Von Emanzipation und Held*innen, die scheitern dürfen

Aufgabenverteilung in einem Viele-System ist so eine Sache: Wer warum wann wofür „zuständig“ geworden ist und wie lange das so bleibt und ob die Lage „hält“, ist oft nicht klar zu beantworten. Das, was früher funktionierte (= lebenserhaltend und/oder lebenserleichternd war), kann heute große Schwierigkeiten im Innen und Außen bedeuten. Und die Ideen, Erklärungen und Haltungen, die sich zu einer bestimmten Zeit als „innersystemisch logisch“ dargestellt haben, können sich im weiteren Verlauf als unpassend oder auch „schädlich“ zeigen.

„Wer sind wir und warum?“ ist die Frage, die uns gerade zu Beginn unserer inneren Auseinandersetzung mit struktureller Dissoziation besonders beschäftigte. Es ging darum, Wahrnehmung zu schaffen, in Kontakt zu kommen mit dem, was/wer da „innen ist“ und zu verstehen, wie wir „ticken“ und weshalb. Ein inneres Kennenlernen hat sich über viele Jahre gezogen (hört es jemals auf?)- und zwar sowohl zwischen den einzelnen Innenpersonen als auch jede Innenperson für/mit sich selbst: Wer/Wie bin ich in diesem „Wir“?

Damals hatten wir kaum Möglichkeiten, uns mit anderen Vielen zu identifizieren. In unserem Umkreis existierten keine DIS-Selbsthilfegruppen, Internet stand noch in den Startlöchern, deutschsprachige, themenbezogene Literatur gab´s (gefühlt?) nur eine Handvoll. Es dauerte, bis wir schließlich Selbsthilfezeitungen entdeckten und es dauerte noch länger, bis wir zum ersten Mal ein Online-Forum von Betroffenen besuchten.

Heute sieht die Situation durch Internet und vor allem social media sehr anders aus: Wer was zu DIS sucht, wird schnell fündig. Das hat positive und negative Aspekte. Selbstrepräsentanz von Betroffenen ist selbstverständlicher geworden- was glücklicherweise auch dazu führt, dass die Definitionsmacht in Teilen zurückerobert wird. Bedauerlicherweise werden in dem Zusammenhang aber auch Mythen und Darstellungen verbreitet, die mindestens kontraproduktiv, oft auch falsch und im schlimmsten Fall zerstörerisch sind – und zwar sowohl innerhalb einer „Betroffenencommunity“, als auch in der „Fachwelt“ und in „Hilfesystemen“.

Wenn mensch auf der Suche ist, sich selbst (noch) nicht versteht, sich selbst fremd ist, sich einsam fühlt, Verbindung ersehnt- dann ist das eine sehr vulnerable Verfassung. Es kann leicht passieren, dass man sich dann mit Bildern identifiziert oder Kontakte herstellt, die auf den ersten Blick „passend“ erscheinen, letztlich aber doch nicht wirklich stimmig sind. Auch in Therapien und anderen „Unterstützungskonstellationen“ werden manchmal „Mäntel“ angeboten, in die man zunächst leicht hineinschlüpfen kann, aus denen man später aber nur schwer und schmerzhaft wieder herausfindet, wenn man bemerkt hat, dass es irgendwo „hakt“.

Herauszufinden, wer und wie man „ist“, ist auch mit einem Akt der Emanzipation verbunden. Es kann (zeitweise) sehr wichtig sein, sich im Kontext der DIS innerlich deutlich zu unterscheiden, Eigenheiten der verschiedenen Innenpersonen bewusst anzuerkennen und die Vielfalt nicht nur zu respektieren, sondern auch zu ehren oder zu feiern: Wir sind da, wir sind echt, wir sind eigenständige Persönlichkeiten- und niemand hat das Recht, uns das abzusprechen. Manchmal braucht das Expansion, ein Ausleben nach außen, ein Gesehenwerden. Manche nutzen dafür social media.

