Kontaktpunkte

Mit sich allein sein

„Es ist zu laut, zu voll, zu viel, zu schnell, überfordernd, beängstigend, nervig, anstrengend, dissoziationsfördernd…“ – diese Wahrnehmungen können im Alltag signalisieren: „Ich brauche eine Auszeit.“

Man spürt, wie wichtig es ist, Erholung und Stärkung zu erleben, wieder mehr mit sich in Kontakt zu kommen. Da ist (plötzlich) dieser Break, dieser Knack-, Riss-, Springpunkt, an dem nichts mehr geht: Nicht mehr sprechen wollen, keine Bewegung, kein Geräusch, keine Aufgabe, kein Kontakt. Einfach nur Ruhe haben wollen und müssen.

Manchmal merkt man an verschiedenen Symptomen, dass man sich selbst schon längere Zeit vergessen oder verloren hat. Gerade die Dissoziationsskala zeigt ja verschiedene Möglichkeiten: Von der sich einschleichenden Depersonalisation oder Derealisation, über häufiger werdende Persönlichkeitswechsel, bis hin zu dissoziativen Krampfanfällen oder Fugue-Episoden. Aber auch andere Signale wie Schlafstörungen, Depressionen, Schmerzzustände, psychosomatische Beschwerden, emotionale Instabilität, Taubheitsempfinden oder Essprobleme können darauf hindeuten, dass man dringend Zeit mit sich allein bräuchte.

Aber: Nur weil man bereits verstanden hat, was helfen könnte, wieder mehr Stabilität zu erleben, heißt das noch lange nicht, dass man es auch immer umsetzen kann.

Mit sich sein. Keine Ablenkung durch außen. Äußere Ruhe aushalten, um nach innen hören/sehen zu können. Gefühle wahrnehmen, die spürbar werden. Realisieren, wie wenig Innenkommunikation/ Innenkontakt in der letzten Zeit stattgefunden hat und wie wichtig es wäre, das zu verändern. Sich auf sich selbst zurückgeworfen fühlen. Einsamkeit?

Gerade nach Bindungs- und/oder Gewalttraumatisierungen in der Kindheit ist „Alleinsein“ etwas, das sich auch im Erwachsenenalter noch sehr bedrohlich anfühlen kann. Das Gefühl, sich aufzulösen, wenn da niemand oder nichts zum Andocken im Außen ist: Manchmal kann es sich schon unerträglich anfühlen, einfach das Telefon eine Weile auszustöpseln oder das Handy wegzulegen, die Musik auszuschalten oder eine Verabredung abzusagen.

Die Angst davor, kontaktlos zu sein oder zu bleiben, oder Beziehungen für immer zu verlieren, kann ziemlich tief verankert sein und sich immer wieder regen, wenn man vor hat, sich mal kurz- oder langfristig ausschließlich auf sich selbst zu fokussieren.

Da zeigt sich eine Ambivalenz: Einerseits überfordert und überreizt (z.B. getriggert) von/durch Menschen zu sein und Abstand zu brauchen, andererseits aber „nicht ohne sie zu können“, weil es sich anfühlt wie ewiges Fallen oder Zerbrechen.

An einem ungestörten, sicheren Platz zu sein, ohne Zeitdruck, ohne Anforderungen von außen; sich Raum zu nehmen, genauer hinzuhören, hinzufühlen, hinzusehen, was eigentlich im Innern los ist, was sich zeigen möchte, welche Bedürfnisse es gibt, usw.; innere Begegnungen und Erkenntnisse zuzulassen– selbst wenn man absolut kapiert hat, wie wichtig das für das eigene Wohlbefinden, die Traumaverarbeitung, die Stabilität im Leben ist: Diese „Allein-Momente“ sind oftmals gefühlsmäßig eben keine paradiesischen Situationen mit Cocktail, Keks und Sonnenschein, sondern Konfrontationen mit hartem Tobak, der zugunsten eines funktionierenden Alltags immer wieder innerlich „weggepackt“ wird.

Genau deshalb schiebt man solche Innenfokus-Zeiten ja auch gerne auf- weil man weiß oder ahnt, dass da Zeugs hochkommen wird. Zeugs. Ihr wisst schon.

