Von (Körper-)Grenzen und Eingriffen

Als ich am vierten Tag der Antibiotikaeinnahme merke, dass wir aufgrund der Nebenwirkungen langsam dehydrieren und ein bisschen „komisch“ werden (anders komisch als sonst), schießen mir Tränen in die Augen. „Jetzt verschwende nicht auch noch den letzten Tropfen Flüssigkeit, den wir noch haben!“, piekst jemand innen sarkastisch. Ich fühle mich müde und wund, in jeder Hinsicht, und habe keine Kraft zu stänkern oder zu lachen. Der Körper hat gerade damit zu tun, eine Entzündung zu bekämpfen und bekommt dabei Unterstützung von einem chemischen Sondereinsatzkommando. Dass dabei auch nützliche Elemente plattgemacht werden, die eigentlich bleiben sollten, ist kalkulierter Kollateralschaden. Am Ende geht’s um die Elimination sämtlicher Bakterien. Bisschen Schwund ist immer.

Ich kenne diese Tränen, die auftauchen, wenn etwas „Invasives“ passiert. Wenn etwas die „Hülle“ überwindet und seinen Weg nach innen findet: Eine Berührung der nackten Haut, ein Stich, ein Schnitt, eine medizinische Behandlung im Mund, eine medikamentöse Beeinflussung des Körpers, usw. Der Kopf weiß, dass es ein Eingriff (kein Übergriff!) oder ein simpler „Kontakt“ ist, aber die Tränen spülen etwas hervor, das ohne Worte existiert: Der körperliche Impuls, sich zusammenzurollen, abzuwenden, das Fremde abzustreifen, zu flüchten… Ein gebärdetes, basales, lautloses „Nein!“.

„Nur ja heißt ja“, seufzt dazu jemand innen. Wie oft haben wir schon zugestimmt aus Angst? Wie viel Wert und Wahrheit hat ein gefügiges, schmerzgeplagtes, einsames, unwissendes Ja? Woran erkenne ich den freien Willen?

Grenzüberschreitungen sind verschieden, manche mit Konsens und manche ohne. Es gibt welche unter dem Deckmantel der guten Absicht oder des Schutzes. Es gibt welche im Namen des Hilfesystems, der Justiz, der Politik, der Pädagogik, usw. Und es gibt welche, die gesetzlich verboten sind und sanktioniert werden können. Ihnen gemein ist das Übertreten der persönlichen Grenze eines Menschen. Und das macht was! Bei denen, die es tun und bei denen, die es erleben. Manchmal können Grenz-Überschreitungen was Heilsames, Positives haben (z.B. eine Umarmung, die ja per se auch ein Übertritt von zwei Menschenkörpergrenzen ist). Manchmal hinterlassen sie auch Narben, die immer wieder mal weh tun, nicht vollständig abheilen oder Infektionsherde bleiben. Manchmal tauchen dann Tränen auf, vom alten Schmerz, von der alten Ohnmacht, dem alten Schreck oder der Scham – und der bekannte, basale „Nein“-Impuls braucht Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Mir ist bewusst, dass das antibiotische SEK eingreift, um zu helfen. Mir ist auch bewusst, dass Zahnärzt*innen, Gynäkolog*innen, Psychiater*innen und Co ebenfalls diesen Auftrag haben. Ich weiß, dass die Schicht Sonnencreme auf meiner Haut mich schützt. Dass ich Wasser oder Tee runterschlucken muss, weil trinken eben lebenswichtig ist. Ich weiß, dass ein Kuss aus Liebe eine andere, gewollte „Grenzüberschreitung“ ist als ein sexualisierter Übergriff. Eine Tattoonadel durchsticht eine Hautbarriere, genauso wie eine Mücke oder ein Insulinpen oder eine Katzenkralle – so viele verschiedene Kontexte, Absichten und Bedeutungen, und trotzdem kann es passieren, dass sie alle das „basale Nein“ anrühren… Weil ein Körper eben seine eigene(n) Grenze(n) hat und sich dort etwas anderes abspielen kann als das, was vom Kopf mit einem „Ja“ gerahmt wurde.

Zur Chemie, die gerade in unsere Körpervorgänge eingreift, habe ich „Ja“ gesagt. In ein paar Tagen wird es uns besser gehen, alles wird sich wieder beruhigen und wir können die Kollateralschäden versorgen. Die Entzündung klingt ab, der Schmerz lässt nach, das Wunder der Regeneration wird aller Voraussicht nach stattfinden. Wie immer. Es war und ist gut, dass ich „Ja“ gesagt habe.

Und es war und ist gut, dass sich das „basale Nein“ zeigt. Das heißt doch, dass wir uns spüren. Da, wo wir sind und wo wir aufhören und Fremdes beginnt.

2 Kommentare zu „Von (Körper-)Grenzen und Eingriffen

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