Kontaktpunkte

Die Freiheit, sich (weiter) zu entwickeln

1999:

Wir besitzen kein Handy, nutzen noch Faxgeräte und das „Internet“ ist ein Fremdwort für uns. Wir studieren an einer Fachhochschule Sozialpädagogik, lesen dafür Bücher aus Bibliotheken und verwenden Overhead-Projektoren bei Referaten.

Wir bilden uns über das, was in Deutschland an Literatur verfügbar ist.

Während eines Klinikaufenthaltes erhalten wir die Diagnosen „posttraumatische Belastungsstörung“ und „multiple Persönlichkeitsstörung“.

Und dann?

Damals wurden wir mit diesen beiden Diagnosen und dem Angebot, in einem Jahr wiederkommen zu können, aus der Klinik nach Hause (d.h. in unsere Studentenbude) entlassen. Glücklicherweise hatten wir eine ambulante Psychotherapeutin, die mit uns zusammen darauf schauen konnte, was wir jetzt mit den Infos anfangen würden, bzw. was das konkret für unser Leben, unseren Alltag bedeutete. Für sie waren die Diagnosen keine Überraschung, sie hatte bereits die Vermutung gehabt, als wir in die Klinik gingen. Für uns war vor allem die Begrifflichkeit des „Multipel-Seins“ zum Einen ein großer Schreck, zum Anderen eine große Erleichterung. Manche von uns hatten schon länger ein Bewusstsein dafür, dass wir Viele sind; andere von uns waren für dieses Wissen (inklusive der Hintergründe) amnestisch und innerlich abgeschirmt.

Die Symptome, wegen derer wir überhaupt in die Klinik gegangen waren, konnten wir schon seit unserer Jugend als Traumafolgeerleben rahmen. Dass wir familiäre, sexualisierte Gewalt erlebt hatten, war klar. Welches Ausmaß und welchen weiteren Kontext sie hatte, konnten wir erst nach und nach erinnern und verstehen. Dieser Erkenntnisprozess war sehr schmerzhaft, beängstigend, verwirrend, belastend, oft überfordernd- und er war absolut nötig, um uns langfristig in Sicherheit bringen zu können. Hätten wir damals keine Unterstützung gehabt, wäre dieser innere Prozess vermutlich abgebrochen (oder gar nicht erst in Gang gekommen)- mit der Konsequenz, dass wir in Gewaltstrukturen geblieben wären, die wir gleichzeitig dissoziierten.

Ein Jahr nach dem ersten Klinikaufenthalt schloss sich ein zweiter an, als sogenannte Intervallbehandlung. Unsere Symptomatik hatte sich in den 12 Monaten verändert: Wir hatten mehr dissoziatives Erleben, mehr Chaos, mehr Flashbacks, mehr Leid und Stress in unserem Alltag- und gleichzeitig mehr Klarheit. Unsere ambulante Psychotherapeutin begleitete uns durch diverse große und mittelgroße Krisen und nebenbei hangelten wir uns durch´s Studium. Wir lernten uns innerlich besser kennen, es wurde sicht- und spürbar, wie wir strukturiert sind- und das lief nicht fein säuberlich, gesittet und sortiert ab, sondern durcheinander, brüchig und dramatisch. DASS wir Viele sind, war nicht die Frage- sondern WIE wir Viele sind und WARUM- darum ging es. Wir bekamen erstmals überhaupt eine Wahrnehmung dazu, wie viel Leidensdruck in uns, in diesem einen Körper, vorhanden ist und arbeiteten daran, herauszufinden, woher er kommt und wie man ihn reduzieren könnte.

Fachliteratur und Selbsthilfeliteratur gab es damals auch schon- und natürlich schauten wir (und auch unsere ambulante Therapeutin), ob wir etwas Nützliches für uns finden konnten. Wir hatten den Wunsch, uns zu verstehen, bzw. verstanden zu werden und wir brauchten dringend Hoffnung: Wie kann man (trotzdem) weiterleben? Sind wir die Einzigen, denen es „so“ geht?

Der zweite Klinikaufenthalt endete mit noch mehr Chaos, als der erste: Wir hatten begriffen und innerhalb unseres Systems kommuniziert, dass die Gewalt noch nicht vorbei war. Was für eine katastrophale und gleichzeitig lebenswichtige Erkenntnis!

2000-2002:

Was ist das, was wir da erinnern? Wie können wir beschreiben, was wir erlebt haben? Wir brauchen Hilfe und wir haben Angst, dass man uns nicht glaubt. Wir schwanken zwischen „hinschauen wollen und müssen“ und „auf keinen Fall erkennen dürfen“.

Unsere Erinnerungen sind fragmentiert. Manche innere Bilder verändern sich im Laufe der Zeit, manche Details passen nicht zusammen, Vieles ist unklar. Aber die Basis bleibt: Die Gewalt hat einen größeren Rahmen, sie ist organisiert.

Einzelne Aspekte bekommen eine besondere Bedeutung: Da war etwas mit „satanistischem“ Bezug. Da war etwas, zu dem das Wort „Kult“ passen könnte.

Wir ringen nach Worten.

Wir schauen, wo und wie andere Menschen Worte finden. Manches kommt uns bekannt vor und wir sind froh, dass wir Begriffe übernehmen können und uns so besser ausdrücken zu können. Manches passt für uns nicht- und nicht alles davon können wir sofort zur Seite schieben. Manches braucht auch Zeit, um innerlich hin und her bewegt, überprüft und dann wieder von sich distanziert zu werden.