Selbstverständlich gibt es auch gefeierte „mit sich sein“-Situationen, die einfach nur toll sind, weil man endlich Dinge tun kann, die allein besonders schön sind und weil man spürt, wie sehr man dabei auftankt. Und auch Innenkontakte können dabei entstehen, die Freude machen, trösten, ermutigen, miteinander verbinden. „Alleinsein“ gestalten, ohne sich einsam zu fühlen und ohne alte Traumagefühle wieder zu reaktivieren- sowas geht natürlich auch!

Wenn wir als Viele-System uns in unser Zimmer zurückziehen und die Tür schließen, können daraus verschiedene Konstellationen entstehen: Zum Beispiel sind dann Einzelne da, die es sehr genießen, ihre Ruhe zu haben und die sich auch vom Innenleben abschirmen können. Oder es sind Mehrere gleichzeitig da und „tun“ etwas zusammen: Einfach nur dasitzen und sich wahrnehmen, oder malen, oder lesen, oder irgendwie denken… Oder der Körper legt sich hin und es entsteht ein innerer „Prozess“ und es ist niemand so richtig „draußen“. Oder irgendjemand findet eine unheimlich bequeme Körperposition und plötzlich schlafen wir und werden irgendwann wach und fühlen uns ausgeruht, o.a.…

Manchmal kann es Hilfsmittel geben, die dabei unterstützen, sich nicht „traumatisch allein“ sondern „sicher und möglichst entspannt allein“ zu fühlen: Die besten Hilfsmittel sind für uns meistens unsere Katzen, wenn eine (oder beide) einfach mit im Zimmer liegt und döst; für manche sind es auch einzelne Kuscheltiere, das geöffnete Fenster (frische Luft), ein angenehmer Duft, ein leckerer Tee, eine leichte Bewegung (wippender Fuß, Fell streichelnde Hand, Schaukeln/Wippen, o.a.), eine nur angelehnte Zimmertür, o.a. Das gestaltet sich immer wieder unterschiedlich.

Es geht vor allem darum, Sicherheit wortwörtlich zu ver-innerlichen:

Wir sind mit uns okay.

Uns geschieht mit uns selbst nichts Schlimmes.

Wir können Verbundenheit mit uns selbst fühlen.

Wir erfahren (auch) Hilfe in schwierigen Situationen, wenn wir uns auf uns beziehen.

Wir können uns auf uns verlassen.

Wir sind uns wichtig.

Wut ist kein Privileg der Täter*innen!

Wütend sein können muss man sich zum Teil hart erkämpfen. Nach Gewalttraumatisierungen schütteln sich Überlebende oftmals dieses Gefühl nicht gerade aus dem Ärmel, sondern arbeiten daran, es sich „erlauben“ zu können. Nicht mehr davon getriggert zu sein, sich nicht abschrecken zu lassen von den Erinnerungen an die Wut, den Hass, die Machtgelüste, den Zerstörungsdrang der Täter*innen. Die eigene Wut spüren zu können, sie zuzulassen, sichtbar werden zu lassen: Das ist Teil eines langen Entwicklungsweges.

Wie kann mit Wut konstruktiv umgegangen werden, in einer Form, die nicht selbstverletzend ist?

Hier kommen ein paar Ideen:

Sport, Bewegung: z.B. boxen, Trampolin springen, tanzen, laufen/rennen, Fahrrad fahren, Holz hacken, u.a.

singen, rappen, schreien, sprechen, fluchen, weinen, schluchzen

Graffiti sprühen

laut Musik hören (z.B. über Kopfhörer)

schreiben (z.B. Wutbriefe), malen, etwas bauen (und dann evtl. kaputt machen)

die Wohnung umräumen/umgestalten

sich politisch engagieren, demonstrieren/protestieren, eine Gruppe gründen

alte Bücher (z.B. Telefonbücher) oder Klamotten zerreißen

aussortieren

Lärm machen

Rachegedanken schmieden (Die Gedanken sind frei!)

sich beschweren, klagen, Recht einfordern

….

Was hilft Euch im Umgang mit Wut? Hinterlasst gerne Rückmeldungen!

Trauma, Erinnern und Verstehen

Manchmal ist es ein Geruch, der etwas Altes innen aufbrechen lässt. Manchmal wird durch irgendetwas ein Flashback ausgelöst und man ist wieder mittendrin im Trauma und nicht mehr orientiert im Hier und Jetzt. Manchmal sind es die Emotionen, die die Vergangenheit widerspiegeln und manchmal ist es der Körper, der sich erinnert.