Wir haben für uns im Laufe der Jahre gemerkt, dass es uns nicht mehr so ein Anliegen ist, permanent eine „DIS-pride-flag“ zu hissen. Es ist weniger wichtig geworden, unsere Unterschiede festzuhalten. Es ist okay geworden, dass wir uns stellenweise ähneln, dass es Überschneidungen gibt und wir uns selbst manchmal nicht einzeln identifizieren können. Viele Jahre traumatherapeutische Arbeit haben auch dazu geführt, dass sich dissoziative Barrieren an manchen Punkten aufgelöst oder gelockert haben. Gleichzeitig ist da aber auch noch mehr: Trauer darüber, nicht erkannt zu werden; Angst davor, entdeckt zu werden; Sehnsucht nach Verständnis; Panik vor Verbindung; Einsamkeit innerhalb des Systems; unüberwindbar erscheinende Grenzen; Wut auf innere Hierarchien; Erschöpfung durch Anpassung, usw. Manchmal wünschen wir uns das „bunte Chaos“ des Anfangs zurück, ohne die Dramatik darin.

Wie Viele-Systeme innerlich strukturiert sind, ist logischerweise total verschieden. Es gibt kein Schema F und es gibt keine feste Statik. Wie viele Innenpersonen existieren, wie fragmentiert sie sind, welche Altersstufen und Geschlechter vorhanden sind, ist genauso unterschiedlich wie die Verteilung und Priorisierung von Aufgaben. Was ist im Leben wichtig, was braucht besondere Aufmerksamkeit, wie viel Kraft ist wofür vorhanden- das ändert sich ja auch im Laufe der Zeit. Dort, wo es früher ggf. um Leben und Tod und gute Schulnoten gegangen ist, haben z.B. innere „Beschützer*innen“ sich wahrscheinlich anders „selbst definiert“ und anders gehandelt, als sie es heute tun, wo der Fokus vielleicht auf soziale Interaktionen, Beruf oder Partner*innenschaft liegt. Ob und wie sich Innenpersonen weiterentwickeln, hängt unserer Erfahrung nach maßgeblich mit der Teilhabe am gemeinsamen Leben (innen und außen), der Wahrnehmung von Perspektiven und Sinnhaftigkeit und der Möglichkeit zu neuen, positiven Beziehungserfahrungen zusammen.

In unserem Erleben und Verständnis der DIS sind Innpersonen mehrdimensional. Sie sind nicht „immer so“ und „nie so“. Sie sind nicht personifizierte Gefühle. Und sie leben in einem menschlichen Organismus mit einem gemeinsamen Gehirn, das geprägt ist von Gewalttraumatisierungen. Sie gehören zu einem Körper, in dem Hormone, Stoffwechsel, Zellerneuerung, Krankheit, Temperatur, Hunger, Durst, Schlaf, usw. passieren und sie somit selbstverständlich in ihrem Sein beeinflussen. Wir können uns nicht mit medialen Darstellungen von Innenpersonen anfreunden (oder gar identifizieren), in denen alles klischeehaft immer „gleich“ oder „typisch“ aussieht und klingt.

Vielesein findet nicht immer mit wehenden Fahnen statt. Gewaltüberlebende sind aufgrund ihrer Erfahrungen weder Held*innen, noch lebenslang Opfer. Alles, was solche Polaritäten bedient, schadet den Betroffenen. Und, by the way: Alles, was Sichtbarkeit und Selbstermächtigung verbieten will oder daran Glaubhaftigkeitsdiskussionen inszeniert, ebenfalls.

Wie verhalten sich „Innenkinder“? Wie gucken „Beschützer*innen“? Was können „Alltagspersonen“? Wie hört sich ein „täterloyaler Anteil“ an? Wie kleidet sich ein*e „Innenjugendliche*r“? Was davon begegnet einem immer wieder auf social media (oder anderswo) und ist zu einem (mehr oder weniger ausgesprochenen) „Echtheitsmerkmal“ geworden? Was, wenn ich mich anders fühle, anders bin, anders sein möchte, andere Ziele habe?

