arbeitsauftrag für Dich gibt; ob Du mit Deiner Begleitung Geld verdienst und inwiefern Du professionell ausgebildet bist. Natürlich macht es Unterschiede, ob Eure Beziehung privater oder beruflicher Natur ist. Möglicherweise sind Grenzen einfach dadurch schon genau definiert und klar, weil Deine Rolle therapeutisch, sozialarbeiterisch, o.a. ist. Eventuell erlebst Du darin aber auch eine Schwammigkeit oder etwas „Fließendes“ und bist manchmal unsicher- oder allein auf weiter Flur zwischen diversen Kolleg*innen, die es „anders machen würden“.

Ich möchte Dir hier einen Satz schreiben: Du hast das Recht, Dich im Kontakt, in Beziehung mit einem Vielesystem genervt, gestresst, verletzt, enttäuscht, erschöpft, mutlos, frustriert zu fühlen. Egal, wer Du bist und welche Position Du in der Beziehung hast: Du hast das Recht auf diese Empfindungen! Du bist wichtig in diesem Kontakt. Mit Deinen Grenzen und Bedürfnissen. Egal, ob Du Freund*in oder Therapeut*in bist.

Der Unterschied zwischen privaten und beruflichen Beziehungen liegt meiner Ansicht nach vor allem im Umgang mit etwas. Wenn sich ein*e professionelle*r Helfer*in so fühlt wie oben beschrieben, braucht es eine andere Art der inneren Auseinandersetzung und Konsequenz, als wenn es sich auf eine*n An-/Zugehörige*n bezieht. Und auch die Kommunikation darüber miteinander unterscheidet sich.

Eine Beziehung ist meiner Meinung nach trotzdem keine Einbahnstraße- auch nicht, wenn es eine therapeutische Beziehung ist. Beide/alle Beteiligten sind wichtig.

Ich habe darüber nachgedacht, was Dich beschäftigen, belasten und herausfordern könnte- und worüber Du vielleicht gar nicht so oft und offen sprechen kannst. Weil es kein Gegenüber gibt, dass Deine Erfahrungen nachvollziehen oder verstehen könnte, oder weil Du Hemmungen hast, Dich damit zu zeigen. Oder aus anderen Gründen.

Wie ist das für Dich, zu erleben, dass Du die Vielen nicht retten konntest und kannst? Wie fühlst Du Dich damit?

Wie ist das für Dich, wenn Du Rückschläge, Blockaden, Lähmungen, Selbstverletzungen miterlebst? Gestattest Du Dir Ungeduld, Verständnislosigkeit, Wut?

Wie ist das für Dich, wenn es im Zusammenhang mit der DIS Störungen im Alltag gibt; wenn zur falschen Zeit die „falschen/unpassenden Innenpersonen“ da sind? Wenn Pläne platzen, Vorhaben nicht umgesetzt werden können? Hast Du immer Mitgefühl und denkst „Sie können ja nichts dafür!“, oder erlaubst Du Dir eigene Enttäuschung, Frust und Ansprüche?

Wie ist das für Dich, wenn Du Innenkinder versorgst oder versorgen musst, weil keine erwachsene Person erreichbar ist? Wenn es Hilflosigkeitssituationen gibt, in denen Du dringend gebraucht wirst? Denkst, fühlst oder sagst Du manchmal „Ich kann jetzt nicht!“, oder „Ich habe gerade keine Lust!“?

Wie ist das für Dich, wenn in der Öffentlichkeit etwas passiert, das mit Kontrollverlust und „Auffälligkeit“ in Verbindung steht? Kennst Du so etwas wie „Fremdscham“ oder „Peinlichkeit“, oder bist Du davon distanziert?

Wie ist das für Dich, Sorge, Angst oder Panik um die Vielen zu fühlen? Wenn Deine Gedanken ständig bei ihnen sind? Wenn eine Krise die nächste ablöst, es gar nicht „besser“ oder „leichter“ zu werden scheint und der Adrenalinspiegel nie zur Ruhe kommen kann? Schaffst Du es, trotzdem noch gut zu schlafen, zu essen, zu entspannen, für Deine (Grund-)Bedürfnisse zu sorgen und zu lachen? Bist Du so nah dran, dass das nicht mehr geht?