Trauma zeigt sich nicht immer mit einem lauten Knall, dramatisch sichtbaren Phänomenen, vielen Tränen und Zusammenbrüchen. Gewalt wird nicht immer in albtraumhaften Details erinnert.

Manchmal schleichen Gewalttraumatisierungen und deren Folgen eher lange Zeit durch´s Leben, statt zu trampeln.

Nicht immer hat man sofort ein Bewusstsein dafür, woran man sich konkret erinnert. Zum Teil mag es erkennbare Bilder(fetzen) geben, zum Teil auch nur innerlich herumwabernde „Aspekte von etwas“.

Vielleicht klärt sich im Laufe der Zeit etwas auf, wird einsortierbarer. Vielleicht muss man auch mit manchen Fragezeichen leben, die sich immer wieder zeigen, aber nicht (niemals?) genau beantwortet werden können.

Genau jene Trauma-Elemente, die lange (immer?) unklar herumwabern, können den Alltag, die Gesundheit, die Zukunftsperspektive, die Stabilität u.a. sehr beeinträchtigen. Sie können auf verschiedenen Ebenen Symptome verursachen und immer wieder auftauchen. Es lohnt sich unserer Erfahrung nach sehr, (therapeutisch) an der Sortierung und Zusammensetzung zu arbeiten. Es kann trotzdem sein, dass für manche Puzzlestücke einfach kein Verbindungsteil gefunden wird.

Und dann?

Uns hilft es, dem „wabernden Zeugs“ eine Form und einen Ausdruck zu geben. Oftmals fehlen Worte, um „es“ beschreiben zu können. Dann könnte etwas Kreatives versucht werden: Malen, basteln, bauen, gestalten, kneten, kleben, o.a.

Vielleicht wird es vor allem körperlich wahrgenommen, dann könnte der Körper etwas damit tun: Welchen Impuls gibt es dazu? Bewegung, Ruhe, Sport, schaukeln, schlafen, hüpfen, schwingen, schwimmen, sitzen, liegen, Wärme, Kälte, berührt werden, gehalten werden? Wodurch wird es „besser“?

Wabert es in Form von bestimmten Überzeugungen und Gedanken? Zum Beispiel: Ich bin schlecht/wertlos, alle sind gegen mich, ich bin Schuld, ich kann nichts, o.a.?

Kommen die Gedanken wie aus dem Nichts, oder sind sie unterschwellig immer da, expandieren aber in manchen Momenten besonders, ohne zuordnen zu können, weshalb?

Für uns ist es hilfreich, das Gegenteil von dem zu tun, was diese Gedanken/Überzeugungen „wollen“: Bei selbstabwertenden, selbstbeschimpfenden Gedanken eben NICHT in die Selbstverletzung oder in Isolation zu bleiben, sondern bewusst etwas für das Wohlbefinden zu tun und auch in Kontakt mit liebevollen, vertrauenswürdigen Menschen zu gehen.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich dann auch mehr zeigen kann, was hinter diesen Überzeugungen steckt: Nämlich meistens sehr viel Schmerz, Trauer und Verletzung. Darum können wir uns dann kümmern. Und dort hört es dann auch oftmals auf zu wabern und es entsteht Klarheit.

Ist es gewollt, traumatischen Inhalten mehr Kontur zu geben, das heißt, mehr Überblick (Was ist passiert? Woran erinnert es uns gerade?), kann es unterstützend sein, immer wieder aufzuschreiben, was wann wahrgenommen wird, OHNE den Anspruch an Vollständigkeit und Richtigkeit zu haben. Das, was da ist- das, was sich zeigt- ist wichtig. Punkt. Es darf erst mal alles gesammelt werden, auch wenn (zunächst) nichts so richtig zu passen scheint. Sortiert wird später.

Bedeutsam kann es auch sein, sich immer wieder zu erlauben, „Fehler“ zu machen. Vielleicht stellen sich manche erinnerte Aspekte oder Schlussfolgerungen im Laufe der Zeit als unstimmig heraus und man erlebt eine innere Korrektur. Das ist unserer Ansicht nach ein normaler Prozess und kein Zeichen für „Lüge“, Künstlichkeit oder Suggestion.