Und jetzt?

Heute heißt es nicht mehr „multiple Persönlichkeitsstörung“, sondern „Dissoziative Identitätsstruktur“. In den letzten Jahrzehnten hat sich so viel im Bereich der Traumaforschung entwickelt, es gibt neue Erkenntnisse, neue Erfahrungen und Behandlungsansätze. Alte Überzeugungen wurden zum Teil revidiert, angepasst, ergänzt.

Fach- und Selbsthilfepublikationen gibt’s inzwischen auf verschiedenen Kanälen, nicht mehr nur auf Papier. Betroffene organisieren und äußern sich selbstvertretend.

Wie gut, dass Bewegung und Veränderung stattfinden!

Wir nutzen inzwischen andere Beschreibungen als früher für das, was wir erlebt haben und erleben. Das ist das Ergebnis jahrzehntelanger innerer Arbeit und Reflexion- und hat sehr viel Mut, Kraft und Durchhaltevermögen gebraucht. Zum Beispiel bezeichnen wir unsere Gewalterfahrungen nicht mehr als „rituell“, sondern vorwiegend als „organisiert sexualisiert“ und den Täter*innenkreis nicht mehr als „Kult“, sondern als „Gruppierung“.

Das Erinnerungsmaterial, was uns heute zur Verfügung steht, ist sortierter, umfangreicher, nachvollziehbarer, als jene Bruchstücke von vor 26 Jahren. Das, was wir damals zum Beispiel in einen „satanistischen“ Kontext brachten, können wir heute differenzierter betrachten: Täter*innen haben ritualisierte Abläufe genutzt, besondere Effekte entstehen lassen, bewusst getäuscht und verwirrt- und nicht zuletzt auch mit besonders ausgestatteten „Kulissen“ einen bestimmten Kund*innenstamm bedient.

„Rituelle Gewalt“ ist inzwischen ein Begriff, an dem sich wortwörtlich die Geister scheiden. Wie viel Energie an verschiedenen Stellen immer noch und immer wieder dafür verwendet wird, hier die Grundsatzfrage der Glaubhaftigkeit von Betroffenenberichten durchzukauen, bzw. die Existenz grundsätzlich anzuzweifeln, statt den Fokus auf eine Weiterentwicklung zu richten, wundert und frustriert uns.

Hätten wir uns in unserem eigenen Prozess derart gesperrt, uns Änderungen in unseren Haltungen oder Einschätzungen versagt, uns darauf festgenagelt, dass „wer A sagt, nicht in zehn, zwanzig Jahren B sagen darf“- dann wären wir schlicht und einfach verreckt. Vielleicht ganz real körperlich, vielleicht auch auf der psychischen, emotionalen Ebene. Es gäbe uns jedenfalls heute sicher nicht so, wie wir jetzt sind.

Wer hätte davon etwas gehabt?

Die Freiheit

Es ist so spannend, was und wer einem auf dem Weg begegnet. Innerlich und äußerlich. Da sind Menschen, mit denen man in Resonanz gehen kann; mit denen man auf einer Wellenlänge ist, vielleicht kurz, vielleicht auch länger; mit denen man streitet und diskutiert; an denen man sich reibt oder auch eine Weile abarbeitet, bis man loslassen kann. Da sind Theorien, die eine Zeit lang passen und sich dann widerlegen lassen. Da sind Erfahrungen, die etwas in einem „zurechtruckeln“. Da sind diverse Blicke in den Spiegel, die mehr oder weniger weh tun, trösten, versöhnen, irritieren, spalten, verbinden.

All das kann man nur erleben, wenn man sich die Freiheit dafür gestattet und nimmt.

Wenn man bleibt, wo und wie man ist – weil man (vermeintlich?) muss oder nicht anders kann, oder weil es irgendwie so schön bequem ist- dann bleibt man „auf der Strecke“.

Die Freiheit, sich bewegen und entwickeln zu können und zu dürfen, müssen sich Gewaltbetroffene (egal, aus welchem Kontext) innerlich und äußerlich hart erkämpfen.

Helfer*innen, die es vielleicht leichter damit haben, weil sie mit einer anderen Basis, anderen Privilegien ausgestattet sind, können viel dazu beitragen, dass Betroffene eben diese Bewegungs- und Entwicklungsmöglichkeiten wahrnehmen können.

Fachleute oder auch Medienvertreter*innen, die über einen gewissen Status verfügen, ggf. auch eine besondere Reichweite haben, gehört und gelesen werden (aber auch jene, die noch nicht so etabliert sind), könnten und sollten dies auch für entsprechende öffentliche Statements nutzen:

Wie ist der aktuelle Stand der Dinge in der Traumaforschung?

Welche Begrifflichkeiten wurden/werden weshalb angepasst?

Wie steht man zu Veröffentlichungen und einzelnen Inhalten von vor 20, 30 Jahren- und warum sieht man heute ggf. etwas anders?

Welche Erkenntnisse wurden wodurch gewonnen?

Welche Zukunftspläne und Möglichkeiten, Betroffenen zu helfen, existieren- und was (wer) steht dem ggf. noch im Weg?

Und so weiter, und so fort.

Wir wünschen uns sehr, dass „es“ weiter-gehen darf.

Die Freiheit darf nicht unter dem Mantel der Gewohnheit ersticken.

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