Dezemberfreude #6

Eine Überraschung im Schuh, Frühstück mit Spatzen-, Meisen- und Taubenbesuch, ein Lob bzgl. unserer Peerarbeit, Backetappe 1 am Mittag: Applesauce-Cake, anschließend mit dem Rad durch den Nieselregen zum Tierarzt und Medikamente für die Katze geholt und dabei dem Universum gedankt, dass sie sich erholt hat; am späten Nachmittag Backetappe 2: Vanillekipferl, Ausstechplätzchen mit und ohne Weihnachtsgewürze, Kuvertüre kommt morgen drauf; plötzlich ist es schon Abend und der Tag war voller Lieblingsmomente.

©PaulaRabe

Dezemberfreude #4

©PaulaRabe

“Irgendwie gut, darüber nachzudenken, wem man nichts mehr schenken muss. Wen man nicht besuchen oder einladen muss. Wer einem inzwischen (fast) am Arsch vorbeigeht. Obwohl oder gerade weil man verwandt ist.

Irgendwie gut, zu merken, wie viel Energie frei wird, wenn man die Blickrichtung ändert.

Irgendwie gut, das alles. Darauf gönn ich mir nen Schokokeks.“

Lieblingsmoment von F. heute Nachmittag.

Dezemberfreude #3

Beruhigt, bekuschelt, beliebt – ein fauler Nachmittag auf dem Sofa, von beiden Katzen abwechselnd belagert, den netten Kinderfilm “Es ist ein Elch entsprungen“ gesehen (“Ich will auch so einen Moose hier zu Hause haben!“) und davon geträumt, so viele Süßigkeiten essen zu können wie man will, ohne negative Konsequenzen.

Ein mehrstündiger Lieblingsmoment für Einige.

Dezemberfreude #2

Wir sitzen auf einer Bank, aus den Bäumen tropft geschmolzener Schnee auf unsere Jacke und Hose.

Neben uns sitzt unsere Lebensgefährtin. In der einen Hand hält sie eine Grüffelo-Tasse mit dampfendem Fenchel-Anis-Kümmel-Tee, mit der anderen Hand zaubert sie eine Wärmflasche aus ihrem Rucksack und legt sie uns auf die Beine. Lieblingsmoment mit sehr viel Liebe.

©PaulaRabe

Dezemberfreude #1

In angespannter Stimmung -innerlich durcheinander und nachdenklich- bleiben wir kurz stehen, als ein paar Schneeflocken fallen. Auf dem Jackenärmel sind sie schon fast geschmolzen, noch bevor wir das Foto machen können.

©PaulaRabe

Wenn es schneit kommt von alleine ein Lächeln ins Gesicht, etwas oder jemand fühlt sich getröstet und verbunden. Und eigentlich müssen wir dann backen. Schnee ohne backen ist irgendwie – unrund. Trotzdem: Heute war das Flockenlächeln unser Lieblingsmoment des bisherigen Tages.

Lieblingsmomente im Dezember

Ab morgen startet hier im Blog und auf unserem Instagram-Account eine Adventskalender-Aktion: Wir sammeln Lieblingsmomente- unsere und sehr gerne auch Eure (als Kommentare)!

Anders als bei klassischen Adventskalendern öffnet sich unser Türchen hier nicht schon morgens, sondern erst gegen Abend. Der Tag und wir müssen ja auch erst mal ein paar Stunden Zeit bekommen, einen Lieblingsmoment zu erleben und/oder ihn schriftlich oder bildlich festzuhalten. 🙂

Von uns werden also 24 Momente sichtbar, die uns im Dezember Freude bereiten – und wenn auch nur Eine*r von Euch sich in den Kommentaren anschließen würde, wären es schon 48, bei Zweien wären es 72… eine tolle Glücklichkeitssammlung in einer Zeit, in der sie soooo besonders wichtig und wertvoll wäre!

Also: Seid Ihr dabei?

Bis morgen! 🙂

Alte Überzeugungen und heutige Abhängigkeiten

Bloß nicht zu viel sein. Nicht jammern, nicht um Hilfe bitten, keine Ansprüche stellen. Brav und unkompliziert und nachgiebig sein. Zurückstecken. Freundlich und höflich sein. Sich auf keinen Fall beschweren. Sich mit den Gegebenheiten arrangieren müssen. Sich auf niemanden verlassen. Nicht kränkeln, nicht schwächeln, nichts brauchen. Froh sein, überhaupt existieren zu dürfen.