Vielleicht bleibt ein triggernder Duft auch dann noch triggernd, wenn man herausgefunden hat, welche Erinnerungen er aktiviert. Für uns ist der Umgang damit dann aber leichter, weil wir etwas darin verstanden haben.

Verstehen scheint der Schlüssel für Vieles zu sein.

Schritte mit und zur Selbstbestimmung

Besonders Überlebende ritueller/organisierter Gewalt sind mit dem Gebot des bedingungslosen Gehorsams aufgewachsen und mit dem Gebot des Schweigens. Innerhalb einer solchen Gruppierung wird das Auflehnen oder sich Widersetzen gegen diese Regeln mit schwersten Bestrafungen und Todesdrohungen belegt. Teilweise wird den Betroffenen vorgeführt, was mit „Aussteiger*innen“ passiert, die sich nicht an die Bestimmungen halten.

Das heißt, man erfährt am eigenen Leib durch Folter, wie „absolut“ die Fügsamkeit sein muss und was einen erwartet, wenn man sich widersetzt- und man erlebt als hilflose*r Zeuge/Zeugin die Gewalt gegen andere Menschen, die sich nicht im Sinne der Gruppe verhalten haben.

Insofern ist es für Überlebende ein absoluter Meilenstein, wenn sie sich im Außen zum ersten Mal an helfende Institutionen wenden oder im Kontakt mit der Umwelt mehr von sich und der eigenen Vergangenheit zeigen. Und indem sie das tun, verhalten sie sich selbstbestimmt– besonders auch dann, wenn sie evtl. noch in einem Kontakt mit den Täter*innen stehen und Bewusstseinskontrolle immer wieder greift und Austausch unter den Innenpersonen wenig funktioniert. Trotz aller innerer und äußerer Blockierungen mit Menschen zu sprechen und sich in einer Therapie auf einen Traumaheilungs-, bzw. -bearbeitungsweg zu machen, zeigt persönliche Freiheit, eigene Gedanken und eigenen Willen!

Wir haben immer wieder selbst erlebt und von anderen Betroffenen und Unterstützer*innen gehört und gelesen, wie wichtig die Orientierung und Verankerung im Leben außerhalb der Täter*innengruppierung ist. Neue Erfahrungen zu machen, die die eingetrichterten „Kult-/Gruppenregeln“ als im Hier und Jetzt unzutreffend / unpassend korrigieren, ist ein ganz wichtiger Baustein für die Entwicklung eines eigenen (!) Lebens. Diese neuen Erfahrungen liegen für uns vor allem im Bereich der Beziehungsgestaltung und Bindung an andere Menschen. Vertrauen, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Grenzen, Streitkultur, Authentizität, Fürsorge und heilsamer Körperkontakt sind für uns die wichtigsten und nötigsten Elemente, die uns in unserem heutigen Leben Fuß fassen lassen. Jede Innenperson hat dabei ein eigenes Tempo- allerdings muss es so etwas wie eine gemeinsame Entscheidung geben, sich auf diesen Weg machen zu wollen, der absolut konträr zum vorgegebenen Weg der Täter*innengruppierung liegt.

Wir wünschen allen Überlebenden Wertschätzung und Anerkennung für diese grundlegende Entscheidung und alle damit verbundenen Schritte.

Rechtliche Aspekte zur Lebenssicherung im Ausstieg

Wir möchten hier rechtliche Aspekte beschreiben, die für unsere „Lebenssicherung“ beim „Ausstieg aus einer organisierten Gruppierung“ wichtig waren.

Wir veranlassten drei Vorgänge zeitgleich, nachdem wir nach einem Frauenhausaufenthalt mehrere hundert Kilometer weit weggezogen waren vom „Täter*innen-Dunstkreis“ (in eine sozialpädagogisch betreute WG):

1.) öffentlich-rechtliche Namensänderung:

Im Rahmen unserer äußeren und inneren Distanzierung vom organisierten Kreis der Gewalt-Täter*innen entschieden wir uns, unseren Vor- und Nachnamen ändern zu lassen. Der Vorgang wurde vom Standesamt bearbeitet, dazu mussten wir einen Antrag stellen und eine Begründung vorlegen, weshalb der Geburtsname für uns unzumutbar war. Unsere Psychotherapeutin formulierte in einem Schreiben, dass aufgrund familiärer Gewalterfahrungen die permanente Konfrontation mit dem traumatisch belegten Namen zu psychischer Destabilisierung führte. Desweiteren ergänzten wir, dass wir Strafanzeige gegen Täter*innen erstatten würden und in dem Zusammenhang eine Änderung des Namens aus Schutzgründen notwendig sein würde.

