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DIS und Arbeit/Beruf/Ausbildung- „Outing“ ja oder nein?

„Wie seid ihr bzgl. der DIS im Bereich Ausbildung, Studium, Beruf etc. umgegangen bzw. wie geht ihr damit um?

Falls ihr eine Ausbildung macht/ gemacht habt, studiert/ studiert habt oder arbeitet, habt ihr die DIS in diesen Bereichen offen gemacht (z.B. gegenüber Arbeitgeber*in, Kolleg*innen)?

Wie haben die Personen die DIS aufgenommen? Oder wenn ihr nicht über die DIS erzählt habt, was sprach aus eurer Sicht dagegen?

Diese Fragen wurden hier gestellt und wir mögen gerne darauf antworten- und freuen uns auch, wenn noch andere dazu etwas schreiben möchten (in den Kommentaren).

Wir haben nach der Schule ein Sozialpädagogik-Studium begonnen und fast zeitgleich dazu die DIS-Diagnose während eines Klinikaufenthaltes erhalten. Für uns war damals klar, dass wir über uns, unsere Biographie und diverse Traumafolgesymptome im Studiumskontext nicht offen sprechen wollten. Es gab zwei, drei Freundinnen in unserem Umfeld und unsere Therapeutin, die von der DIS wussten- mehr nicht. Die ganze „Komplextrauma-Thematik“ war für uns so privat, so verletzbar, dass wir viel versteckt, überspielt, irgendwie kompensiert haben, um sie unbedingt aus unseren sozialen Kontakten herauszuhalten. Wir hatten Angst vor Ablehnung, Stigmatisierung, „Entdeckt-Werden“, Schutzlosigkeit- und im Zusammenhang mit unserem Studienbereich der Sozialpädagogik auch große Sorgen vor „Disqualifizierung“ und Stigmatisierung.

Während des Studiums und danach haben wir immer wieder auch in verschiedenen Jobs im sozialen Bereich gearbeitet, z.B. im Frauenhaus, in einer Erziehungsberatungsstelle, in einem Mädchentreff, in einem Mutter-Kind-Treff, im Sozialdienst eines Altenheims, in der Kinderbetreuung, usw. Und wir haben uns in den ganzen Jahren dort nur ein einziges Mal als Viele geoutet: Bei unserer Chefin im Mutter-Kind-Treff. Und zwar erst nach unserer Kündigung dort. Wir hatten gekündigt, weil wir uns und unseren Fähigkeiten nicht vertrauten, weil wir Angst hatten, Fehler zu machen- es war sozusagen eine „prophylaktische Kündigung“. Das hatte die Chefin gar nicht nachvollziehen können, denn sie war mit unserer Arbeit zufrieden und sah gar keine Schwierigkeiten (weder bei uns persönlich, noch bei unserer fachlichen Qualifikation)- sie war ganz irritiert, dass wir aufhören wollten und fragte intensiv nach den Gründen. Das war dann das erste Mal, dass wir über die DIS, bzw. unsere Komplextraumatisierung, im beruflichen Zusammenhang sprachen- nicht, weil wir mussten oder es einen Erklärungsdruck gab, sondern weil wir die Chefin mochten und gerne wollten, dass sie uns besser versteht. Die Chefin fiel aus allen Wolken, weil sie „nie was bei uns bemerkt hatte“. Sie sagte dann noch mit einem Lächeln: „Mensch, die DIS ist doch kein Grund zur Kündigung- ich würde nur gerne wissen wollen, wer hier eigentlich arbeitet und wer wofür zuständig ist.“ Das war sehr berührend für uns- aber wir sind trotzdem bei der Kündigung geblieben.

Im sozialen Bereich offen als Viele zu arbeiten, ist für uns auch heute noch (fast) unvorstellbar. Wir sind ja nicht mehr als Sozialpädagogin tätig, sondern machen die Peer- und Angehörigenarbeit im Bereich DIS. Und da ist ja von Anfang an klar gewesen, dass wir selbst betroffen sind- logisch, beim peer-to-peer-Konzept.

Wären wir jedoch als Sozialpädagogin irgendwo angestellt, würden wir uns ziemlich sicher nicht „outen“. Warum auch? Natürlich kann es sich ergeben, dass ein so persönliches, vertrautes Arbeitsverhältnis entsteht, dass eben auch solche Themen besprochen werden können. Oder es gibt einen „besonderen Bedarf“ bei den Arbeitsbedingungen, zum Beispiel im Zusammenhang mit einer anerkannten Schwerbehinderung, o.a.- dann kann es nötig, wichtig oder gut sein, über die DIS zu sprechen.