Das kennen, erleben, fühlen und denken viele Menschen, die Gewalt in der Kindheit erlebt haben. Wie innerlich verwachsen oder verankert tragen sie diese Überzeugungen mit ins Erwachsenenalter und werden immer wieder damit konfrontiert.

Im Alltag gibt es so viele Situationen, in denen genau diese Überzeugungen Einfluss haben können. Menschenverursachtes Trauma wird (auch!) von menschenbezogenen Triggern reaktiviert: Begegnungen, Kommunikation, Streit, Diskussionen, Beziehungen, Autoritäten, Arbeitsverhältnisse u.a. beinhalten sehr viele traumabezogene Aspekte. Für Betroffene ist also „Menschenkontakt“ an sich schon ein „Tretminengebiet“, in dem Auslöser lauern und Achtsamkeit wichtig ist. Werden Traumaerinnerungen angetriggert, muss sich das nicht immer in einem „handfesten“ Flashback mit totalem Orientierungsverlust zeigen. Emotionale oder körperliche Reaktionen können schleichend, leise, wabernd, unterbrochen u.a. auftreten, so dass sie nicht immer eindeutig zugeordnet werden können.

Gelernte, antrainierte, verinnerlichte Verhaltensweisen (z.B. wie oben beschrieben) oder bestimmte Automatismen (z.B. Rückzug/Selbstisolation, verstummen, Unterwerfung, u.a.) ziehen sich manchmal wie ein roter Faden durch Beziehungen und Kontakte. Vielleicht sind es Dauerthemen, vielleicht mit Blockaden und alten Verboten versehen, die dazu führen, dass sich Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen immer wiederholen und scheinbar nie auflösen lassen.

Wichtig ist, wahrzunehmen und zu identifizieren, welche inneren Überzeugungen im Zusammenhang mit anderen Menschen existieren.

Nach welchen Grundsätzen handle ich eigentlich? Was denke/fühle ich konkret, wenn mir dies und jenes begegnet? Was kenne ich von früher? Will ich das heute noch so aufrecht erhalten? Gibt es irgendwo eine kleine Veränderungsmöglichkeit? Wem dient es, wenn ich alte Überzeugungen heute noch befolge?

Uns persönlich ist in letzter Zeit beispielsweise aufgefallen, wie häufig ein Abhängigkeitsgefühl im Alltag auftaucht. Wie oft es sich innen unterlegen, klein, hilfebedürftig, machtlos und allein anfühlt im Zusammenhang mit anderen Menschen. Kognitiv gibt es Zugang zum Wissen, dass wir erwachsen und handlungsfähig sind- und auch Ressourcen diesbezüglich. Emotional zeigt sich trotzdem immer wieder auch Altes. Das Gefühl kommt nicht immer so schnell hinterher.

Der Alltag ist voller Trigger. Und voller kleiner und großer Abhängigkeiten oder Ver-Bindungen, von denen objektiv betrachtet nicht alle schlimm oder destruktiv sind. Menschen brauchen andere Menschen, so ist das, wenn man in Gesellschaft lebt. Es ist nur die Frage, wie verantwortungsvoll, mitfühlend, rücksichtsvoll und ehrlich Menschen dabei miteinander sind.

Die alltäglichen Herausforderungen, in denen frühe Erfahrungen von Ohnmacht, Ausgeliefertsein oder Abgelehntwerden angetriggert werden können, sind sehr vielfältig. Hier folgen drei Beispiele aus unserem Alltag:

Warten auf den Rückruf / die Post vom Amt. Es geht um Wichtiges: Hilfe, Entscheidungen, Informationen. Ohne eine Nachricht dazu bleibt etwas in der Schwebe, ungeklärt und mehr oder weniger dramatisch belastend. Die Zeit vergeht, das Telefon klingelt nicht.

Hören, was die Tierärztin für unsere schwer kranke Katze anrät. Auf sie angewiesen sein. Darauf hoffen müssen, dass sie kompetent, zuverlässig und nicht geldgierig ist. Ihrem Wort vertrauen müssen; keine Kapazitäten für Dritt- oder Viertmeinungen haben. Leben retten wollen.

Eine Verkäuferin im Geschäft etwas fragen. Diese zuckt die Schultern, wendet sich ab, geht weg, macht eine bestimmte Handgeste, wirkt unfreundlich. Andere Kund*innen stehen glotzend herum. Peinlichkeitsgefühl, unerwünscht, erstarrt. Nicht nachhaken können.