Die Bearbeitung des Antrages dauerte ca. 3 Monate, dann erhielten wir unsere Namensänderungsurkunde und mussten damit natürlich auch weitere Personalien (Personalausweis, Führerschein, Krankenkasse, Zeugnisse, u.a.) anpassen lassen.

Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie viel die Namensänderung gekostet hat, ich meine, es waren ca. 300 Euro. Das ist von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich. Hinzu kommen die Gebühren für den neuen Pass, Führerschein, u.a. Damals finanzierte uns der „Weisse Ring“ diesen ganzen Prozess.

Bezüglich der äußeren Schutzeffekte möchten wir zu bedenken geben, dass es viele Sicherheitslücken geben kann: In unserem Fall dauerte es keine zwei Wochen, da war der neue Name durch eine nachlässige Sachbearbeiterin der Kindergeldkasse an einen Täter weitergegeben worden.

Wenn ein*e Betroffene*r sämtliche Verbindungen zu (familiären) Täter*innen kappen möchte, reicht eine Namensänderung als Schutz nicht aus.

Kritische/Gefährliche Punkte können zum Beispiel eine Familien- o.a. Versicherung (z.B. private Krankenkasse: Ist man über die Eltern privat versichert, erhalten diese Kenntnis von jedem Arzt-/Ärztinbesuch, jeder Medikamentenverordnung, jeder Therapiebeantragung, u.a.), Bafög-Bezug o.a. finanzielle Abhängigkeiten, ärztliche Versorgung (ggf. Patient*innenverfügung aufsetzen und Familienmitglieder ausdrücklich darin ausschließen!), u.a. sein.

Nicht zu vergessen ist selbstverständlich auch die innere Gefährdungslage: Gibt es emotionale/innerpsychische Verbindungen, die dazu führen können, dass doch wieder Kontakt zu Täter*innen aufgenommen wird? Wie kann man sich schützen?

Ein neuer, selbstgewählter Name kann ein Akt der Selbstermächtigung und Befreiung sein.

2.) Strafanzeige:

Vor Erstattung der Strafanzeige wurden wir anonym von einer Kriminalkommissarin über den Ablauf eines Strafverfahrens und Zeugenschutzprogramms informiert.

Wir wurden mehrfach vom Landeskriminalamt vernommen (immer mit Audioaufnahmen, zwei Mal zusätzlich mit Videoaufzeichnungen). Alle Tatdetails sollten so genau wie möglich ausgesprochen werden: Namen, Orte, Daten, genaue äußere und inhaltliche Beschreibungen, Tatvorgänge. Dissoziative Amnesien und Ungenauigkeiten wurden realisiert und vermerkt und in den Kontext einer Traumafolgestörung einsortiert. Den befragenden Beamt*innen war bekannt, dass wir eine Dissoziative Identitätsstruktur haben und dies wurde auch insofern berücksichtigt, als dass Wechsel bemerkt und kommuniziert, Innenpersonen ernst genommen und altersgemäß/situationsgerecht behandelt wurden.

Das Verfahren wurde juristisch von einem Anwalt mit Opferrechtfokus begleitet. Dieser wurde durch Prozesskostenhilfe und den „Weissen Ring“ finanziert. Es hätte auch die Möglichkeit einer psychosozialen Prozessbegleitung gegeben.

Nach der Erstattung der Anzeige und den Vernehmungen vergingen mehrere Jahre, bis wir zu einer aussagepsychologischen Glaubhaftigkeitsbegutachtung geschickt wurden. Diese fand an fünf Werktagen innerhalb einer Woche in einem anderen Bundesland statt.

Das Strafverfahren endete nach 12 Jahren mit einer Einstellung, deshalb können wir keine Informationen zum Ablauf/Inhalt eines Gerichtsprozesses geben.

