Hunger

Sie kramte in ihrer kleinen Handtasche herum und wiederholte energisch die Bestellung an den Bäckereiverkäufer: „Geben Sie mir davon 15 Stück!“ Diverse Münzen fielen aus ihrer Hand auf den Tresen. „Ich muss mich eindecken. Der Schneesturm kommt, sagen die Nachrichten. Ich will ja nicht verhungern!“ Der Verkäufer lächelte milde und packte alle Brötchen in eine Papiertüte. „Sie werden schon nicht verhungern. So schnell geht das nicht!“ Die kleine, alte Frau schüttelte vehement den Kopf und verstaute die Tüte in ihrer Handtasche. „Das wissen Sie nicht! Wenn wir hier eingeschneit werden, dann will ich nicht verhungern! Nein, das will ich nicht!“ Sie war inzwischen so laut geworden, dass mehrere vorbeilaufende Menschen in ihre Richtung schauten. Ich betrachtete die Situation und war genervt. Zuvor hatten mich schon Begegnungen mit einigen Hamsterkäufer*innen gestresst, die sich diesmal nicht für anstehende Feiertage bevorrateten, sondern für den Wintereinbruch im Norden, den die Medien zum Teil als „chaotisch“ oder „katastrophal“ prognostizierten. „Menschen werden noch rücksichtsloser und egozentrischer, als sie es eh schon sind, sobald sie Grund zur Annahme bekommen, zu wenig zu haben und andere mehr als sie. Immer diese Panikmacherei!“, dachte ich, während ich die Bäckerei hinter mir zurückließ.

Zu Hause schaute ich dann den Schneeflocken im Garten beim Tanzen zu und schämte mich.

Die alte Frau hatte sicher guten Grund, sich vor dem Verhungern zu fürchten. So wie alle Menschen eben gute Gründe für ihre Ängste haben- auch die, die einen beim Hamsterkauf am Regal mit den Nudeln zur Seite schubsen. Nicht alle kann ich verstehen und meine Empathie hat ihre (auch tagesformabhängigen) Grenzen. Dennoch: Mein Genervtheitsgefühl gegenüber der alten Frau tut mir immer noch leid.

Eine hoch betagte Nachbarin sagte irgendwann mal in einem Gartenzaungespräch: „Die Flüchtlinge von heute haben es ja noch gut! Die haben ja sogar Handys! Wir hatten nichts damals, gar nichts!“ Ich war sprachlos in diesem Moment. Fassungslos darüber, wie sie Kriegsleid verglich. Wie hätte ich darauf reagieren können, außer unsicher mit den Schultern zu zucken und zu murmeln „Ja, das war sicher schlimm damals… Für die flüchtenden Menschen heute ist es auch schlimm…“? Wer wie empfindet und denkt und welche Ursachen das jeweils hat- das hat so viele, vielschichtige Dimensionen, von denen man meistens (erst mal) kaum eine Ahnung hat.

„Ich jedenfalls habe doch überhaupt keine Ahnung, was es bedeutet, bombardiert zu werden und flüchten zu müssen. Oder so.“, dachte ich beschämt beim Betrachten des Gartens.

Ich fühle mich oft so weit weg vom „Trauma“, dass ich nicht bewusst habe, welche Art von „Krieg“ ein Teil meines Lebens war. Ich habe nicht immer einen kognitiven oder gar emotionalen Zugang dazu, dass es auch in meiner Biographie lebensbedrohliche Angriffe, Kälte, Tod, Isolation, Zerstörung und Flucht gab. Erst wenn an irgendeiner Stelle ein Hauch von Erinnerung oder „Aha-Effekt“ spürbar wird, wachen diese Elemente in mir auf. Zum Beispiel, als ich in den letzten Tagen im Schnee spazieren ging und mir Schlittenspuren aufflielen: Zwei Kufenabdrücke, parallel nebeneinander. Es gab eine Gedankenkette im Innern, die ich bis zu einem bestimmten Punkt wahrnehmen konnte: … Holzschlitten, der andere Spuren im Schnee hinterlässt, als ein Plastikschlitten in Form einer tiefliegenden Wanne… wir hatten so eine rote Plastikwanne als Kind… ein Erwachsener zieht uns in diesem Schlitten über eine verschneite Straße… wir waren ca. 3-4 Jahre alt… ein Auto kommt langsam angefahren, gerät ins Rutschen und kollidiert mit uns in unserer Plastikwanne… Schlüsselbeinbruch, Sofa, Kindergarten fällt aus, aber da ist ja noch mehr kaputt?!“ Der Gedanken- und Erinnerungsprozess endete an der Stelle für mich und ging im Innern ohne mich weiter- aber ich hatte einen Zugang zu biographischen Aspekten bekommen: Ein Autounfall, der einen zuvor bereits gewaltgeschädigten Körper (unseren…, meinen…) traf, der zu einem Kind gehörte, das Schnee liebte und sich gleichzeitig vor ihm fürchtete. Aus Gründen.