Kognitiv wissen wir, wie solche Situationen gehandhabt werden können und es gibt auch ein Verständnis für die inneren Prozesse. Praktisch umsetzen lässt sich das Ganze dadurch aber nicht automatisch. Und: Es gibt strukturelle Gewalt in unserer Gesellschaft. Es gibt Benachteiligung, Barrieren, gewollte Machtgefälle, Diskriminierung, Ungerechtigkeit. An manchen Stellen ist dies so groß, massiv und etabliert, dass Ohnmacht und Abhängigkeiten von den Betroffenen selbst nicht aufgelöst werden können. Eigene Anstrengungen sorgen meistens eben nicht dafür, z.B. Armut, Ungleichbehandlung, Sexismus oder Rassismus zu beenden- da ist man tatsächlich auch darauf angewiesen, dass Andere (ebenfalls) aktiv werden.

Wie kann man damit umgehen, wenn bestimmte Abhängigkeiten unveränderlich sind und bleiben? Wenn es keine Alternative zur staatlichen Grundsicherung gibt, zu medizinischen Eingriffen, juristischen Entscheidungen, amtlichen Vorgängen, privaten Verbindungen? Wie ist das aushaltbar und wie können in solchen Situationen im Innern alte Überzeugungen wie oben beschrieben verändert werden? Geht das überhaupt- trotz allem?

Was denkt Ihr dazu?

(Un)sichtbare Viele: Wie es scheint und wie es (auch) ist.

„Ich hätte nicht erwartet, dass eine DIS-Betroffene sich so gut ausdrücken kann, wie Sie das gerade tun- das ist ziemlich untypisch, oder?“

versus

„Sie kommen doch hervorragend im Alltag klar, leben in einer langjährigen Partnerschaft, arbeiten ehrenamtlich- wozu brauchen Sie ambulante Betreuung?“

Zwei verschiedene Kommentare, zwei verschiedene Blickrichtungen- eine Gemeinsamkeit: Ableismus. Beide Äußerungen sind uns innerhalb kürzester Zeit begegnet: Die eine während einer unserer Lesungsveranstaltungen, die andere auf der Suche nach professioneller Unterstützung.

Wir erleben es immer wieder selbst und erfahren es auch von anderen Betroffenen, zum Beispiel in der Peerberatung: Menschen haben bestimmte Vorstellungen, Ideen, Haltungen zu den Stichworten „Gewaltopfer“, „Trauma“ oder „Dissoziative Identitätsstruktur“- und es gibt große Schwierigkeiten, wenn diese nicht mit der Realität der Betroffenen zusammenpassen.

„Trauma und DIS“ ist nicht immer auf den ersten Blick sicht- und erkennbar. Weder für Außenstehende, noch für die Betroffenen selbst. Persönlichkeitswechsel und Amnesien können völlig unbemerkt stattfinden, ein Leidensdruck kann innerlich verborgen bleiben bei gleichzeitig möglicherweise hohem Funktionsniveau im Außen. Die eigene Wahrnehmung einer Traumafolgesymptomatik kann durch (strukturelle) Dissoziation verunmöglicht werden. Alles scheint irgendwie „in Ordnung“- bis es an einer oder mehreren Stellen „wie aus heiterem Himmel“ zu bröckeln anfängt oder plötzlich „gar nichts mehr geht“. Betroffene geraten in solchen Situationen häufig in einen Druck, irgendwie „beweisen“ zu müssen, dass sie tatsächlich Hilfe brauchen -oder zumindest erklären zu können, warum sie „auf einmal dekompensieren“ (vorher ging doch noch alles?)- … während sie innerlich mit sich selbst sowieso schon in Konflikt sind, sich so ein „Schwächeln“ überhaupt zuzugestehen.

„Trauma und DIS“ kann auch deutlicher bemerkbar sein. Die Aktivität unterschiedlicher Persönlichkeiten, Zeitlücken, diverse Traumafolgesymptome, Brüche in der Biographie, Dysfunktionalität, Suizidalität usw. können sicht- und wahrnehmbarer Bestandteil des Lebens von Betroffenen sein. Es kann Wellenbewegungen darin geben oder auch eine gewisse Konstanz. Der Druck, die Anstrengung und der innere und äußere Anspruch, „trotzdem“ irgendwie leben zu können, mit dem Gefühl von „Selbstwert“, Sinnhaftigkeit, Eingebundensein, gesellschaftlicher Teilhabe, Anerkennung, usw.- all dies findet häufig wenig Raum und Resonanz.