Rückblickend denken wir, dass wir die Anzeige zu früh angegangen sind. Es standen uns noch nicht so viele genaue Gedächtnisinhalte wie heute zur Verfügung, die wir in unseren Vernehmungen hätten einbringen können. Außerdem war unser „DIS-System“ noch nicht sortiert und stabil genug, um nach außen konstant und belastbar gegenüber der Justiz re-agieren zu können.

Um als Opferzeuge*in einen Strafprozess bewältigen zu können, braucht es einen langen Atem, Stabilität, innere und äußere Sicherheit und gute, professionelle, langjährige (juristische und psychosoziale) Begleitung!

3.) Opferentschädigung

Hier findet Ihr einen Überblick zum Ablauf unseres Opferentschädigungsverfahrens.

Das Verfahren zog sich 12 Jahre hin, beinhaltete zwei psychiatrische Glaubhaftigkeitsbegutachtungen und stand in engem Zusammenhang mit dem Strafverfahren: Je weniger sich im Strafverfahren tat, desto schleppender gestaltete sich auch die Kommunikation mit dem zuständigen Versorgungsamt. Dort wurden zwei falsche Behauptungen vertreten: 1.) Ohne Strafverfahren keine Opferentschädigung und 2.) Vom Ablauf/Ergebnis des Strafverfahrens hängt die Entscheidung des Versorgungsamtes ab.

Beides stimmt so nicht: Zum Einen ist grundsätzlich ein OEG-Antrag auch ohne Erstattung einer Anzeige möglich (hier widersprechen sich leider Theorie und praktisches Vorgehen). Zum Anderen ist das Versorgungsamt zu selbstständigen Ermittlungen befugt/verpflichtet: Es kann/soll selbst Zeug*innen vernehmen, Sachverständige beauftragen, usw.- auch unabhängig von polizeilichen Aktionen.

Unserer Erfahrung nach macht es sich das Versorgungsamt gern bequem und tut nichts ohne massiven, hartnäckigen anwaltlichen Einsatz.

Wir würden Menschen, die beabsichtigen, einen OEG-Antrag zu stellen, dringend empfehlen, sich kompetente Begleitung zu suchen und sich auf ein langjähriges, belastendes Verfahren einzustellen.

Sowohl in Sachen OEG, als auch in Sachen Strafanzeige gelingt nichts ohne belastbare Beweise/Indizien und Zeug*innenaussagen. So frustrierend es auch ist: Es macht keinen Sinn, sich mit halbgarem, ungenauem, tätermanipuliertem Erinnerungsmaterial in solche Verfahren zu begeben und davon auszugehen, alle Beteiligten würden Rücksicht nehmen auf traumabedingte Dissoziationsvorgänge. Ohne Namen, Daten, Fakten, Belege keine Bewilligung und kein Urteil. So hart und so logisch ist das. Wir finden es wichtig, dass das nicht nur Betroffenen, sondern auch Helfer*innen bewusst ist.

Im Laufe der letzten 20 Jahren brauchten wir immer wieder finanzielle Unterstützung, um „Lebenssicherung“ schaffen zu können. Neben staatlichen Mitteln wie Hilfe zum Lebensunterhalt, Einzelfallhilfe, Prozesskostenhilfe, Übernahme von Wohnkosten im Frauenhaus u.a. haben wir Unterstützung über folgende Institutionen erhalten:

Weisser Ring:

Diese Institution gewährte uns finanzielle Unterstützung (Soforthilfe) bei der Namensänderung und dem Anwaltshonorar, für einen Umzug, eine „Erholungsmaßnahme“, Restkosten eines Klinikaufenthaltes (die die Krankenkasse nicht übernehmen wollte) und andere Therapiekosten, die keine andere Stelle bezahlen wollte.

Die Qualität der menschlichen und formellen Begleitung durch den „Weissen Ring“ hängt maßgeblich von der/dem jeweiligen Außenstellenleiter*in ab.