Erst als diese inneren Bilder beim Spaziergang auftauchten (die zudem nicht neu waren, sondern schon mehrfach erinnert wurden- und mir trotzdem immer wieder innerlich abhanden kommen), fiel mir auf, dass ich „schon seit einiger Zeit seltsame Schmerzen im linken Schulter-Nacken-Bereich“ habe. Der Körper war schon vor mir an dieser Unfallerinnerung dran. Vielleicht als der Schnee so hoch lag, dass die ersten Schlittenspuren sichtbar wurden…

Die alte Frau mit den 15 Brötchen geistert mir immer wieder durch den Kopf. Inzwischen erkenne ich Gedanken und Sätze besser, die sich darauf beziehen: Die Genervtheit und fehlende Empathie im Beobachtungsmoment bekommen ein Gesicht. Eins, das voller Härte und Unnachgiebigkeit betont, dass es keinen Grund zum Jammern gibt. Dass man schon nicht verhungern wird… Dass diese Brotscheibe jetzt reichen muss, sonst gibt´s nämlich gar nix mehr und überhaupt: „In Afrika haben die Kinder gar nichts zu essen! Guck dich mal an!“ Ein Gesicht aus den 80er Jahren, das auf ein Kind herabstarrt, das angeblich alles hat und dennoch hungert. Mich-uns.

Während die Schneeflocken im Garten tanzten und ich mich schämte, tauchten weitere Gesichter im Innern auf, die es mir ermöglichten, weicher zu werden: Ich taute in der Wärme unserer Küche auf, konnte ein paar Tränen fließen lassen und erlaubte mir, etwas zu verstehen:

Für uns ist es kein befürchteter oder vorhergesagter Schneesturm, der die Angst vor dem Verhungern füttert. Und es sind auch keine 15 Brötchen, die diese Angst mildern. Stattdessen zeigen mir die anderen Gesichter innen Ausschnitte aus verschiedenen Situationen in der Gegenwart, in denen ohne Schokolade kein Schlaf möglich ist. Zucker als Beruhigungs- oder vielleicht sogar Sedierungsmittel, weil die Spannung am Abend einfach zu hoch ist- oder weil wir alleine zu Hause sind. Emotionaler Hunger (Einsamkeit, Schmerz, Trauer, Sehnsucht…), kognitiver Hunger (Langeweile, Leere, Unterforderung, Perspektivlosigkeit…), körperlicher Hunger (Essstörung, Ernährungsfehler, Heißhunger-Kreislauf, Anstrengung, Stoffwechsel…)… Das ist für uns ein großes Thema, von dem ich immer wieder weiß, wie bedeutend das für uns ist- sofern ich daran erinnert werde.

Empathie ist ein Inside-Job. Wenn ich kein Mitgefühl mit mir/uns selbst habe, verhärte ich auch im Außen. Wie wichtig meine Mitgefühlstränen und das Weicher-Werden für uns als Gesamtsystem sind, spüre ich noch mal sehr deutlich, während ich diesen Text schreibe. Ein weiteres Gesicht kommt innen näher an mich heran. „Leid vergleichen hilft keinem!“, sagt es mir. Ich denke mehrere Fragezeichen. „Mögliche Antwort. Für´s nächste Gartenzaungespräch mit Omma von nebenan. Statt Sprachlosigkeit.“ Dann ist es schon wieder weg. Ein Hauch von Empörung und Widerstand liegt in der Luft. Ein Ergebnis von innerer Empathie, das hilfreich ist, weil kraftvolle Wut darin liegt.

Bisher bleibt das prognostizierte Schneechaos aus. Und wir sind nicht allein.

2 Kommentare zu „Hunger

  1. Hallo liebe Paula,

    danke für deinen Text.
    Besonders ein Satz darin ist für uns persönlich gerade sehr zutreffend:
    „Wenn ich kein Mitgefühl mit mir/uns selbst habe, verhärte ich auch im Außen.“
    In diese Dynamik kommen wir unglücklicherweise phasenweise leider schneller als gut für uns und unser Umfeld ist, ohne dass wir es manchmal rechtzeitig merken, um wirksam gegenzusteuern.

    Liebe Grüße von Sanne

    1. Liebe Sanne, danke fürs Lesen und Kommentieren! Ihr kennt die Dynamik also leider auch. Es ist manchmal sehr schwer, das bewusst wahrzunehmen und dann so „gegenzusteuern“, dass man sich nicht emotional überfordert, finden wir. Schuld- und Schamgefühle/-gedanken können dabei ja eine große Rolle spielen und innere Bewegungen blockieren… Wir wünschen Euch, dass Ihr immer wieder „milde“ mit Euch sein könnt. Liebe Grüße!

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