Das Erleben, alleine und/oder isoliert zu sein oder zu werden -als Einzelkämpfer*in, als „Exot*in“ oder „Alien“-, kennen viele Betroffene. Das Schwanken zwischen „Anpassung an innere und äußere Ansprüche“ und „Zulassen/Wahrnehmen von Handicap/Verletzung/Erschöpfung“ ist eine echte Herausforderung:

Wie viel „Funktion“ möchte/kann/will/muss ich gewährleisten (für wen und warum?) und wie kann das gehen? Und wo/wann ist Platz für das, was sonst noch so da ist (weiter hinten/innen, verborgen, vergessen, dissoziiert, geleugnet, u.a.)? Welchen Raum gibt es für mich, in dem ich geschützt und sicher „die Flügel hängenlassen kann“, mich dem zuwenden kann, was schmerzhaft, krisenhaft, krank, müde, traumatisiert ist? Wie halte ich dabei eine Balance? Was ist, wenn ich meine Stabilität verliere? Was ist das Minimum an Stabilität, das ich brauche, um weiterleben zu können? Ist es händelbar, bei der inneren Auseinandersetzung ein gewisses Risiko einzugehen, ein bisheriges Funktionsniveau (teilweise) zu verlieren?

Es ist nicht immer möglich, sich bewusst mit diesen Fragen auseinanderzusetzen oder innere Vorgänge und Prozesse zu regulieren. Manchmal kann man nicht „langsamer machen“, etwas stoppen, etwas dosieren. Manchmal passiert etwas schnell und radikal, manchmal entwickelt sich etwas über einen längeren Zeitraum. Es kann Phasen geben, in denen weniger oder auch deutlich mehr äußere Unterstützung benötigt wird. Solche Phasen können sich abwechseln und dabei auch „irgendwie (vermeindlich) unlogische/unerklärliche“ Abfolgen aufweisen. In jedem Fall ist es wichtig, den Betroffenen zuzuhören und sie ernst zu nehmen in dem, was sie äußern/zeigen. Wenn jemand „viel“ vom Außen braucht, sagt das nichts über persönliche Kompetenz, Ausmaß der Traumatisierung, Anspruchshaltung, Motivation, o.a. aus- genauso, wie wenn jemand „wenig“ braucht (oder es nicht mitteilt). Sichtbar ist nie „das Ganze“.

Wenn ein*e Betroffene*r in Vollzeit arbeitet, sagt das nichts über den Schweregrad der Traumafolgen oder Belastungsgrenzen aus. Berufliche Funktionalität ist kein Beweis für „weniger Leid“, „weniger Einschränkung“ oder „mehr Kraft“ oder „mehr Wollen“.

Wenn ein*e Betroffene*r nicht alleine wohnen kann/will, Begleitung beim Einkaufen, Bahnfahren oder Arzt-/Ärztinbesuch braucht, sagt das nichts über Ressourcen, Abhängigkeiten oder gar Intelligenz aus. Alltagsunterstützung, therapeutische Hilfen und Kriseninterventionen bekommt leider niemand „einfach so geschenkt“, auch dann nicht, wenn das Leid glasklar erkennbar ist- dafür müssen Betroffene meistens sehr ackern.

Wir können vor 50, 60, 70 Menschen lesen und mit ihnen diskutieren/sprechen. Wir können dabei zweieinhalb Stunden offen und freundlich und konzentriert sein. Das sagt nichts über unser Selbstbewusstsein, unsere Alltagskompetenz oder generelle Kontaktfähigkeit aus. Würden Menschen nur diesen öffentlichen Aspekt unserer Gesamtstruktur berücksichtigen, wenn sie sich ein Bild von uns machen und eine Haltung dazu entwickeln, würden sie uns gewaltvoll beschneiden. Gäbe es einen ausschließlichen Fokus auf „Opfer“, „beschädigt“, „zerstört“ und „behindert“, wäre es genauso.

„Sowohl…, als auch…“ – eigentlich ganz simpel, oder?