Hilfsfonds sexueller Missbrauch:

Einen Teil unserer therapeutischen Begleitung haben wir über Leistungen des Hilfsfonds sexueller Missbrauch finanziert. Auch hier gilt (wie beim OEG) das Prinzip der Nachrangigkeit: Erst wenn keine andere Stelle zahlt, zahlt der Hilfsfonds. Für die Beantragung muss man einen mehrseitigen Vordruck ausfüllen, in dem auch Fragen zu den Gewalterfahrungen gestellt werden. Außerdem muss man darlegen, unter welchen Folgen des Missbrauchs man leidet, welche Hilfsmittel man diesbezüglich beantragt und inwiefern diese geeignet sind, die Folgen zu lindern. Hierzu benötigt man auch eine ärztliche oder psychotherapeutische Stellungnahme. Es können Leistungen in Höhe von maximal 10.000 Euro beantragt werden, zusätzlich auch ein Mehrbedarf bei Behinderung in Höhe von maximal 5.000 Euro. Bei der Antragstellung können Beratungsstellen (z.B. Frauennotrufe) helfen.

Wir reichten unseren Antrag 2014 ein und warteten ca. 1 Jahr auf die Bewilligung. Die Auszahlung des Geldes an die Therapeutin durch den Hilfsfonds erfolgte relativ zügig. Heute sieht die Bearbeitungszeit von Anträgen und eingereichten Rechnungen jedoch deutlich anders aus: 2 Jahre Wartezeit sind keine Seltenheit.

Neben diesen beiden Institutionen gewährte uns auch eine Stiftung eine Zuwendung zur Sicherung der Fortsetzung unserer psychotherapeutischen Begleitung.

Eine Unterstützung zur Lebenssicherung hätte für uns auch die Möglichkeit zur anonymen Spurensicherung sein können. Gerade in Zeiten, in denen wir noch gewaltvollen Täterzugriffen ausgesetzt waren, aber noch nicht in der Lage waren, zur Polizei zu gehen, hätte es sinnvoll sein können, Spuren so zu sichern und ggf. zu einem späteren Zeitpunkt verwenden zu können. Uns war damals diese Möglichkeit nicht bekannt.

Hula Hoop für die traumatisierte Mitte

Seit einigen Wochen freunden wir uns mit einem großen, grün-schwarz gestreiften Hula Hoop-Reifen an. Man sollte meinen, es dürfte nicht so kompliziert sein, nach einer Weile buchstäblich den Dreh raus zu haben und den Reifen oben halten zu können. Stellt jedoch der Bauch-Hüftbereich das Epizentrum eingefrorener Traumaenergie dar, sieht die Situation anders aus.

Wir haben folgende Erkenntnisse gewonnen:

1.) Ein großer Reifen ist leichter zu händeln, weil die Körperbewegungen dann langsamer sein können. Allzu schwer darf er jedoch nicht sein, dann verursacht er nämlich blaue Flecken.

2.) Hula Hoop klappt am besten, je weniger Kleidung die Haut bedeckt. Im Klartext: Mindestens bauchfrei und barfuß. Die Körperwahrnehmung ist dann intensiver, die Berührungspunkte des Reifens auf der Haut sind deutlicher spürbar.

3.) Ohne Musik geht nichts. Weiterlesen

Hilfe, Helfer*innen, Hürden und Hoffnung

Ich denke, die Gefahr, im Helfen-Wollen hilflos (gemacht) zu werden, ist groß. Es gibt viele Fallstricke in einem unterstützenden Kontakt, und zwar auf beiden Seiten. Für die/den Betroffene(n) liegen die ersten Stolpersteine bereits in der Wahrnehmung der eigenen Bedürftigkeit- allein das erfordert schon eine Menge Reflektionsbereitschaft und innere „Ein-Sicht“. Wenn dann der Weg fortgeführt wird, von der Suche nach einer passenden Hilfsperson (ggf. jahrelang) über ein vorsichtiges Herantasten, zum näheren Kennenlernen, bis zu einem stabilen Arbeitsbündnis, sind so viele innere und äußere Hürden zu überwinden, dass einem schon mal die Puste und die Motivation ausgehen können.

