in Verbundenheit sein

Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Der Blog liegt recht ruhig inmitten der hochschlagenden Wogen des Internets. Manche unserer Texte der letzten Jahre sind hier stabil eingebettet, werden immer mal wieder aufgerufen und manchmal sogar noch kommentiert. Neuen „content“ produzieren wir nicht in der Schlagkraft, wie es z.B. auf social media üblich ist. Es fühlt sich ein bisschen an wie mit unserem Buch, das eben Bestand hat, aber gleichzeitig auch in Vergessenheit gerät, weil wir es nicht permanent in die Sichtbarkeit pushen. Wir halten beim digitalen Tempo nicht mit. Völlig okay.

Schon seit Tagen kaue ich an Worten herum, die ich gerade hierlassen will. Ich möchte einen ermutigenden Text schreiben, für jene, die derzeit besonders kämpfen oder jene, die das nicht (mehr) können. Ich möchte eine virtuelle Umarmung versprachlichen. Es ist nichts Neues, dass viele Betroffene mit verschiedenen Daten im Jahr besondere Schwierigkeiten haben- und zwar nicht nur jene, die organisierte Gewalt in religiösen, spirituellen, faschistischen o.a. Kontexten erlebt haben. „Feiertage“ können alte Bindungen reaktivieren und familiäre Verstrickungen besonders riskant werden lassen- auch wenn es keinen „rituellen“ Zusammenhang gibt/gab.

Aber ich weiß nicht, wo und wie ich anfangen soll. Es passiert so viel in der Welt, in einem so hohen Tempo und mit so dramatischen Auswirkungen auch auf Überlebende (organisierter) sexualisierter Gewalt, dass ich ratlos vor der Tastatur sitze und denke: „Es sagen doch schon so Viele so viel. Es ist doch überall schon so laut. Es geht um Wut und Empörung und Fassungslosigkeit, um Kraft und Konsequenzen und Verantwortung und Kampf. Mir ist vielmehr nach Schweigen.“

Und dann merke ich, dass ich schon angefangen habe.

Verbundenheit zeigt sich oft besonders auch in der Stille. Im Dasein und Präsentbleiben. In den Momenten, in denen eine Hand gereicht wird, eine wortlose Umarmung stattfindet oder Tränen laufen dürfen. Es ist die gemeinsame Tasse Tee oder die Cola, der kurze Spaziergang, die Postkarte, das gedachte, gemalte, gestreichelte „Ich denk an dich!“ oder „Ich spüre, dass es gerade schwer für dich ist“.

Ich weiß genau, dass man in schweren Zeiten häufig auch alleine ist. Dass man nicht nur zu wenig professionelle Hilfe erhält, sondern auch im privaten Umfeld oft kein „soziales Netz“ hat, wie man es sich vielleicht wünschen würde oder es gut wäre. Betroffene sind meist Expert*innen darin, sich alleine durch Krisenzeiten zu bewegen. Verbundenheit im Außen ist dann manchmal leider kein Thema- aber eben speziell Verbundenheit im Innern. Und auch da können einerseits kraftvolles Aufbegehren, Kampfmodus und Widerstandskraft vonnöten und wichtig sein, andererseits aber eben auch das „stille Beistehen“.

Ich weiß selbst, wie hilfreich es sein kann, zu hören und zu fühlen, dass „es okay ist“. Deshalb möchte ich folgendes in diesen digitalen Raum geben, mit dem Wunsch, es möge dort andocken, wo es gebraucht und gewollt ist:

Es ist okay, wenn du keine Kapazitäten dafür hast, laut zu werden, zu demonstrieren, zu (wider)sprechen, dich einer Betroffeneninitiative anzuschließen, o.a. Es ist okay, wenn du keine Nachrichten schaust oder liest, wenn du dich nicht mit den Angelegenheiten anderer Menschen befasst. Es ist okay, wenn du dich auf dich fokussierst, dich schützt und schonst. Du musst weder hart, noch tapfer, noch stabil, noch hoffnungsvoll sein- für niemanden!

Es ist okay, wenn du dich wütend, traurig oder resigniert fühlst, weil dir so viel Unrecht widerfahren ist und widerfährt. Nichts davon muss an dir abprallen, nichts davon muss abgehakt werden, weil es „eben so ist“ oder „immer schon so war“. Es ist okay, dass es dir etwas ausmacht, wenn merkst, dass du dich einsam fühlst und dir Unterstützung fehlt.

Und es ist okay, wenn Vieles gleichzeitig in dir wahrnehmbar ist: Freude an Alltagsdingen, Erholungsmomente, Hoffnung, Ablenkung, Stärkung, Selbstfürsorge- und daneben/dazwischen auch Zusammenbruch, Flucht, Überforderung, Dissoziation, Isolation, u.a. Das Eine hebt das Andere nicht auf, es ist alles darin wahr und echt. Eine Krisenzeit kann sich als solche deutlich zeigen, oder eben auch hinter einer robusten Fassade versteckt sein. Und sie kann schwanken und dauern: Nichts bleibt 24 Stunden vollkommen gleich. Und: Nur, weil man zwei Tage hintereinander verhältnismäßig viel gelacht hat, muss das am dritten Tag nicht automatisch genauso sein- und sollte auch nicht erwartet werden. Aufmerksam zu bleiben für das, was innen und außen passiert und wahrnehmbar ist, sich dafür bewusst Frei-Zeit zu schaffen- das ist nicht nur okay, sondern ausdrücklich lebensnotwendig.

Erst das Schweigen ermöglicht manchmal das so wichtige Fühlen. Innehalten und das da sein lassen, was eben da ist -vielleicht auch sehr weiten „hinten“ oder „innen“-, sich erlauben, dass da ein Leid, ein Schmerz, eine Trauer, eine Angst Raum bekommt, ohne Anspruch, damit etwas „tun“ zu müssen- das empfinden wir als sehr wertvoll. Das, was früher furchtbar „weh“ getan hat, aber nicht so gespürt werden durfte/konnte, braucht heute eine Anerkennung. Irgendwie geht´s um „nachträglich fühlen dürfen“, denke ich. Ich kenne es von uns, dass es eine große, tiefgreifende Anstrengung und Erschöpfung bedeutet, Emotionen zu vergangenen Erlebnisse zu unterdrücken oder zu verhindern. Sich selbst und im Außen zu beweisen, dass man „es“ hinter sich gelassen hat, dass „es“ heute nicht mehr so schlimm ist, dass man „es“ eben „überlebt“ hat, usw.- das ist so ein unbeschreiblicher chronischer, psychischer und körperlicher Stress… Der auch eine „emotionale Verarbeitung“ verunmöglicht.

Deshalb noch mal: Es ist okay, zu fühlen! Alles!

Ich wünsche allen Betroffenen Menschen in ihrem Umfeld, die es aushalten, auch im Schweigen an ihrer Seite zu sein und zu bleiben.

In Verbundenheit!

6 Kommentare zu „in Verbundenheit sein

  1. Vielen Dank, für die diese Worte. Wir finden uns in eurem Text und spüren, wie es sich ein bisschen Entspannt im Innen.

  2. Uns kullern beim Lesen so ganz in Ruhe ein paar Tränen die Wange herunter… Danke euch… Für die Worte, das (gemeinsame) Schweigen und da sein… Verbindung fühlend.

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