An Tagen wie diesen: Was konkret helfen kann

Traumatisch belastete Daten – religiös, spirituell, geschichtlich oder sonstwie geprägte Feiertage oder auch individuell belastete, spezielle Tage wie Geburtstage o.a.- können immer wiederkehrende Krisen mit sich bringen. Jedes Jahr auf’s Neue zeigen sich ggf. Flashbacks, massive Schlafstörungen, Ess- und Trinkprobleme, psychosomatische Symptome, Suizidgedanken und -versuche, usw.

Es kann Zeiten geben, in denen bestimmte Daten besser ausgehalten und/oder kompensiert werden und der Eindruck entsteht, man habe die Grundproblematik überwunden und verarbeitet – und es kann Folgezeiten geben, in denen doch wieder alles zusammenbricht und nichts mehr geht.

Täter*innen der ritualisierten/rituellen Gewalt machen sich manche Daten zu eigen. Sie nutzen aus ideologischen und/oder schlicht selbsterklärenden Gründen Feiertage für besondere Gewaltformen und -zusammenhänge, oder auch nur als Basis für “special effects“, die sich zum Beispiel in Foltervideos besonders gewinnbringend auswirken. In jedem Fall okkupieren Täter*innen (Feier-)Tage, die von den Opfern anschließend nicht mehr einfach so “mit etwas gutem Willen und Entscheidungskraft“ zurückerobert werden können.

Was kann nun also konkret helfen, eben solche traumatisch belasteten Tage einigermaßen okay zu überstehen? Wie können Freund*innen, Partner*innen, u.a. die Betroffenen unterstützen?

Wir haben uns mit unserer Partnerin darüber vorhin beim Tee auf dem Sofa unterhalten und möchten Euch ein kleines Sammelsurium an Tipps aus unserem Erfahrungswissen hierlassen. Vielleicht ist ja was Nützliches für Euch dabei:

