Mütter* und Tage

Ein Frauenpaar ohne Kinder und ohne Karriere ist ihnen suspekt. Was fängt man denn dann mit dem Leben an, wenn man weder erzieht, noch versorgt, noch Geld erwirtschaftet- wenn man offenbar so viel freie Zeit zur Verfügung hat und nicht mal ein Wohnmobil?!

Sie haben keine Ahnung von unserer Biographie, unseren Beeinträchtigungen, unseren Kämpfen und unserem Schmerz. Sie gucken angesäuert, wenn man ihnen keinen „frohen Muttertag“ wünscht, schließlich kann man das doch mal machen, als Nachbarin- und ja, auch wenn die Kinder schon jenseits der 30 oder 40 sind.

In jedem Kontakt mit ihnen spüren wir ihre Abneigung, ihren Missmut, ihre Skepsis, ihren Neid:

Auf unsere „Freiheit“, die sie zu erkennen meinen…

Jene persönliche Freiheit, die man sich einfach nimmt, ohne das zu tun, was eigentlich erwartet wird. Was alle machen. Was in der Natur der Sache liegt. Was eine Gesellschaft (angeblich) zusammenhält.

Sie sind Frauen* zwischen 50 und 85 in unserem Wohnumfeld. Menschen, die uns immer wieder große Abgrenzungsleistungen abverlangen.

Wir müssen lügen und Fakten verschweigen, um uns zu schützen. Weil sie die Wahrheit nichts angeht.

Trotzdem würden wir ihnen manchmal gerne die harten Realitäten entgegenbrüllen.

Dann könnte es sein, dass sie ihre Geschichten zurückbrüllen.

Und wollen wir die wirklich wissen?

Mütter* mit Kindern. Lebendigen, ungeborenen, behinderten, verstorbenen, getöteten, verschwundenen, verlorenen, vergessenen.

Frauen* ohne Kinder, gewollt und ungewollt, aus Gründen, mit Biographie.

Menschen ohne Blumen und Pralinen.

So wie wir.

2 Kommentare zu „Mütter* und Tage

  1. Danke für diesen Text. Die Spannung zwischen (vermeintlichem?) bewertet werden, sich rechtfertigen Wollen um des „Gesehenwerdens Willens“ und gleichzeitig sich Schützen vor Verurteilung und Enttäuschung ist hier auch riesen Thema. Ich merke, ich kann heute nur schwer formulieren, wollte aber etwas schreiben.

    Ich sende euch viel Kraft und kurze oder lange Momente, in denen ihr euch selbst begegnet und spürt, berührt werden dürft egal von was. Auch von der Traurigkeit, dem Schmerz. Und dem Leben. Und alles was dazu gehört. Für euch. Nicht für andere.

  2. Ehrlich, bei sowas kommt mir die Galle hoch, wo sind wir denn? Menschen, insbesondere Frauen, die in ihrer Wertigkeit als Mensch daran gemessen werden, ob und wieviele Kinder sie geboren und erzogen haben oder welchen Nutzen sie ansonsten in dieser Gesellschaft haben? Echt jetzt???
    Möglicherweise hätten wir gerne Kinder gehabt, aber nicht, weil das so erwartet wird oder so zu sein hat. Wir haben keine eigenen. Punkt. Und wir scheißen auf Blumen und Pralinen… und das braucht keine Rechtfertigung

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