Wie hätte es sich für uns wohl angefühlt, wenn das Strafverfahren gegen Täter*innen mit ihrer Verurteilung geendet hätte? Heute, mit Blick zurück, ordnen wir das, was wir im Ermittlungsverfahren erlebt haben, aus unserer Perspektive als „juristisches Unrecht“ ein: Die Gewalt, die Menschen uns angetan haben, war laut Gesetz verboten. Wir haben das der zuständigen Instanz (Polizei/Justiz) gemeldet. Konsequenzen sind jedoch ausgeblieben: Eine Strafe für das verbotene Handeln gab es nicht. Die Begründung dafür war der Mangel an gerichtsverwertbaren Beweisen. Es hätte auch anders kommen können, aber damals war es eben so, wie es war. Wenn wir inzwischen auf dieses Verfahren schauen, regt sich in uns immer weniger Wut oder Schmerz. Sexualisierte Gewaltdelikte werden immer noch (und wohl auch weiterhin) selten angezeigt und noch viel seltener werden Täter und Täterinnen verurteilt. „Warum?“ fragen wir uns in dem Zusammenhang schon lange nicht mehr. Die Logik, die dieses juristische und gesellschaftliche Gewaltsystem innehat, ist für uns deutlich und begreifbar. Es trägt sich selbst.
Ich kann verstehen, was es braucht, um soziale „Gerechtigkeit“ zu gewährleisten und inwiefern eine Gesellschaft etwas davon hat, dies zu verhindern. Mir ist zudem klar, dass juristisches Recht eigene Gesetzmäßigkeiten aufweist und dementsprechend nichts mit „Fairness“ oder „Richtigkeit“ zu tun hat. Für uns ist es bekannte Lebensrealität, dass andere Menschen über uns hinweg definieren, was uns (nicht) zusteht, was wir (nicht) brauchen oder welchen (sozialen) Status wir (nicht) haben. Wir müssen uns immer wieder etwas erarbeiten, erkämpfen, erstreiten- und zwar weil wir bestimmte Attribute aufweisen, die „Gerechtigkeit“ schwerer erreichbar machen: Behinderung, Geschlecht, Armut, Queerness, Krankheit… Das Eine bedingt das Andere.
Wie würde es sich anfühlen, wenn die Täter*innen von damals im Gefängnis sitzen würden? Ich denke, es wäre an einer Stelle etwas „ruhiger“ im Innern: Nämlich dort, wo das Wissen wohnt, dass (manche) Menschen Gewalt ausüben, wo sie können und solange man sie lässt. Ein eingeschränkter Bewegungsradius durch eine geschlossene Unterbringung kann dazu führen, dass vulnerable Gruppen (z.B. Kinder) zumindest vor diesen Personen besser geschützt sind. Wäre diese Möglichkeit gegeben, könnte in unserem Innern vielleicht etwas mehr Aufatmen passieren.
Dass anderen Menschen weiterhin Gewalt durch Täter und Täterinnen angetan wird, die auch uns Gewalt angetan haben- und niemand verhindert dies, auch nicht Institutionen, die per Gesetz dafür zuständig sind- prägt nicht nur das Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit, sondern auch den Mangel an (Grund-)Vertrauen in die Gesellschaft, das „System“, die Menschheit.
„Gerechtigkeit für die Opfer/Betroffenen“ bedeutet unserer Erfahrung nach nicht vorrangig juristisches Recht im Sinne von Sanktionen für die Täter und Täterinnen.
Für uns (!) gibt es gar kein „Gerechtigkeitsempfinden“ im Zusammenhang mit unseren Gewalterlebnissen: Was soll sich denn an einer „Höchststrafe“ überhaupt „gerecht“ anfühlen? Das, was uns und anderen angetan wurde, ist nicht „vergeltbar“.
Wenn es darum geht, auf Gewalt und ihre Folgen zu reagieren, dann ist die Täterverfolgung nur die eine Seite. Die andere ist die, auf der Betroffene immer wieder alleingelassen werden: Opferschutz bedeutet nämlich nicht nur die Unterbrechung und Verhinderung von Übergriffen, sondern auch die Sicherung der weiteren Versorgung. Gewaltfolgen können so unterschiedlich und so komplex aussehen und viele Aspekte des Lebens betreffen. Wenn Betroffene damit unversorgt, ungeschützt, diskriminiert und exkludiert zurückgelassen werden, kann gar kein Hauch von „Gerechtigkeitsempfinden“ enstehen- auch dann nicht, wenn Täter*innen verurteilt werden würden. „Hauptsache, sie sitzen im Knast und kommen nie wieder raus!“ ist ein Gedanke, der die Bedürfnisse der Opfer vernachlässigt: Eine Verurteilung zaubert nämlich nicht gleichzeitig Therapieplätze, finanzielle Unterstützung, Teilhabemöglichkeiten, Hilfsmittel, Wohnraum, berufliche Integration, medizinische Versorgung, Rechtsschutz o.a. herbei!
Der Fokus auf die Ergreifung und Sanktionierung der Täter*innen bringt viel Wirbel, Energie, Populismus mit sich- was übrigens gerne auch von rechten Gruppen/Parteien/Personen für ihre Zwecke genutzt wird. „Kinderschutz“ schreiben sich Rassisten und Rassistinnen gerne auf ihre (Deutschland)Flaggen, kotzen Verschwörungserzählungen in Kameras, Mikrophone und Chats- und fordern „Gerechtigkeit“. Sie machen sich das Leid der Betroffenen zunutze, beuten sie aus- und stilisieren sich gleichzeitig als Retter*innen. Und dann gibt´s noch jene Menschen, die in all dem kein Problem sehen und meinen, man müsse mit allen über alles sprechen. Das Eine macht uns vor allem wütend, das Andere besonders fassungslos.
(Un-)Recht und Gerechtigkeit sind Begriffe, die sich manchmal hohl anfühlen. Wie an diversen anderen Stellen auch müssen sich auch hier wieder die Betroffenen die Defintionsmacht erkämpfen: Was wollen wir? Was ist für uns gut und hilfreich im Umgang mit unseren Gewalterfahrungen? Wo und wie wollen wir gesehen und anerkannt werden? Was fordern wir?
Was ist für uns RICHTIG?
Dieses Gefühl kennen wir gut. Für uns ist es eine fortgeführte Einsamkeit. Das schlimme ist nicht einmal, dass sie weiterhin da ist, aber dass wir dachten, dass sie endlich aufhören kann. So kann keine wirkliche Heilung stattfinden. Es ist Verrat an den Betroffenen, ein zweiter, sie im Stich zu lassen und den Täter.innen den Großteil der Aufmerksamkeit zu schenken.
Wir kennen auch das Gerechtigkeitsempfinden, das, wie ihr beschreibt, sich nicht einstellen kann. Wir halten nichts von Strafe und sähen lieber ein System von Verantwortungsübernahme. Damit würde es sich auch nicht gerecht anfühlen, das kann es nie, aber gesehen und respektiert. Diese Verantwortungsübernahme müsste allerdings Täter.innenarbeit an Betroffenenschutz ausrichten. Und das tut sie aktuell nicht.
Uns fällt es schwer, mit dem Gefühl des allein gelassen werdens umzugehen. Es tur gut, daran erinnert zu werden, dass das nicht nur uns betrifft. Auch wenn das nicht so sein sollte. Danke.