  • Vor und während der kritischen Tage überlegen/fragen, was der/die Betroffene braucht: In Ruhe gelassen werden oder Gesellschaft? Begleitung? Hilfe bei der Tagesstruktur? Absprachen, Vereinbarungen oder totale Flexibilität?
  • „Die Beziehung bleibt bestehen“: Alles, was hier und heute außerhalb der Täterstrukturen hält und verbindet, ist gut. Mit der/dem Freund*in/Partner*in besprechen, dass es regelmäßigen Kontakt geben wird, z.B.: „Ich melde mich dann und dann per Text- oder Sprachnachricht oder Anruf bei Dir /komme dann und dann vorbei.“, oder: „Wenn ich so und so lange nichts mehr von Dir höre, komme ich vorbei, auch wenn Du jetzt sagst, dass Du nicht besucht werden willst.“, o.a. Nicht darauf warten oder davon ausgehen, dass der/die Betroffene sich schon melden wird, „wenn was ist“.
  • Nicht erwarten, dass die freundschaftliche/romantische o.a. Beziehung selbstverständlich innerlich präsent bleiben wird. Es kann sein, dass der Bezug/die Bindung innerlich verlorengeht/auf Eis gelegt wird, weil zu viel anderes „los ist“ oder bestimmte, unverbundene Innenpersonen weiter vorne sind. Für den/die Angehörige*n wichtig: Bitte nicht persönlich nehmen und nicht ausgerechnet an diesen Tagen ein Fass in Sachen Beziehungsklärung aufmachen. Das kann/soll bis zu einem stabileren, ruhigeren Zeitpunkt warten.
  • Übergangsobjekte etablieren: Der schöne Geruch nach…, ein bestimmtes Foto vom gemeinsamen Erlebnis, ein lustiges Zweier-Selfie, eine Audiodatei von einer von der/dem Freund*in vorgelesenen Geschichte, ein Kuscheltier, ein Freundschaftsbändchen, eine liebevoll geschriebene Postkarte, ein „Best off- irgendwas“-Freund*innen-Mixtape, selbstgebackene Lieblingskekse, das von der Freundin ausgeliehene Shirt, usw.- siehe oben: Halt und Verbindung helfen. Hier und heute muss Bindung ganz neu und konsequent etabliert werden, als Gegenpol zu den ganzen „alten Bindungen“, die sich so hartnäckig festgewachsen haben.
  • Möglichst nicht Einzelkämpfer*innen bleiben: Zu zweit allein ist ähnlich schwierig und riskant wie „allein allein“. Die Last auf mehrere Schultern zu verteilen ist ja quasi ein Prinzip der DIS, was aber nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass alle irgendwie gleichermaßen Leid tragen. Es gibt immer auch besonders schwer Belastete innen, die besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung brauchen. Und es gibt manchmal Zweierbeziehungen im Außen, die zum Teil symbiotisch gemeinsam am Leid ersticken. Es wäre gut, wenn es mehrere gäbe, die mittragen…
  • Bei bestehendem Täter*innenkontakt und fortgesetzter Gewalt: Wird ein Ende der Gewalt gewollt? Wer hat welche Grenzen? Welche Schutzmaßnahmen dürfen sein? Kann ein gemeinsames Wohnen sinnvoll sein? Welche Stellen im Außen können mit unterstützen? In welchen Fällen kann/darf/soll die Polizei oder der Rettungsdienst alarmiert werden? Wer hat Schlüssel wofür? Sollen Abwesenheiten schriftlich notiert werden? Gibt es den Wunsch nach anonymer Spurensicherung? Wo gibt es Halt für die Angehörigen? Wo ist die Grenze des Aushaltbaren für alle Beteiligten?
  • selbst neue Gewohnheiten oder „Rituale“ entwickeln: Etwas zu bestimmten Zeiten zu tun und/oder zu feiern kann schön sein, wenn es selbst entschieden und entwickelt wurde. Vielleicht „neue Gewohnheiten“ gemeinsam mit der/dem Angehörigen „üben“: „Sonntags gibt´s bei uns immer Pfannkuchen!“ kann für den Anfang leichter und angenehmer zu erleben sein als „Am ersten Weihnachtstag fahren wir immer zu den Schwiegereltern.“
  • Alle Gefühle sind okay. Schwäche ist okay. Sich krank fühlen ist okay. Etwas nicht können/schaffen (was sonst aber vielleicht geht) ist okay. Gestern noch topfit gewesen sein und heute aber platt wie Pizza im Bett liegen ist okay. Traumafolgen sind Verletzungsfolgen und die köcheln nicht immer auf gleicher Flamme. Es hat absolut gar nichts mit (Un-)Glaubhaftigkeit zu tun, wenn die Stimmung/Verfassung insgesamt heftig schwankt oder Krisen und Zusammenbrüche wie aus dem Nichts zu kommen scheinen. Und es bringt nichts, gerade an bestimmten Tagen auf Spurensuche gehen zu wollen („Wo kommt das denn jetzt her?“), wenn Reflektion rein neuropsychologisch überhaupt nicht möglich ist. Da geht´s erst mal „nur“ um Krisenmanagement, und das ist schon anspruchsvoll genug.
  • Ressourcenorientierung, Skillsaktivierung und Co fühlen sich für Angehörige wahrscheinlich oft wie das Nonplusultra an („Hauptsache, man kann was tun und das Leid hört endlich auf!“)- sind aber für Betroffene ebenso oft überfordernd oder stresspotenzierend. „Komm, wir gehen spazieren, die Sonne scheint so schön, Du kannst ja nicht die ganze Zeit in der Wohnung sitzen und Trübsal blasen“ hilft Menschen mit Depressionen genauso wenig wie Traumatisierten in Feiertagskrise. Es darf sich zeigen, was sich schrecklich anfühlt! Das braucht Anerkennung und nicht „Wegreden“, nur weil das Gegenüber es nicht aushalten kann. Ja, es war schlimm, ja, es ist immer noch und immer wieder schlimm- und nein, man kann tatsächlich nichts/nicht immer was dagegen tun. Es ist so viel Ohnmacht damit verbunden- und manchmal geht es „nur“ darum, das gemeinsam auszuhalten und stehenzulassen, ohne Veränderungsanspruch.