Wir bekommen jedoch immer noch und immer wieder bzgl. der DIS diverse Vorurteile mit, gerade auch im sozialen Bereich. Die Bilder/Mythen in den Köpfen vieler Menschen, was eine DIS ist, wie sie sich zeigt, was dahintersteckt, was zu befürchten sein könnte, usw., sind zum Teil dermaßen schräg und diskriminierend, dass ein Outing als Viele z.B. für Sozialarbeiter*innen, Erzieher*innen, Psycholog*innen, Therapeut*innen, Lehrer*innen o.a. ganz massive negative Konsequenzen haben kann.

Das bezieht sich natürlich auch auf andere psychische Erkrankungen, deren Offenlegung z.B. zu Jobverlust, Degradierung, Aberkennung von Qualifikation, u.a. führen kann. Bei Komplextrauma und Dissoziativer Identitätsstruktur scheint aber auch eine besondere Angst vor „Gefährdung“ mitzuschwingen: „Kann man einem Viele-Menschen trauen? Ist er zuverlässig und vertrauenswürdig in der Betreuung von Kindern/vulnerablen Gruppen? Kann man sich wirklich sicher sein…?“ Diese spezielle Angst haben wir schon häufiger gehört, erfahren, erlebt im Kontakt mit Mitarbeiter*innen sozialer Institutionen oder anderweitig im sozialen Bereich Tätigen/Verantwortlichen- und neben aller begründeter Vorsicht, die man eben generell (!) Menschen gegenüber haben sollte, wenn man ihnen jemanden oder etwas anvertraut (!), ist da einfach eine heftige Diskriminierung für uns bzgl. der DIS spürbar.

Wenn jemand alle fachlichen Voraussetzungen erfüllt, vielleicht sogar noch umfangreicher ausgebildet ist, als andere Mitbewerber*innen/Kolleg*innen, aber trotzdem doppelt und dreifach beweisen muss, was er/sie kann und dass er/sie keine „Gefahr“ darstellt, dann ist das Diskriminierung.

Und die würden wir immer noch und weiterhin im „sozialen Bereich“ befürchten, leider. Deshalb gilt für uns: Vorsicht beim Outing.

Uns interessiert sehr, wie andere Viele das für sich handhaben und sehen, egal, in welchem Arbeitsfeld sie tätig sind.

Vielleicht mögt Ihr ja hier erzählen…

4 Kommentare

  1. Wir arbeiten, auf 520€ Basis, im Einzelhandel. Hier kommt ein Outing so gar nicht in Frage. Die Kolleg_innen verstehen schon Depression nicht und spielen es als ,,jede_r ist doch mal traurig“ herunter oder deklarieren es als Faulheit… Deshalb hab ich einfach nicht das Gefühl dass es eine gute Idee wäre 🥴

  2. Hallo liebe Paula,

    wir schätzen das ähnlich ein, wie Ihr, weshalb ein outing für uns im beruflichen Bereich auf keinen Fall infrage kommt.
    Wir sind aber auch im privaten sehr zurückhaltend mit unserer Diagnose – es wissen im direkten privaten Umfeld nicht mal eine Handvoll Menschen davon.
    Bei uns kommt ja noch das Stigma der Körperbehinderung dazu, weswegen wir uns ohnehin immer extra beweisen müssen, dass wir fachlich ebensoviel leisten können, wie nichtbehinderte Kolleg*innen.

    LG
    Sanne

    1. Hallo Sanne, danke für Eure Rückmeldung. Traurig und auch „zum Wüten“, dass Euch Stigma begegnen, auf verschiedenen Ebenen. Wenn man selbst eh nicht das Bedürfnis hat, sich als Viele zu outen, kann man vielleicht eher damit leben (muss ja). Wenn man sich aber eigentlich gerne mitteilen würde, es aber aus Angst und Druck und Selbstschutz nicht kann/darf, eben weil die „Umstände“ dagegen sprechen, ist das besonders hart auszuhalten.
      Schlimm, dass Euch die „Disqualifizierung“ auch bzgl. der Körperbehinderung begegnet. Ich wünschte, die Zeiten wären endlich vorbei.
      Liebe Grüße!

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