Besonders „schwierig“ fühlt es sich für uns an, wenn uns bestimmte Vorstellungen oder Erwartungen zu „inneren Beschützer*innen“ begegnen (egal, wo! Auch in uns selbst!): Als müssten sie quasi unbesiegbare, steinharte, heldenhafte Retter*innen in jeder Not sein; unbeeindruckt von allem, auf Knopfdruck im Kampfmodus, schlau, weise und natürlich endlos cool oder chronisch aggro. Mit unerschütterlichem, klarem Blick auf die Dinge oder impulsiver Wutenenergie; erwachsen, groß und wortgewandt oder auch beeindruckend schweigend. Schutz als ultimative „Aufgabe seit Geburt“; etabliert und jenseits aller Traumaeindrücke abgesichert.

Was passiert denn mit so einer „Beschützer*innenperson“, wenn sie ganz zwangsläufig „versagt“?

Manchmal wird vergessen (auch von uns), dass Beschützer*innen in einem traumatisierten Körper leben. Alle (!) sind Teil eines komplex traumatisierten Gehirns, eines gewaltgeschädigten Organismus. Insofern ist die überhöhte (Selbst-)Darstellung (oder Vorstellung) von Beschützerpersönlichkeiten für uns auch ein DIS-Mythos (von diversen), der besonders stark schadet.

Manchmal sieht unser Selbstschutz von außen so aus, als würden wir mit gezückter Machete angriffsbereit vor einer Maus stehen. Und manchmal schaffen wir es nicht, alltägliche Kontakte zu unterbinden, die uns schon länger mehr schaden als stärken.Wir kennen übergriffige Situationen aus unserem Erwachsenenalltag, in denen wir erstarrt oder sonstwie „handlungsgehemmt“ reagieren, statt eine*n Beschützer*in aus dem Hut zaubern zu können, der oder die zeigt, wo der Hammer hängt. Wir kennen es, keinen Zugriff auf Selbstschutz, Abgrenzungsfähigkeit, Selbstversorgung, Eigenverantwortung zu haben- und zwar sowohl in eher „leichteren“, als auch in komplexen oder gefährlichen Momenten. Wenn wir uns daran orientieren würden, wie kollektive oder subjektive Beschützer*innen-Vorstellungen manchmal aussehen, könnten wir vor lauter Versagens-Scham und Selbsthass einpacken.

Letztlich sind alle Innenpersonen Beschützer*innen. Weil eine Dissoziative Identitätsstruktur ein Schutz- und Anpassungsmechanismus ist. Wie oft geben Innenkinder ultimative Impulse aus dem Off, die dazu führen, dass es für das Gesamtsystem mehr Sicherheit gibt. Wie oft sorgen alltagsverbundene Innenpersonen mit einer deeskalierenden Kommunikation für eine Konfliktklärung. Wie oft kommt genau zur richtigen Zeit entwaffnender Humor. Oder stiller Rückzug. Oder einfach abwarten und nur weiteratmen. Wie oft tut unser gewaltgeprägter Organismus immer noch das, was schon so oft logisch war und nicht mit der Brechstange ausgehebelt werden kann und muss, weil es immer noch auch irgendwie hilft?

Wir können uns weder besonders gut, noch besonders schlecht wehren, nur weil wir schon viele Übergriffe erlebt haben. Und wir können uns genausowenig sicher sein, unsere individuellen und kollektiven Fähigkeiten situationsgerecht abrufen zu können („auf Knopfdruck switchen“), nur weil wir uns schon seit mehr als zwei Jahrzehnten mit unserem Vielesein bewusst auseinandersetzen! Manches lässt sich üben, umlernen, neu prägen (wie gut!)- anderes bleibt unkalkulierbar und dynamisch. So isses.

„Wer sind wir und warum?“ war die Frage „am Anfang“.

„Wie wollen wir in unserem Leben sein?“ fragen wir uns heute.

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