  • Traumatisch verseuchte Feiertage werden nicht automatisch dadurch „gereinigt“, dass sie hier und heute besonders „schön“ gestaltet werden. Es ist sehr verständlich, dass Angehörige versuchen wollen, zum Beispiel einen Geburtstag besonders liebevoll für den/die Betroffene auszurichten, in der Hoffnung, dadurch etwas zu „heilen“ oder zu lindern. Ein Stück weit kann das auch auf diesem Wege klappen, aber gleichzeitig kann es auch Druck erzeugen, sich über so viel Zuwendung und Herzlichkeit besonders freuen zu müssen. Und wenn das dann (logischerweise, weil biographisch begründet) nicht auf Anhieb und „ganz natürlich“ klappt, setzt sich evtl. eine Schuldgefühlsspirale in Gang- und das ist Wasser auf die Mühlen vom Traumawiederholungskreislauf.
  • Schuldgefühle sind da und Bestandteil der Traumageschichte. Es macht keinen Sinn, gegenzuargumentieren, wenn der/die Betroffene im Hochstress ist- das Gehirn ist in solchen Momenten/Zeiten nicht dazu in der Lage, auf diese kognitive Spur umzuschalten. Schuldgefühle brauchen Anerkennung, um irgendwann mal evtl. losgelassen werden zu können. Die Kunst des aufmerksamen Zuhörens und „Nicht-Wertens“ kann idealerweise von der/dem Angehörigen praktiziert werden- das Mitteilen der eigenen Sichtweise kann ja zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.
  • Reizüberflutung vermeiden. Weniger ist mehr.
  • Körperversorgung nicht vergessen: Manchmal ist es unterstützend, an Essen, Trinken, Schlafen, Bewegen, Wärme, frische Luft erinnert zu werden. Manchmal ist es auch hilfreich, bei körperlichen Verletzungen versorgt zu werden oder eine Massage, Umarmung, körperliche Nähe zu erleben.
  • Bewegung erleben, auch wenn man innerlich erstarrt ist: Auch „diese Tage“ gehen zu Ende und es kommen neue/andere. Sonne kommt und geht, Mond auch. Das ist ein normaler, natürlicher Rhythmus. Atmen ist auch so ein Rhythmus.
  • Grenzen sind wichtig: Wo sind die Grenzen des Aushaltbaren? Vorher besprechen, was dann ist/folgen soll. Nichts anbieten oder zusagen, was man nicht einhalten kann. Lieber tiefer stapeln als zu hoch, lieber kleine Etappenschrittchen und -ziele überlegen und angehen, als zu große. Lieber halbstündlich schauen, als stündlich oder ganztägig.
  • Kontaktabbrüche sind manchmal unumgänglich und haben oft gute, logische Gründe. Der/die Betroffene muss eine harte Zeit für sich händeln, da ist manchmal einfach kein Raum mehr für Beziehungspflege im Hier und Jetzt. Sinnvoll ist es, wenn Angehörige das nicht persönlich nehmen oder sich beleidigt zurückziehen, sondern weiter „da“ bleiben (z.B. Nachricht schicken: „Ich habe gerade an Dich gedacht. Ich hab Dich gern!“), Kommunikationsbereitschaft signalisieren und nicht an der Basis der Beziehung zweifeln. Vielleicht gibt es ja auch einzelne Innenpersonen, die doch noch erreichbar sind.
  • Krisennotfallnummern auf Zettel schreiben und an verschiedenen Orten deponieren.
  • Schöne, bewusst ausgewählte, unbelastete Kinderfilme zusammen anschauen oder Hörspiele hören.
  • Nicht klugscheißen. Niemand weiß es besser als der/die Betroffene selbst.
  • Biorhythmus ist individuell. Es ist okay, nachts wach zu bleiben. Man muss nicht schlafen, wenn es nicht geht. Und man ist nicht verpflichtet, sich ein Bett mit der/dem Partner*in zu teilen, nur „weil man das halt so macht in einer Beziehung“. Nicht persönlich nehmen, wenn jemand seinen/ihren Freiraum braucht und bitte nicht in einen Kontrollwahn verfallen!
  • Um über Suizidgedanken sprechen zu können, braucht es Vertrauen und Beziehungssicherheit. Man muss sich darauf verlassen können, dass der/die Angehörige nicht in Panik ausbricht und irgendwas über den Kopf der/des Betroffenen hinweg entscheidet, was mehr schadet als nutzt. Es geht um Offenheit miteinander und Partnerschaftlichkeit und um die Klarheit: Frei-Tod liegt im Selbstbestimmungsrecht eines jeden Menschen. Dass das eine riesengroße Herausforderung für eine Beziehung ist, ist unbestritten. Trotzdem.
  • „Es gibt mehr als das.“ Mehr als Qual, Schmerz, Leid, Ohnmacht, Wut. Mehr als Betroffenheit und Angehörig-Sein. Mehr als Feiertagswahnsinn und Wiederholungsschleifen und Gewalt. Die Welt besteht auch noch aus anderen Dingen, zum Beispiel Liebe, Freiheit, Solidarität, Hilfsbereitschaft, Vogelgezwitscher, Katzenschnurren und Käsekuchen. Das ist alles wahr und echt.