Wie ist das für Dich, eine Beziehung zu einem Vielesystem zu haben und das eigentlich ganz normal zu finden- Deine anderen sozialen Kontakte sehen das aber nicht so? Wie ist das, sich „irgendwie alleine“ damit zu fühlen? Wie ist das, sich rechtfertigen zu müssen oder bemitleidet zu werden, weil die Beziehung von anderen als „Last“ angesehen wird?

Wie ist das für Dich, jemanden, der/die Viele ist, zu lieben, zu mögen, zu begleiten? Mit ihnen zu gehen durch Krisen, Probleme, Achterbahnfahrten, Glück, Freude- und zu spüren, wie viel Euch verbindet? Fühlen sich Grenzen zwischen Euch manchmal viel zu kompliziert oder sogar unnötig und anstrengend an? Hast Du Angst vor Verlust von etwas sehr Fragilem?

Ich schreibe Dir, weil ich an Dich denke. An Deine Identität:

Wer und was bist Du, außer „der/die an der Seite von Vielen“?

Wo fängst Du an und wo hörst Du auf?

Wie schön, dass es Dich gibt!

Viele freundliche Grüße von Einer von Vielen

Wir und Du und das Private darin

Vielleicht muss das einfach mal laut gesagt werden:

Systemstrukturen, -dynamiken und -beweggründe sind Privateigentum des jeweiligen Viele-Menschen.

Oder?!

Wer gerade vorne ist, warum wer was wann wie (nicht) kann/tut, wer in wessen Nähe ist, wer was nicht (mehr) weiß, wie was funktioniert- all das muss nicht mitgeteilt werden.

Auch nicht in einer intensiven zwischenmenschlichen (Arbeits-)Beziehung.

Wenn darüber kommuniziert werden kann und darf, stellt das eine besondere Nähe und Verletzbarkeit her, auf die zu keinem Zeitpunkt ein Anspruchsrecht “für immer und ewig“ besteht.

Wenn Dir ein Vielesystem erlaubt, einzelne Innenpersonen gezielt anzusprechen; wenn es verschiedene, personenabhängige Beziehungen geben darf; wenn die Vielen sich jeweils auf den Kontakt zu Dir einlassen und Dir ermöglichen, einen Einblick zu bekommen- dann sind das Ausdrücke des Vertrauens und der Hoffnung, dass Du achtsam und bewusst damit umgehen wirst.

Dir sollte klar sein, dass ein DIS-System nicht statisch, sondern dynamisch und beweglich ist.

Innenpersonen können sich auch charakterlich verändern, sich aus dem Alltagsgeschehen entfernen oder neu hinzukommen, plötzlich nicht mehr erreichbar sein, usw. Beziehungen zu Einzelnen können potentiell fragil sein, auch wenn Du sie eine Zeit lang sehr intensiv erlebt hast.

Bedeutet das, dass es gar keinen Sinn macht, überhaupt eine Beziehung zu einem DIS-System aufzubauen, weil ja nichts darin sicher zu sein scheint und darin immer auch ein Verlustrisiko enthalten ist?

Weil es so wirkt, als sei man als Freund*in, Partner*in, Unterstützende*r allen Vorgängen ohnmächtig ausgeliefert, weil man eh kein Anrecht auf irgendwas oder irgendwen hat?

NEIN!!!

Es bedeutet, dass umso mehr kommuniziert werden muss. Auf allen Ebenen. Und zwar ganz besonders über Grenzen, individuelle Bedürfnisse und Vorstellungen von “Beziehung und Bindung“.

Es bedeutet, dass Du als private*r und auch als berufliche*r Unterstützer*in mehr von Dir zeigen musst, als nur die Oberfläche.

Was ist mit Deinen verschiedenen Seiten und inneren Dynamiken?

Wie viel davon teilst Du mit?

Siehst Du, wie viel Mut das braucht?

Erkennst Du die Sache mit dem “Privateigentum“ auch bei Dir selbst wieder- und die Herausforderung darin?!