Innerhalb eines therapeutischen oder anderweitig unterstützenden Kontaktes leisten Betroffene immer wieder mindestens Vertrauens-Vorschussarbeit. Wenn es richtig gut läuft, wachsen sie über sich selbst und die eigenen Ängste und Erfahrungen hinaus und gehen eine Verbindung ein, die hält. Sie tragen ihren Teil dazu bei, eine Beziehung zu einem Menschen aufrecht zu erhalten (auch während Kontaktpausen) und zu festigen- und dabei ist es nicht so wichtig, ob es sich um eine professionelle oder eine private Beziehung handelt. Es geht darum, am Ball zu bleiben, in Kommunikation zu sein, präsent und authentisch. Miteinander in Resonanz zu gehen. So etwas funktioniert meiner Ansicht nach nur, wenn die Helfer*innenseite auch bereit ist, diese menschliche Beziehungsebene wahrzunehmen, wertzuschätzen und zuzulassen. Ohne dabei ihre Grenzen zu verlieren. Ein Kunststück ist das, wenn es gelingt. Von beiden Seiten. Weiterlesen

Yoga und Traumaheilung

Wir haben eine ganze Zeit lang in einer Frauengruppe Yoga gemacht und nutzen einzelne Übungen heute immer noch für uns alleine, z.B. um Schmerzzustände oder Symptome von Körpererinnerungen besser bewältigen zu können, Verkrampfungen zu lösen, oder unseren Atemrhythmus zu regulieren/beruhigen.

Hier möchten wir unsere Yoga-Erfahrungen besonders im Zusammenhang mit Traumaheilung näher schildern.

Aufmerksamkeit/Bewusstheit:

Yoga bedeutet für uns vor allem ständige Bewusstheit und eine notwendige Fokussierung auf das Hier und Jetzt. Alle Übungen, jede Bewegung, jeden Moment versuchen wir, aufmerksam wahrzunehmen- was für uns schon eine schwierige Aufgabe sein kann. Deshalb beschäftigen wir uns eben nur so lange mit Yogaübungen, wie unsere Aufmerksamkeit es zulässt. Wenn wir merken, dass es uns nicht mehr gelingt, uns auf das, was wir tun, zu fokussieren, hören wir kurz damit auf, machen etwas ganz anderes (z.B. das Fenster öffnen, eine Runde durch den Raum gehen, Socken an- oder ausziehen, Augen öffnen oder schließen, hüpfen, mit den Armen schlenkern, usw.). Dann kehren wir zurück zum ursprünglichen Tun, probieren es noch mal neu- und beenden die Yoga-Einheit im Zweifelsfall ganz, bzw. verschieben sie auf einen späteren Zeitpunkt.

Jede körperorientierte „Heilungsarbeit“ kann belastende Gefühle auslösen, Dissoziationen hervorrufen und uns in Anspannung bringen- wenn wir das wahrnehmen, versuchen wir, uns dafür nicht zu verurteilen, sondern die Situation einfach zu realisieren und dann zu schauen, was uns helfen kann, eine positive Veränderung herbeizuführen. Weiterlesen

Das Mitgefühl halten

Wie ist das, wenn Therapeut*innen, Freund*innen, Partner*innen, u.a. Menschen mit schweren Traumafolgestörungen über viele Jahre oder Jahrzehnte begleiten?

Ohne Ein- und Mitfühlungsvermögen wird wohl keine stabile Beziehung aufgebaut und gehalten werden können. Das Gegenüber muss bereit sein, sich auf die Erlebens- und Wahrnehmungsrealität(en) des Anderen einzulassen und dabei auch in gewisser Weise mitzuschwingen. Auch in Krisen und Notfallsituationen „da“ zu sein bedeutet, Schmerz, Angst und andere heftige und belastende Emotionen wahrzunehmen, mit auszuhalten und oftmals nichts „Auflösendes“ tun zu können.

Das Leben mit Traumafolgen ist eine Berg- und Talfahrt, häufig und über weite Strecken mit mehr und sehr tiefen Tälern als Bergen. Wenn jemand dieses Leben (ein Stück weit) mitgeht, sei es in professionell helfender Position (z.B. Sozialarbeiter*innen, Therapeut*innen, Ärzte*innen, Familienhelfer*innen, o.a.) oder in privat begleitender Position (Freund*innen, Partner*innen, Angehörige, o.a.), erlebt man die Berg- und Talfahrt mehr oder weniger hautnah mit. Selbst wenn sich der betroffene Mensch nach Kräften bemüht, nichts von seinem Leid, seinen Ängsten und Krisen nach außen sichtbar werden zu lassen, hat er/sie möglicherweise trotzdem Menschen in seinem Umfeld, die etwas mitfühlen können (und wollen!). Weiterlesen